Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | ||
[[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg | [[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|mini|Prangermarsch von [[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] an der [[Osterstraße]].]] | ||
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück. | Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück. | ||
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss. | Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss. | ||
Während des Krieges gab es mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | Während des Krieges gab es mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | ||
[[Datei:Am Markt Marktplatz Ludgerikirche Wehrmacht Marine Heldengedenktag 15 03 1942 02.jpg|mini|Soldaten des [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelagers Tidofeld]] marschieren anlässlich des ''Heldengedenktags'' am 15. März 1942.]] | |||
Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht. | Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]] | ||
[[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|Volkssturm-Männer mit Panzerfäusten beim Antreten auf dem Marktplatz (1944).]] | |||
Am 4. Mai 1945 trafen kanadische Truppen in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]]. | Am 4. Mai 1945 trafen kanadische Truppen in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]]. | ||