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=== Beginn und Aufstieg ===
=== Beginn und Aufstieg ===
Nach mehreren verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhunderten, insbesondere der [[Zweite Marcellusflut|Zweiten Marcellusflut]] und der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] erreichte die [[Leybucht]] ihre größte Ausdehnung. Rund um die [[Stadt Norden]] kam es zu Überschwemmungen und Landverlusten. Zahlreiche Menschen starben in den Fluten oder verloren ihre Habe an die Wassermassen, welche sogar bis nach Lütetsburg reichten. Dort zeugen noch immer einige [[Kolk|Kolke]] im Umfeld der heutigen [[Umgehungsstraße]] von der massiven Überschwemmung. Das heutige [[Süderneuland]] wurde vollends überschwemmt und (vorerst) musste dem Meer überlassen werden.
Nach mehreren verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhunderten, insbesondere der [[Zweite Marcellusflut|Zweiten Marcellusflut]] und der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] erreichte die [[Leybucht]] ihre größte Ausdehnung. Rund um die [[Stadt Norden]] kam es zu Überschwemmungen und Landverlusten. Zahlreiche Menschen starben in den Fluten oder verloren ihre Habe an die Wassermassen, welche sogar bis nach Lütetsburg reichten. Dort zeugen noch immer einige [[Kolk|Kolke]] im Umfeld der heutigen [[Umgehungsstraße]] von der massiven Überschwemmung. Das heutige [[Süderneuland]] wurde vollends überschwemmt und (vorerst) musste dem Meer überlassen werden. Erst ab 1425 begannen mit dem Bau des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] Maßnahmen zur Sicherung und schließlich ab 1556 auch Maßnahmen zur Landgewinnung.


Die Fluten führten jedoch auch dazu, dass Norden, welches auf einer erhöhten [[Norder Geestinsel|Geestinsel]] liegt und dessen Kernstadt daher weitestgehend verschont blieb, nun über einen direkten Zugang zum Meer verfügte. Brachten die Fluten noch so viel Unheil mit sich, wussten die Norder die neuen Umstände zu ihrem Vorteil zu Nutzen und errichteten 1376 einen Seehafen an der südlichen Stadtgrenze, die sich damals noch in etwa in Höhe [[Am Alten Siel]] befand.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 17</ref> Die Norder schafften es damit relativ schnell, ihre Randlage für den Aufbau einer Handelsflotte zu nutzen und da ihnen ein unwegsames Hochmoor die Verbindung mit dem Hinterland im Süden stark erschwerte und kein Fluss ihnen die binnenländischen Gebiete öffnete, versuchten sie erfolgreich den Seehandel bis nach Hamburg, Lübeck, Geldern und Flandern.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 44</ref> Später kamen noch weiter entfernte Ziele wie Riga (Lettland), Nowgorod (Russland) und Danzig (Westpreußen, seit 1945 zu Polen) hinzu.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 41</ref>
Die Vergrößerung der Leybucht führte jedoch auch dazu, dass Norden, welches auf einer erhöhten [[Norder Geestinsel|Geestinsel]] liegt und dessen Kernstadt daher weitestgehend verschont blieb, nun über einen direkten Zugang zum Meer verfügte. Brachten die Fluten noch so viel Unheil mit sich, wussten die Norder die neuen Umstände zu ihrem Vorteil zu Nutzen und errichteten 1376 einen Seehafen an der südlichen Stadtgrenze, die sich damals noch in etwa in Höhe [[Am Alten Siel]] befand.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 17</ref>


Schon bald verlieh die Landesherrschaft der Stadt eine eigene Handelsflagge, unter der die Schiffe andere Häfen ansteuerten. Vor allem Seehäfen in der Nord- und Ostsee wurden angefahren. Als Schiffseigentümer treten vor allem weltliche, aber auch kirchliche Herren in Erscheinung, so etwa der Abt des [[Kloster Marienthal|Klosters Marienthal]].<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 41</ref>
