Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 auf 14 Quadratkilometer wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref> | Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 auf 14 Quadratkilometer wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref> | ||
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge | 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge flohen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder wurden vertrieben. Einige von ihnen fanden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreichte die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese und weitere Missstände in der jungen Demokratie führten dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stieß.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> Ein Jahr später wurde eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später weist die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> Spätestens im Jahre 1927, vereinzelt schon vorher, wurde das judenfeindliche Klima in der Stadt immer rauer. | ||
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entstand 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] (anfangs ''Süderpolder'' genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wurde der Bau [[Leybuchtsiel|eines Siels]] erforderlich. Norden verlor dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] damit an Bedeutung. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] begann, wenngleich dieser langsam erfolgte, da er lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte. | |||
Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Norden insgesamt 45,3 % der Stimmen, bei | Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Norden insgesamt 45,3 % der Stimmen, bei den den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten in der Stadt sogar 48,6 % auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft sowie die anhaltende wirtschaftliche Misere zurückzuführen ist.<ref name=":13" /><ref name=":5">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Schon nach einigen Tagen setzten Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen später kam es zu weiteren Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der [[Gaststätte Zur Börse]] brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Schon am Abend des 30. Januars 1933, dem Tag der ''Machtergreifung'' Hitlers, marschierten die Nationalsozialisten mit einem Fackelzug singend durch die Straßen.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 27</ref> | ||
Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''Peter-Heuer-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''Peter-Heuer-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | ||
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Obgleich auch in Ostfriesland die Not nach dem Krieg groß ist und die Region viele Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen hat, ordneten die Alliierten an, dass die Stadt 150 Fahrräder in einwandfreiem Zustand an die Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu liefern habe. Ferner seien 3.300 Decken abzugeben. Beide Ziele konnten nicht ansatzweise erfüllt werden, was allerdings folgenlos blieb. Um dem Mangel an Brennmaterial zu begegnen, wurde Norder Bürgern auf Antrag eine Moorfläche außerhalb der Stadt zugewiesen, damit diese dort Torf für sich und die Allgemeinheit (im Verhältnis von acht zu zwei Tagewerken) abbauen konnten.<ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 245</ref><ref name=":16">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 76</ref> Dennoch kam es häufig zu Diebstählen von Kohle und Koks am [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhof]].<ref name=":16" /> | Obgleich auch in Ostfriesland die Not nach dem Krieg groß ist und die Region viele Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen hat, ordneten die Alliierten an, dass die Stadt 150 Fahrräder in einwandfreiem Zustand an die Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu liefern habe. Ferner seien 3.300 Decken abzugeben. Beide Ziele konnten nicht ansatzweise erfüllt werden, was allerdings folgenlos blieb. Um dem Mangel an Brennmaterial zu begegnen, wurde Norder Bürgern auf Antrag eine Moorfläche außerhalb der Stadt zugewiesen, damit diese dort Torf für sich und die Allgemeinheit (im Verhältnis von acht zu zwei Tagewerken) abbauen konnten.<ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 245</ref><ref name=":16">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 76</ref> Dennoch kam es häufig zu Diebstählen von Kohle und Koks am [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhof]].<ref name=":16" /> | ||
Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten | Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten allerdings an mindestens drei Tagen die Woche, in jedem Fall aber montags, zu öffnen.<ref name=":16" /> Den örtlichen Bäckereien wurde heimlich aufgetragen, keine Torten im Schaufenster zu präsentieren, um bei den Besatzern nicht den Anschein von Wohlstand in Zeiten der größten Not zu erwecken.<ref name=":17">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 77</ref> Die Vorschriften über diese Energiesparmaßnahmen wurden erst nach Ende des Winters 1948/1949 aufgehoben.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 80</ref> | ||
Nachdem die britische Militärregierung ssss | |||
Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" /> | Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" /> | ||