Ludgerikirche: Unterschied zwischen den Versionen
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{{Infobox Gebäude | |||
|center=53.59530152618063, 7.203901769563454 | |||
|circles=53.59530152618063, 7.203901769563454 :60 | |||
|zoom=16 | |||
|Entstehungszeit=1235-1445 | |||
|Erbauer=[[Ludgerigemeinde Norden|Norder Kirchengemeinde]] | |||
|Bauweise=Sakralbau | |||
| center = 53.59530152618063, 7.203901769563454 | |Erhaltungszustand=erhalten | ||
| circles = 53.59530152618063, 7.203901769563454 :60 | |Genaue Lage=[[Am Markt]] 37 | ||
| zoom = | 26506 Norden | ||
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Die '''Ludgerikirche''' ist die größte mittelalterliche Kirche Ostfrieslands. Mit ihrem Standort am zentralen [[Marktplatz]] von Norden ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt und gut 80 Meter lang. Erbaut in mehreren Abschnitten vom frühen 13. Jahrhundert bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, weist die Kirche sowohl Elemente des romanischen als auch des gotischen Baustils auf. Im frühen 14. Jahrhundert wurde sie um einen freistehenden Glockenturm erweitert. Geweiht war sie dem heiligen Ludger, dem Apostel der Friesen und ersten Bischof des Bistums Münster, zu dem Norden einst gehörte. Sie darf nicht mit der (katholischen) [[Ludgeruskirche]] verwechselt werden. | Die '''Ludgerikirche''' ist die größte mittelalterliche Kirche Ostfrieslands. Mit ihrem Standort am zentralen [[Marktplatz]] von Norden ist sie eines der Wahrzeichen der Stadt und gut 80 Meter lang. Erbaut in mehreren Abschnitten vom frühen 13. Jahrhundert bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, weist die Kirche sowohl Elemente des romanischen als auch des gotischen Baustils auf. Im frühen 14. Jahrhundert wurde sie um einen freistehenden Glockenturm erweitert. Geweiht war sie dem heiligen Ludger, dem Apostel der Friesen und ersten Bischof des Bistums Münster, zu dem Norden einst gehörte. Sie darf nicht mit der (katholischen) [[Ludgeruskirche]] verwechselt werden. | ||
__TOC__ | __TOC__ | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Die Geschichte der Ludgerikirche steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung der [[Stadt Norden]]. Angenommen wird, dass die Stadt als zentraler Marktort der umliegenden Bauerschaften [[Ekel]], [[Lintel]] und [[Westgaste]], die sich später zur Gemeinde [[Sandbauerschaft]] zusammenschlossen, entstand. Die Ortschaften befanden bzw. befinden sich nördlich, östlich und westlich des heutigen Stadtkerns und wurden in erhöht liegendem, damals noch weitestgehenden sturmflutsicherem [[Geest|Geestgebiet]] gegründet. So entstanden in etwa zur gleichen Zeit zwei Kirchen: Die [[Andreaskirche]] und die Ludgerikirche. Beide Kirchen wurden im höchstgelegenen Punkt der Stadt erbaut, die Andreaskirche zusätzlich auf einer Warft, also einer künstlichen Erderhöhung. Diese Warft ist auch nach dem Zerfall der Andreaskirche erhalten und bildet heute den [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]. Während die Andreaskirche zur städtischen Kirche wurde, wurde die Ludgerikirche die des Norder Umlandes; sprich der heute zur Stadt gehörenden und damals [[:Kategorie:Stadtteile von Norden|selbstständigen Stadtteile]]. | Die Geschichte der Ludgerikirche steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung der [[Stadt Norden]]. Angenommen wird, dass die Stadt als zentraler Marktort der umliegenden Bauerschaften [[Ekel]], [[Lintel]] und [[Westgaste]], die sich später zur Gemeinde [[Sandbauerschaft]] zusammenschlossen, entstand. Die Ortschaften befanden bzw. befinden sich nördlich, östlich und westlich des heutigen Stadtkerns und wurden in erhöht liegendem, damals noch weitestgehenden sturmflutsicherem [[Geest|Geestgebiet]] gegründet. So entstanden in etwa zur gleichen Zeit zwei Kirchen: Die [[Andreaskirche]] und die Ludgerikirche. Beide Kirchen wurden im höchstgelegenen Punkt der Stadt erbaut, die Andreaskirche