Kloster Marienthal: Unterschied zwischen den Versionen
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Das '''Kloster Marienthal''' war ein vom katholischen Benediktinerorden gegründetes Kloster in Norden. Der friesische Geschichtsschreiber Eggerik Beninga schreibt die Gründung des Klosters dem Heiligen Sankt Hatebrand zu, der 1198 verstarb. Diese These konnte jedoch bis heute nicht eindeutig belegt werden. Das Kloster war der heiligen Maria, Mutter von Jesus Christus, geweiht. Der Bestandteil "-t(h)al" geht auf die im Vergleich zur Kernstadt Norden leicht abgesenkte, talähnliche Lage zurück. | Das '''Kloster Marienthal''' war ein vom katholischen Benediktinerorden gegründetes Kloster in Norden. Der friesische Geschichtsschreiber [[Eggerik Beninga]] schreibt die Gründung des Klosters dem Heiligen Sankt Hatebrand zu, der 1198 verstarb. Diese These konnte jedoch bis heute nicht eindeutig belegt werden. Das Kloster war der heiligen Maria, Mutter von Jesus Christus, geweiht. Der Bestandteil "-t(h)al" geht auf die im Vergleich zur Kernstadt Norden leicht abgesenkte, talähnliche Lage zurück. | ||
Im Kloster Marienthal wurde 1255 der [[Norder Vertrag]] unterzeichnet, der oftmals (fälschlicherweise) als Gründungsvertrag der Stadt Norden angesehen wird. | Im Kloster Marienthal wurde 1255 der [[Norder Vertrag]] unterzeichnet, der oftmals (fälschlicherweise) als Gründungsvertrag der Stadt Norden angesehen wird. | ||
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Marienthal war, wie die anderen frühen Niederlassungen des Ordens in Ostfriesland, ein Doppelkloster. An der Spitze stand ein Abt; die Nonnenabteilung leitete eine ihm unterstellte Priorin. Über dem Kloster stand der Bischof von Bremen, da Norden zu dieser Zeit dem Bistum Bremen zugeordnet war. Archäologische Funde belegen eine Nutzung des Geländes bereits in der Zeit vor 1200, weshalb eine Gründung für das 12. Jahrhundert angenommen werden kann.<ref name=":0">[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/af/norden04-31.htm Bericht über archäologische Funde] der Ostfriesischen Landschaft</ref> Jedoch ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen, ob die Funde tatsächlich dem Kloster oder doch eher anderen Bauten zuzurechnen. Sicher ist, dass das Gelände in vorklösterlicher Zeit landwirtschaftlichen Zwecken diente.<ref>Bärenfänger, Rolf (2007): Archäologie auf den ehemaligen Klosterplätzen Ostfrieslands, Rahden/Westf, S. 67ff.</ref> | Marienthal war, wie die anderen frühen Niederlassungen des Ordens in Ostfriesland, ein Doppelkloster. An der Spitze stand ein Abt; die Nonnenabteilung leitete eine ihm unterstellte Priorin. Über dem Kloster stand der Bischof von Bremen, da Norden zu dieser Zeit dem Bistum Bremen zugeordnet war. Archäologische Funde belegen eine Nutzung des Geländes bereits in der Zeit vor 1200, weshalb eine Gründung für das 12. Jahrhundert angenommen werden kann.<ref name=":0">[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/af/norden04-31.htm Bericht über archäologische Funde] der Ostfriesischen Landschaft</ref> Jedoch ist nicht zweifelsfrei nachgewiesen, ob die Funde tatsächlich dem Kloster oder doch eher anderen Bauten zuzurechnen. Sicher ist, dass das Gelände in vorklösterlicher Zeit landwirtschaftlichen Zwecken diente.<ref>Bärenfänger, Rolf (2007): Archäologie auf den ehemaligen Klosterplätzen Ostfrieslands, Rahden/Westf, S. 67ff.</ref> | ||
