Keine Bearbeitungszusammenfassung
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 8: Zeile 8:
Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten. Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedermann eine adäquate Wohnung angeboten werden kann.
Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten. Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedermann eine adäquate Wohnung angeboten werden kann.


Anders als im Falle von Emden, das praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und möglichst günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden dort hatten daher weder das Geld noch die Zeit, die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten gestellt hat, zu restaurieren. In Norden war vielmehr der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass so viele historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine Abwasserung vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und damals wie heute wurde das Viertel vor allem von sozial schwächeren Familien bewohnt.
Anders als im Falle von Emden, das praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und möglichst günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden dort hatten daher weder das Geld noch die Zeit, die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten gestellt hat, zu restaurieren. In Norden war vielmehr der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass so viele historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine Abwasserung vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom [[Stadtrat]] in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom November 1962 gar als ''menschenunwürdig'' bezeichnet.<ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78</ref>


=== Umsetzung ===
=== Umsetzung ===
Nach anfänglicher Planung wurde Ende August 1968 damit begonnen, zunächst den südlich des [[Marktplatz|Marktplatzes]] gelegenen Teil zu restaurieren.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> Dieser Flächensanierung fielen nahezu alle historischen Bauten der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] zum Opfer. Das gemeinnützige, dem Deutschen Gewerksschaftsbund gehörende Bauunternehmen ''Neue Heimat'' ließ hier die bis heute bestehenden Mehrparteien- bzw. Hochhäuser errichten. Mit den Gebäuden wurde auch die kleinteilige Struktur vollständig zerstört. Anhand des anliegenden [[Burggraben|Burggrabens]] lässt sich jedoch noch die ehemalige Bebauung, die vor allem aus derartigen, eingeschössigen Kleinhäusern bestand, nachvollziehen. Kleinere Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen fanden bereits Anfang der 1960er Jahre statt, so fiel etwa die rechte der [[Drei Schwestern]] bereits 1963 dem Bau von Parkplätzen zum Opfer.<ref name=":0">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 74</ref>
Nach anfänglicher Planung wurde am 29. August 1968 damit begonnen, zunächst den südlich des [[Marktplatz|Marktplatzes]] gelegenen Teil zu abzureißen.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> Dieser ''Flächensanierung'' fielen nahezu alle historischen Bauten der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] zum Opfer. Das gemeinnützige, dem Deutschen Gewerksschaftsbund gehörende Bauunternehmen ''Neue Heimat'' sowie die ''Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft'' ließen hier die bis heute bestehenden Mehrparteien- bzw. Hochhäuser errichten, der Bund stellte erhebliche Finanzmittel in Höhe von 50 Millionen DM zusammen und erklärte das Projekt zu einem Studien- und Modellvorhaben.<ref name=":1" /> Mit den Gebäuden wurde auch die kleinteilige Struktur vollständig und unwiderruflich zerstört. Anhand des anliegenden [[Burggraben|Burggrabens]] lässt sich jedoch noch die ehemalige Bebauung, die vor allem aus derartigen, eingeschössigen Kleinhäusern bestand, nachvollziehen. Kleinere Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen fanden bereits Anfang der 1960er Jahre statt, so fiel etwa die rechte der [[Drei Schwestern]] bereits 1963 dem Bau von Parkplätzen zum Opfer.<ref name=":0">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 74</ref> Unklar ist, warum Rat und Verwaltung in Anbetracht dieser für damalige Zeiten unfassbar hohe Summe von 50 Millionen DM nicht rechtzeitig für einen Architektenwettbewerb aufgewandt wurden, der bestenfalls die Erhaltung der historischen Struktur bewirkt hätte.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 79</ref>


Neben den Hochhäusern legte man vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der damit immer präsenten Gefahr eines nuklearen Erstschlags durch die Sowjetunion einen atomwaffensicheren [[Tiefbunker]] unter dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]] an. Der Bunker wird heute überwiegend als Tiefgarage genutzt, große Teile der Bunkeranlage wie Sanitär- und Maschinenräume sind nicht frei zugänglich.
Neben den Hochhäusern legte man vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der damit immer präsenten Gefahr eines nuklearen Erstschlags durch die Sowjetunion einen atomwaffensicheren [[Tiefbunker]] unter dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]] an. Der Bunker wird heute überwiegend als Tiefgarage genutzt, große Teile der Bunkeranlage wie Sanitär- und Maschinenräume sind nicht frei zugänglich.