Möglich ist, dass Norden schon vor dem Bau des Norder Hafens einen regen Schiffshandel führte. In einer Urkunde vom 7. September 1310, unterzeichnet unter anderem von [[Hunno dictus Onnenga]], wird die Sicherheit des Schiffsverkehrs zwischen dem [[Norderland]] und der Stadt Bremen vertraglich geregelt.<ref>[http://www.cartago.nl/nl/oorkonde/oub0044.xml Digitalisierter Vertrag zwischen dem Norderland und Bremen], abgerufen am 30. März 2021</ref> Dieser Vertrag könnte sich jedoch auch darauf beziehen, die Piraterie zum Nachteil der Hanseatischen Schiffe zu unterbinden. Aber auch die Norder Schiffe wurden Opfer der Piraterie durch direkte oder indirekte Beteiligung mit der Stadt verfeindeter [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]]. So wird im Jahre 1494 der Häuptling Edo Wiemken (Östringen, Rüstringen) von [[Edzard Cirksena|Graf Edzard]] vor einem Bremer Gericht verklagt, da dieser elf Norder Schiffe beschädigt hatte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 33</ref>


Zwar stand die Norder Handesflotte der Emdens stets nach, doch bescherte sie der Stadt lange Zeit eine wirtschaftliche Blüte. In einem Dokument aus dem Jahre 1530 werden die Norder Ausfuhrgüter gerühmt. So wurden in dieser Zeit offenbar vor allem ''"vorzügliche Pferde, große und fette Rinder, butter, Käse, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Seefische, Wolle und Hanf, Honig und Flachs''" ausgeführt.<ref name=":5" /> Weitere wichtige Exportgüter waren Salz, gewonnen aus Salztorf (abgestorbenes, mit Salzwasser vollgesogenes Moor), das in zahlreichen Siedereien in der Umgebung gewonnen wurde sowie Kalk, das man in [[Kalkmühle|Kalkmühlen]] aus Muscheln hergestellte und seinerzeit ein verbreiteter Baustoff war.<ref>Verein für hansische Geschichte (1910): Hansische Geschichtsblätter. Band XVI, Leipzig, S. 280</ref> Eingeführt wurden vor allem Weizen, Roggen, Obst, Zwiebeln, Wein, Tuche und das begehrte ''Hamburger Bier''.<ref name=":5">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 42</ref>  
Die Norder schafften es relativ schnell, ihre Randlage für den Aufbau einer Handelsflotte zu nutzen und da ihnen ein unwegsames Hochmoor die Verbindung mit dem Hinterland im Süden stark erschwerte und kein Fluss ihnen die binnenländischen Gebiete öffnete, versuchten sie erfolgreich den Seehandel bis nach Lübeck, Geldern und Flandern.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 44</ref> Später kamen noch weiter entfernte Ziele wie Riga (Lettland), Nowgorod (Russland) und Danzig (Westpreußen, seit 1945 zu Polen) hinzu.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 41</ref> Regelmäßige Verbindungen bestanden nach Amsterdam, Groningen, Hamburg und Bremen.<ref name=":6">Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 16</ref> Schon bald verlieh die Landesherrschaft der Stadt eine eigene Handelsflagge, unter der die Schiffe andere Häfen ansteuerten. Als Schiffseigentümer treten vor allem weltliche, aber auch kirchliche Herren in Erscheinung, so etwa der Abt des [[Kloster Marienthal|Klosters Marienthal]].<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 41</ref>


Schon früh, im Jahre 1610, erstellte der [[Magistrat]] eine erste Hafenordnung, in der genau geregelt wurde, wer welche Aufgaben im Hafen wahrnehmen durfte.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 24</ref> Diese Hafenrechte wurden jährlich im [[Weinhaus]] versteigert.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19</ref> Zur Überwachung der rechtmäßigen Auslieferung von Getreide und Brenntorf an die Bewohner wurden von der Stadt entsprechend beauftragte Korn- und Torfmesser eingesetzt, die die Menge der Ware feststellen.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 28</ref><ref name=":4">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 144</ref> Für die unmittelbare Abfertigung des Warenumschlags sorgten Sielfuhrleute, Schauerleute (Hafenarbeiter), Zähler und Anschreiber. Letztere hielten die von den Messern festgestellten Mengen akribisch schriftlich fest.<ref name=":4" /> Vorgesetzter aller am Hafen arbeitenden bzw. tätigen Personen war der sogenannte [[Kajemeister]], der zugleich auch für die Sicherheit, insbesondere im Bereich des Brandschutzes, zu sorgen hatte.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 143</ref>
