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Der Legende nach erhielten die Friesen nach ihrer siegreichen Heimkehr aus Italien, wo sie für den legendären Frankenkönig Karl den Großen die Römer besiegt hatte, die Freiheit für sich und ihre Nachkommen geschenkt: Die Friesische Freiheit war geboren. Über Jahrhunderte konnten die Friesen sich dieses Privileg bewahren und unterstanden damit keinem Lehnsherren bzw. keiner zentralen Herrschaft. Damit standen sie im krassen Gegensatz zu dem großen Teil der unfreien Bevölkerung des europäischen Mittelalters. Neben der persönlichen Freiheit jedes Einzelnen wurde auch die Macht geteilt. Die Friesen organisierten ihr Gemeinwesen in - mehr oder minder - demokratischen Gemeinden, bei denen theoretisch jeder gleichberechtigt war, die tatsächlichen Machtverhältnisse jedoch an Besitz gebunden waren und die öffentlichen Ämter diesen als Bedingung hatten.
Der Legende nach erhielten die Friesen nach ihrer siegreichen Heimkehr aus Italien, wo sie für den legendären Frankenkönig Karl den Großen die Römer besiegt hatte, die Freiheit für sich und ihre Nachkommen geschenkt: Die Friesische Freiheit war geboren. Über Jahrhunderte konnten die Friesen sich dieses Privileg bewahren und unterstanden damit keinem Lehnsherren bzw. keiner zentralen Herrschaft. Damit standen sie im krassen Gegensatz zu dem großen Teil der unfreien Bevölkerung des europäischen Mittelalters. Neben der persönlichen Freiheit jedes Einzelnen wurde auch die Macht geteilt. Die Friesen organisierten ihr Gemeinwesen in - mehr oder minder - demokratischen Gemeinden, bei denen theoretisch jeder gleichberechtigt war, die tatsächlichen Machtverhältnisse jedoch an Besitz gebunden waren und die öffentlichen Ämter diesen als Bedingung hatten.


Aus den Reihen der besitzenden Schicht, insbesondere den wohlhabenden (Groß-)Bauern wurden die sogenannten "Redjeve" (lateinisch: ''consules'') in jährlichen Wahlen bestimmt. Insbesondere die Mitglieder der großen und reichen Familien bekleideten die öffentlichen Ämter. Statussymbole dieser Familien waren ab dem 13. Jahrhundert Steinhäuser, aus denen später die [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|ostfriesischen Wehrhäuser und Burgen]] hervorgingen sowie kleine Söldnerheere. Damit hoben sie sich von den meisten anderen ab, denn Steine waren in Anbetracht mangelnder natürlicher Vorkommen in unserer Region, ein knappes und damit teures Gut. Die meisten Menschen wohnten in ärmlichen Hütten aus Lehm oder anderen, einfachen Baustoffen.
Aus den Reihen der besitzenden Schicht, insbesondere den wohlhabenden (Groß-)Bauern wurden die sogenannten ''Redjeve'' (lateinisch: ''consules'') in jährlichen Wahlen bestimmt, die das regierende und rechtsprechende Gremium stellten und dem ein Triumvirat von drei Männern nebst einem Sprecher (lateinisch: ''orator'') vorstand. Insbesondere die Mitglieder der großen und reichen Familien bekleideten die öffentlichen Ämter. Statussymbole dieser Familien waren ab dem 13. Jahrhundert Steinhäuser, aus denen später die [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|ostfriesischen Wehrhäuser und Burgen]] hervorgingen sowie kleine Söldnerheere. Damit hoben sie sich von den meisten anderen ab, denn Steine waren in Anbetracht mangelnder natürlicher Vorkommen in unserer Region, ein knappes und damit teures Gut. Die meisten Menschen wohnten in ärmlichen Hütten aus Lehm oder anderen, einfachen Baustoffen.


Diese egalitäre Ordnung konnte sich bis in das eingehende 14. Jahrhundert erhalten. Doch durch verheerende Seuchen (vor allem die Pest), Missernten und vor allem Sturmfluten (insbesondere die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]]) kam es zu einem regelrechten Massensterben und Hungersnöten. Diese katastrophalen Bedingungen hatten zur Folge, dass die bisherige Ordnung verlorenging und die bereits einflussreichen Familien ihre Machtposition in dem politischen Chaos ausbauen konnten. Die Eliten lernten rasch, ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinden abzuleiten, sondern als dynastischen Besitz zu verstehen und zu verteidigen.<ref>Schmidt, Heinrich (2005): Das östliche Friesland um 1400. Territorialpolitische Strukturen und Bewegungen, Trier, S. 87</ref> Die Bevölkerung hatte indes um ihr Überleben zu kämpfen, sodass ihre politische Teilhabe praktisch zum Erliegen kam.<ref name=":0">Schmidt, Heinrich (2006): Piraten gern gesehen. In: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur, 38. Jahrgang, Ausgabe April, Leinfelden-Echterdingen, S. 32</ref> Die besonders privilegierten Familien setzten sich in der Folge immer weiter vom Rest der Bevölkerung und auch den Hofbesitzern ab und bildeten die herrschende Schicht, die ihre Machtansprüche im Zweifelsfalle auch durch Einsatz ihrer Söldnerheere durchzusetzen wusste. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts wird der Titel "Häuptling" üblich, seine Träger verstanden ihn nun als Standesbezeichnung.<ref name=":0" />
Diese egalitäre Ordnung konnte sich bis in das eingehende 14. Jahrhundert erhalten. Doch durch verheerende Seuchen (vor allem die Pest), Missernten und vor allem Sturmfluten (insbesondere die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]]) kam es zu einem regelrechten Massensterben und Hungersnöten. Diese katastrophalen Bedingungen hatten zur Folge, dass die bisherige Ordnung verlorenging und die bereits einflussreichen Familien ihre Machtposition in dem politischen Chaos ausbauen konnten. Die Eliten lernten rasch, ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinden abzuleiten, sondern als dynastischen Besitz zu verstehen und zu verteidigen.<ref>Schmidt, Heinrich (2005): Das östliche Friesland um 1400. Territorialpolitische Strukturen und Bewegungen, Trier, S. 87</ref> Die Bevölkerung hatte indes um ihr Überleben zu kämpfen, sodass ihre politische Teilhabe praktisch zum Erliegen kam.<ref name=":0">Schmidt, Heinrich (2006): Piraten gern gesehen. In: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur, 38. Jahrgang, Ausgabe April, Leinfelden-Echterdingen, S. 32</ref> Die besonders privilegierten Familien setzten sich in der Folge immer weiter vom Rest der Bevölkerung und auch den Hofbesitzern ab und bildeten die herrschende Schicht, die ihre Machtansprüche im Zweifelsfalle auch durch Einsatz ihrer Söldnerheere durchzusetzen wusste. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts wird der Titel ''Häuptling'' üblich, seine Träger verstanden ihn nun als Standesbezeichnung.<ref name=":0" />


