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Das '''Neue Rathaus''' (früher: ''Villa van Hülst'') ist seit dem Herbst 1883 der Sitz der Norder Stadtverwaltung sowie Sitz des [[Stadtrat|Stadtrates]] und des [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeisters]]. Es war der Nachfolgebau des [[Altes Rathaus]]. Neben der [[Stadt Norden]] hatten nur noch die [[Sandbauerschaft]] (Vorderräume des [[Hof Constapel|Hofs Constapel]]) und die [[Gemeinde Lintelermarsch]] ([[Altes Rathaus (Lintelermarsch)|Hattermannsweg 3]]) ein eigenes Rathaus. Alle anderen ehemaligen Gemeinden und heutigen Stadtteile erledigten ihre Amtsgeschäfte in den Privaträumen des Bürgermeisters sowie des [[Gemeindedirektor|Gemeindedirektors]].
Das '''Neue Rathaus''' (früher: ''Villa van Hülst'') ist seit dem Herbst 1883 der Sitz der Norder Stadtverwaltung sowie Sitz des [[Stadtrat|Stadtrates]] und des [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeisters]]. Es war der Nachfolgebau des [[Altes Rathaus]]. Neben der [[Stadt Norden]] hatten nur noch die [[Sandbauerschaft]] (Vorderräume des [[Hof Constapel|Hofs Constapel]]) und die [[Gemeinde Lintelermarsch]] ([[Altes Rathaus (Lintelermarsch)|Hattermannsweg 3]]) ein eigenes Rathaus. Alle anderen ehemaligen Gemeinden und heutigen Stadtteile erledigten ihre Amtsgeschäfte in den Privaträumen des Bürgermeisters sowie des [[Gemeindedirektor|Gemeindedirektors]].
1938 wurde das Norder Rathaus um einen langgezogenen, rückwärtigen Anbau erweitert, wo sich bis dahin drei im Besitz jüdischer Familien befindliche Schlachtereien befanden.


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Mit dem Haupthaus erwarb die Stadt zugleich die dritte (rechte) der [[Drei Schwestern]]. Der hintere, untere Teile wurde der Polizei als Dienstsitz zur Verfügung gestellt, deren Umzug vom [[Wachthaus (Norden)|Wachthaus am Marktplatz]] zeitnah erfolgte.<ref>Haddinga, Johann (2010): Die Polizei und ihre Geschichte(n), in: Heim und Herd vom 20. Oktober 2018, Beilage Ostfriesischer Kurier Nr. 10, S. 37ff.</ref> Räumlichkeiten hinter der Dritten Schwester wurden zudem ab etwa 1886 als [[Spritzenhaus (Am Markt)|Spritzenhaus]] für die [[Feuerwehr Norden|Norder Feuerwehr]] genutzt.<ref>Archivunterlagen der Feuerwehr Norden</ref> Der rechte Bau (mit der Hausnummer 14) wurde 1963 für den Bau eines Parkplatzes abgebrochen, was leider dem [[Altstadtsanierung|damaligen Zeitgeist]] geschuldet war. Das Gebäude bzw. seine Fassade nebst Giebel wurde erst im Jahre 1991 anhand von alten Fotografien rekonstruiert.<ref name=":0" />
Mit dem Haupthaus erwarb die Stadt zugleich die dritte (rechte) der [[Drei Schwestern]]. Der hintere, untere Teile wurde der Polizei als Dienstsitz zur Verfügung gestellt, deren Umzug vom [[Wachthaus (Norden)|Wachthaus am Marktplatz]] zeitnah erfolgte.<ref>Haddinga, Johann (2010): Die Polizei und ihre Geschichte(n), in: Heim und Herd vom 20. Oktober 2018, Beilage Ostfriesischer Kurier Nr. 10, S. 37ff.</ref> Räumlichkeiten hinter der Dritten Schwester wurden zudem ab etwa 1886 als [[Spritzenhaus (Am Markt)|Spritzenhaus]] für die [[Feuerwehr Norden|Norder Feuerwehr]] genutzt.<ref>Archivunterlagen der Feuerwehr Norden</ref> Der rechte Bau (mit der Hausnummer 14) wurde 1963 für den Bau eines Parkplatzes abgebrochen, was leider dem [[Altstadtsanierung|damaligen Zeitgeist]] geschuldet war. Das Gebäude bzw. seine Fassade nebst Giebel wurde erst im Jahre 1991 anhand von alten Fotografien rekonstruiert.<ref name=":0" />