zusätzlich auf einer Warft, also einer künstlichen Erderhöhung. Diese Warft ist auch nach dem Zerfall der Andreaskirche erhalten und bildet heute den [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]]. Während die Andreaskirche zur städtischen Kirche wurde, wurde die Ludgerikirche die des Norder Umlandes; sprich der heute zur Stadt gehörenden und damals [[:Kategorie:Stadtteile von Norden|selbstständigen Stadtteile]]. | ||
[[Datei:Ludgergulden 1421-1433 01.JPG | [[Datei:Ludgergulden 1421-1433 01.JPG|mini|229x229px|Sogenannte ''Ludgergulden'', in Gebrauch von 1421 bis 1433.]] | ||
Die Kirche wurde sodann dem heiligen Ludger geweiht, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen des [[Norderland|Norderlandes]], war formal jedoch erst eine Kapelle und erhielt erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Status einer Kirche. | Die Kirche wurde sodann dem heiligen Ludger geweiht, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen des [[Norderland|Norderlandes]], war formal jedoch erst eine Kapelle und erhielt erst in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts den Status einer Kirche. | ||
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Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen. | Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen. | ||
Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: ''"Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen [[Ulrich Cirksena|Junkers Ulrich]], des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden."'' Sein Familienwappen der Cirksenas befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref>[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg | Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: ''"Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen [[Ulrich Cirksena|Junkers Ulrich]], des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden."'' Sein Familienwappen der Cirksenas befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref>[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|mini|258x258px|Lithografie der Kirche nach einer Zeichnung von Gottlieb Kistenmacher aus dem Jahre 1860. Vor der Kirche gut zu erkennen ist die [[Osterpoort]] als Zugang zum [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]].]]Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der Martinikerk (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref name=":3">Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref> | ||
Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref> | Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref> | ||
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Seit 1565 war das erste Pfarramt mit dem gemäßigt reformierten Pastor [[Andreas Larletanus]] und das zweite Pfarramt mit [[Adolph Empenius]] besetzt, der stark reformiert orientiert war. Als Larletanus am 13. Juli 1577 überraschend verstarb, geriet Norden in den seit Machtkampf der eigentlich gemeinsam regierenden [[Edzard II. Cirksena]], der lutherisch gesinnt war, und seinem reformiert eingestellten Bruder [[Johann II. Cirksena]]. Beide Brüder beanspruchten das Recht für sich, die vakante Pfarrstelle mit einem Geistlichen ihrer Wahl besetzen zu dürfen. In diesem Machtkampf setzte sich letztlich Edzard II. durch und im Frühjahr 1578 wurde Empenius seines Pfarramts enthoben und seine Stelle mit einem Lutheraner besetzt. Die Reformierten wichen zunächst in das [[Gasthaus]] aus, das Johann II. ihnen als Predigtstätte zuwies. Nachdem sie auch dort im Jahre 1579 vertrieben wurden, hielten sie ihre Gottesdienst in Lütetsburg ab. Anderen christlichen Konfessionen war es bis in das 18. Jahrhundert verboten, ihren Glauben in der Stadt öffentlich zu praktizieren. Mit dem Bau der reformierten [[Bargeburer Kirche]] fanden die Reformierten schließlich wieder ein eigenes Gotteshaus - wenn auch außerhalb der Stadt.