Vertriebenenlager Tidofeld: Unterschied zwischen den Versionen
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Das '''Vertriebenenlager Tidofeld''' war zwischen 1946 und 1960 eines der größten Aufnahmelager für Vertriebene und Flüchtlinge des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] in Niedersachsen. Es befand sich im heutigen Norder Stadtteil [[Tidofeld]], südlich der [[Heerstraße]] und entstand auf dem Grund einer ehemaligen Wehrmachtskaserne, die in den letzten Kriegsmonaten herausragende Bedeutung als Sitz des ''Seekommandanten Ostfriesland'' erlangte. | Das '''Vertriebenenlager Tidofeld''' war zwischen 1946 und 1960 eines der größten Aufnahmelager für Vertriebene und Flüchtlinge des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] in Niedersachsen. Es befand sich im heutigen Norder Stadtteil [[Tidofeld]], südlich der [[Heerstraße]] und entstand auf dem Grund einer ehemaligen Wehrmachtskaserne, die in den letzten Kriegsmonaten herausragende Bedeutung als Sitz des ''Seekommandanten Ostfriesland'' erlangte. | ||
Unter den Bewohnern entstand eine große Solidarität, die zur Gründung mehrerer Betriebe und Vereine sowie schließlich einer dauerhaften Siedlung auf dem Grund des Lagers selbst führte. Seit 1952 war der Ort deshalb auch mit einer kleinen Bedarfshaltestelle an die Bahnstrecke der [[Ostfriesische Küstenbahn|Ostfriesischen Küstenbahn]] angeschlossen. | |||
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
[[Datei:Tidofeld Luftaufnahme RAF.jpg|links|mini|234x234px|Luftaufnahme des Lagers, aufgenommen von der britischen Luftwaffe (RAF) am 1. März 1943. Das Lager ist im unteren linken Viertel des Bildes zu erkennen.|alternativtext=]] | [[Datei:Tidofeld Luftaufnahme RAF.jpg|links|mini|234x234px|Luftaufnahme des Lagers, aufgenommen von der britischen Luftwaffe (RAF) am 1. März 1943. Das Lager ist im unteren linken Viertel des Bildes zu erkennen.|alternativtext=]] | ||
===1938 - April 1945=== | ===1938 - April 1945=== | ||
Wie der gesamte, ''[[Tidofeld]]'' genannte Ort, gehörte das Gebiet des Vertriebenenlagers bis 1952 zur Gemeinde Lütetsburg und war persönlicher Besitz | Wie der gesamte, ''[[Tidofeld]]'' genannte Ort, gehörte das Gebiet des Vertriebenenlagers bis 1952 zur Gemeinde Lütetsburg und war persönlicher Besitz der Lütetsburger Fürsten bzw. Grafen. Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurde das Gelände beschlagnahmt, da es sich strategisch günstig für Truppenbewegungen zwischen den Kriegshäfen in Emden und Wilhelmshaven befand. | ||
Die Bauarbeiten begannen 1938 und endeten mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939. Als Bauarbeiter kamen vor allem auch Wehrmachtssoldaten zum Einsatz.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 23</ref> Neben einer großen Mannschaftsunterkunft (wegen seiner Form auch ''H-Gebäude'' genannt) entstanden mehrere Baracken, ein Sportplatz, Wirtschaftsgebäude und zwei Doppelhäuser ([[Huntestraße]] 4-7) für die kommandierenden Offiziere. Diese sind, ebenso wie das Unterkunftsgebäude, bis heute erhalten. Alle anderen Gebäude existieren nicht mehr. Ein Teil des Unterkunftsgebäudes wurde zudem kriegsbedingt nicht vollständig fertiggestellt.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 146</ref> | Die Bauarbeiten begannen 1938 und endeten mit dem Kriegsausbruch am 1. September 1939. Als Bauarbeiter kamen vor allem auch Wehrmachtssoldaten zum Einsatz.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 23</ref> Neben einer großen Mannschaftsunterkunft (wegen seiner Form auch ''H-Gebäude'' genannt) entstanden mehrere Baracken, ein Sportplatz, Wirtschaftsgebäude und zwei Doppelhäuser ([[Huntestraße]] 4-7) für die kommandierenden Offiziere. Diese sind, ebenso wie das Unterkunftsgebäude, bis heute erhalten. Alle anderen Gebäude existieren nicht mehr. Ein Teil des Unterkunftsgebäudes wurde zudem kriegsbedingt nicht vollständig fertiggestellt.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 146</ref> | ||
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Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 im ehemaligen Lager 1 und dort die Baracke 10. | Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 im ehemaligen Lager 1 und dort die Baracke 10. | ||