Zwar stand die Norder Handesflotte der Emdens stets nach, doch bescherte sie der Stadt lange Zeit eine wirtschaftliche Blüte. In einem Dokument aus dem Jahre 1530 werden die Norder Ausfuhrgüter gerühmt. So wurden in dieser Zeit offenbar vor allem ''"vorzügliche Pferde, große und fette Rinder, Butter, Käse, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Seefische, Wolle und Hanf, Honig und Flachs''" ausgeführt.<ref name=":5" /> Weitere wichtige Exportgüter waren Salz, gewonnen aus Salztorf (abgestorbenes, mit Salzwasser vollgesogenes Moor), das in zahlreichen Siedereien in der Umgebung gewonnen wurde sowie Kalk, das man in [[Kalkmühle|Kalkmühlen]] aus Muscheln herstellte und das seinerzeit ein verbreiteter Baustoff war.<ref>Verein für hansische Geschichte (1910): Hansische Geschichtsblätter. Band XVI, Leipzig, S. 280</ref> Eingeführt wurden vor allem Weizen, Roggen, Obst, Zwiebeln, Wein, Tuche und das begehrte ''Hamburger Bier''.<ref name=":5">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 42</ref>


Möglich ist, dass Norden schon vor dem Bau des Norder Hafens einen regen Schiffshandel führte. In einer Urkunde vom 7. September 1310, unterzeichnet unter anderem von [[Hunno dictus Onnenga]], wird die Sicherheit des Schiffsverkehrs zwischen dem [[Norderland]] und der Stadt Bremen vertraglich geregelt.<ref>[http://www.cartago.nl/nl/oorkonde/oub0044.xml Digitalisierter Vertrag zwischen dem Norderland und Bremen], abgerufen am 30. März 2021</ref> Dieser Vertrag könnte sich jedoch auch darauf beziehen, die Piraterie zum Nachteil der Hanseatischen Schiffe zu unterbinden. Aber auch die Norder Schiffe wurden Opfer der Piraterie durch direkte oder indirekte Beteiligung mit der Stadt verfeindeter [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]]. So wird im Jahre 1494 der Häuptling Edo Wiemken (Östringen, Rüstringen) von [[Edzard Cirksena|Graf Edzard]] vor einem Bremer Gericht verklagt, da dieser elf Norder Schiffe beschädigt hatte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 33</ref>
Durch die Landgewinnungsmaßnahmen ab 1556 zur Rückgewinnung des [[Süderneuland|Süderneulandes]] wurde das [[Großes Norder Siel|Große Norder Siel]] errichtet und der Hafen um 1570 an seine heutige Stelle verlagert.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 55</ref> In Anbetracht der Tatsache, dass das [[Süderneuland]] ab 1556 zurückgewonnen wurde, ist der Bau des heutigen Hafens in der Zeit zwischen 1556 (Beginn der Eindeichungen) und 1583 (Fertigstellung des [[Neuer Süderdeich|Neuen Süderdeichs]]) zu suchen.<ref name=":7">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 68</ref> Der Norder Hafen wurde auf beiden Seiten mit Deichen geschützt. Um 1585 wurden die Hafenmauer (''Kajung'') und die Zuwegungen befestigt.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 48</ref>
 
Der Norder Hafen wurde auf beiden Seiten mit Deichen geschützt. Um 1585 wurden die Hafenmauer (''Kajung'') und die Zuwegungen befestigt.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 48</ref> Nur wenige Jahre zuvor, etwa um 1570, wurde der Hafen überhaupt erst an seine heutige Stelle verlegt.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 55</ref> In Anbetracht der Tatsache, dass das [[Süderneuland]] ab 1556 zurückgewonnen wurde, ist der Bau des heutigen Hafens in der Zeit zwischen 1556 (Beginn der Eindeichungen) und 1583 (Fertigstellung des [[Neuer Süderdeich|Neuen Süderdeichs]]) zu suchen. Nach der [[Petriflut]] im Jahre 1651 musste die Kajung erneuert werden, da sich zwischenzeitlich sich Holzwürmer am Holzwerk zu schaffen gemacht hatten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 68</ref>


