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Unter den Söhnen von Anna und Enno II. kommt es zu großen Streitigkeiten. Anna schaffte die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) ab, sodass [[Edzard II. Cirksena]] und [[Johann II. Cirksena]] gemeinsam regierten. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der evangelisch-lutherischen, Johann II. der calvinistischen (evangelisch-reformierten) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands dadurch kaum.
Unter den Söhnen von Anna und Enno II. kommt es zu großen Streitigkeiten. Anna schaffte die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) ab, sodass [[Edzard II. Cirksena]] und [[Johann II. Cirksena]] gemeinsam regierten. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der evangelisch-lutherischen, Johann II. der calvinistischen (evangelisch-reformierten) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands dadurch kaum.
 
[[Datei:Bargebur Bargeburer Kirche Alter Postweg Kirchpfad Heerstraße 1905 01.jpg|links|mini|265x265px|Die [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] zu [[Bargebur]].]]
Die Reformation erbrachte in Norden einen teilweise erbittert geführten Streit zwischen calvinistischen Protestanten und Lutheranern. Die kurze Zeit später erlassene Regelung ''Cuius regio, eius religio'' wurde in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren. In dieser Gemengelage stritten in Norden lutherisch Gesinnte und Calvinisten (Reformierte) erbittert über die Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die lutherischen Geistlichen durch (siehe auch: [[Ludgerigemeinde Norden#Geschichte|Geschichte der Luderigemeinde Norden]]).
Die Reformation erbrachte in Norden einen teilweise erbittert geführten Streit zwischen calvinistischen Protestanten und Lutheranern. Die kurze Zeit später erlassene Regelung ''Cuius regio, eius religio'' wurde in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren. In dieser Gemengelage stritten in Norden lutherisch Gesinnte und Calvinisten (Reformierte) erbittert über die Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die lutherischen Geistlichen durch (siehe auch: [[Ludgerigemeinde Norden#Geschichte|Geschichte der Luderigemeinde Norden]]).


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1866 kam Ostfriesland mit dem Verlust der Eigenständigkeit des hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer war zu dieser Zeit stark verlandet und die Bedeutung des [[Norder Hafen|Norder Hafens]] dadurch deutlich geringer als noch in den Jahren zuvor. Gleichzeitig begann die Bedeutung des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] zu stiegen. Die Stadt selbst war mittlerweile nur noch über das [[Norder Tief]] mit dem Meer verbunden, da die [[Leybucht]] durch [[Liste der Eindeichungen|stetige Eindeichungen]] immer weiter verkleinert wurde. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sank stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wurde der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment widersinnig klingen, aber die massiven Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos.
1866 kam Ostfriesland mit dem Verlust der Eigenständigkeit des hannoverschen Königreichs wieder zu Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer war zu dieser Zeit stark verlandet und die Bedeutung des [[Norder Hafen|Norder Hafens]] dadurch deutlich geringer als noch in den Jahren zuvor. Gleichzeitig begann die Bedeutung des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] zu stiegen. Die Stadt selbst war mittlerweile nur noch über das [[Norder Tief]] mit dem Meer verbunden, da die [[Leybucht]] durch [[Liste der Eindeichungen|stetige Eindeichungen]] immer weiter verkleinert wurde. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sank stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wurde der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment widersinnig klingen, aber die massiven Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos.
 
[[Datei:Hafenstraße Bahnhof Norddeich um 1920 01.jpg|mini|Der [[Bahnhof Norddeich]] in den 1920er Jahren.]]
Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt [[Norddeich Mole]], weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Herbst 1883 zog die Stadtverwaltung in das zugekaufte [[Rathaus|Neue Rathaus]]. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wurde, kommt es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman III.]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]]. Im Jahr 1889 begann der Bau der ersten [[Mole Norddeich|Hafenmole]] in [[Norddeich]]. 1898 wurde erstmals das [[Fernsprechnetz]] (Telefon) nach Norden ausgebaut.
Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis zum Norddeicher Fähranleger, genannt [[Norddeich Mole]], weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln an Bedeutung. Im Herbst 1883 zog die Stadtverwaltung in das zugekaufte [[Rathaus|Neue Rathaus]]. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] bestand. Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wurde, kommt es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman III.]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]]. Im Jahr 1889 begann der Bau der ersten [[Mole Norddeich|Hafenmole]] in [[Norddeich]]. 1898 wurde erstmals das [[Fernsprechnetz]] (Telefon) nach Norden ausgebaut.


