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26506 Norden
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Die '''Jüdische Gemeinde''' von Norden ist eine der ältesten Glaubensgemeinschaften der Stadt. Ihre Ursprünge gehen bereits auf das 16. Jahrhundert zurück. Infolge der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten, insbesondere seit der Reichspogromnacht 1938, verließen viele Juden die Stadt. Die letzten wurden 1940 deportiert.
Die '''Jüdische Gemeinde''' von Norden ist eine der ältesten Glaubensgemeinschaften der Stadt. Ihre Ursprünge gehen nachweislich mindestens auf das 16. Jahrhundert zurück. Infolge der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten, insbesondere seit der Reichspogromnacht 1938, verließen viele Juden die Stadt. Die letzten wurden 1940 deportiert.


Zur Gemeinde gehörten neben einer [[Synagoge]] unter anderem auch Räumlichkeiten für die [[Vorsängers Haus|Gemeindemitarbeiter]] sowie eine [[Jüdische Schule|eigene Schule]].
Zur Gemeinde gehörten neben einer [[Synagoge]] unter anderem auch Räumlichkeiten für die [[Vorsängers Haus|Gemeindemitarbeiter]] sowie eine [[Jüdische Schule|eigene Schule]].
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=== Anfänge ===
=== Anfänge ===
Die jüdische Gemeinde von Norden war eine der ältesten in Ostfriesland. Es ist unklar, wann sie sich gründete. Das früheste Zeugnis einer jüdischen Niederlassung in Norden ist ein Brief, den die Emder und Norder Juden am 17. September 1577 an die Gräfin Agnes von Hoya sendeten. Der Schutzbrief für den Norder Juden Meyer und seine Familie ist der älteste, der bis heute erhalten ist.<ref name=":1" /> Der Grund für dieses Schreiben war ein Streit zwischen der Stadt Emden und [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] in Aurich, die beide jeweils für sich und allein die Erhebung von Schutzgeldern und sogenannten ''Judengeleiten'' in Anspruch nahmen. Ob sich Agnes für die Juden eingesetzt hat, ist unbekannt, jedenfalls scheint der Graf als Sieger aus diesem Konflikt hervorgegangen zu sein, denn die Juden wurden nicht ausgewiesen. Der Konflikt war damit jedoch keineswegs gelöst und die ostfriesischen Städte setzten ihre Beschwerden gegen die Juden fort.
Die jüdische Gemeinde von Norden war eine der ältesten in Ostfriesland. Es ist unklar, wann sie sich gründete. Das früheste Zeugnis einer jüdischen Niederlassung in Norden ist ein Brief, den die Emder und Norder Juden am 17. September 1577 an die Gräfin Agnes von Hoya, Herrin des Harlingerlandes sendeten. Der Schutzbrief für den Norder Juden Meyer und seine Familie ist der älteste, der bis heute erhalten ist.<ref name=":1" /> Der Grund für dieses Schreiben war ein Streit zwischen der Stadt Emden und [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] in Aurich, die beide jeweils für sich und allein die Erhebung von Schutzgeldern und sogenannten ''Judengeleiten'' in Anspruch nahmen. Ob sich Agnes für die Juden eingesetzt hat, ist unbekannt, jedenfalls scheint der Graf als Sieger aus diesem Konflikt hervorgegangen zu sein, denn die Juden wurden nicht ausgewiesen. Der Konflikt war damit jedoch keineswegs gelöst und die ostfriesischen Städte setzten ihre Beschwerden gegen die Juden fort.