Nach der Gründung des [[Dominikanerkloster|Dominikanerklosters]] am [[Fräuleinshof]] im Jahr 1264 wurde das Kloster Marienthal auch als "altes Kloster" bzw. "Olde Cloester" bezeichnet. Es gehörte zu einem Klosterverband, dessen Gründung womöglich auf den Heiligen Sankt Hatebrand zurückgeht, weshalb Eggerik Beninga zu der Annahme kam, dass auch das Kloster Marienthal von diesem gegründet wurde. Die erste gesicherte Erwähnung findet sich in einem [[Norder Vertrag|Vertrag aus dem Jahre 1255]]. Dieses Jahr wird im Allgemeinen auch (fälschlicherweise) als das Gründungsjahr Nordens angesehen, wobei es sich eigentlich nur um die erste, gesicherte Erwähnung handelt. Abt war zu dieser Zeit ein gewisser Winandus. Er wird in der Urkunde als Zeuge an erstrangiger Position genannt, was für die Bedeutung des | Nach der Gründung des [[Dominikanerkloster|Dominikanerklosters]] am [[Fräuleinshof]] im Jahr 1264 wurde das Kloster Marienthal auch als "altes Kloster" bzw. "Olde Cloester" bezeichnet. Es gehörte zu einem Klosterverband, dessen Gründung womöglich auf den Heiligen Sankt Hatebrand zurückgeht, weshalb Eggerik Beninga zu der Annahme kam, dass auch das Kloster Marienthal von diesem gegründet wurde. Die erste gesicherte Erwähnung findet sich in einem [[Norder Vertrag|Vertrag aus dem Jahre 1255]]. Dieses Jahr wird im Allgemeinen auch (fälschlicherweise) als das Gründungsjahr Nordens angesehen, wobei es sich eigentlich nur um die erste, gesicherte Erwähnung handelt. Abt war zu dieser Zeit ein gewisser Winandus. Sein Siegel zeigte einen stehenden Geistlichen mit Hirtenstab und Bibel mit der teilweise zerstörten Inschrift: "S(igillum) Abbatis Wi(nandi) S(ancte) Marie Norden".<ref>Schreiber, Gretje (1994): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 170ff.</ref> Er wird in der Urkunde als Zeuge an erstrangiger Position genannt, was für die Bedeutung des Klosters spricht. Die Rolle als vornehme Vertreter des Norderlandes blieb auch seinen Nachfolgern erhalten.<ref name=":1">Deeters, Walter (1978): Benediktinische Doppelklöster in Ostfriesland. In: Res Frisicae. Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands 59, S. 73ff.</ref> Der historisch überlieferte große Reichtum des Klosters konnte durch umfangreiche Funde belegt werden.<ref name=":0" /> Die Benediktiner ließen ihre Niederlassung mit einer Mauer einfrieden. Der nördliche Teil dieser Umzingelung ist erhalten geblieben, an sie erinnert die Straße [[Am Zingel]]. | ||
Im 14. Jahrhundert wurde Ostfriesland von mehreren verheerenden Sturmfluten, wie der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] heimgesucht. Dazu kam von 1347 bis 1353 eine europaweit wütende Pestepidemie, der geschätzte 25 Millionen Menschen - ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung - zum Opfer fielen. Auch das Kloster Marienthal wurde von der Seuche heimgesucht. Das Kloster wurde daraufhin grundlegend umgestaltet, um nach damaligem Verständnis der Krankheit Herr zu werden.<ref name=":1" /> Da man im Mittelalter vermutete, dass sich Krankheiten über Gerüche verbreiteten, ist davon auszugehen, dass die Gebäude weitflächiger, größer und besser belüftet gebaut wurden. | Im 14. Jahrhundert wurde Ostfriesland von mehreren verheerenden Sturmfluten, wie der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] heimgesucht. Dazu kam von 1347 bis 1353 eine europaweit wütende Pestepidemie, der geschätzte 25 Millionen Menschen - ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung - zum Opfer fielen. Auch das Kloster Marienthal wurde von der Seuche heimgesucht. Das Kloster wurde daraufhin grundlegend umgestaltet, um nach damaligem Verständnis der Krankheit Herr zu werden.<ref name=":1" /> Da man im Mittelalter vermutete, dass sich Krankheiten über Gerüche verbreiteten, ist davon auszugehen, dass die Gebäude weitflächiger, größer und besser belüftet gebaut wurden. | ||
