Gasthof Jerusalem: Unterschied zwischen den Versionen
K Textersetzung - „circlessss“ durch „circles“ |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 34: | Zeile 34: | ||
__TOC__ | __TOC__ | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Eine Gaststätte lässt sich an diesem Standort bereits seit 1600 nachweisen.<ref name=":3">Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 74</ref> Der Name, der | Eine Gaststätte lässt sich an diesem Standort bereits seit 1600 nachweisen.<ref name=":3">Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 74</ref><ref name=":4">Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 63</ref> Vermutlich hieß er zu dieser Zeit ''Gasthof Stadt Jerusalem''.<ref name=":4" /> Der Name, der in seiner heutigen Form erst seit dem Jahr 1737 nachweisbar ist, geht auf eine jahrhundertealte Überlieferung zurück, nach der sich im Jahre 1217 mehrere friesische Krieger am [[Marktplatz]] zusammenfanden, um von hier aus ihre gemeinsame Teilnahme am ''Fünften Kreuzzug'' in das Heilige Land zu beginnen.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> | ||
Am 6. September 1740 | Am 6. September 1740 ersteigerte [[Bernhardus Wilcken|Bürgermeister Wilcken]] den Gasthof.<ref>StAA, Rep. 234, Bd. 149, S. 677</ref> Einem Kaufbrief zufolge wechselte das Gebäude am 26. März 1764 erneut für 4.510 ostfriesische Gulden den Eigentümer.<ref name=":0" /><ref name=":1">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 43</ref> Verkäuferin soll die Witwe [[Janneke von Goens]] des bisherigen Eigentümers, einem Mann mit Nachnamen ''Lamberti'', gewesen sein.<ref name=":0" /> Als Käufer trat ein [[Jan Claßen|Jan Johan Claßen]] in Erscheinung. Im Kaufvertrag wurde erwähnt, dass am Giebel des Gasthofs ein kupfernes Schild mit einem Abbild der Stadt Jerusalem zu sehen war.<ref name=":1" /> 1872 wurde Gastwirt [[Ocke Meewes Verwer]] neuer Eigentümer des Gasthofs, nachdem dieser bereits 1851 den rechten Teil des benachbarten [[Gräfliches Haus|Gräflichen Hauses]] erworben hatte.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 44</ref> | ||
In den Folgejahren wechselte der vor allem bei den wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch]] beliebte Gasthof häufig den Besitzer.<ref name=":3" /> Bis 1887 wurde die Witwe des Kaufmanns [[Wirtje von Höveling]] Besitzerin. 1903 | In den Folgejahren wechselte der vor allem bei den wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch]] beliebte Gasthof häufig den Besitzer.<ref name=":3" /> Bis 1887 wurde die Witwe des Kaufmanns [[Wirtje von Höveling]] Besitzerin. 1903 wurde [[Dirk Oldewurtel]] als Besitzer genannt.<ref name=":1" /> Von 1906 bis 1912 gehörte der Gasthof [[Habbo Lübbers]].<ref name=":1" /><ref name=":2" /> 1920 gehörte [[Jan de Vries]] die Gaststätte. Seit dem 15. August 1921 bis zu dessen Ende gehörte der Gasthof der Familie Claassen, beginnend mit [[Claas Claassen]] und von 1960 bis 1962 dessen gleichnamiger Sohn.<ref name=":3" /><ref name=":2" /> | ||
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste der Gasthof seinen Namen ändern und hieß fortan ''Altdeutscher Gasthof''.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> 1962 wurde das Haus vollständig umgebaut und beherbergt seit dieser Zeit in den vorderen Räumen die Deutsche Bank, während im Seitentrakt die kleine Gaststätte ''Jerusalem'' noch bis 1978 an vergangene Zeiten erinnerte.<ref name=":2" /><ref>Schreiber, Gretje (1994): Nordens Häuser und ihre Bewohner (I) Die Leute in der Osterstraße, in: Ostfriesischer Kurier 1./2. Oktober 1994, S. 7</ref> Heute wird noch die dahinter liegende Lohne umgangssprachlich als [[Jerusalemlohne]] bezeichnet. | Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste der Gasthof seinen Namen ändern und hieß fortan ''Altdeutscher Gasthof''.