Die Gemeinde dürfte jedoch viel älter sein, was aus einem einem Schreiben des in Norden ansässigen Hofjuden [[Meyer Calmans]] an die Fürstin Christine Charlotte von Württemberg-Teck hervorgeht. Er schrieb am 22. August 1669, dass die Juden in Norden schon vor hundert Jahren ein Stück Land gepachtet hatten, um darauf [[Jüdischer Friedhof|einen Friedhof]] anzulegen.<ref name=":1">Fraenkel, Daniel (2005): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Wallstein, Göttingen, S. 1122–1139</ref> Die Norder Juden lebten zunächst vor allem vom Geldverleih, vom Handel mit gebrauchten Waren (insbesondere Kleider), vom Viehhandel und vom Schlachten. Es war ihnen verboten, in den den [[Zunft- und Gildewesen|Zünften]] vorbehaltenen Berufszweigen tätig zu sein. Nach den unruhigen Anfängen konnten die Juden einige Zeit in relativer Ruhe und Beständigkeit leben. 1618 gab es sechs jüdische Haushalte in der Stadt. Bis 1645 stieg die Zahl auf 12, bis 1680 auf 18 Haushalte an (1660 etwa 100 Personen). 1645 lebten zwei jüdische Familien im eigenen Haus, die übrigen zehn zur Miete. Unter den Juden gab es damals vier Schlachter, einen Kleinhändler und einen Tabakhändler.<ref name=":3">[https://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm Norden (Kreis Aurich, Ostfriesland): Jüdische Geschichte / Synagoge]  auf Alemannia Judaica, abgerufen am 14. April 2021</ref>
Die Gemeinde dürfte jedoch viel älter sein, was aus einem einem Schreiben des in Norden ansässigen Hofjuden [[Meyer Calmans]] an die Fürstin Christine Charlotte von Württemberg-Teck hervorgeht. Er schrieb am 22. August 1669, dass die Juden in Norden schon vor hundert Jahren ein Stück Land gepachtet hatten, um darauf [[Jüdischer Friedhof|einen Friedhof]] anzulegen.<ref name=":1">Fraenkel, Daniel (2005): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen. Wallstein, Göttingen, S. 1122–1139</ref> Die Norder Juden lebten zunächst vor allem vom Geldverleih, vom Handel mit gebrauchten Waren (insbesondere Kleider), vom Viehhandel und vom Schlachten. Ihre Erwerbszweige waren sehr beschränkt, denn es war ihnen verboten, in den den [[Zunft- und Gildewesen|Zünften]] vorbehaltenen Berufszweigen tätig zu sein. Nach den unruhigen Anfängen konnten die Juden einige Zeit in relativer Ruhe und Beständigkeit leben. 1618 gab es sechs jüdische Haushalte in der Stadt. Bis 1645 stieg die Zahl auf 12, bis 1680 auf 18 Haushalte an (1660 etwa 100 Personen). 1645 lebten zwei jüdische Familien im eigenen Haus, die übrigen zehn zur Miete. Unter den Juden gab es damals vier Schlachter, einen Kleinhändler und einen Tabakhändler.<ref name=":3">[https://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm Norden (Kreis Aurich, Ostfriesland): Jüdische Geschichte / Synagoge]  auf Alemannia Judaica, abgerufen am 14. April 2021</ref> Sie ließen sich vor allem am [[Neuer Weg|Neuen Weg]], der [[Uffenstraße]] und der [[Heringstraße]] nieder.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref>


Am 15. März 1594 werden die Norder Juden von der [[Schlachterzunft|Schlachter-]] und der [[Schneiderzunft]] vor dem Landtag in Aurich verklagt. Man wirft ihnen Verstöße wie Monopolismus und Wucherei vor. Die jüdischen Schlachter werden zudem beschuldigt, entgegen einer Regelung von 1591 ihr Fleisch zu regulären Preisen auch an Nicht-Juden verkauft zu haben. Den Angeklagten wird für den Wiederholungsfall die Landesverweisung angedroht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 62</ref> Erkennbar wird hier die deutliche Benachteiligung der jüdischen Gewerbetreibenden, die sich nicht in [[Zunft- und Gildewesen|Zünften und Gilden]] organisieren durften, die den Markt und seine Gestaltung faktisch beherrschten.
