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Die '''Polizei Norden''' (früher: ''Stadtgarde'', ''Stadtwache'') blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Seit Oktober 1945 hat sie ihren Sitz in den historisch bedeutsamen Gebäuden [[Engenahof|Am Markt 10]] (''Engenahof'') und (seit Anfang der 1980er Jahre) auch [[Weinhaus|Am Markt 38]] (Weinhaus). Als ''Polizeikommissariat Norden'' ist die Norder Polizei heute zuständig für das Gebiet des [[Landkreis Norden|Altkreises Norden]], wobei jede Gemeinde zusätzlich über eine eigene Polizeistation verfügt.
Die '''Polizei Norden''' (früher: ''Stadtgarde'', ''Stadtwache'') blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Seit Oktober 1945 hat sie ihren Sitz in den historisch bedeutsamen Gebäuden [[Engenahof|Am Markt 10]] (''Engenahof'') und (seit Anfang der 1980er Jahre) auch [[Weinhaus|Am Markt 38]] (Weinhaus). Als ''Polizeikommissariat Norden'' ist die Norder Polizei heute zuständig für das Gebiet des [[Landkreis Norden|Altkreises Norden]], wobei jede Gemeinde zusätzlich über eine eigene Polizeistation verfügt.


Vor dem Aufkommen eines Polizeiwesens, das dem heutigen mehr oder minder nahekommt, lag die Polizeigewalt beim Landesherren, beim [[Amtsverwalter]] sowie beim [[Magistrat]] und den von ihnen zur Unterstützung beigestellten ''Stadtdienern''. Später gab es paramilitärische Organisationen wie etwa eine [[Bürgerkompanie]] oder Gendarmerien, die das städtische Sicherheitsorgan unterstützten oder ergänzten.
Vor dem Aufkommen eines Polizeiwesens, das dem heutigen mehr oder minder nahekommt, lag die Polizeigewalt beim Landesherren, beim [[Amtsverwalter]] sowie beim [[Bürgermeister]] bzw. dem [[Magistrat]] nebst der ihnen zur Unterstützung beigestellten ''Stadtdienern''. Später gab es paramilitärische Organisationen wie etwa eine [[Bürgerkompanie]] oder Gendarmerien, die das städtische Sicherheitsorgan unterstützten oder ergänzten.


