Norddeich: Unterschied zwischen den Versionen
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Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) hatten die Bewohner von Norddeich und der gesamten Lintelermarsch nicht nur unter den Folgen von Sturmfluten sondern auch unter den Einquartierungen der Mansfelder sowie der Kurfürstlichen Brandenburgischen Soldaten zu leiden, die ihr Land und ihre Häuser verwüsteten und kaum erfüllbare Forderungen stellten. Damit erlitten die Bewohner das gleiche Schicksal wie die von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]]. | Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) hatten die Bewohner von Norddeich und der gesamten Lintelermarsch nicht nur unter den Folgen von Sturmfluten sondern auch unter den Einquartierungen der Mansfelder sowie der Kurfürstlichen Brandenburgischen Soldaten zu leiden, die ihr Land und ihre Häuser verwüsteten und kaum erfüllbare Forderungen stellten. Damit erlitten die Bewohner das gleiche Schicksal wie die von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]]. | ||
Der Großteil des Gebiets des heutigen Ortes lag weiter im Landesinneren als heute. Nordwestlich von Norddeich gab es am damaligen Deichfuß in der Ortschaft [[Itzendorf]] einen ersten Schiffsanleger, der vor allem von Fischerbooten genutzt wurde. Die [[Weihnachtsflut|Weihnachtsflut von 1717]] durchbrach die Deichlinie und überflutete Itzendorf. Die Ortschaft musste 1721 aufgegeben werden, nachdem mehrere Versuche, es wiederaufzubauen, aufgrund der zu massiven Schäden, scheiterten. Die Deichlinie wurde weiter südlich an die heutige Stelle verlegt, etwa mittig des heutigen Ortskerns. Hier können die Straßen [[Hattermannsweg]], [[Am Warft]] und [[Pelikanstraße]] als ungefähre Anhaltspunkte für diese Deichlinie angenommen werden. | Der Großteil des Gebiets des heutigen Ortes lag weiter im Landesinneren als heute. Nordwestlich von Norddeich gab es am damaligen Deichfuß in der Ortschaft [[Itzendorf]] einen ersten Schiffsanleger, der vor allem von Fischerbooten genutzt wurde. Die [[Weihnachtsflut|Weihnachtsflut von 1717]] durchbrach die Deichlinie und überflutete Itzendorf. Die Ortschaft musste 1721 aufgegeben werden, nachdem mehrere Versuche, es wiederaufzubauen, aufgrund der zu massiven Schäden, scheiterten. Die Deichlinie wurde weiter südlich an die heutige Stelle verlegt, etwa mittig des heutigen Ortskerns. Hier können die Straßen [[Hattermannsweg]], [[Am Warft]] und [[Pelikanstraße]] als ungefähre Anhaltspunkte für diese Deichlinie angenommen werden. 1735 wird eine Landwehr gegründet, die von einem Leutnant und einem Fähnrich angeführt wurde. | ||
1735 wird eine Landwehr gegründet, die von einem Leutnant und einem Fähnrich angeführt wurde. | |||
In unmittelbarer Nähe von der ehemaligen Ortschaft Itzendorf entstand spätestens ab 1780 ein rund 20 Metern langer Nachfolgebau für den Hafen, der bis 1840 in Betrieb war. Östlich davon entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein weiterer Hafen, den man zunächst als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnete. Nahe dieses Hafens befanden sich zwei Bauernhöfe und ein Wirtshaus, welche mit weiteren kleinen Gebäuden zu einer Kleinstsiedlung verwuchsen und eine Art ersten Ortskern bildeten, von dem aus sich der Ort weiter entwickelte. | In unmittelbarer Nähe von der ehemaligen Ortschaft Itzendorf entstand spätestens ab 1780 ein rund 20 Metern langer Nachfolgebau für den Hafen, der bis 1840 in Betrieb war. Östlich davon entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein weiterer Hafen, den man zunächst als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnete. Nahe dieses Hafens befanden sich zwei Bauernhöfe und ein Wirtshaus, welche mit weiteren kleinen Gebäuden zu einer Kleinstsiedlung verwuchsen und eine Art ersten Ortskern bildeten, von dem aus sich der Ort weiter entwickelte. | ||
