Kloster Marienthal: Unterschied zwischen den Versionen
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Das '''Kloster Marienthal''' (lateinisch: ''Vallis sanctae Mariae'') war ein vom katholischen Benediktinerorden am damaligen Stadtrand gegründetes Kloster. Der friesische Geschichtsschreiber Eggerik Beninga schreibt die Gründung des Klosters dem Heiligen Sankt Hatebrand zu, der 1198 verstarb. Diese These konnte jedoch bis heute nicht eindeutig belegt werden. Das Kloster war der Heiligen Maria, Mutter von Jesus Christus, geweiht. Der Bestandteil ''-t(h)al'' geht auf die im Vergleich zur Kernstadt Norden, die auf dem höchsten Punkt der [[Norder Geestinsel]] errichtet wurde, leicht abgesenkte, talähnliche Lage zurück. | Das '''Kloster Marienthal''' (lateinisch: ''Vallis sanctae Mariae'') war ein vom katholischen Benediktinerorden am damaligen Stadtrand gegründetes Kloster. Der friesische Geschichtsschreiber Eggerik Beninga schreibt die Gründung des Klosters dem Heiligen Sankt Hatebrand zu, der 1198 verstarb. Diese These konnte jedoch bis heute nicht eindeutig belegt werden. Das Kloster war der Heiligen Maria, Mutter von Jesus Christus, geweiht. Der Bestandteil ''-t(h)al'' geht auf die im Vergleich zur Kernstadt Norden, die auf dem höchsten Punkt der [[Norder Geestinsel]] errichtet wurde, leicht abgesenkte, talähnliche Lage zurück. | ||
Im Kloster Marienthal wurde 1255 der [[Norder Vertrag]] unterzeichnet, der oftmals fälschlicherweise als Gründungsvertrag bzw. -datum der [[Stadt Norden]] angesehen wird. Diese ist jedoch wesentlich älter. | Im Kloster Marienthal wurde 1255 der [[Norder Vertrag]] unterzeichnet, der oftmals fälschlicherweise als Gründungsvertrag bzw. -datum der [[Stadt Norden]] angesehen wird. Diese ist jedoch wesentlich älter. In Abgrenzung zum jüngeren [[Kloster Norden]] wurde Marienthal auch ''Olde Kloster'', also ''Altes Kloster'', genannt. | ||
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
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1529 wurde das Kloster im Zuge der seit 1527 in Norden Einzug haltenden Reformation säkularisiert, verlor also seine Bedeutung als solches und wurde ''verweltlicht''.<ref name=":2" /> 1531 fiel [[Balthasar von Esens]] in Norden ein. Seine Truppen zerstörten eine Vielzahl an Gebäuden in Norden, so zum Beispiel die [[Andreaskirche]] und das [[Altes Rathaus|Alte Rathaus]]. Auch plünderte er das Kloster und zerstörte dabei die Grablege der mit ihm verfeindeten [[Cirksena|Cirksenas]].<ref name=":2" /> In diesem Jahr lebten noch ein Mönch und eine Nonne in Marienthal, die wohl dem Kloster Thedinga in Leer unterstellt waren. Die anderen Mönche und Nonnen, von denen es 1530 noch rund 120 gegeben haben soll, zogen zuvor größtenteils in andere Klöster, etwa das Kloster Selward bei Groningen, um.<ref name=":1" /> Der letzte Abt in Norden war [[Gerardus Synellius]]. Er wurde 1512 in sein Amt eingeführt und war am 1. Januar 1527 anlässlich der [[Norder Disputation]] der einzige Geistliche, der den ''alten Glauben'' und die katholische Kirche verteidigte. Doch stand er allein dar, die Reformation setzte sich durch. Seitdem ist Norden weitestgehend evangelisch geprägt. Synellius verließ das Kloster Marienthal vermutlich noch im gleichen Jahr, blieb aber bis zu seinem Tode im Jahre 1552 in Norden, weshalb davon ausgegangen wird, dass er keine weiteren Widerstandsbestrebungen gegen die Reformation vorbrachte.<ref name=":03">Tielke, Martin: Gerardus Synellius. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Ostfriesische Landschaft, Aurich</ref> | 1529 wurde das Kloster im Zuge der seit 1527 in Norden Einzug haltenden Reformation säkularisiert, verlor also seine Bedeutung als solches und wurde ''verweltlicht''.<ref name=":2" /> 1531 fiel [[Balthasar von Esens]] in Norden ein. Seine Truppen zerstörten eine Vielzahl an Gebäuden in Norden, so zum Beispiel die [[Andreaskirche]] und das [[Altes Rathaus|Alte Rathaus]]. Auch plünderte er das Kloster und zerstörte dabei die Grablege der mit ihm verfeindeten [[Cirksena|Cirksenas]].<ref name=":2" /> In diesem Jahr lebten noch ein Mönch und eine Nonne in Marienthal, die wohl dem Kloster Thedinga in Leer unterstellt waren. Die anderen Mönche und Nonnen, von denen es 1530 noch rund 120 gegeben haben soll, zogen zuvor größtenteils in andere Klöster, etwa das Kloster Selward bei Groningen, um.