Zum 13. August 1946 wurde im ehemaligen Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete | Zum 13. August 1946 wurde im ehemaligen Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete im gleichen Gebäude eine Blechwaren- bzw. Drahtzaunfabrik ihre Pforten, die von einem Lagerbewohner gegründet worden war. Das ständige Hämmern störte den Unterricht ungemein.<ref name=":0" /> Das Werk schloss später, 1962 zog in die Räumlichkeiten die [[Lingener Wäschefabrik]] (''Lincron'') ein.<ref>[http://neuauwiewitt.de/kluengeltuengels-auf-den-spuren-von-fluechtlingen/ Auf den Spuren von Flüchtlingen], abgerufen am 18. Mai 2021</ref> Seit 1975 wird diese Wäscherei von der [[Behindertenhilfe Norden]] betrieben. | ||
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, das trotz seiner Verwaltung durch die Stadt noch immer zu Lütetsburg gehörte, kam 1952 zu Norden und wurde 1996 schließlich ein eigenständiger Stadtteil. Rechtliche Unklarheiten in Bezug auf das Eigentum an dem Gebiet wurden zugunsten von Wilhelm Edzard Fürst zu Innhausen und Knyphausen entschieden und die Beschlagnahme des Geländes durch die Wehrmacht damit rückwirkend als rechtswidrig erachtet. Wilhelm Edzard veräußerte das Land jedoch zu sehr günstigen Konditionen an die Bewohner und ermöglichte ihnen dadurch die Ansiedlung. | |||
1952 wurde der Ort mit einer kleinen Bedarfshaltestelle an die Bahnstrecke der [[Ostfriesische Küstenbahn|Ostfriesischen Küstenbahn]] angeschlossen. Mit dem Einsetzen des ''Wirtschaftswunders'' und dem fehlenden Angebot an Arbeitsplätzen in der Umgebung zog es mehr und mehr Bewohner in der Hoffnung auf Arbeit fort, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet. Diejenigen, die blieben, fanden Arbeit in der Nähe und lebten weiterhin in großer Solidarität. | |||
===ab 1960=== | ===ab 1960=== | ||
Ursprünglich plante die [[Stadt Norden]], die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem - hauptsächlich für sie errichteten - Stadtteil [[Neustadt]] unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass eine neue Siedlung an der bisherigen Stelle errichtet wurde.<ref name=":3" /> Bereits 1958 waren die ersten 111 Siedlungshäuser errichtet, bei denen es sich sowohl um kleinere Wohnhäuser, als auch Wohnblocks handelte.<ref name=":7" /> Die neuen Straßen verliefen weitestgehend entlang der bisherigen Lagerwege und wurden allesamt nach Flüssen benannt. Am 28. Februar 1958 wurde die erste Baracke (Nummer 28) abgerissen. Die letzte Baracke wurde 1964 abgebrochen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 147</ref> | Ursprünglich plante die [[Stadt Norden]], die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem - hauptsächlich für sie errichteten - Stadtteil [[Neustadt]] unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass eine neue Siedlung an der bisherigen Stelle errichtet wurde.<ref name=":3" /> Bereits 1958 waren die ersten 111 Siedlungshäuser errichtet, bei denen es sich sowohl um kleinere Wohnhäuser, als auch Wohnblocks handelte.<ref name=":7" /> Die neuen Straßen verliefen weitestgehend entlang der bisherigen Lagerwege und wurden allesamt nach Flüssen benannt. Am 28. Februar 1958 wurde die erste Baracke (Nummer 28) abgerissen. Die letzte Baracke wurde 1964 abgebrochen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 147</ref> Bis 1961 hatten mehr als 6.000 Personen das Lager durchlaufen. Die Unterhaltskosten beliefen sich bis dahin auf über 620.000 DM. | ||
Der ehemalige Sportplatz (heute [[Jadestraße]] und [[Allerstraße]] erstrecken) wurde bis zum Neubau des ''Motodroms'' in Halbemond die Rennstrecke des [[Motorsportclub Norden|Motorsportclubs Norden]].<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 148</ref> Der Verein, der seine Rennen bis dahin vor allem auf dem [[Jahnplatz]] veranstaltete, hatte den ehemaligen Sportplatz am 14. Januar 1957 erworben und am 10. Juni des Jahres dort erstmals ein Rennen abgehalten. | Der ehemalige Sportplatz (heute [[Jadestraße]] und [[Allerstraße]] erstrecken) wurde bis zum Neubau des ''Motodroms'' in Halbemond die Rennstrecke des [[Motorsportclub Norden|Motorsportclubs Norden]].<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 148</ref> Der Verein, der seine Rennen bis dahin vor allem auf dem [[Jahnplatz]] veranstaltete, hatte den ehemaligen Sportplatz am 14. Januar 1957 erworben und am 10. Juni des Jahres dort erstmals ein Rennen abgehalten. | ||