Noch bis in das späte 16. Jahrhundert, insbesondere auch wegen des Krieges zwischen den Niederlanden und Spanien, nutzten niederländische Freibeuter, die sogenannten ''Geusen'', den Norder Hafen als Umschlagplatz für ihre Waren und Liegeplatz. Trotz gräflichen Verbotes wurde dies lange Zeit durch die Norder stillschweigend geduldet, die oftmals selbst von erbeuteter Waren profitierten. Erst als Freibeuter drei Frauen aus dem Groningerland nach Norden verschleppten, rottete sich ein wütender Mob zusammen und brachte die Frauen im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] in Sicherheit. Die Freibeuter planten daraufhin, das Gebäude zu stürmen, woraufhin die Norder zu den Waffen griffen und die Freibeuter vertrieben. Ihre beiden Kapitäne wurden vor dem [[Stadtgericht Norden|Stadtgericht]] angeklagt und nach kurzer Haft hingerichtet.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 47f.</ref> Der amtierende Bürgermeister [[Bernhard von Münster]] wurde wegen Kollaboration mit den Freibeutern aus seinem Amt entlassen.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 49</ref>
Noch bis in das späte 16. Jahrhundert, insbesondere auch wegen des Krieges zwischen den Niederlanden und Spanien, nutzten niederländische Freibeuter, die sogenannten ''Geusen'', den Norder Hafen als Umschlagplatz für ihre Waren und Liegeplatz. Trotz gräflichen Verbotes wurde dies lange Zeit durch die Norder stillschweigend geduldet, die oftmals selbst von erbeuteter Waren profitierten. Erst als Freibeuter drei Frauen aus dem Groningerland nach Norden verschleppten, rottete sich ein wütender Mob zusammen und brachte die Frauen im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] in Sicherheit. Die Freibeuter planten daraufhin, das Gebäude zu stürmen, woraufhin die Norder zu den Waffen griffen und die Freibeuter vertrieben. Ihre beiden Kapitäne wurden vor dem [[Stadtgericht Norden|Stadtgericht]] angeklagt und nach kurzer Haft hingerichtet.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 47f.</ref> Der amtierende Bürgermeister [[Bernhard von Münster]] wurde wegen Kollaboration mit den Freibeutern aus seinem Amt entlassen.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 49</ref>
=== Blütezeit ===
Seit dem 17. Jahrhundert befuhren Norder Schiffe das Meer sogar bis nach Spanien.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66</ref> Im Jahre 1610, erstellte der [[Magistrat]] deshalb eine erste Hafenordnung, in der genau geregelt wurde, wer welche Aufgaben und Rechte im Hafen wahrnehmen durfte.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 24</ref> Diese Hafenrechte wurden jährlich im [[Weinhaus]] versteigert.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19</ref> Zur Überwachung der rechtmäßigen Auslieferung von Getreide und Brenntorf an die Bewohner wurden von der Stadt entsprechend beauftragte Korn- und Torfmesser eingesetzt, die die Menge der Ware feststellen.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 28</ref><ref name=":4">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 144</ref> Für die unmittelbare Abfertigung des Warenumschlags sorgten Sielfuhrleute, Schauerleute (Hafenarbeiter), Zähler und Anschreiber. Letztere hielten die von den Messern festgestellten Mengen akribisch schriftlich fest.<ref name=":4" /> Vorgesetzter aller am Hafen arbeitenden bzw. tätigen Personen war der sogenannte [[Kajemeister]], der zugleich auch für die Sicherheit, insbesondere im Bereich des Brandschutzes, zu sorgen hatte.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 143</ref>


=== Blütezeit ===
Nach der [[Petriflut]] im Jahre 1651 musste die Kajung erneuert werden, da sich zwischenzeitlich sich Holzwürmer am Holzwerk zu schaffen gemacht hatten.<ref name=":7" /> Die Norder Seeflotte muss seinerzeit eine beachtliche Größe gehabt haben. Der wichtigste Handelspartner waren die Niederlande, mit denen Ostfriesland seit jeher enger wirtschaftlich und kulturell war als mit Deutschland, das damals kaum mehr als ein loser Staatenbund zahlreicher kleiner und größerer Staaten war. Dass Ostfriesland nach dem Tod von [[Carl Edzard Cirksena]] an Preußen fiel, schien dem Seehandel keine Nachteile verschafft zu haben. Enge Beziehungen wurden seinerzeit auch mit der Hansestadt Bremen unterhalten, allein 1772 bis 1790 sollen pro Jahr rund 50 Norder Handelsschiffe nach Bremen ausgelaufen sein.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 141</ref>
