Norder Fehngesellschaft: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (2 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 25: | Zeile 25: | ||
__TOC__ | __TOC__ | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
===Vorgeschichte=== | |||
=== Vorgeschichte === | |||
Da die kleinen Norder Torfmoore, die sich fast ausschließlich im Süden der Stadt erstreckten, erschöpften, gab es bereits um 1740 erste und seit 1769 konkrete Überlegungen zum Bau eines [[Berumerfehnkanal|Kanals]], um in dem relativ nahen ''Berumer Hochmoor'' Torf abzubauen. Wegen des großen Torfbedarfs war die Stadt weitestgehend von Torfimporten aus dem Saterland und den Niederlanden abhängig, wo die Kaufmänner die Preise wegen ihrer Monopolstellungen diktierten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 26</ref><ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Dazu kam, dass die niederländischen Torfschiffe den Norder Handelskapitänen stets ein Dorn im Auge waren, da diese hier günstig Aufträge für ihre Rückkehr annahmen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 182</ref> | Da die kleinen Norder Torfmoore, die sich fast ausschließlich im Süden der Stadt erstreckten, erschöpften, gab es bereits um 1740 erste und seit 1769 konkrete Überlegungen zum Bau eines [[Berumerfehnkanal|Kanals]], um in dem relativ nahen ''Berumer Hochmoor'' Torf abzubauen. Wegen des großen Torfbedarfs war die Stadt weitestgehend von Torfimporten aus dem Saterland und den Niederlanden abhängig, wo die Kaufmänner die Preise wegen ihrer Monopolstellungen diktierten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 26</ref><ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Dazu kam, dass die niederländischen Torfschiffe den Norder Handelskapitänen stets ein Dorn im Auge waren, da diese hier günstig Aufträge für ihre Rückkehr annahmen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 182</ref> | ||
=== Gründung und Aufstieg === | ===Gründung und Aufstieg=== | ||
Diesen Umstand versuchten findige Kaufleute aus Norden und Hage zu beheben, indem sie planten, Torf in den ausgedehnten Moorflächen zwischen Norden und Aurich abzubauen. Dafür war jedoch die Anlage eines Kanals notwendig, denn Straßen waren zu dieser Zeit kaum vorhanden und wenn, dann waren diese kaum oder gar nicht befestigt. Zudem fehlten schlichtweg die technischen Möglichkeiten, größere Lasten auf dem Erdweg zu transportieren. Schon seit jeher wurden in Ostfriesland die Waren daher mit Booten und Kähnen über das weitverzweigte Fluss- und Kanalnetz, das zugleich auch der Entwässerung diente, befördert. | Diesen Umstand versuchten findige Kaufleute aus Norden und Hage zu beheben, indem sie planten, Torf in den ausgedehnten Moorflächen zwischen Norden und Aurich abzubauen. Dafür war jedoch die Anlage eines Kanals notwendig, denn Straßen waren zu dieser Zeit kaum vorhanden und wenn, dann waren diese kaum oder gar nicht befestigt. Zudem fehlten schlichtweg die technischen Möglichkeiten, größere Lasten auf dem Erdweg zu transportieren. Schon seit jeher wurden in Ostfriesland die Waren daher mit Booten und Kähnen über das weitverzweigte Fluss- und Kanalnetz, das zugleich auch der Entwässerung diente, befördert. | ||
[[Datei:Heerstraße Berumerfehnkanal Fehnkanal um 1900 01.jpg|mini|Torfverladung am Hafen der Fehngesellschaft (um 1900). Rechts die [[Brückstraße]].]] | [[Datei:Heerstraße Berumerfehnkanal Fehnkanal um 1900 01.jpg|mini|Torfverladung am Hafen der Fehngesellschaft (um 1900). Rechts die [[Brückstraße]].]] | ||