Erstmalig, um ihre Macht auch in Norden für jedermann sichtbar zu demonstrieren, hissten die Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne am Vormittag des 6. März 1933 am Rathaus. Das gleiche Zeremoniell vollzogen sie anschließend am [[Fräuleinshof]], dem Sitz des [[Landkreis Norden]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 29</ref> Der Zeitpunkt war sicherlich nicht zufällig gewählt, ist doch Montagvormittags seit jeher stets auch [[Wochenmarkt]]. Ebenfalls während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der rückwärtige, langgezogene Anbau errichtet. Die dort befindlichen Grundstück zählten damals zur [[Sielstraße]] 75-77 (alte Nummerierung) und gehörten den [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen]] Familien Löwenstein, Lemmersmann und Goldschmidt. Diese betrieben dort in wirtschaftlicher Koexistenz drei Schlachtereien und wurden 1938 zugunsten der Stadtverwaltung und auf dreifachen Antrag von [[Kurt Eifrig|Bürgermeister Eifrig]] von den Machthabern enteignet wurden.<ref>Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 362</ref>
Erstmalig, um ihre Macht auch in Norden für jedermann sichtbar zu demonstrieren, hissten die Nationalsozialisten die Hakenkreuzfahne am Vormittag des 6. März 1933 am Rathaus. Das gleiche Zeremoniell vollzogen sie anschließend am [[Fräuleinshof]], dem Sitz des [[Landkreis Norden]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 29</ref> Der Zeitpunkt war sicherlich nicht zufällig gewählt, ist doch Montagvormittags seit jeher stets auch [[Wochenmarkt]].
 
Wahrscheinlich ebenfalls während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der rückwärtige, langgezogene Anbau errichtet. Die dort befindlichen Grundstücke zählten damals zur [[Sielstraße]] 75-77 (alte Nummerierung) und gehörten den [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen]] Familien Löwenstein, Lemmersmann und Goldschmidt. Diese betrieben dort in wirtschaftlicher Koexistenz drei Schlachtereien und wurden 1938 enteignet. [[Kurt Eifrig|Bürgermeister Eifrig]] stellte den dreifachen Antrag auf Übereignung der Grundstücke zugunsten der Stadt.<ref>Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 362</ref> Es ist jedoch sowohl unklar, ob die Grundstücke tatsächlich an die Stadt gingen oder der Anbau erst später errichtet wurde. In jedem Fall ging das Haus 75 an einen Privatmann, die beiden anderen an das Deutsche Reich.<ref>Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 363</ref>


Im Februar 1945 verfügte der Bremer Reichsverteidigungskommissar die Schließung aller Schulen im Weser-Ems-Gebiet. Im Zuge dieser Anordnung schloss auch das [[Ulrichsgymnasium]] seine Pforten auf unbestimmte Zeit. Die Kohlenvorräte wurden konfisziert und in den Klassenräumen ein Marinelazarett eingerichtet. Für die Schüler der Klasse 6 fand der Unterricht deshalb im Sitzungssaal des Rathauses statt.<ref>Kaszemek, Hildegard (1967): Das Ulrichsgymnasium Norden von Ostern 1939 bis 1. Mai 1945. In: Derk de Haan: 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden, S. 36f.</ref> Am späten Nachmittag des 4. Mai 1945 erschienen plötzlich deutsche Fallschirmjäger vor dem Rathaus und sprengten den Fahnenmast, nachdem kapitulationswillige Bürger hier eine weiße Fahne gehisst hatten. Noch am gleichen Tag wird Norden jedoch zur ''offenen Stadt'' erklärt und den Alliierten kampflos übergeben.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>
Im Februar 1945 verfügte der Bremer Reichsverteidigungskommissar die Schließung aller Schulen im Weser-Ems-Gebiet. Im Zuge dieser Anordnung schloss auch das [[Ulrichsgymnasium]] seine Pforten auf unbestimmte Zeit. Die Kohlenvorräte wurden konfisziert und in den Klassenräumen ein Marinelazarett eingerichtet. Für die Schüler der Klasse 6 fand der Unterricht deshalb im Sitzungssaal des Rathauses statt.<ref>Kaszemek, Hildegard (1967): Das Ulrichsgymnasium Norden von Ostern 1939 bis 1. Mai 1945. In: Derk de Haan: 400 Jahre Ulrichsgymnasium Norden. Norden, S. 36f.</ref> Am späten Nachmittag des 4. Mai 1945 erschienen plötzlich deutsche Fallschirmjäger vor dem Rathaus und sprengten den Fahnenmast, nachdem kapitulationswillige Bürger hier eine weiße Fahne gehisst hatten. Noch am gleichen Tag wird Norden jedoch zur ''offenen Stadt'' erklärt und den Alliierten kampflos übergeben.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>