Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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==Namensherkunft== | ==Namensherkunft== | ||
Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald'') genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'', altfriesisches north ('Norden').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456</ref> Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass der Stadtname 884 ebenfalls im Zusammenhang mit der [[Schlacht von Nordendi]] fällt. Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die friesischen Gewässer heimsuchenden Wikinger und Gründungsmythos der [[Theelacht]]. | Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald'') genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'', altfriesisches north (''Norden'').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456</ref> Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass der Stadtname 884 ebenfalls im Zusammenhang mit der [[Schlacht von Nordendi]] fällt. Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die friesischen Gewässer heimsuchenden Wikinger und Gründungsmythos der [[Theelacht]]. | ||
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Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten Fremdherrschaft durch die Hintertür abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten Fremdherrschaft durch die Hintertür abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | ||
Die Menschen besiedelten zunächst die Gebiete auf der [[Norder Geestinsel]], die deutlich über den Meeresspiegel ragt und dadurch einen natürlichen Schutz vor Überflutungen but. Die umliegenden [[Marsch|Marschgebiete]] wurden erst wesentlich später besiedelt bzw. [[Liste der Eindeichungen|eingedeicht]]. Entlang der Geestinsel bildeten sich einzelne Bauerschaften (kleine Hofstellen bzw. Bauernsiedlungen), die sich später zu einer Gemeinde, der sogenannten [[Sandbauerschaft]], zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie einen [[Marktplatz]], von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser, sogar [[Oldeborg|eine Burg]] entstand. Fast alle [[Ostfriesische Häuptlinge|ostfriesischen | Die Menschen besiedelten zunächst die Gebiete auf der [[Norder Geestinsel]], die deutlich über den Meeresspiegel ragt und dadurch einen natürlichen Schutz vor Überflutungen but. Die umliegenden [[Marsch|Marschgebiete]] wurden erst wesentlich später besiedelt bzw. [[Liste der Eindeichungen|eingedeicht]]. Entlang der Geestinsel bildeten sich einzelne Bauerschaften (kleine Hofstellen bzw. Bauernsiedlungen), die sich später zu einer Gemeinde, der sogenannten [[Sandbauerschaft]], zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie einen [[Marktplatz]], von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser, sogar [[Oldeborg|eine Burg]] entstand. Fast alle [[Ostfriesische Häuptlinge|ostfriesischen Häuptlings- und Edelgeschlechter]] haben ihre Wurzeln in Norden.<ref name=":10" /> Nach den Edelgeschlechtern folgten spätestens im 15. Jahrhundert die wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch|Oster-]] und [[Westermarsch]], die vor allem durch Viehhandel zu ansehnlichem Wohlstand kamen und neben ihren Höfen auch ein Stadthaus am Marktplatz unterhielten.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 16</ref> In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften des Norder Umlandes um das Jahr 800 parallel zur Besiedlung um den Marktplatz weiter zusammen, sodass Norden einen ersten, stadtähnlichen Charakter entwickelte. | ||
Norden war über eine hochwassersichere Verbindung auf der [[Geest]] mit Esens verbunden, das Endpunkt des ''Friesischen Heerwegs'' von Oldenburg war | Norden war über eine hochwassersichere Verbindung auf der [[Geest]] mit Esens verbunden, das Endpunkt des ''Friesischen Heerwegs'' von Oldenburg war. Auch war Norden letzter Abschnitt des Westfälischen (von Süden kommend) und des Bremischen Heerwegs (von Osten kommend).<ref name=":10" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 324</ref> Über den westfälischen Heerweg kamen nicht zuletzt auch viele arme westfälische Wanderarbeiter, die sich auf den Höfen der reichen Marschbauern eine Arbeit erhofften. Noch heute erinnert die [[Heerstraße]] mit ihrem Namen an den alten Heerweg gen Bremen. Aber auch die [[Osterstraße]] war einst ein alter Heerweg. Hinzu kamen zahlreiche Wege an und auf Deichen, die als solche benutzt wurden. Viele Straßen in Norden verlaufen an oder auf alten Deichlinien, so etwa die [[Wurzeldeicher Straße]], die [[Landstraße]] oder der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]]. | ||
Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen [[Norder Geestinsel|Geestrückens]] hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere [[Warft#Kalkwarf|Kalkwarfen]] sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die Oster- und Westerstraße als erste besiedelt und noch vor dem - planmäßig angelegten - [[Marktplatz]] errichtet wurden, spricht auch für die These, dass die Stadt entlang bzw. am Ende eines bedeutenden Handelswegs entstanden ist.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 9</ref><ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 9</ref> Der Markt selbst wurde wohl ab der Mitte des 13. Jahrhunderts angelegt.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen [[Norder Geestinsel|Geestrückens]] hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere [[Warft#Kalkwarf|Kalkwarfen]] sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die Oster- und Westerstraße als erste besiedelt und noch vor dem - planmäßig angelegten - [[Marktplatz]] errichtet wurden, spricht auch für die These, dass die Stadt entlang bzw. am Ende eines bedeutenden Handelswegs entstanden ist.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 9</ref><ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 9</ref> Der Markt selbst wurde wohl ab der Mitte des 13. Jahrhunderts angelegt.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | ||
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Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es zunächst dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das Kirchspiel Norden ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es zunächst dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das Kirchspiel Norden ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | ||
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden. Die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie diese Kirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] | Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden. Die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie diese Kirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (Fünfter Kreuzzug bzw. Kreuzzug von Damiette) zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> | ||
Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Ob es in Norden jemals eine formelle Stadtrechtsverleihung gab, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Naheliegend ist, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die Norder Umlandgemeinden in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Ob es in Norden jemals eine formelle Stadtrechtsverleihung gab, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Naheliegend ist, dass Norden einfach aus sich selbst heraus zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | ||
Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der | Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen in Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten, wie etwa die [[Erste Dionysiusflut]], im 14. Jahrhundert, das auch als ''Jahrhundert der Sturmfluten'' in die Geschichte einging. Sie führten dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf [[Westeel]] müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen [[Süderneuland|Süderneulands]] wurden an die Fluten verloren. Hinzu kam eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360]], die weitere Todesopfer forderte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326</ref> Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]] über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit zu tun hatte, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. | ||
In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran (zunächst) die [[Idzinga]]. Später fiel Norden an die [[tom Brook]] aus dem Brookmerland, dann an die [[Focko Ukena|Ukena]] aus Leer und schließlich an die [[Cirksena]], die sich nach der [[Schlacht von Bargebur]] als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena, die ursprünglich aus Greetsiel kamen, war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum in das zentralere Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der [[Norder Hafen]] entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert (und teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert) hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren. | In der Zeit der Ostfriesischen Häuptlinge gehörte Norden mit seinem Umland zum Herrschaftsgebiet verschiedener Häuptlingsfamilien, allen voran (zunächst) die [[Idzinga]]. Später fiel Norden an die [[tom Brook]] aus dem Brookmerland, dann an die [[Focko Ukena|Ukena]] aus Leer und schließlich an die [[Cirksena]], die sich nach der [[Schlacht von Bargebur]] als erste eine Jahrhunderte währende Vormachtstellung sichern konnten und später die Grafen und Fürsten von Ostfriesland stellten. Wenngleich Norden lange Zeit der Hauptsitz der Cirksena, die ursprünglich