| Zeile 52: | Zeile 51: | ||
1938 musste Fegter - noch immer im Amt - vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen und ließ sich mit seiner Frau in Wiesbaden nieder. Durch seine Abwesenheit war eine Geschäftsführung faktisch nicht mehr möglich, sodass der seit 1920 im Unternehmen tätige [[Emil Heeren]] das verwaiste Amt stellvertretend wahrnahm. | 1938 musste Fegter - noch immer im Amt - vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen und ließ sich mit seiner Frau in Wiesbaden nieder. Durch seine Abwesenheit war eine Geschäftsführung faktisch nicht mehr möglich, sodass der seit 1920 im Unternehmen tätige [[Emil Heeren]] das verwaiste Amt stellvertretend wahrnahm. | ||
=== Niedergang === | ===Niedergang=== | ||
Nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] nahm die Torfgewinnung kurze Zeit wieder deutlich zu, da das Brennmaterial dringend in den strengen Wintern dieser Zeit benötigt wurde. Der Torf wurde dabei nicht mehr nur von den Arbeitern der Fehngesellschaft abgebaut, sondern auch von Privatleuten, die ein Stück Land zugeteilt bekamen, um dort Brennmaterial für den Eigenbedarf abzubauen. Ab etwa 1950 ging die Zahl des abgebauten Torfs schließlich immer wieder zurück und erreichte mit 1.100 Tonnen im Jahre 1964 einen relativen Tiefstand. Torf war als Brennstoff längst nicht mehr das gefragteste Produkt, sondern wurde seit den 1950er Jahren immer weiter durch Kohle aus dem prosperierenden Ruhrgebiet verdrängt. Schon seit 1939 wurde kein Torf mehr über den Fehnkanal transportiert.<ref name=":4">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 44</ref> Vielmehr verdrängte das Fahrzeug das traditionelle Transportmittel immer weiter, wobei man diesen ab 1956 gar nicht mehr selbst transportierte.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 245</ref> Ab 1948 ersetzte die Kohle den Torf als Brennmittel endgültig und dieser wurde nur noch vereinzelt von Privatleuten abgetragen.<ref name=":4" /><ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 41</ref> | Nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] nahm die Torfgewinnung kurze Zeit wieder deutlich zu, da das Brennmaterial dringend in den strengen Wintern dieser Zeit benötigt wurde. Der Torf wurde dabei nicht mehr nur von den Arbeitern der Fehngesellschaft abgebaut, sondern auch von Privatleuten, die ein Stück Land zugeteilt bekamen, um dort Brennmaterial für den Eigenbedarf abzubauen. Ab etwa 1950 ging die Zahl des abgebauten Torfs schließlich immer wieder zurück und erreichte mit 1.100 Tonnen im Jahre 1964 einen relativen Tiefstand. Torf war als Brennstoff längst nicht mehr das gefragteste Produkt, sondern wurde seit den 1950er Jahren immer weiter durch Kohle aus dem prosperierenden Ruhrgebiet verdrängt. Schon seit 1939 wurde kein Torf mehr über den Fehnkanal transportiert.<ref name=":4">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 44</ref> Vielmehr verdrängte das Fahrzeug das traditionelle Transportmittel immer weiter, wobei man diesen ab 1956 gar nicht mehr selbst transportierte.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 245</ref> Ab 1948 ersetzte die Kohle den Torf als Brennmittel endgültig und dieser wurde nur noch vereinzelt von Privatleuten abgetragen.<ref name=":4" /><ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 41</ref> | ||
| Zeile 58: | Zeile 57: | ||