Seit dem 17. Jahrhundert befuhren Norder Schiffe das Meer sogar bis nach Spanien.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66</ref> Die Norder Seeflotte muss seinerzeit eine beachtliche Größe gehabt haben. Der wichtigste Handelspartner waren die Niederlande, mit denen Ostfriesland seit jeher enger wirtschaftlich und kulturell war als mit Deutschland, das damals kaum mehr als ein loser Staatenbund zahlreicher kleiner und größerer Staaten war. Dass Ostfriesland nach dem Tod von [[Carl Edzard Cirksena]] an Preußen fiel, schien dem Seehandel keine Nachteile verschafft zu haben. Enge Beziehungen wurden seinerzeit auch mit der Hansestadt Bremen unterhalten, allein 1772 bis 1790 sollen pro Jahr rund 50 Norder Handelsschiffe nach Bremen ausgelaufen sein.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 141</ref>


Einen erneuten Zuwachs erlangte die Norder Handelsflotte während des bald folgenden US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776-1783). Zahlreiche niederländische Kaufleute beantragten für Norden das [[Bürgerrecht]], um ihre Waren so unter neutraler Flagge in alle Welt zu verschiffen. Allein vom 30. März bis 10. Juli 1795 erlangten 111 niederländische Schiffer das Norder Bürgerrecht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 78</ref> In dieser Zeit, nämlich 1787 wurden die sogannten ''Beurtfahrten'' (sprich: ''Börtfahrten'') in die Niederlanden dann auch vertraglich festgehalten. Diese Fahrten kann man sich als regelmäßiger Pendelverkehr zwischen den Niederlanden und Norden vorstellen, bei denen in der Regel die immer wiederkehrenden Artikel des täglichen Bedarfs transportiert wurden.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 142</ref>
Einen erneuten Zuwachs erlangte die Norder Handelsflotte während des bald folgenden US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776-1783). Zahlreiche niederländische Kaufleute beantragten für Norden das [[Bürgerrecht]], um ihre Waren so unter neutraler Flagge in alle Welt zu verschiffen. Allein vom 30. März bis 10. Juli 1795 erlangten 111 niederländische Schiffer das Norder Bürgerrecht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 78</ref> In dieser Zeit, nämlich 1787 wurden die sogannten ''Beurtfahrten'' (sprich: ''Börtfahrten'') in die Niederlanden dann auch vertraglich festgehalten. Diese Fahrten kann man sich als regelmäßiger Pendelverkehr zwischen den Niederlanden und Norden vorstellen, bei denen in der Regel die immer wiederkehrenden Artikel des täglichen Bedarfs transportiert wurden.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 142</ref>


1806 kaperten die Engländer und die Franzosen einen Großteil der Norder Handelsflotte, was der Wirtschaft einen schweren Schlag verpasste.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 81</ref> Wenig später fiel Ostfriesland nach dem Sieg Napoleons über die Preußen unter französische Herrschaft. Auch die von Napoleon über England verhängte Kontinentalsperre ab 1810 versetzte dem Norder Seehandel einen schweren Schlag.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18</ref> Zur Kontrolle und der Verhinderung von Schmuggel wurden mehrere Wachthäuser errichtet. Es entstanden ein [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus in Westermarsch]] und ein [[Zollhaus (Westermarsch II)|Zollhaus in Utlandshörn]]. Während das erste vor allem den Seeweg entlang des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] überwachen sollte, hatte das andere in erster Linie den [[Westermarscher Seedeich]] zu überwachen. Doch da die Ostfriesen das Watt und ihr Land besser als die Franzosen kannte, war es für sie trotzdem möglich, umfangreichen Schmuggel zu betreiben.