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> 1962 wurde das Haus vollständig umgebaut und beherbergt seit dieser Zeit in den vorderen Räumen die Deutsche Bank, während im Seitentrakt die kleine Gaststätte ''Jerusalem'' noch bis 1978 an vergangene Zeiten erinnerte.<ref name=":2" /><ref>Schreiber, Gretje (1994): Nordens Häuser und ihre Bewohner (I) Die Leute in der Osterstraße, in: Ostfriesischer Kurier 1./2. Oktober 1994, S. 7</ref> Heute wird noch die dahinter liegende Lohne umgangssprachlich als ''[[Jerusalemlohne]]'' bezeichnet. | ||
==Beschreibung== | ==Beschreibung== | ||
Der langgezogene Bau befand sich mit dem Eingang (giebelständig) zur [[Osterstraße]] gerichtet. Der geschwungene Giebel zierte das dahinter befindliche Walmdach, das über mehrere Schornsteine verfügte. Die weiße Fassade schmückten mehrere, im Erdgeschoss mannshohe Fenster.<ref name=":1" /> | Der langgezogene Bau befand sich mit dem Eingang (giebelständig) zur [[Osterstraße]] gerichtet. Der geschwungene Giebel zierte das dahinter befindliche Walmdach, das über mehrere Schornsteine verfügte. Die weiße Fassade schmückten mehrere, im Erdgeschoss mannshohe Fenster.<ref name=":1" /> Ebenfalls gehörten Stallungen für bis zu 100 Pferde zum Gasthof.<ref name=":4" /> | ||
Durch den Haupteingang gelangte man zunächst in die große Halle, das sogenannte Vorhaus. Von hier aus befand sich links die Küche und rechts eine Stube. Von dort führten zwei Treppen in einen großen Saal (Kammer), der durch einen großen, mit Torf befeuerten Kamin geheizt werden konnte. Der sich vor dem Haus an der Marktseite befindliche und immer noch [[Marktplatz#Öffentliche Brunnen|existierende Brunnen]] wurde von den Anliegern gemeinschaftlich genutzt. Er bestand ursprünglich aus großen, sogenannten Sargsteinen.<ref name=":1" /> Über ihm sollte 1859 ein Brunnenhaus errichtet werden, dessen Bau sich jedoch dadurch verzögerte, dass die Stadt keine ausreichenden Fördergelder zur Verfügung stellte. Vielmehr sollten die Anwohner, die ''Interessengemeinschaft'', den Bau finanzieren. Letztlich wurde ihnen 1891 der Bau und die alleinige Instandhaltung auferlegt. Kämen sie dem nicht nach, würde die Stadt den Bau selbst vornehmen und die Kosten in Höhe von 60 Mark auf die Interessentengemeinschaft umlegen.<ref>Stadtwerke Norden (2021): Zeitreise in Text und Bild. 125 Jahre Stadtwerke Norden, Norden, S. 5</ref> | Durch den Haupteingang gelangte man zunächst in die große Halle, das sogenannte Vorhaus. Von hier aus befand sich links die Küche und rechts eine Stube. Von dort führten zwei Treppen in einen großen Saal (Kammer), der durch einen großen, mit Torf befeuerten Kamin geheizt werden konnte.<ref name=":4" /><ref name=":1" /> | ||
Der sich vor dem Haus an der Marktseite befindliche und immer noch [[Marktplatz#Öffentliche Brunnen|existierende Brunnen]] wurde von den Anliegern gemeinschaftlich genutzt. Er bestand ursprünglich aus großen, sogenannten Sargsteinen.<ref name=":1" /> Über ihm sollte 1859 ein Brunnenhaus errichtet werden, dessen Bau sich jedoch dadurch verzögerte, dass die Stadt keine ausreichenden Fördergelder zur Verfügung stellte. Vielmehr sollten die Anwohner, die ''Interessengemeinschaft'', den Bau finanzieren. Letztlich wurde ihnen 1891 der Bau und die alleinige Instandhaltung auferlegt. Kämen sie dem nicht nach, würde die Stadt den Bau selbst vornehmen und die Kosten in Höhe von 60 Mark auf die Interessentengemeinschaft umlegen.<ref>Stadtwerke Norden (2021): Zeitreise in Text und Bild. 125 Jahre Stadtwerke Norden, Norden, S. 5</ref> | |||