==Geschäftsführung== | ==Geschäftsführung== | ||
Geleitet wurde die Gesellschaft von einem ''Fehndirektor'' nebst einem Stellvertreter. | Geleitet wurde die Gesellschaft von einem ''Fehndirektor'' nebst einem Stellvertreter (''Vize-Direktor''). Ihnen unterstanden die ''Fehninspektoren'', die wahrscheinlich die Aufsicht über bestimmte Bereiche (Moorabbau, Transportwege, ...) innehatten. So wird in den Unterlagen für den Bau einer [[Kanalisation]] ein ''Fehninspektor Iggena'' genannt, der um 1896 im Dienst gewesen sein muss.<ref>Stadt Norden (1963): Kanalisation und Kläranlage der Stadt Norden, Norden, S. 11</ref> | ||
===Direktoren=== | |||
{| class="wikitable" | {| class="wikitable" | ||
|+ | |+ | ||
| Zeile 77: | Zeile 78: | ||
|Nachfahre des Gründungsdirektors | |Nachfahre des Gründungsdirektors | ||
|- | |- | ||
| | |1821-1834 | ||
| | |C.L.H. Horn | ||
| | |||
|- | |||
|1835-1839 | |||
|[[Conrad Biel]] | |||
| | | | ||
|- | |- | ||
| | |1840-1857 | ||
| | | | ||
| | | | ||
|- | |- | ||
| | |1858-1869 | ||
|[[Laurenz van Hülst]] | |[[Laurenz van Hülst]] | ||
| | |||
|- | |||
|1870-1880 | |||
|R. Cremer | |||
| | | | ||
|- | |- | ||
| Zeile 114: | Zeile 123: | ||
|} | |} | ||
==Gründungsmitglieder== | ===Vize-Direktoren (Stellvertreter)=== | ||
Der Gründung der Gesellschaft wurde zum 100-jährigen Bestehen im Jahre 1894 ein Denkmal im Kompaniewald bei Berumerfehn gesetzt. | {| class="wikitable" | ||
!Zeitraum | |||
!Vollständiger Name | |||
!Anmerkung | |||
|- | |||
|1877-1881 | |||
|[[Sicco Theodor van Hülst]] | |||
|ab 1881 Direktor | |||
|- | |||
|1881-??? | |||
|R. Eiben | |||
|[[Ratsherr|Senator der Stadt Norden]] | |||
|} | |||
==Gründungsmitglieder/Denkmal== | |||
Unter der Regie von Direktor [[Sicco Theodor van Hülst]] entstand 1894 im Berumerfehner Wald ein großes Denkmal mit den Namen der bis dahin tätigen Direktoren, Vize-Direktoren sowie den Gründungsmitgliedern. Ein Großteil der vorgenannten Angaben entstammt diesem bis heute existenten Denkmal. | |||
Der Gründung der Gesellschaft wurde zum 100-jährigen Bestehen im Jahre 1894 ein Denkmal im ''Kompaniewald'' bei Berumerfehn gesetzt. Inschrift: ''"Zum Andenken der Norder Bürger welche im Jahre 1794 das Norder Vehn gründeten."'' | |||
Die überwiegend aus Backstein errichtete Wand erinnert an die Gründungsmitglieder [[Sebastian Eberhard Wenckebach]], [[Ado Ufen]], [[Hermann Christian Harmens]], G. Kirchhoff, [[Friedrich Wilhelm Lantzius]], [[Jacob Uven|Jacob Wilhelm Uven]] und [[Wiltet Uken]]. | |||
==Schiffswerft== | ==Schiffswerft== | ||
Zur Instandhaltung der (anfangs hölzernen, später eisernen) Torfkähne unterhielt die Fehngesellschaft eine eigene kleine Werft (''Helling'') nahe der [[Frisiamühle]] bzw. hinter dem [[Kompaniehaus]] an der [[Brückstraße]].<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 160</ref> Hier befand sich auch eine kleine Anlegestelle für die Torfkähne, an denen das Torf entladen (gelöscht) wurde. Dieser Anleger wurde daher auch ''Torflöschungsplatz'' genannt (1818: ''Ankersmederye'').<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 229</ref><ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 240</ref> Nach dem Löschen wurde das Torf von gerichtlich vereidigte Torfmessern (vor allem Frauen) in Körbe geladen, die ein genau geregeltes Maß aufwiesen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 243</ref> | Zur Instandhaltung der (anfangs hölzernen, später eisernen) Torfkähne unterhielt die Fehngesellschaft eine eigene kleine Werft (''Helling'') nahe der [[Frisiamühle]] bzw. hinter dem [[Kompaniehaus]] an der [[Brückstraße]].