Polizei Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den Deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. Den [[Bürgermeister|Bürgermeistern]] wurde die Weisungsbefugnis gegenüber der Polizei entzogen und diese zu einer unter Kontrolle des niedersächsischen Innenministeriums stehenden Landesbehörde umorganisiert. | Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den Deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. Den [[Bürgermeister|Bürgermeistern]] wurde die Weisungsbefugnis gegenüber der Polizei entzogen und diese zu einer unter Kontrolle des niedersächsischen Innenministeriums stehenden Landesbehörde umorganisiert. | ||
Ein erster schwerer Kriminalfall ereignete sich im Sommer 1946. Sechs sogenannte ''Displaced Persons'', ehemalige französische Kriegsgefangene eines Lagers in [[Westermarsch II]], ermordeten den Bauer Steffens. Einer der Täter konnte verhaftet werden und wurde im August 1946 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. | Ein erster schwerer Kriminalfall ereignete sich im Sommer 1946. Sechs sogenannte ''Displaced Persons'', ehemalige französische Kriegsgefangene eines Lagers in [[Westermarsch II]], ermordeten den Bauer Steffens. Einer der Täter konnte verhaftet werden und wurde im August 1946 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Weitere, nennenswerte Delikte in dieser Zeit waren der Einbruchdiebstahl von Lebensmittelmarken aus Rathäusern. Auch wurden Lebensmittel von Äckern gestohlen und Lebensmittelkarten in Druckereien gefälscht.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 135</ref> | ||
Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als ''Polizei-Subdivision Norden'' der ''Polizei-Division A'' unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die ''Polizei-Subdivisionen'' in Aurich und Wittmund gehörten. Die ''Polizei-Division B'' umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der ''Dritten Schwester'' und zog dann in den [[Engenahof]] (Am Markt 10), der noch bis Kriegsende als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter [[Lenhard Everwien]] residierte hier. Zuvor befand sich hier eine Herberge und später das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelte es sich um ein Wohnhaus, das sich unter anderem im Besitz Bürgermeister [[Erhard Lüppena]] befand, der es im Jahre 1617 erweiterte. Sein Name findet sich noch heute am vorderen Dachgiebel. Die Geschichte des Gebäudes ist jedoch bedeutend älter, zuvor befand sich hier die sogenannte ''Kenenburg'', eine Burg der [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsfamilie]] [[tom Brook]], ehe das Gut an das Geschlecht der [[Engena]] fiel. | Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als ''Polizei-Subdivision Norden'' der ''Polizei-Division A'' unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die ''Polizei-Subdivisionen'' in Aurich und Wittmund gehörten. Die ''Polizei-Division B'' umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der ''Dritten Schwester'' und zog dann in den [[Engenahof]] (Am Markt 10), der noch bis Kriegsende als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter [[Lenhard Everwien]] residierte hier. Zuvor befand sich hier eine Herberge und später das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelte es sich um ein Wohnhaus, das sich unter anderem im Besitz Bürgermeister [[Erhard Lüppena]] befand, der es im Jahre 1617 erweiterte. Sein Name findet sich noch heute am vorderen Dachgiebel. Die Geschichte des Gebäudes ist jedoch bedeutend älter, zuvor befand sich hier die sogenannte ''Kenenburg'', eine Burg der [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsfamilie]] [[tom Brook]], ehe das Gut an das Geschlecht der [[Engena]] fiel. | ||
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Trotz bedeutendem Anstiegs der Einwohnerzahlen, insbesondere durch Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten änderte sich die Sicherheitslage in den Folgejahren kaum, die Kriminalitätsrate blieb niedrig. Spektakuläre Einsätze oder Verbrechen waren selten. So ist es nicht verwunderlich, dass auch seltsam anmutende Einsätze in die Überlieferungen eingingen: Am frühen Morgen des 29. Oktober 1967 fand die Norder Polizei das Sparschwein ''Flora'' übel zugerichtet am Eingang des [[Deutsches Haus|Deutschen Hauses]]. In den späten Abendstunden des Vortages war ''Flora'', die normalerweise auf einem Autodach residierte und Werbefahrten durch die Stadt für den jährlichen Weltspartag unternahm, ''entführt'' worden. Vergeblich hatten die Täter versucht, das Sparschwein in Hoffnung auf reiche Beute zu knacken. Doch weder war es ihnen gelungen das Schwein zu öffnen, noch enthielt es überhaupt Geld. Denn ''Flora'' sollte erst zum Weltspartag am 30. Oktober gefüllt werden.<ref>[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> | Trotz bedeutendem Anstiegs der Einwohnerzahlen, insbesondere durch Zuzug zahlreicher Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten änderte sich die Sicherheitslage in den Folgejahren kaum, die Kriminalitätsrate blieb niedrig. Spektakuläre Einsätze oder Verbrechen waren selten. So ist es nicht verwunderlich, dass auch seltsam anmutende Einsätze in die Überlieferungen eingingen: Am frühen Morgen des 29. Oktober 1967 fand die Norder Polizei das Sparschwein ''Flora'' übel zugerichtet am Eingang des [[Deutsches Haus|Deutschen Hauses]]. In den späten Abendstunden des Vortages war ''Flora'', die normalerweise auf einem Autodach residierte und Werbefahrten durch die Stadt für den jährlichen Weltspartag unternahm, ''entführt'' worden. Vergeblich hatten die Täter versucht, das Sparschwein in Hoffnung auf reiche Beute zu knacken. Doch weder war es ihnen gelungen das Schwein zu öffnen, noch enthielt es überhaupt Geld. Denn ''Flora'' sollte erst zum Weltspartag am 30. Oktober gefüllt werden.<ref>[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> | ||
[[Datei:Am Markt 01011983 02.jpg|mini|Luftbild | [[Datei:Am Markt 01011983 02.jpg|mini|Luftbild des Kriminalkommissariats im [[Weinhaus]], Am Markt 38 (1983).]] | ||
1970 wurde das inzwischen stark baufällige Dienststellengebäude weitestgehend abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Glücklicherweise ereilte das Haus nicht dasselbe Schicksal wie eine Vielzahl anderer historischer Gebäude, die in den 1960er bis 1970er Jahren im Zuge der [[Altstadtsanierung]] abgebrochen wurden. Im Falle des Engenahofs wurde zumindest die Fassade in Richtung [[Marktplatz]] erhalten. Auch die Kellerräumlichkeiten sind nach wie vor ursprünglich. | 1970 wurde das inzwischen stark baufällige Dienststellengebäude weitestgehend abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Glücklicherweise ereilte das Haus nicht dasselbe Schicksal wie eine Vielzahl anderer historischer Gebäude, die in den 1960er bis 1970er Jahren im Zuge der [[Altstadtsanierung]] abgebrochen wurden. Im Falle des Engenahofs wurde zumindest die Fassade in Richtung [[Marktplatz]] erhalten. Auch die Kellerräumlichkeiten sind nach wie vor ursprünglich. | ||