<ref>Rödiger, Hans-Bernd / Ramm, Heinz (1983): Friesische Kirchen im Auricherland, Norderland, Brokmerland und im Krummhörn, Jever, S. 98</ref> | Seit 1565 war das erste Pfarramt mit dem gemäßigt reformierten Pastor [[Andreas Larletanus]] und das zweite Pfarramt mit [[Adolph Empenius]] besetzt, der stark reformiert orientiert war. Als Larletanus am 13. Juli 1577 überraschend verstarb, geriet Norden in den seit Machtkampf der eigentlich gemeinsam regierenden [[Edzard II. Cirksena]], der lutherisch gesinnt war, und seinem reformiert eingestellten Bruder [[Johann II. Cirksena]]. Beide Brüder beanspruchten das Recht für sich, die vakante Pfarrstelle mit einem Geistlichen ihrer Wahl besetzen zu dürfen. In diesem Machtkampf setzte sich letztlich Edzard II. durch und im Frühjahr 1578 wurde Empenius seines Pfarramts enthoben und seine Stelle mit einem Lutheraner besetzt. Die Reformierten wichen zunächst in das [[Gasthaus]] aus, das Johann II. ihnen als Predigtstätte zuwies. Nachdem sie auch dort im Jahre 1579 vertrieben wurden, hielten sie ihre Gottesdienst in Lütetsburg ab. Anderen christlichen Konfessionen war es bis in das 18. Jahrhundert verboten, ihren Glauben in der Stadt öffentlich zu praktizieren. Mit dem Bau der reformierten [[Bargeburer Kirche]] fanden die Reformierten schließlich wieder ein eigenes Gotteshaus - wenn auch außerhalb der Stadt.<ref>Rödiger, Hans-Bernd / Ramm, Heinz (1983): Friesische Kirchen im Auricherland, Norderland, Brokmerland und im Krummhörn, Jever, S. 98</ref> | ||
[[Datei:Ludgerikirche Osterpoort Osterport Osterpforte vor 1940 01.jpg|mini|Die Ludgerikirche mit der noch vorhandenen [[Osterpoort]].]] | |||
1746 erhielt das Langschiff das bis heute erhaltene Holztonnengewölbe. Im 18. Jahrhundert nahm die Gemeinde vom Bilderverbot Abstand und ließ im Jahre 1785 drei Gemälde des Groninger Porträt- und Historienmalers Friedr. Corn. de Hosson auf die Innenseiten der Schrifttafeln des Hochaltars nageln und die Außenseiten einfarbig übermalen. In der Mitte des Altars befand sich nun eine Darstellung des Abendmahls. Links und Rechts daneben Gemälde der Kreuzigung und der Kreuzabnahme Jesu.<ref name=":2" /> | 1746 erhielt das Langschiff das bis heute erhaltene Holztonnengewölbe. Im 18. Jahrhundert nahm die Gemeinde vom Bilderverbot Abstand und ließ im Jahre 1785 drei Gemälde des Groninger Porträt- und Historienmalers Friedr. Corn. de Hosson auf die Innenseiten der Schrifttafeln des Hochaltars nageln und die Außenseiten einfarbig übermalen. In der Mitte des Altars befand sich nun eine Darstellung des Abendmahls. Links und Rechts daneben Gemälde der Kreuzigung und der Kreuzabnahme Jesu.<ref name=":2" /> | ||
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Im Chorumgang wurden zum Schutz vor weiterer Verwitterung die Reste jener Skulpturen aus Baumberger Sandstein aufgestellt, die bis 1957 in den Fensterblenden der Querschiffgiebel ihren Platz hatten. Sie werden auf das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts datiert und lassen den Einfluss der französischen Kathedralplastik erkennen. Ursprünglich stammen sie wahrscheinlich von der ehemaligen Andreaskirche. Von größerer künstlerischer Bedeutung ist die Gruppe der Verkündigung. Die sehr gut erhaltene Statue der Maria steht hier einem Engel (heute ohne Kopf) gegenüber, der auf sie zuzugehen scheint, um ihr die Geburt Jesu anzukündigen. Links neben dieser Gruppe steht ein Engel, der der Taufe Jesu beiwohnt und dabei seine Kleidung hält. Zu den weiteren im Chorumgang ausgestellten Gegenständen zählt eine Inschrift in Sandstein, die ursprünglich über dem Südportal angebracht war. Sie gilt als erstes eindeutiges schriftliches Zeugnis aus der Baugeschichte der Ludgerikirche. Sie wurde wohl im Gedenken an den Wiederaufbau des Querschiffs im Jahre 1445 angebracht. Durch ihre starke Verwitterung war eine Entzifferung schwierig. Im weiteren Verlauf des Chorumgangs findet sich noch die Figur eines bärtigen Heiligen. Sie war früher über dem Südportal angebracht