Der ''Bierkeller'', also die eigentliche Gaststätte, hatte einen separaten Eingang zur Marktseite.<ref name=":3" /> | Der ''Bierkeller'', also die eigentliche Gaststätte, hatte einen separaten Eingang zur Marktseite.<ref name=":3" /> | ||
| Zeile 53: | Zeile 55: | ||
Nach alter [[Hausnummerierung]] hatte das Gebäude die Hausnummer 9.<ref>Cremer, Ufke (1938): Kontrollverzeichnis der Stadt Norden von 1812, Norden, S. 1</ref> | Nach alter [[Hausnummerierung]] hatte das Gebäude die Hausnummer 9.<ref>Cremer, Ufke (1938): Kontrollverzeichnis der Stadt Norden von 1812, Norden, S. 1</ref> | ||
Die älteste Gaststätte Englands, die 1189 in Nottingham zugelassen wurde, trug ebenfalls den Namen ''Jerusalem''.<ref name=":4" /> | |||
==Galerie== | ==Galerie== | ||
Version vom 29. Mai 2022, 06:36 Uhr
Gasthof Jerusalem | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Entstehungszeit | vor 1737 |
| Erbauer | unbekannt |
| Bauweise | (verputzter) Ziegelsteinbau |
| Erhaltungszustand | 1962 abgebrochen |
| Genaue Lage | Osterstraße 1
26506 Norden |
Der Gasthof Jerusalem (von 1933-1945: Altdeutscher Gasthof) war eine Gastwirtschaft in unmittelbarer Nähe zum Norder Marktplatz an der Osterstraße 1. Nach dem Abbruch des historischen Gebäudes im Jahr 1962 zog hier eine Filiale der Deutschen Bank ein, in einem rückwärtigen Gebäudeteil wurde allerdings noch bis 1978 eine Gaststätte unter dem altbekannten Namen geführt.
Geschichte
Eine Gaststätte lässt sich an diesem Standort bereits seit 1600 nachweisen.[1][2] Vermutlich hieß er zu dieser Zeit Gasthof Stadt Jerusalem.[2] Der Name, der in seiner heutigen Form erst seit dem Jahr 1737 nachweisbar ist, geht auf eine jahrhundertealte Überlieferung zurück, nach der sich im Jahre 1217 mehrere friesische Krieger am Marktplatz zusammenfanden, um von hier aus ihre gemeinsame Teilnahme am Fünften Kreuzzug in das Heilige Land zu beginnen.[3]
Am 6. September 1740 ersteigerte Bürgermeister Wilcken den Gasthof.[4] Einem Kaufbrief zufolge wechselte das Gebäude am 26. März 1764 erneut für 4.510 ostfriesische Gulden den Eigentümer.[3][5] Verkäuferin soll die Witwe Janneke von Goens des bisherigen Eigentümers, einem Mann mit Nachnamen Lamberti, gewesen sein.[3] Als Käufer trat ein Jan Johan Claßen in Erscheinung. Im Kaufvertrag wurde erwähnt, dass am Giebel des Gasthofs ein kupfernes Schild mit einem Abbild der Stadt Jerusalem zu sehen war.[5] 1872 wurde Gastwirt Ocke Meewes Verwer neuer Eigentümer des Gasthofs, nachdem dieser bereits 1851 den rechten Teil des benachbarten Gräflichen Hauses erworben hatte.[6]
In den Folgejahren wechselte der vor allem bei den wohlhabenden Bauern aus der Ostermarsch beliebte Gasthof häufig den Besitzer.[1] Bis 1887 wurde die Witwe des Kaufmanns Wirtje von Höveling Besitzerin. 1903 wurde Dirk Oldewurtel als Besitzer genannt.[5] Von 1906 bis 1912 gehörte der Gasthof Habbo Lübbers.[5][6] 1920 gehörte Jan de Vries die Gaststätte. Seit dem 15. August 1921 bis zu dessen Ende gehörte der Gasthof der Familie Claassen, beginnend mit Claas Claassen und von 1960 bis 1962 dessen gleichnamiger Sohn.[1][6]
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste der Gasthof seinen Namen ändern und hieß fortan Altdeutscher Gasthof.[7] 1962 wurde das Haus vollständig umgebaut und beherbergt seit dieser Zeit in den vorderen Räumen die Deutsche Bank, während im Seitentrakt die kleine Gaststätte Jerusalem noch bis 1978 an vergangene Zeiten erinnerte.[6][8] Heute wird noch die dahinter liegende Lohne umgangssprachlich als Jerusalemlohne bezeichnet.