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Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''Peter-Heuer-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref>
Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''Peter-Heuer-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref>
 
[[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|links|mini|Prangermarsch von [[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] an der [[Osterstraße]].]]
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney hingegen blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney hingegen blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
 
[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]]
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Es gab mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden Kriegsgefangene in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]] und der [[Eisenhütte]] eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der ''Heimatflak'' wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]].
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Es gab mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden Kriegsgefangene in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]] und der [[Eisenhütte]] eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der ''Heimatflak'' wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]].


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Obgleich auch in Ostfriesland die Not nach dem Krieg groß ist und die Region viele Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen hat, ordneten die Alliierten an, dass die Stadt 150 Fahrräder in einwandfreiem Zustand an die Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu liefern habe. Ferner seien 3.300 Decken abzugeben. Beide Ziele konnten nicht ansatzweise erfüllt werden, was allerdings folgenlos blieb. Um dem Mangel an Brennmaterial zu begegnen, wurde Norder Bürgern auf Antrag eine Moorfläche außerhalb der Stadt zugewiesen, damit diese dort Torf für sich und die Allgemeinheit (im Verhältnis von acht zu zwei Tagewerken) abbauen konnten.<ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 245</ref><ref name=":16">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 76</ref> Dennoch kam es häufig zu Diebstählen von Kohle und Koks am [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhof]].<ref name=":16" />
Obgleich auch in Ostfriesland die Not nach dem Krieg groß ist und die Region viele Flüchtlinge und Vertriebene zu versorgen hat, ordneten die Alliierten an, dass die Stadt 150 Fahrräder in einwandfreiem Zustand an die Bergarbeiter im Ruhrgebiet zu liefern habe. Ferner seien 3.300 Decken abzugeben. Beide Ziele konnten nicht ansatzweise erfüllt werden, was allerdings folgenlos blieb. Um dem Mangel an Brennmaterial zu begegnen, wurde Norder Bürgern auf Antrag eine Moorfläche außerhalb der Stadt zugewiesen, damit diese dort Torf für sich und die Allgemeinheit (im Verhältnis von acht zu zwei Tagewerken) abbauen konnten.<ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 245</ref><ref name=":16">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 76</ref> Dennoch kam es häufig zu Diebstählen von Kohle und Koks am [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhof]].<ref name=":16" />


Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten allerdings an mindestens drei Tagen die Woche, in jedem Fall aber montags, zu öffnen.<ref name=":16" /> Den örtlichen Bäckereien wurde heimlich aufgetragen, keine Torten im Schaufenster zu präsentieren, um bei den Besatzern nicht den Anschein von Wohlstand in Zeiten der größten Not zu erwecken.<ref name=":17">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 77</ref> Die Vorschriften über diese Energiesparmaßnahmen wurden erst nach Ende des Winters 1948/1949 aufgehoben.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 80</ref>
Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten al
 
lerdings an mindestens drei Tagen die Woche, in jedem Fall aber montags, zu öffnen.<ref name=":16" /> Den örtlichen Bäckereien wurde heimlich aufgetragen, keine Torten im Schaufenster zu präsentieren, um bei den Besatzern nicht den Anschein von Wohlstand in Zeiten der größten Not zu erwecken.<ref name=":17">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 77</ref> Die Vorschriften über diese Energiesparmaßnahmen wurden erst nach Ende des Winters 1948/1949 aufgehoben.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 80</ref>


Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" />
Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" />