<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 160</ref> Hier befand sich auch eine kleine Anlegestelle für die Torfkähne, an denen das Torf entladen (gelöscht) wurde. Dieser Anleger wurde daher auch ''Torflöschungsplatz'' genannt (1818: ''Ankersmederye'').<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 229</ref><ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 240</ref> Nach dem Löschen wurde das Torf von gerichtlich vereidigte Torfmessern (vor allem Frauen) in Körbe geladen, die ein genau geregeltes Maß aufwiesen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 243</ref> | ||
== Trivia == | ==Trivia== | ||
Die Fehngesellschaft als größter privater Eigentümer von Waldflächen in Berumerfehn war einer der größten Geschädigten der Orkane vom 13. November 1972 und 16. August 2021, die den Ort schwer trafen und zahlreiche Bäume entwurzelten. | Die Fehngesellschaft als größter privater Eigentümer von Waldflächen in Berumerfehn war einer der größten Geschädigten der Orkane vom 13. November 1972 und 16. August 2021, die den Ort schwer trafen und zahlreiche Bäume entwurzelten. | ||
| Zeile 126: | Zeile 154: | ||
==Galerie== | ==Galerie== | ||
===Allgemeine Bilder=== | |||
<gallery> | <gallery> | ||
Datei:Frisiamühle Deichmühle 1912 01.jpg|Torfkähne der Gesellschaft ankern hinter dem [[Kompaniehaus]] (1912). | Datei:Frisiamühle Deichmühle 1912 01.jpg|Torfkähne der Gesellschaft ankern hinter dem [[Kompaniehaus]] (1912). | ||
| Zeile 132: | Zeile 161: | ||
Datei:Norder Hafen Eilandje Deichmühle Sägemühle Frericks Berumerfehnkanal um 1950 01.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1950. | Datei:Norder Hafen Eilandje Deichmühle Sägemühle Frericks Berumerfehnkanal um 1950 01.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1950. | ||
Datei:Brückstraße 15 - 24 07 2021.jpg|Früherer Sitz der Norder Fehngesellschaft, heute Jugendamt - Aufnahme vom 24. Juli 2021. | Datei:Brückstraße 15 - 24 07 2021.jpg|Früherer Sitz der Norder Fehngesellschaft, heute Jugendamt - Aufnahme vom 24. Juli 2021. | ||
</gallery> | |||
===Denkmal der Fehngesellschaft=== | |||
<gallery> | |||
Datei:Norder Fehngesellschaft Denkmal Berumerfehn Berumerfehner Wald 19 07 2023 Georgs Blog 01.jpg|Denkmal der Fehngesellschaft im Berumerfehner Wald, aufgenommmen am 19. Juli 2023. | |||
Datei:Norder Fehngesellschaft Denkmal Berumerfehn Berumerfehner Wald 19 07 2023 Georgs Blog 02.jpg|Denkmal der Fehngesellschaft im Berumerfehner Wald, aufgenommmen am 19. Juli 2023. | |||
Datei:Norder Fehngesellschaft Denkmal Berumerfehn Berumerfehner Wald 19 07 2023 Georgs Blog 03.jpg|Denkmal der Fehngesellschaft im Berumerfehner Wald, aufgenommmen am 19. Juli 2023. | |||
Datei:Norder Fehngesellschaft Denkmal Berumerfehn Berumerfehner Wald 19 07 2023 Georgs Blog 04.jpg|Denkmal der Fehngesellschaft im Berumerfehner Wald, aufgenommmen am 19. Juli 2023. | |||
</gallery> | </gallery> | ||
| Zeile 144: | Zeile 181: | ||
*Preußische Grundkarte von ca. 1895 (Erste Landesaufnahme) | *Preußische Grundkarte von ca. 1895 (Erste Landesaufnahme) | ||
== Siehe auch == | ==Siehe auch== | ||
*[[Meliorationsverband Norden]] | |||
* [[ | *[[Entwässerungsverband Norden]] | ||
*[[Popke-Fegter-Platz]] | |||
[[Kategorie:Gewerbe im Stadtgebiet]] | [[Kategorie:Gewerbe im Stadtgebiet]] | ||