Am 15. März 1594 werden die Norder Juden von der [[Schlachterzunft|Schlachter-]] und der [[Schneiderzunft]] vor dem Landtag in Aurich verklagt. Man wirft ihnen Verstöße gegen die Gepflogenheiten des Marktes, Monopolismus und Wucherei, vor. Die jüdischen Schlachter werden zudem beschuldigt, entgegen einer Regelung von 1591 ihr Fleisch zu regulären Preisen auch an Nicht-Juden verkauft zu haben. Den Angeklagten wird für den Wiederholungsfall die Landesverweisung angedroht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 62</ref> Erkennbar wird hier die deutliche Benachteiligung der jüdischen Gewerbetreibenden, die sich nicht in jenen [[Zunft- und Gildewesen|Zünften und Gilden]] organisieren durften, die den Markt und seine Gestaltung faktisch beherrschten.


1749 wurden 44 jüdische Familien in Norden gezählt. Da die preußische Regierung, die seit 1744 die Herrschaft in Ostfriesland übernommen hatte, die Zahl der jüdischen Haushalte auf 16 reduzieren wollte, gab es in den folgenden Jahrzehnten zunächst keine weitere Zunahme. Die jüdischen Familien lebten weiterhin in wirtschaftlich einfachen bis armseligen Verhältnissen. Zu den Handelsgütern gehörten nun neben den gebrauchten Waren wie Kleidern vor allem Korn, Wachs, Honig, Tee, Alteisen, Zinn, Kupfer, Tabak, Federn und Porzellan.<ref name=":3" />
1749 wurden 44 jüdische Familien in Norden gezählt. Da die preußische Regierung, die seit 1744 die Herrschaft in Ostfriesland übernommen hatte, die Zahl der jüdischen Haushalte auf 16 reduzieren wollte, gab es in den folgenden Jahrzehnten zunächst keine weitere Zunahme. Die jüdischen Familien lebten weiterhin in wirtschaftlich einfachen bis armseligen Verhältnissen. Zu den Handelsgütern gehörten nun neben den gebrauchten Waren wie Kleidern vor allem Korn, Wachs, Honig, Tee, Alteisen, Zinn, Kupfer, Tabak, Federn und Porzellan.<ref name=":3" />
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=== Niedergang ===
=== Niedergang ===
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Klima gegenüber der Norder Juden noch feindlicher. Schon kurz nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten begann schrittweise die Entrechtung und Enteignung jüdischer Bürger. Die 1931 verabschiedete Reichsfluchtsteuer fungierte seit 1934 fast ausschließlich als Sondersteuer für jüdische Auswanderer.<ref name=":5">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Bereits ab 1933 wurden die ersten der rund 1000 Juden im [[Landkreis Norden|Kreisgebiet]] in ''Schutzhaft'' genommen.<ref name=":3" /><ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Zu dieser Zeit gab es noch 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern. Ihre Erwerbstätigkeit richtete sich vor allem auf den Handel mit Vieh, Düngemitteln, Getreide und Brennstoffen aus. Zudem unterhielten sie Handelsvertretungen und betrieben Schlachtereien.<ref name=":6" /> Seit 1937 konnten Bankkonten jüdischer Kunden unter fadenscheinigen Vorwänden per Sicherungsanordnung gesperrt werden. Nach dem eingeschränkten Zugang zum Banksafe folgte 1939 die zwangsweise Übertragung des Kapitalvermögens von Juden auf nur noch eingeschränkt zugängliche Sicherungskonten. Die Aufsicht darüber übernahmen die Zollfahndungsstellen.<ref name=":5" />
