Gasthof Zur Börse: Unterschied zwischen den Versionen
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Der Gasthof existierte bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, wobei seine genaue Anfänge noch nicht geklärt sind. Der | Der Gasthof existierte bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, wobei seine genaue Anfänge noch nicht geklärt sind. Der Gastwirt Willms betrieb hier seinerzeit noch eine Korn-, Kalk- und Sandhandlung. Sein Nachfolger G. König baute 1898 einen Saal an.<ref name=":4">Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 85</ref> Bis in die Zeit nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] gehörten auch Stallungen zu dem Gebäude, wo die Bauern aus der Umgebung ihre Pferde zu den Markttagen unterzustellen pflegten.<ref name=":5">Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 51</ref> | ||
1903 wurde im Gasthof der [[Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden]] gegründet, aus dem später der ''DEHOGA Kreisverband Norden'' erwuchs.<ref name=":3">WirtA NW WAN K 5</ref> Zum erstem Vorsitzender wurde [[Peter Remmers]], gewählt.<ref name=":3" /><ref>Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 46</ref> Dieser hatte den Gasthof am 1. Oktober des Jahres übernommen.<ref name=":4" /> | 1903 wurde im Gasthof der [[Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden]] gegründet, aus dem später der ''DEHOGA Kreisverband Norden'' erwuchs.<ref name=":3">WirtA NW WAN K 5</ref> Zum erstem Vorsitzender wurde [[Peter Remmers]], gewählt.<ref name=":3" /><ref>Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 46</ref> Dieser hatte den Gasthof am 1. Oktober des Jahres übernommen.<ref name=":4" /><ref name=":5" /> Remmers ließ die Kornlager noch bis 1927 bestehen.<ref name=":5" /> | ||
Von 1923 bis 1926 war der Gasthof das Stammlokal der Freimaurerloge [[Zu den drei Sternen|''Zu den drei Sternen'']], die nachfolgend in das [[Deutsches Haus|Deutsche Haus]] wechselten.<ref name=":0">[http://www.westdoerp.eu/historie-der-norder-loge/ Geschichte der Norder Freimaurerloge], abgerufen am 17. Juni 2021</ref> Am 15. April 1926 führte die erst etwa fünf Monate zuvor gegründete [[Niederdeutsche Bühne]] hier ihr erstes Theaterstück, die Komödie ''De Vergantschoster'' der deutschen Schriftsteller Alma Rogge auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 23</ref> Im gleichen Jahr feierte die [[Feuerwehr Norden]] im Gasthof ihr 40-jähriges Bestehen | Von 1923 bis 1926 war der Gasthof das Stammlokal der Freimaurerloge [[Zu den drei Sternen|''Zu den drei Sternen'']], die nachfolgend in das [[Deutsches Haus|Deutsche Haus]] wechselten.<ref name=":0">[http://www.westdoerp.eu/historie-der-norder-loge/ Geschichte der Norder Freimaurerloge], abgerufen am 17. Juni 2021</ref> Am 15. April 1926 führte die erst etwa fünf Monate zuvor gegründete [[Niederdeutsche Bühne]] hier ihr erstes Theaterstück, die Komödie ''De Vergantschoster'' der deutschen Schriftsteller Alma Rogge auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 23</ref> Im gleichen Jahr feierte die [[Feuerwehr Norden]] im Gasthof ihr 40-jähriges Bestehen. Gastwirt Remmers von 1918 bis 1937 der Hauptmann der Norder Wehr.<ref>Feuerwehr Norden (1986): 100 Jahre Freiwillige Feuerwehr der Stadt Norden, Norden, S. 46</ref> | ||
Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden 27 Sozialdemokraten und Kommunisten von diesen am 3. Mai 1933 im Gasthof schwer misshandelt.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 46</ref><ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 29</ref> Die NSDAP erklärte den Gasthof kurz zuvor zu ihrem ''Parteilokal''.<ref name=":1" /> Statt einzugreifen stellte der Gastwirt das Radio auf volle Lautstärke, da der durch die Misshandlung entstandene Lärm bis auf die Straße drang.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 32</ref> Die Täter wurden nach dem Krieg zu Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und zwei Jahren verurteilt.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 210</ref> | Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden 27 Sozialdemokraten und Kommunisten von diesen am 3. Mai 1933 im Gasthof schwer misshandelt.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 46</ref><ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 29</ref> Die NSDAP erklärte den Gasthof kurz zuvor zu ihrem ''Parteilokal''.<ref name=":1" /> Statt einzugreifen stellte der Gastwirt das Radio auf volle Lautstärke, da der durch die Misshandlung entstandene Lärm bis auf die Straße drang.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 32</ref> Die Täter wurden nach dem Krieg zu Freiheitsstrafen zwischen drei Monaten und zwei Jahren verurteilt.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 210</ref> | ||