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* siehe auch: [[Stadt Norden#Wirtschaft|Wirtschaft der Stadt Norden]] | * siehe auch: [[Stadt Norden#Wirtschaft|Wirtschaft der Stadt Norden]] | ||
Lange Zeit spielten vor allem die Fischerei und die Landwirtschaft eine Rolle und tun dies zum Teil bis heute. Haupterwerbszeig ist jedoch spätestens seit den 1950er Jahren der Tourismus, der sich immer weiter zum Massentourismus entwickelt. Norddeich ist nach Rostock und Puttgarden der größte Personenhafen Deutschlands mit über zwei Millionen Passagieren und verzeichnet jährlich bis zu zwei Millionen Übernachtungen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp über 1.200 Leuten werden die Dimension und das Ausmaß des Tourismus besonders deutlich. Ein Großteil aller Häuser und Wohnungen wird entweder vollständig oder zumindest teilweise zu Zwecken des Tourismus vermietet. Dazu kommen eine Vielzahl an Pensionen und Hotels der unterschiedlichsten Kategorien sowie eine herausragende Anzahl an Restaurants und weiteren, dem Tourismus dienende Einrichtungen. | Lange Zeit spielten vor allem die Fischerei und die Landwirtschaft eine Rolle und tun dies zum Teil bis heute. Bekannt ist, dass von Norddeich aus um 1888 sieben Schaluppen auf Schellfischfang gingen und auch Argenfischerei betrieben wurde. Hierzu wurden auf einer Sandbank bis zu 800 Meter lange Buschzäune errichtet, die zu einem spitzen Winkel zusammenliefen und an dessen Ende Fangnetze aufgestellt waren. Bei Ebbstrom verfingen sich dadurch Schollen, Butte und andere Fische in den Netzen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 302</ref> Muschelfang wird traditionell südlich von Borkum und nahe der Vogelinsel Memmert betrieben. Von Bedeutung war lange Zeit auch das Krabben- bzw. Granatpulen, das noch bis in die 1990er Jahre einer dreistelligen Personenzahl ein Einkommen bescherte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 303</ref> Heute wird der in Norddeich gefangene Granat jedoch irrsinnigerweise überwiegend in Marokko gepult und dann wieder zurück nach Deutschland verschifft. | ||
Haupterwerbszeig ist jedoch spätestens seit den 1950er Jahren der Tourismus, der sich immer weiter zum Massentourismus entwickelt. Norddeich ist nach Rostock und Puttgarden der größte Personenhafen Deutschlands mit über zwei Millionen Passagieren und verzeichnet jährlich bis zu zwei Millionen Übernachtungen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp über 1.200 Leuten werden die Dimension und das Ausmaß des Tourismus besonders deutlich. Ein Großteil aller Häuser und Wohnungen wird entweder vollständig oder zumindest teilweise zu Zwecken des Tourismus vermietet. Dazu kommen eine Vielzahl an Pensionen und Hotels der unterschiedlichsten Kategorien sowie eine herausragende Anzahl an Restaurants und weiteren, dem Tourismus dienende Einrichtungen. | |||
Der wohl älteste schriftliche Beleg für touristische Aktivitäten in Norddeich ist ein am 21. Juli 1813 veröffentlicht Prospekt eines [[Roolf Seeberg|Roolf W. Seeberg]], Inhaber des [[Seebergskrug|''Seebergskrugs am Norddeiche'']]: ''"Die kleine Seebadeanstalt am Norddeiche ohnweit Norden betrf. mache ich Unterzeichneter […] näher bekannt.''" Es folgen Informationen und Preisangaben für warme und kalte Bäder in seinem Hause diesseits des Deiches sowie für die Nutzung einer Badekutsche jenseits des Deiches. Seeberg bot zur mehreren Bequemlichkeit der ''Herren Badegäste'' auch ein Fahrdienst im verdeckten viersitzigem Wagen, und zwar zweimal täglich - vormittags um 10:00 Uhr und nachmittags um 14:00 Uhr - von Norden aus an. Gegen diesen Prospekt, der auf der Vorderseite in deutscher und - mit Blick auf damals in Ostfriesland und auch in Norden und Umgebung stationierten französischen Besatzungstruppen - auf der Rückseite in französischer Sprache abgefasst war, intervenierte der Präfekt des Départements Ems-Oriental, da für die Veröffentlichung keine Genehmigung eingeholt worden sei. Diese aber wäre schon deshalb notwendig gewesen, weil