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== Bedeutung für die Stadt == | == Bedeutung für die Stadt == | ||
Das Kloster genoss ein sehr hohes Ansehen. Seine Äbte und Pröbste werden in Zeugenlisten mehrfach an hervorgehobener Stelle genannt. Von 1464 bis 1529 diente es der späteren Grafen- und Fürstenfamilie Cirksena als Hauskloster. Als Hauskloster bezeichnet man solche, die in einer besonderen Stellung zu einer adeligen Familie stehen. Die Adelsfamilie ließ dem Kloster in Erwartung besseren Seelenheils finanzielle und materielle Aufwendungen zukommen. Zudem hatte sie dort - wie auch andere vornehme Geschlechter des [[Norderland|Norderlandes]] von 1464 bis 1548 ihre Grablege (Familiengruft) und brachte ihre unverheirateten Töchter hier unter. Auch die letzte [[Idzinga]], Hima, lebte dort bis zu ihrem Tod. Das einst mächtige Häuptlingsgeschlecht erlosch daraufhin. | Das Kloster genoss ein sehr hohes Ansehen. Seine Äbte und Pröbste werden in Zeugenlisten mehrfach an hervorgehobener Stelle genannt. Von 1464 bis 1529 diente es der späteren Grafen- und Fürstenfamilie Cirksena als Hauskloster. Als Hauskloster bezeichnet man solche, die in einer besonderen Stellung zu einer adeligen Familie stehen. Die Adelsfamilie ließ dem Kloster in Erwartung besseren Seelenheils finanzielle und materielle Aufwendungen zukommen. Zudem hatte sie dort - wie auch andere vornehme Geschlechter des [[Norderland|Norderlandes]] von 1464 bis 1548 ihre Grablege (Familiengruft) und brachte ihre unverheirateten Töchter hier unter. Auch die letzte [[Idzinga]], Hima, lebte dort kinderlos bis zu ihrem Tod. Das einst mächtige Häuptlingsgeschlecht erlosch daraufhin. | ||
Mehrfach traten die Äbte von Marienthal fortan in führender Position als Zeuge für die Cirksena auf. Möglicherweise waren sie sogar Berater und enge Vertraute dieses Häuptlingsgeschlechts.<ref name=":2" /> So unterschrieb beispielsweise Abt Poppo am 20. Mai 1436 die Urkunde, mit der [[Edzard II. Cirksena]] die Herrschaft über das [[Norderland]] übernahm. Ein weiteres Mal tritt Poppo am 28. April 1440 als erster Zeuge in einer Urkunde auf, in der Wibet von Stedesdorf zugunsten von [[Ulrich Cirksena]] auf Esens verzichtet.<ref name=":1" /> | Mehrfach traten die Äbte von Marienthal fortan in führender Position als Zeuge für die Cirksena auf. Möglicherweise waren sie sogar Berater und enge Vertraute dieses Häuptlingsgeschlechts.<ref name=":2" /> So unterschrieb beispielsweise Abt Poppo am 20. Mai 1436 die Urkunde, mit der [[Edzard II. Cirksena]] die Herrschaft über das [[Norderland]] übernahm. Ein weiteres Mal tritt Poppo am 28. April 1440 als erster Zeuge in einer Urkunde auf, in der Wibet von Stedesdorf zugunsten von [[Ulrich Cirksena]] auf Esens verzichtet.<ref name=":1" /> | ||
Das Kloster war zudem einer der größten Grundeigentümer der Stadt und verfügte über umfangreiche Ländereien, die auch "Klosterland" oder "Kirchenland" genannt wurden. Dazu kamen eigene Bauernhöfe (Vorwerke), die dem Kloster gehörten. Diese konzentrierten sich vor allem auf das Gebiet der [[Lintelermarsch]]. Vorwerke des Klosters waren zum Beispiel die Höfe in [[Osterloog]] und [[Westerloog]] sowie der [[Hof Armenplatz|Armenplaats]]. | |||
== Nachnutzung == | == Nachnutzung == | ||