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Im November 1934 wird von hier aus das von Marie Ulfers verfasste Hörspiel ''Dat Arfdeel ut Ostindien'' (übersetzt: ''Das Erbteil aus Ostindien'') via Rundfunk übertragen, das von den Schauspielern der Niederdeutschen Bühne eingespielt wurde.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 24</ref> Irgendwann in dieser Zeit bürgert sich teilweise der spöttische Namen ''Das Braune Haus'' ein, was auf das hier einkehrende nationalsozialistische (braun gekleidete) Klientel anspielte.<ref name=":2">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> Spätestens seit dem 31. März 1933 war die Börse das offizielle ''Sturmlokal'' der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|Norder NSDAP]], die hier nicht nur einen Stammtisch, sondern auch ihr ''Aktionskomittee'' zur Planung von Aktionen gegen jüdische Mitbürger einrichtete.<ref name=":2" /><ref>Ostfriesischer Kurier vom 31. März 1933</ref> Nachdem 1942 und 1943 mehrere Ladungen mit wertvollen Möbeln und anderen Gegenständen im [[Norder Hafen]] ankamen, lagerten die Nationalsozialisten große Teil davon im Gasthof.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 41</ref> | Im November 1934 wird von hier aus das von Marie Ulfers verfasste Hörspiel ''Dat Arfdeel ut Ostindien'' (übersetzt: ''Das Erbteil aus Ostindien'') via Rundfunk übertragen, das von den Schauspielern der Niederdeutschen Bühne eingespielt wurde.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 24</ref> Irgendwann in dieser Zeit bürgert sich teilweise der spöttische Namen ''Das Braune Haus'' ein, was auf das hier einkehrende nationalsozialistische (braun gekleidete) Klientel anspielte.<ref name=":2">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> Spätestens seit dem 31. März 1933 war die Börse das offizielle ''Sturmlokal'' der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|Norder NSDAP]], die hier nicht nur einen Stammtisch, sondern auch ihr ''Aktionskomittee'' zur Planung von Aktionen gegen jüdische Mitbürger einrichtete.<ref name=":2" /><ref>Ostfriesischer Kurier vom 31. März 1933</ref> Nachdem 1942 und 1943 mehrere Ladungen mit wertvollen Möbeln und anderen Gegenständen im [[Norder Hafen]] ankamen, lagerten die Nationalsozialisten große Teil davon im Gasthof.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 41</ref> | ||
Im Oktober 1948 wurde der Gasthof zu einem Kino umgebaut, das später als [[Metropol-Theater]] bekannt wurde und zuletzt kaum mehr als ein schmuddeliges Pornokino war. 1970 wurde das Gebäude von [[Anton Götz]] erworben, der den hinteren Gebäudeteil abbrechen ließ.<ref name=":02">[http://www.allekinos.com/NORDENMetropol.htm Geschichte des Metropol-Theaters], abgerufen am 17. Juni 2021</ref> Das Vorderhaus mit einer Schankwirtschaft blieb noch bis 1972 stehen und wurde seit 1950 von [[Wilhelm Franke]] betrieben.<ref name=":4" /><ref>Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 39</ref> Später dehnte Götz seinen Supermarkt auf das gesamte ehemalige Kinogelände aus.<ref name=":4" /><ref name=":02" /> Bis zum Abbruch blieb der Gasthof dann auch der Hauptveranstaltungsort für die Stücke der Niederdeutschen Bühne, seitdem nutzt sie den im selben Jahr errichteten Theatersaal im [[Schulzentrum Ekel]]. | Im Oktober 1948 - die Eigentümer hatten ihren Besitz altersbedingt verkauft - wurde der Gasthof zu einem Kino umgebaut, das später als [[Metropol-Theater]] bekannt wurde und zuletzt kaum mehr als ein schmuddeliges Pornokino war. 1970 wurde das Gebäude von [[Anton Götz]] erworben, der den hinteren Gebäudeteil abbrechen ließ.<ref name=":02">[http://www.allekinos.com/NORDENMetropol.htm Geschichte des Metropol-Theaters], abgerufen am 17. Juni 2021</ref> Das Vorderhaus mit einer Schankwirtschaft blieb noch bis 1972 stehen und wurde seit 1950 von [[Wilhelm Franke]] betrieben.<ref name=":4" /><ref>Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 39</ref> Seit spätestens 1952 wurde die Gastwirtschaft unter dem Namen ''Ratsstuben'' geführt.<ref name=":5" /> | ||
Später dehnte Götz seinen Supermarkt auf das gesamte ehemalige Kinogelände aus.<ref name=":4" /><ref name=":02" /> Bis zum Abbruch 1972 blieb der Gasthof dann auch der Hauptveranstaltungsort für die Stücke der Niederdeutschen Bühne, seitdem nutzt sie den im selben Jahr errichteten Theatersaal im [[Schulzentrum Ekel]]. Eine kleine Gastwirtschaft verblieb jedoch auch in dem neuen Komplex, die von dem Gastwirt B. Fiebig geführt wurde.<ref>Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 51</ref> | |||
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