Beschreibung
Der langgezogene Bau befand sich mit dem Eingang (giebelständig) zur Osterstraße gerichtet. Der geschwungene Giebel zierte das dahinter befindliche Walmdach, das über mehrere Schornsteine verfügte. Die weiße Fassade schmückten mehrere, im Erdgeschoss mannshohe Fenster.[5] Ebenfalls gehörten Stallungen für bis zu 100 Pferde zum Gasthof.[2]
Durch den Haupteingang gelangte man zunächst in die große Halle, das sogenannte Vorhaus. Von hier aus befand sich links die Küche und rechts eine Stube. Von dort führten zwei Treppen in einen großen Saal (Kammer), der durch einen großen, mit Torf befeuerten Kamin geheizt werden konnte.[2][5]
Der sich vor dem Haus an der Marktseite befindliche und immer noch existierende Brunnen wurde von den Anliegern gemeinschaftlich genutzt. Er bestand ursprünglich aus großen, sogenannten Sargsteinen.[5] Über ihm sollte 1859 ein Brunnenhaus errichtet werden, dessen Bau sich jedoch dadurch verzögerte, dass die Stadt keine ausreichenden Fördergelder zur Verfügung stellte. Vielmehr sollten die Anwohner, die Interessengemeinschaft, den Bau finanzieren. Letztlich wurde ihnen 1891 der Bau und die alleinige Instandhaltung auferlegt. Kämen sie dem nicht nach, würde die Stadt den Bau selbst vornehmen und die Kosten in Höhe von 60 Mark auf die Interessentengemeinschaft umlegen.[9]
Der Bierkeller, also die eigentliche Gaststätte, hatte einen separaten Eingang zur Marktseite.[1]
Trivia
Als Pendant zum Gasthof wurde die gegenüberliegende auch Bethlehem genannt. Fragte jemand: "Wullt du na Jerusalem?", so konnte es vorkommen, dass er die Antwort: "Nee, ik gah na Bethlehem." bekam.[3]
Nach alter Hausnummerierung hatte das Gebäude die Hausnummer 9.[10]
Die älteste Gaststätte Englands, die 1189 in Nottingham zugelassen wurde, trug ebenfalls den Namen Jerusalem.[2]
Galerie
-
Die Osterstraße mit dem Gasthof Jerusalem auf der linken Seite in der Zeit um 1900.
-
Aufnahme aus dem Jahr 1928, erkennbar u.a. an der Uniform der beiden Hitlerjungen in der Mitte (Gründungsjahr der Norder HJ).
-
Aufnahme aus der Zeit um 1930.
-
Blick auf den Gasthof und die Osterstraße (um 1940).
-
Blick auf den Gasthof und die Osterstraße (um 1940).
-
Der Gasthof (links) in der Zeit um 1950. Auf der anderen Straßenseite rechts die Schwanen-Apotheke.
-
Straßenecke Osterstraße mit Blick gen Klosterstraße, rechts der Gasthof (um 1950).
-
Aufnahme aus der Zeit um 1955.
-
Der ehemalige Gasthof, nun überbaut als Filiale der Deutschen Bank auf einer Aufnahme aus der Zeit um 1965.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 74
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden (1973): Chronik. 70 Jahre Wirteverein für Stadt und Landkreis Norden, Norden, S. 63
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179
- ↑ StAA, Rep. 234, Bd. 149, S. 677
- ↑ 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 5,6 Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 43
- ↑ 6,0 6,1 6,2 6,3 Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 44
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241
- ↑ Schreiber, Gretje (1994): Nordens Häuser und ihre Bewohner (I) Die Leute in der Osterstraße, in: Ostfriesischer Kurier 1./2. Oktober 1994, S. 7
- ↑ Stadtwerke Norden (2021): Zeitreise in Text und Bild. 125 Jahre Stadtwerke Norden, Norden, S. 5
- ↑ Cremer, Ufke (1938): Kontrollverzeichnis der Stadt Norden von 1812, Norden, S. 1