Die Macht der Häuptlinge stützte sich vor allem auf ihren familiären Besitz. Aus den Steinhäusern entwickelten sich nun Türme und Burgen. Auch steinerne Kirchen wurden als Herrschaftszentrum instrumentalisiert.<ref>Schmidt, Heinrich (1999): Mittelalterliche Kirchengeschichte. In: Oldenburgische Kirchengeschichte, Oldenburg, S. 120ff.</ref> Neben ihrem militärischen Nutzen zeugt der (Aus-)Bau von Burgen auch von einem erstarkenden Standesbewusstsein: Die Häuptlinge rückten sich so in die Nähe des Adels wie er im übrigen Deutschen Reich existierte und verstärkten damit ein weiteres Mal die Kluft zu den Bauern, die nun als Untertanen, betrachtet wurden.<ref>Schmidt, Heinrich (2005): Das östliche Friesland um 1400. Territorialpolitische Strukturen und Bewegungen, Trier, S. 89</ref> Die Häuptlinge konnten es dabei durchaus mit den anderen Adeligen niederen Ranges außerhalb (Ost-)Frieslands aufnehmen, was ihren Reichtum betraf, ihre Freiheit und Unabhängigkeit.<ref>Salomon, Almuth (2004): Führungsschichten im Jeverland, Oldenburg, S. 80</ref>
Die Macht der Häuptlinge stützte sich vor allem auf ihren familiären Besitz. Aus den Steinhäusern entwickelten sich nun Türme und Burgen. Auch steinerne Kirchen wurden als Herrschaftszentrum instrumentalisiert.<ref>Schmidt, Heinrich (1999): Mittelalterliche Kirchengeschichte. In: Oldenburgische Kirchengeschichte, Oldenburg, S. 120ff.</ref> Neben ihrem militärischen Nutzen zeugt der (Aus-)Bau von Burgen auch von einem erstarkenden Standesbewusstsein: Die Häuptlinge rückten sich so in die Nähe des Adels wie er im übrigen Deutschen Reich existierte und verstärkten damit ein weiteres Mal die Kluft zu den Bauern, die nun als Untertanen, betrachtet wurden.<ref>Schmidt, Heinrich (2005): Das östliche Friesland um 1400. Territorialpolitische Strukturen und Bewegungen, Trier, S. 89</ref> Die Häuptlinge konnten es dabei durchaus mit den anderen Adeligen niederen Ranges außerhalb (Ost-)Frieslands aufnehmen, was ihren Reichtum betraf, ihre Freiheit und Unabhängigkeit.<ref>Salomon, Almuth (2004): Führungsschichten im Jeverland, Oldenburg, S. 80</ref>
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==Norder Häuptlingsgeschlechter==
==Norder Häuptlingsgeschlechter==
*siehe auch: [[Liste der Burgen und Wehrhäuser]]
*siehe auch: [[Liste der Burgen und Wehrhäuser]]
*siehe auch: [[:Kategorie:Häuptlingsgeschlechter|Kategorie: Häuptlingsgeschlechter]]


Das für Norden lange Zeit dominierende Häuptlingsgeschlecht waren die [[Idzinga]], die nach der [[Schlacht von Bargebur]] von den [[Cirksena]] verdrängt wurden. Neben ihnen gab es weitere, lokal einflussreiche Geschlechter wie die [[Uldinga]] oder die [[Aldersna]]. Aber auch Geschlechter aus anderen ostfriesischen Regionen hatten politische Bedeutung in Norden inne, so etwa die [[tom Brook]] oder die [[Manninga]].
Das für Norden lange Zeit dominierende Häuptlingsgeschlecht waren die [[Idzinga]], die nach der [[Schlacht von Bargebur]] von den [[Cirksena]] verdrängt wurden. Neben ihnen gab es weitere, lokal einflussreiche Geschlechter wie die [[Uldinga]] oder die [[Aldersna]]. Aber auch Geschlechter aus anderen ostfriesischen Regionen hatten politische Bedeutung in Norden inne, so etwa die [[tom Brook]] oder die [[Manninga]].