Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Ob es in Norden jemals eine formelle Stadtrechtsverleihung gab, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Naheliegend ist, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Ob es in Norden jemals eine formelle Stadtrechtsverleihung gab, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Naheliegend ist, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | ||
Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten, wie etwa die [[Erste Dionysiusflut]], im 14. Jahrhundert, das auch als ''Jahrhundert der Sturmfluten'' in die Geschichte einging. Sie führten dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf [[Westeel]] müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen [[Süderneuland|Süderneulands]] wurden an die Fluten verloren. Hinzu kam eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360]], die weitere Todesopfer forderte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326</ref> Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]] über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit zu tun hatte, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. | Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten, wie etwa die [[Erste Dionysiusflut]], im 14. Jahrhundert, das auch als ''Jahrhundert der Sturmfluten'' in die Geschichte einging. Sie führten dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf [[Westeel]] müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen [[Süderneuland|Süderneulands]] wurden an die Fluten verloren. Hinzu kam eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360]], die weitere Todesopfer forderte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326</ref> Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]] über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit zu tun hatte, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. Bei ihrer größten Ausdehnung reichte die Leybucht bis nach Lütetsburg, wie noch heute an den Kolken im Umfeld der [[Umgehungsstraße]] erkennbar ist. | ||
In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran (zunächst) die [[Idzinga]]. Später fiel Norden an die [[tom Brook]] aus dem Brookmerland, dann an die [[Focko Ukena|Ukena]] aus Leer und schließlich an die [[Cirksena]], die sich nach der [[Schlacht von Bargebur]] als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena, die ursprünglich aus Greetsiel kamen, war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum in das zentralere Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der [[Norder Hafen]] entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert (und teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert) hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren. | In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran (zunächst) die [[Idzinga]]. Später fiel Norden an die [[tom Brook]] aus dem Brookmerland, dann an die [[Focko Ukena|Ukena]] aus Leer und schließlich an die [[Cirksena]], die sich nach der [[Schlacht von Bargebur]] als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena, die ursprünglich aus Greetsiel kamen, war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum in das zentralere Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der [[Norder Hafen]] entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert (und teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert) hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren. | ||