1806 kaperten die Engländer und die Franzosen einen Großteil der Norder Handelsflotte, was der Wirtschaft einen schweren Schlag verpasste.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 81</ref> Wenig später fiel Ostfriesland nach dem Sieg Napoleons über die Preußen unter französische Herrschaft. Auch die von Napoleon über England verhängte Kontinentalsperre ab 1810 versetzte dem Norder Seehandel einen schweren Schlag.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18</ref> Zur Kontrolle und der Verhinderung von Schmuggel wurden mehrere Wachthäuser errichtet. Es entstanden beispielsweise ein [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus in Westermarsch]] und ein [[Zollhaus (Westermarsch II)|Zollhaus in Utlandshörn]]. Während das erste vor allem den Seeweg entlang des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] überwachen sollte, hatte das andere in erster Linie den [[Westermarscher Seedeich]] zu überwachen. Doch da die Ostfriesen das Watt und ihr Land besser als die Franzosen kannte, war es für sie trotzdem möglich, umfangreichen Schmuggel zu betreiben.


Einhergehend mit der Gründung der [[Norder Fehngesellschaft]] im Jahr 1794 entstand der [[Berumerfehnkanal]], der von [[Norderfehn]] (heute Berumerfehn) bis in den Hafen führte. So wurde der Hafen fortan auch von Torfkähnen angesteuert und stellte die Versorgung der Stadt mit dem damals wichtigsten Brennmaterial sicher, das bis dahin umständlich und kostenintensiv aus den Niederlanden und dem Saterland beschafft werden musste. Überschüssiger Torf wurde exportiert.<ref name=":3" />
Einhergehend mit der Gründung der [[Norder Fehngesellschaft]] im Jahr 1794 entstand der [[Berumerfehnkanal]], der von [[Norderfehn]] (heute Berumerfehn) bis in den Hafen führte. So wurde der Hafen fortan auch von Torfkähnen angesteuert und stellte die Versorgung der Stadt mit dem damals wichtigsten Brennmaterial sicher, das bis dahin umständlich und kostenintensiv aus den Niederlanden und dem Saterland beschafft werden musste. Überschüssiger Torf wurde exportiert.<ref name=":3" />
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=== Niedergang ===
=== Niedergang ===
Bis weit in das 19. Jahrhundert hatte der Hafen eine herausragende Bedeutung für die wirtschaftliche Blüte der Stadt, noch 1817 liefen jährlich über 80 Schiffe ein und aus, 1862 sogar 559.<ref name=":0" /> 1900 jedoch nur noch 172.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 25</ref> Durch zunehmende Verlandung des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] infolge natürlicher Verschlickung sowie zahlreicher [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] rund um die [[Leybucht]] entwickelte sich der Norder Hafen im 20. Jahrhundert zu einem Binnenhafen ohne direkten Zugang zum Meer. Der Niedergang vollzog sich langsam, war aber schon früh abzusehen. Bereits 1840 nur noch 12 seetüchtige Segelschiffe in Norden beiheimatet. Nachfolgend wurde diese durch Dampfschiffe verdrängt. Die alte Kajung wurde letztmalig 1894 ausgebessert und 1933 bis 1934 durch die Anlage einer Eisenspundwand erneuert. Zugleich wurde die Wand tiefergelegt als die alte Hafenmauer, da der Hafen nun nicht mehr den unregulierten Fluten der Nordsee ausgesetzt war.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 88</ref>  