der Prospekt ''ein Zulauf von fremden Reisenden auf die äußersten Gränzen des Reiches bewirken'' könnte. Seeberg wandte sich deshalb - den Dienstweg einhaltend - am 6. August 1813 an den Bürgermeister (''Maire'') von Lintelermarsch und suchte dort offiziell um eine Genehmigung für seinen Badebetrieb nach. Seinen Antrag begründete er unter anderem auf folgende Weise: ''"So habe ich mich entschloßen, weill ich am Deiche wohne, vor [= für] unseres Landes Leute zu mehr bequemlichkeit es einzurichten, das Herren und Dames die sich Schienären [= genieren] öffentlich zu baden, sich durch eine Maschine sich können herein farren [= fahren] laßen, und unter ein Fallschirm zu Baden."'' Außerdem verwies Seeberg auf die wissenschaftliche Abhandlung eines Professor Vogels über den Nutzen der Seebäder und einen anderen französischen Aufsatz, in dem Vogel die These vertrat, dass das Seebad in mehreren Krankheiten fast durch nichts zu ersetzen ist. Ob der Bürgermeister dem Antrag stattgab, ist nicht bekannt. Im gleichen Jahr fiel Ostfriesland jedoch auch wieder an Preußen zurück und die ''französischen Bedenken'' wurden damit bedeutungslos. | Der wohl älteste schriftliche Beleg für touristische Aktivitäten in Norddeich ist ein am 21. Juli 1813 veröffentlicht Prospekt eines [[Roolf Seeberg|Roolf W. Seeberg]], Inhaber des [[Seebergskrug|''Seebergskrugs am Norddeiche'']]: ''"Die kleine Seebadeanstalt am Norddeiche ohnweit Norden betrf. mache ich Unterzeichneter […] näher bekannt.''" Es folgen Informationen und Preisangaben für warme und kalte Bäder in seinem Hause diesseits des Deiches sowie für die Nutzung einer Badekutsche jenseits des Deiches. Seeberg bot zur mehreren Bequemlichkeit der ''Herren Badegäste'' auch ein Fahrdienst im verdeckten viersitzigem Wagen, und zwar zweimal täglich - vormittags um 10:00 Uhr und nachmittags um 14:00 Uhr - von Norden aus an. Gegen diesen Prospekt, der auf der Vorderseite in deutscher und - mit Blick auf damals in Ostfriesland und auch in Norden und Umgebung stationierten französischen Besatzungstruppen - auf der Rückseite in französischer Sprache abgefasst war, intervenierte der Präfekt des Départements Ems-Oriental, da für die Veröffentlichung keine Genehmigung eingeholt worden sei. Diese aber wäre schon deshalb notwendig gewesen, weil der Prospekt ''ein Zulauf von fremden Reisenden auf die äußersten Gränzen des Reiches bewirken'' könnte. Seeberg wandte sich deshalb - den Dienstweg einhaltend - am 6. August 1813 an den Bürgermeister (''Maire'') von Lintelermarsch und suchte dort offiziell um eine Genehmigung für seinen Badebetrieb nach. Seinen Antrag begründete er unter anderem auf folgende Weise: ''"So habe ich mich entschloßen, weill ich am Deiche wohne, vor [= für] unseres Landes Leute zu mehr bequemlichkeit es einzurichten, das Herren und Dames die sich Schienären [= genieren] öffentlich zu baden, sich durch eine Maschine sich können herein farren [= fahren] laßen, und unter ein Fallschirm zu Baden."'' Außerdem verwies Seeberg auf die wissenschaftliche Abhandlung eines Professor Vogels über den Nutzen der Seebäder und einen anderen französischen Aufsatz, in dem Vogel die These vertrat, dass das Seebad in mehreren Krankheiten fast durch nichts zu ersetzen ist. Ob der Bürgermeister dem Antrag stattgab, ist nicht bekannt. Im gleichen Jahr fiel Ostfriesland jedoch auch wieder an Preußen zurück und die ''französischen Bedenken'' wurden damit bedeutungslos. | ||
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* Arends, Friedrich (1824): Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes. Emden, S. 398 | * Arends, Friedrich (1824): Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes. Emden, S. 398 | ||
* Ostfriesischer Kurier vom 25. Juni 2010, S. 1 u. 3 | * Ostfriesischer Kurier vom 25. Juni 2010, S. 1 u. 3 | ||
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== Einzelnachweise == | |||
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