aus Greetsiel kamen, war, verlor die Stadt an Bedeutung, nachdem sie ihr Machtzentrum in das zentralere Aurich verlegten. Norden war in der Folgezeit hauptsächlich Handelsort, was nach den Sturmfluten im 14. Jahrhundert durch eine Ausweitung der Leybucht begünstigt wurde. Der Ort hatte danach direkten Zugang zum Meer. Der [[Norder Hafen]] entwickelte sich zu einem Seehafen, der bis weit ins 19. Jahrhundert (und teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert) hinein Bedeutung hatte und der Stadt über einen langen Zeitraum eine wirtschaftliche Blüte bescherte, auch wenn sein Handel dem der Stadt Emden stets nachstand. Norden besaß eine eigene Handelsflagge, unter der Norder Schiffe Nord- und Ostsee befuhren. | ||
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Die Zeit der großen Deichbauten begann 1425. Zum Schutze der Stadt vor den Fluten aus der Leybucht wurde erstmals 1425 bis 1430 der sogenannte [[Udo-Focken-Deich]] durch [[Udo von Norden]], einem Sohn des Häuptlings [[Focko Ukena]], erbaut.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 327</ref> Udo war durch Heirat mit [[Hima Idzinga]] mit dem führenden Norder Herrschaftsgeschlecht verbunden und legte durch den Deichbau den Grundstein für die Besiedlung des [[Süderneuland|Süderneulands]]. | Die Zeit der großen Deichbauten begann 1425. Zum Schutze der Stadt vor den Fluten aus der Leybucht wurde erstmals 1425 bis 1430 der sogenannte [[Udo-Focken-Deich]] durch [[Udo von Norden]], einem Sohn des Häuptlings [[Focko Ukena]], erbaut.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 327</ref> Udo war durch Heirat mit [[Hima Idzinga]] mit dem führenden Norder Herrschaftsgeschlecht verbunden und legte durch den Deichbau den Grundstein für die Besiedlung des [[Süderneuland|Süderneulands]]. | ||
Zu dieser Zeit gab es [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Burgen]] der vorherrschenden Häuptlingsfamilien des Ortes. Diese darf man sich jedoch nicht wie jene Burgen aus der Trivialliteratur vorstellen, sondern vielmehr als größere Steinhäuser bzw. bewohnbare Türm. Steine waren und sind aufgrund fehlender, natürlicher Vorkommen ein seltener Rohstoff in Ostfriesland. Nur die wohlhabendsten Persönlichkeiten konnten sich überhaupt solche leisten. Auch die Ziegeleien, die die für Ostfriesland typischen Klinkersteine herstellten, entstanden erst später. Die meisten Behausungen bestanden aus Lehm, Torf oder Holz. Die älteste Burg war die [[Oldeborg]] nahe des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]], an die heute noch der Straßenname [[Burggraben]] erinnert. Parallel zu den Burgen gab es [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Wehrhäuser]], die sich ringförmig um die Stadt legten und so einen rudimentären Schutz vor Angreifern boten. Norden hatte, anders als beispielsweise Emden, zu keiner Zeit eine Stadtmauer oder eine vergleichbare Befestigung, da es schon recht früh seine Bedeutung als überregional bedeutender Herrschaftssitz verlor und zuvor keiner der Häuptlinge genug Macht bzw. Einfluss besaß, eine den eigenen Herrschaftsbereich überragende Mauer zu errichten. | Zu dieser Zeit gab es [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Burgen]] der vorherrschenden Häuptlingsfamilien des Ortes. Diese darf man sich jedoch nicht wie jene Burgen aus der Trivialliteratur vorstellen, sondern vielmehr als größere Steinhäuser bzw. bewohnbare Türm. Steine waren und sind aufgrund fehlender, natürlicher Vorkommen ein seltener Rohstoff in Ostfriesland. Nur die wohlhabendsten Persönlichkeiten konnten sich überhaupt solche leisten. Auch die Ziegeleien, die die für Ostfriesland typischen Klinkersteine herstellten, entstanden erst später. Die meisten Behausungen bestanden aus Lehm, Torf oder Holz. Die älteste Burg war die [[Oldeborg]] nahe des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]], an die heute noch der Straßenname [[Burggraben]] erinnert. Parallel zu den Burgen gab es [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Wehrhäuser]], die sich ringförmig um die Stadt legten und so einen rudimentären Schutz vor Angreifern boten. Norden hatte, anders als beispielsweise Emden, zu keiner Zeit eine Stadtmauer oder eine vergleichbare Befestigung, da es schon recht früh seine Bedeutung als überregional bedeutender Herrschaftssitz verlor und zuvor keiner der Häuptlinge genug Macht bzw. Einfluss besaß, eine den eigenen Herrschaftsbereich überragende Mauer zu errichten. Letztlich war dies auch nicht unbedingt notwendig, war die Umgebung der [[Norder Geestinsel]] von moorigem und kleihaltigem Boden umgeben, das ein Vorkommen feindlicher Truppen insbesondere zur Regenzeit stark verlangsamte oder praktisch unmöglich machte. | ||
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