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Am 3. Mai 1945 versammelten sich Norder Bürger vor dem [[Rathaus]] und fordern die kampflose Übergabe der Stadt an die Allierten. Die Polizei löste die Versammlung auf, am Folgetag kam es dennoch zu einer erneuten Zusammenkunft. Partei und [[Bürgermeister]] sahen die ausweglose Situation schließlich ein und erklären Norden zur offenen Stadt. Noch am selben Tag trafen kanadische Truppen ein und besetzen Norden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> Um die öffentliche Sicherheit aufrechterhalten zu können, taten sich die Norder Beamten mit Angehörigen der Wehrmacht und der [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] zusammen und gingen einige Tage gemeinsam auf Streife.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 44</ref> Nur wenig später wurden Polizei und Wehrmacht entwaffnet und faktisch aufgelöst.[[Datei:NWZ 03081945 01.jpg|links|mini|Zeitungs- bzw. Polizeibericht (unterer Teil) der Nordwest Zeitung vom 3. August 1945.]]
Am 3. Mai 1945 versammelten sich Norder Bürger vor dem [[Rathaus]] und fordern die kampflose Übergabe der Stadt an die Allierten. Die Polizei löste die Versammlung auf, am Folgetag kam es dennoch zu einer erneuten Zusammenkunft. Partei und [[Bürgermeister]] sahen die ausweglose Situation schließlich ein und erklären Norden zur offenen Stadt. Noch am selben Tag trafen kanadische Truppen ein und besetzen Norden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> Um die öffentliche Sicherheit aufrechterhalten zu können, taten sich die Norder Beamten mit Angehörigen der Wehrmacht und der [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] zusammen und gingen einige Tage gemeinsam auf Streife.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 44</ref> Nur wenig später wurden Polizei und Wehrmacht entwaffnet und faktisch aufgelöst.[[Datei:NWZ 03081945 01.jpg|links|mini|Zeitungs- bzw. Polizeibericht (unterer Teil) der Nordwest Zeitung vom 3. August 1945.]]
===Britische Besatzungszeit===
===Britische Besatzungszeit===
Polizeimeister Limbach führte daraufhin gemeinsam mit Bürgermeister [[Wilhelm Meyer-Degering]] und dem Landrat die Verhandlungen mit den Alliierten, bei denen die Besatzungsoffiziere die Abgabe aller Waffen sowie die vorläufige Schließung des [[Amtsgericht Norden|Amtsgerichts]] und der [[Postamt|Post]] verfügten. Ein Großteil der Polizeibeamten wurde im Rahmen der Entnazifierung suspendiert, Limbach ging Ende September des Jahres in Pension.[[Datei:Polizei 01011950 01.jpg|mini|Ein Polizist ermahnt eine Verkehrsteilnehmerin an der Kreuzung [[Neuer Weg]] / [[Osterstraße]]. (1954)]]Die britische Militärpolizei war indes kaum in der Lage, Herr der katastrophalen Nachkriegslage zu werden. Für Ostfriesland erschwerend kamen sprachliche Barrieren hinzu. Zwar hatten die britischen Streitkräfte auch deutschsprachige Angehörige, aber niemand von ihnen sprach das hier traditionell stark vertretetene ostfriesische Niederdeutsch. Nicht wenige Norder sprachen gar kein hochdeutsch.
Polizeimeister Limbach führte daraufhin gemeinsam mit Bürgermeister [[Wilhelm Meyer-Degering]] und dem Landrat die Verhandlungen mit den Alliierten, bei denen die Besatzungsoffiziere die Abgabe aller Waffen sowie die vorläufige Schließung des [[Amtsgericht Norden|Amtsgerichts]] und der [[Postamt|Post]] verfügten. Ein Großteil der Polizeibeamten wurde im Rahmen der Entnazifizierung suspendiert, Limbach ging Ende September des Jahres in Pension.[[Datei:Polizei 01011950 01.jpg|mini|Ein Polizist ermahnt eine Verkehrsteilnehmerin an der Kreuzung [[Neuer Weg]] / [[Osterstraße]]. (1954)]]Die britische Militärpolizei war indes kaum in der Lage, Herr der katastrophalen Nachkriegslage zu werden. Für Ostfriesland erschwerend kamen sprachliche Barrieren hinzu. Zwar hatten die britischen Streitkräfte auch deutschsprachige Angehörige, aber niemand von ihnen sprach das hier traditionell stark vertretene ostfriesische Niederdeutsch. Nicht wenige Norder sprachen gar kein hochdeutsch.


Schon Mitte 1945 wurde die Polizei daher durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Da man kaum genügend geeignete Beamte rekrutieren konnte, musste man viele der im Rahmen der Entnazifierung suspendierten Beamten wieder einstellen. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Einfärbung waren die Uniformen unbeliebt, verlief die Farbe doch nicht selten bei Regen.
Schon Mitte 1945 wurde die Polizei daher durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden, dementsprechend hatten auch die [[Bürgermeister]] weiterhin Befehlsgewalt über die Polizei.
 
Die Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Da man kaum genügend geeignete Beamte rekrutieren konnte, musste man viele der im Rahmen der Entnazifizierung suspendierten Beamten wieder einstellen. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Einfärbung waren die Uniformen unbeliebt, verlief die Farbe doch nicht selten bei Regen.