Bis weit in das 19. Jahrhundert hatte der Hafen eine herausragende Bedeutung für die wirtschaftliche Blüte der Stadt, noch 1817 liefen jährlich über 80 Schiffe ein und aus, 1862 sogar 559.<ref name=":0" /> 1900 waren es nur 172.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 25</ref> 1911 liefen bereits wieder 278 Schiffe ein und 279 aus.<ref name=":6" /> Durch zunehmende Verlandung des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] infolge natürlicher Verschlickung sowie zahlreicher [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] rund um die [[Leybucht]] entwickelte sich der Norder Hafen im 20. Jahrhundert jedoch schließlich zu einem Binnenhafen ohne direkten Zugang zum Meer. Der Niedergang vollzog sich langsam, war aber schon früh abzusehen. Bereits 1840 nur noch 12 seetüchtige Segelschiffe in Norden beiheimatet. Nachfolgend wurde diese durch Dampfschiffe verdrängt. Die alte Kajung wurde letztmalig 1894 ausgebessert und 1933 bis 1934 durch die Anlage einer Eisenspundwand erneuert. Zugleich wurde die Wand tiefergelegt als die alte Hafenmauer, da der Hafen nun nicht mehr den unregulierten Fluten der Nordsee ausgesetzt war.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 88</ref>  


Mit dem Bau des [[Leybuchtsiel|Leybuchtsiels]] im Jahr 1929 verlor der Hafen endgültig seine Bedeutung als Seehafen, da der Zugang zum Meer nun durch diese Schleuse unmittelbar eingeschränkt war und diese nur von kleinen Schiffen passiert werden kann. Auch das Zollhaus verlor seine Bedeutung als solches und wurde bis zu ihrer Restaurierung um die Jahrtausendwende dem Verfall überlassen. Die letzte Flut lief am 25. Juli 1929 im Norder Hafen ein, das letzte größere Schiff, der Dreimastschoner ''Antje'' verließ den Norder Hafen im Jahre 1932.<ref name=":1" /><ref name=":2">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 25</ref> Im selben Jahr wurde das sogenannte [[Zweites Siel|Zweite Siel]] abgerissen.<ref>Schreiber, Gretje (2011): Das Norder Hafengebiet und seine beiden Häfen im 16. Jahrhundert, Manuskript</ref> Nur noch der steinerne Oberbau blieb erhalten. Nun fahren nur noch kleine Schiffe den Hafen gewerblich an, ehe auch dies 1962 ein Ende findet, nachdem das Schöpfwerk am Leybuchtsiel in Betrieb genommen wurde.<ref name=":2" />
Mit dem Bau des [[Leybuchtsiel|Leybuchtsiels]] im Jahr 1929 verlor der Hafen endgültig seine Bedeutung als Seehafen, da der Zugang zum Meer nun durch diese Schleuse unmittelbar eingeschränkt war und diese nur von kleinen Schiffen passiert werden kann. Auch das Zollhaus verlor seine Bedeutung als solches und wurde bis zu ihrer Restaurierung um die Jahrtausendwende dem Verfall überlassen. Die letzte Flut lief am 25. Juli 1929 im Norder Hafen ein, das letzte größere Schiff, der Dreimastschoner ''Antje'' verließ den Norder Hafen im Jahre 1932.<ref name=":1" /><ref name=":2">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 25</ref> Im selben Jahr wurde das sogenannte [[Zweites Siel|Zweite Siel]] abgerissen.<ref>Schreiber, Gretje (2011): Das Norder Hafengebiet und seine beiden Häfen im 16. Jahrhundert, Manuskript</ref> Nur noch der steinerne Oberbau blieb erhalten. Nun fahren nur noch kleine Schiffe den Hafen gewerblich an, ehe auch dies 1962 ein Ende findet, nachdem das Schöpfwerk am Leybuchtsiel in Betrieb genommen wurde.<ref name=":2" />