<ref name=":1" /> Der letzte Abt in Norden war [[Gerardus Synellius]]. Er wurde 1512 in sein Amt eingeführt und war am 1. Januar 1527 anlässlich der [[Norder Disputation]] der einzige Geistliche, der den ''alten Glauben'' und die katholische Kirche verteidigte. Doch stand er allein dar, die Reformation setzte sich durch. Seitdem ist Norden weitestgehend evangelisch geprägt. Synellius verließ das Kloster Marienthal vermutlich noch im gleichen Jahr, blieb aber bis zu seinem Tode im Jahre 1552 in Norden, weshalb davon ausgegangen wird, dass er keine weiteren Widerstandsbestrebungen gegen die Reformation vorbrachte.<ref name=":03">Tielke, Martin: Gerardus Synellius. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Ostfriesische Landschaft, Aurich</ref> | ||
1548 ließ Gräfin [[Anna von Oldenburg]], damals Herrscherin über Ostfriesland, die Familiengruft der Grafen in Ostfriesland in der Großen Kirche in Emden anlegen und die Gebeine der in Marienthal beerdigten Cirksena dorthin umbetten.<ref>Friedländer, Ernst (1875): Anna, Gräfin von Ostfriesland. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 468f.</ref> Ab 1555 diente das ehemalige Torflagerhaus (''Torfhaus'') des Klosters als erster Sitz des [[Armenverband Norden|Armenverbandes Norden]]. Das Torfhaus war damit direkter Vorläufer des als ''Gasthaus'' bezeichneten [[Gasthaus|Armenhauses]].<ref>Schreiber, Gretje (1996): Das große Gasthaus in Norden, in: Heim und Herd, Beilage zum Ostfriesischen Kurier vom 3. Februar 1996, S. 1ff.</ref> Im selben Jahr verließen die letzten fünf Klosterinsassen selbiges.<ref name=":6">Cremer, Ufke (1995): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 21</ref> | 1548 ließ Gräfin [[Anna von Oldenburg]], damals Herrscherin über Ostfriesland, die Familiengruft der Grafen in Ostfriesland in der Großen Kirche in Emden anlegen und die Gebeine der in Marienthal beerdigten Cirksena dorthin umbetten.<ref>Friedländer, Ernst (1875): Anna, Gräfin von Ostfriesland. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 1, Duncker & Humblot, Leipzig 1875, S. 468f.</ref> Ab 1555 diente das ehemalige Torflagerhaus (''Torfhaus'') sowie das Brauhaus des Klosters als erster Sitz des [[Armenverband Norden|Armenverbandes Norden]]. Das Torfhaus war damit direkter Vorläufer des als ''Gasthaus'' bezeichneten [[Gasthaus|Armenhauses]].<ref>Schreiber, Gretje (1996): Das große Gasthaus in Norden, in: Heim und Herd, Beilage zum Ostfriesischen Kurier vom 3. Februar 1996, S. 1ff.</ref><ref name=":8">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 97</ref> Im selben Jahr verließen die letzten fünf Klosterinsassen, ''Pater Vinzens'' und vier Nonnen, selbiges.<ref name=":8" /><ref name=":6">Cremer, Ufke (1995): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 21</ref> | ||
1557 wurden die Gebäude abgerissen und ihre Steine für den Bau von Befestigungsanlagen, insbesondere eines sogenannten ''Zwingers'', in Aurich genutzt. Zum Abriss der Klosterkirche wurden die Fundamente ähnlich wie jene im Kloster Ihlow gezielt untergraben, um sie in Richtung Süden einstürzen zu lassen. Dadurch sollte eine Beschädigung der nördlich gelegenen Klausur (Rückzugsort der Mönche) vermieden werden.<ref name=":4" /> Das Archiv ist nach Angaben der letzten verbliebenen Nonnen dem Wunsch des verstorbenen Abtes entsprechend ins Ausland geschafft worden. Seither fehlt von ihm, wie auch von der Bibliothek, jede Spur.<ref name=":5" /> Es liegt nahe, dass die Schriften in die Niederlanden geschafft wurden, da Ostfriesland lange Zeit kulturell und sprachlich eher mit den Niederlanden als mit Deutschland bzw. dem losen Staatenverbund, das es seinerzeit war, verwandt war. | 1557 wurden die Gebäude abgerissen und ihre Steine für den Bau von Befestigungsanlagen, insbesondere eines sogenannten ''Zwingers'', in Aurich genutzt. Zum Abriss der Klosterkirche wurden die Fundamente ähnlich wie jene im Kloster Ihlow gezielt untergraben, um sie in Richtung Süden einstürzen zu lassen. Dadurch sollte eine Beschädigung der nördlich gelegenen Klausur (Rückzugsort der Mönche) vermieden werden.<ref name=":4" /> Das Archiv ist nach Angaben der letzten verbliebenen Nonnen dem Wunsch des verstorbenen Abtes entsprechend ins Ausland geschafft worden. Seither fehlt von ihm, wie auch von der Bibliothek, jede Spur.<ref name=":5" /> Es liegt nahe, dass die Schriften in die Niederlanden geschafft wurden, da Ostfriesland lange Zeit kulturell und sprachlich eher mit den Niederlanden als mit Deutschland bzw. dem losen Staatenverbund, das es seinerzeit war, verwandt war. | ||