Dass die Norder Polizei bereits kurz nach dem Krieg wieder handlungsfähig und rege tätig war, zeigt ein Bericht der ''Nordwest Zeitung'' vom 3. August 1945. So heißt es, dass die Polizei in Norden ''"in den letzten über 50 gebührenpflichtige Verwarnung, vor allem an Radfahrer wegen Vergehens gegen die Straßendisziplin"'' erteilt habe. Schwere Delikte waren dabei selten, ein großer Teil der Straftaten machte der Kohlendiebstahl vom [[Bahnhof Norden|Norder Bahnhof]] aus.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 45</ref> Norden hatte den Krieg letztendlich weitestgehend unbeschadet überstanden und war nur vereinzelt ein sekundäres Nebenziel von Luftangriffen gewesen. Auch die nach wie vor ertragreichen Ernten führten keine Versorgungsnotstände herbei. Doch auch Hehlerei, Schwarzhandel und vereinzelte Überfälle kamen vor.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 47</ref>
Dass die Norder Polizei bereits kurz nach dem Krieg wieder handlungsfähig und rege tätig war, zeigt ein Bericht der ''Nordwest Zeitung'' vom 3. August 1945. So heißt es, dass die Polizei in Norden ''"in den letzten über 50 gebührenpflichtige Verwarnung, vor allem an Radfahrer wegen Vergehens gegen die Straßendisziplin"'' erteilt habe. Schwere Delikte waren dabei selten, ein großer Teil der Straftaten machte der Kohlendiebstahl vom [[Bahnhof Norden|Norder Bahnhof]] aus.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 45</ref> Norden hatte den Krieg letztendlich weitestgehend unbeschadet überstanden und war nur vereinzelt ein sekundäres Nebenziel von Luftangriffen gewesen. Auch die nach wie vor ertragreichen Ernten führten keine Versorgungsnotstände herbei. Doch auch Hehlerei, Schwarzhandel und vereinzelte Überfälle kamen vor.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 47</ref>
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===Bundesrepublik Deutschland===
===Bundesrepublik Deutschland===
[[Datei:Am Markt 01011983 03.jpg|mini|Luftbild vom Polizeidienstgebäude Am Markt 10 im Jahr 1983.]]
[[Datei:Am Markt 01011983 03.jpg|mini|Luftbild vom Polizeidienstgebäude Am Markt 10 im Jahr 1983.]]
Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den Deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. Ein erster schwerer Kriminalfall ereignete sich im Sommer 1946. Sechs ''Displaced Persons'', ehemalige französische Kriegsgefangene eines Lagers in [[Westermarsch II]], ermordeten den Bauer Steffens. Einer der Täter konnte verhaftet werden und wurde im August 1946 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt.
Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den Deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. Den [[Bürgermeister|Bürgermeistern]] wurde die Weisungsbefugnis gegenüber der Polizei entzogen und diese zu einer unter Kontrolle des niedersächsischen Innenministeriums stehenden Landesbehörde umorganisiert.
 
Ein erster schwerer Kriminalfall ereignete sich im Sommer 1946. Sechs sogenannte ''Displaced Persons'', ehemalige französische Kriegsgefangene eines Lagers in [[Westermarsch II]], ermordeten den Bauer Steffens. Einer der Täter konnte verhaftet werden und wurde im August 1946 von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt.


Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als ''Polizei-Subdivision Norden'' der ''Polizei-Division A'' unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die ''Polizei-Subdivisionen'' in Aurich und Wittmund gehörten. Die ''Polizei-Division B'' umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der ''Dritten Schwester'' und zog dann in den [[Engenahof]] (Am Markt 10), der noch bis Kriegsende als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter [[Lenhard Everwien]] residierte hier. Zuvor befand sich hier eine Herberge und später das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelte es sich um ein Wohnhaus, das sich unter anderem im Besitz Bürgermeister [[Erhard Lüppena]] befand, der es im Jahre 1617 erweiterte. Sein Name findet sich noch heute am vorderen Dachgiebel. Die Geschichte des Gebäudes ist jedoch bedeutend älter, zuvor befand sich hier die sogenannte ''Kenenburg'', eine Burg der [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsfamilie]] [[tom Brook]], ehe das Gut an das Geschlecht der [[Engena]] fiel.
Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als ''Polizei-Subdivision Norden'' der ''Polizei-Division A'' unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die ''Polizei-Subdivisionen'' in Aurich und Wittmund gehörten. Die ''Polizei-Division B'' umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der ''Dritten Schwester'' und zog dann in den [[Engenahof]] (Am Markt 10), der noch bis Kriegsende als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter [[Lenhard Everwien]] residierte hier. Zuvor befand sich hier eine Herberge und später das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelte es sich um ein Wohnhaus, das sich unter anderem im Besitz Bürgermeister [[Erhard Lüppena]] befand, der es im Jahre 1617 erweiterte. Sein Name findet sich noch heute am vorderen Dachgiebel. Die Geschichte des Gebäudes ist jedoch bedeutend älter, zuvor befand sich hier die sogenannte ''Kenenburg'', eine Burg der [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsfamilie]] [[tom Brook]], ehe das Gut an das Geschlecht der [[Engena]] fiel.