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Klima gegenüber der Norder Juden noch feindlicher. Schon kurz nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten begann schrittweise die Entrechtung und Enteignung jüdischer Bürger. Die 1931 verabschiedete ''Reichsfluchtsteuer'' fungierte seit 1934 fast ausschließlich als Sondersteuer für jüdische Auswanderer.<ref name=":5">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Bereits ab 1933 wurden die ersten der rund 1.000 Juden im [[Landkreis Norden|Kreisgebiet]] in ''Schutzhaft'' genommen.<ref name=":3" /><ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Ärzte, Juristen, Lehrer und Beamte wurden entlassen oder mit einem Berufsverbot belegt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 12</ref> Zu dieser Zeit gab es noch 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern. Ihre Erwerbstätigkeit richtete sich vor allem auf den Handel mit Vieh, Düngemitteln, Getreide und Brennstoffen aus. Zudem unterhielten sie Handelsvertretungen und betrieben Schlachtereien.<ref name=":6" /> Seit 1937 konnten Bankkonten jüdischer Kunden unter fadenscheinigen Vorwänden per Sicherungsanordnung gesperrt werden. Nach dem eingeschränkten Zugang zum Banksafe folgte 1939 die zwangsweise Übertragung des Kapitalvermögens von Juden auf nur noch eingeschränkt zugängliche Sicherungskonten. Die Aufsicht darüber übernahmen die Zollfahndungsstellen.<ref name=":5" />  


In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es auch in Norden zu den von Goebbels und Hitler befohlenen Ausschreitungen gegen die Juden, die später als ''Reichskristallnacht'' bzw. ''Reichspogromnacht'' bezeichnet wurden, die allerdings einen in dieser Nacht für die damaligen Verhältnisse zunächst ungewöhnlichen Verlauf hatten: Der Kreisleiter der NSDAP von Norden-Krummhörn, [[Lenhard Everwien]], wurde erst um Mitternacht von dem zufällig in Emden anwesenden Gauhauptstellenleiter Meyer erreicht. Dieser teilte ihm mit, dass der zuständige SA-Führer in Norden, Sturmbannführer Wiedekin, nicht erreichbar sei. Ewerwien solle, so im Ablauf, ''"dies nun persönlich in die Hand nehmen"''. Nachdem Ewerwien zunächst untätig blieb, wurde er dann gegen 01:00 Uhr in der Nacht direkt von Oldenburg aus aufgefordert, Wiedekin zu wecken. Everwien rief daraufhin die Partei- und die SA-Führung sowie die [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] in den frühen Morgenstunden des 10. November zusammen. Er informierte sie über die Weisung, dass die Synagoge anzuzünden und alle Juden zu verhaften seien. Von der Feuerwehr verlangte er Garantien zum Schutz der Nachbarhäuser. Der inzwischen geweckte Wiedekin gab nach der Alarmierung der SA den Befehl an die ihm unterstellte SA in Dornum weiter.<ref>Rheiderland Zeitung vom 4. April 1933</ref>
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es auch in Norden zu den von Goebbels und Hitler befohlenen Ausschreitungen gegen die Juden, die später als ''Reichskristallnacht'' bzw. ''Reichspogromnacht'' bezeichnet wurden, die allerdings einen in dieser Nacht für die damaligen Verhältnisse zunächst ungewöhnlichen Verlauf hatten: Der Kreisleiter der NSDAP von Norden-Krummhörn, [[Lenhard Everwien]], wurde erst um Mitternacht von dem zufällig in Emden anwesenden Gauhauptstellenleiter Meyer erreicht. Dieser teilte ihm mit, dass der zuständige SA-Führer in Norden, Sturmbannführer Wiedekin, nicht erreichbar sei. Ewerwien solle, so im Ablauf, ''"dies nun persönlich in die Hand nehmen"''. Nachdem Ewerwien zunächst untätig blieb, wurde er dann gegen 01:00 Uhr in der Nacht direkt von Oldenburg aus aufgefordert, Wiedekin zu wecken. Everwien rief daraufhin die Partei- und die SA-Führung sowie die [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] in den frühen Morgenstunden des 10. November zusammen. Er informierte sie über die Weisung, dass die Synagoge anzuzünden und alle Juden zu verhaften seien. Von der Feuerwehr verlangte er Garantien zum Schutz der Nachbarhäuser. Der inzwischen geweckte Wiedekin gab nach der Alarmierung der SA den Befehl an die ihm unterstellte SA in Dornum weiter.<ref>Rheiderland Zeitung vom 4. April 1933</ref>