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Mehrfach traten die Äbte von Marienthal fortan in führender Position als Zeuge für die Cirksena auf. Möglicherweise waren sie sogar Berater und enge Vertraute dieses Häuptlingsgeschlechts.<ref name=":2" /> So unterschrieb beispielsweise ''Abt Poppo'' am 20. Mai 1436 die Urkunde, mit der [[Edzard II. Cirksena|Edzard II.]] die Herrschaft über das [[Norderland]] übernahm. Ein weiteres Mal tritt Poppo am 28. April 1440 als erster Zeuge in einer Urkunde auf, in der ''Wibet von Stedesdorf'' zugunsten von [[Ulrich Cirksena]] auf Esens verzichtet.<ref name=":1" /> | Mehrfach traten die Äbte von Marienthal fortan in führender Position als Zeuge für die Cirksena auf. Möglicherweise waren sie sogar Berater und enge Vertraute dieses Häuptlingsgeschlechts.<ref name=":2" /> So unterschrieb beispielsweise ''Abt Poppo'' am 20. Mai 1436 die Urkunde, mit der [[Edzard II. Cirksena|Edzard II.]] die Herrschaft über das [[Norderland]] übernahm. Ein weiteres Mal tritt Poppo am 28. April 1440 als erster Zeuge in einer Urkunde auf, in der ''Wibet von Stedesdorf'' zugunsten von [[Ulrich Cirksena]] auf Esens verzichtet.<ref name=":1" /> | ||
Das Kloster war zudem einer der größten Grundeigentümer der Stadt und verfügte über umfangreiche Ländereien, die auch ''Klosterland'' oder ''Kirchenland'' genannt wurden. Dazu kamen vier Bauernhöfe (Vorwerke), die dem Kloster gehörten. Diese konzentrierten sich vor allem auf das Gebiet der [[Lintelermarsch]]. Vorwerke des Klosters waren zum Beispiel die Höfe in [[Osterloog]] und [[Westerloog]] sowie der [[Hof Armenplatz|Armenplaats]]. Durch diesen sehr umfangreichen Besitz, der sich vor allem auch aus Schenkungen zusammensetzte und dem Kloster sehr hohe Einnahmen (1530: Mehr als 3.000 Gulden), grenzten sich die handwerklich und landwirtschaftlich tätigen Benediktiner deutlich von den [[Kloster Norden|Dominikanern]] ab. Die Dominikaner galten als reiner Prediger- und Bettlerorden, der sich ausschließlich aus Spenden finanzieren (sollte).<ref name=":3">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Norden, S. 9ff.</ref> Insgesamt umfassten die sich im (ehemaligen) Klosterbesitz befindlichen Ländereien noch im Jahre 1613 eine Fläche von mindestens 1109,5 [[Diemat]], was ungefähr | Das Kloster war zudem einer der größten Grundeigentümer der Stadt und verfügte über umfangreiche Ländereien, die auch ''Klosterland'' oder ''Kirchenland'' genannt wurden. Dazu kamen vier Bauernhöfe (Vorwerke), die dem Kloster gehörten. Diese konzentrierten sich vor allem auf das Gebiet der [[Lintelermarsch]]. Vorwerke des Klosters waren zum Beispiel die Höfe in [[Osterloog]] und [[Westerloog]] sowie der [[Hof Armenplatz|Armenplaats]]. Durch diesen sehr umfangreichen Besitz, der sich vor allem auch aus Schenkungen zusammensetzte und dem Kloster sehr hohe Einnahmen (1530: Mehr als 3.000 Gulden), grenzten sich die handwerklich und landwirtschaftlich tätigen Benediktiner deutlich von den [[Kloster Norden|Dominikanern]] ab. Die Dominikaner galten als reiner Prediger- und Bettlerorden, der sich ausschließlich aus Spenden finanzieren (sollte).<ref name=":3">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Norden, S. 9ff.</ref> Insgesamt umfassten die sich im (ehemaligen) Klosterbesitz befindlichen Ländereien noch im Jahre 1613 eine Fläche von mindestens 1109,5 [[Diemat]], was ungefähr 628 Hektar entspricht.<ref name=":5" /><ref name=":6" /> | ||
Darüber hinaus scheint das Kloster einen regen, regionalen und überregionalen Handel betrieben zu haben. So erscheint das Kloster gegen Ende des 15. Jahrhunderts als Eigentümer mehrerer Schiffe und Ladungen im Schiffsregister des [[Norder Hafen|Norder Hafens]].<ref name=":7">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 33</ref> | Darüber hinaus scheint das Kloster einen regen, regionalen und überregionalen Handel betrieben zu haben. So erscheint das Kloster gegen Ende des 15. Jahrhunderts als Eigentümer mehrerer Schiffe und Ladungen im Schiffsregister des [[Norder Hafen|Norder Hafens]].<ref name=":7">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 33</ref> | ||