und wurde lange Zeit fälschlicherweise als Liudger angesehen. Ergänzte Kopien der Sandsteinfiguren und der Inschrift, angefertigt von dem Bildhauer Georg Arfmann aus Königslutter, schmücken seit 1988 wieder die südliche Querhausfront. | Im Chorumgang wurden zum Schutz vor weiterer Verwitterung die Reste jener Skulpturen aus Baumberger Sandstein aufgestellt, die bis 1957 in den Fensterblenden der Querschiffgiebel ihren Platz hatten. Sie werden auf das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts datiert und lassen den Einfluss der französischen Kathedralplastik erkennen. Ursprünglich stammen sie wahrscheinlich von der ehemaligen Andreaskirche. Von größerer künstlerischer Bedeutung ist die Gruppe der Verkündigung. Die sehr gut erhaltene Statue der Maria steht hier einem Engel (heute ohne Kopf) gegenüber, der auf sie zuzugehen scheint, um ihr die Geburt Jesu anzukündigen. Links neben dieser Gruppe steht ein Engel, der der Taufe Jesu beiwohnt und dabei seine Kleidung hält. Zu den weiteren im Chorumgang ausgestellten Gegenständen zählt eine Inschrift in Sandstein, die ursprünglich über dem Südportal angebracht war. Sie gilt als erstes eindeutiges schriftliches Zeugnis aus der Baugeschichte der Ludgerikirche. Sie wurde wohl im Gedenken an den Wiederaufbau des Querschiffs im Jahre 1445 angebracht. Durch ihre starke Verwitterung war eine Entzifferung schwierig. Im weiteren Verlauf des Chorumgangs findet sich noch die Figur eines bärtigen Heiligen. Sie war früher über dem Südportal angebracht und wurde lange Zeit fälschlicherweise als Liudger angesehen. Ergänzte Kopien der Sandsteinfiguren und der Inschrift, angefertigt von dem Bildhauer Georg Arfmann aus Königslutter, schmücken seit 1988 wieder die südliche Querhausfront. | ||
Zahlreiche Malereien und alte, wertvolle Kronleuchter zeugen im Hochchor von einer jahrhundertealten Kirchenkunst. Aus der Neuzeit ist das Kruzifix erwähnenswert, das von heimkehrenden Kriegsgefangenen aus Frankreich mitgebracht wurde.<ref>Leiner, Karl (1972): Norden. Gestern heute morgen, Norden, S. 22</ref> | |||
====Glockenturm==== | ====Glockenturm==== | ||
Das Geläut im Glockenturm besteht aus drei Bronzeglocken, von denen die mittlere, die sogenannte ''Lutherglocke'', die älteste ist. Sie wurde 1911 von der Firma M & O Ohlsson aus Lübeck gefertigt. Hier benutzte man das Material der ''Annenglocke'' aus dem Jahr 1489, die seinerzeit vom Sohn des Ghert Klinghe, Barthold Klinghe, gegossen wurde. Aus dem so gewonnenen Material wurde eine weitere, die ''Christusglocke'' gegossen, die – wie auch die anderen Glocken im Turm – in den Weltkriegen abgegeben werden mussten (nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] wurden sie zurückgegeben, im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] eingeschmolzen, um daraus Rüstungsgüter zu fertigen). So ereilte die Glocke das gleiche Schicksal wie die östlichen Pforte des [[Alter Friedhof]], die [[Osterpoort]]. Erhalten blieb nur die Lutherglocke als kleinste des Geläuts. Sie war von 1917 bis 1919 und von 1942 bis 1951 auch die einzige Glocke im Turm. 1950 wurde ein Ersatz für die Christusglocke bei ''I. F. Weule'' in Bockenem gegossen. Sie befindet sich heute an der [[Große Mühlenstraße 21|Großen Mühlenstraße 21]]. | [[Datei:Große Mühlenstraße 21 Glocke 19 09 2021 03.jpg|mini|Die als Ersatz für die ''Christusglocke'' gefertigte Glocke. Aufschrift: ''Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Hebr. 13,8 - Für die im Kriege gebliebene Christusglocke durch I. F. Weule, Bockenem, für die luth. Kirchengemeinde Norden 1950 gegossen.'']]Das Geläut im Glockenturm besteht aus drei Bronzeglocken, von denen die mittlere, die sogenannte ''Lutherglocke'', die älteste ist. Sie wurde 1911 von der Firma M & O Ohlsson aus Lübeck gefertigt. Hier benutzte man das Material der ''Annenglocke'' aus dem Jahr 1489, die seinerzeit vom Sohn des Ghert Klinghe, Barthold Klinghe, gegossen wurde. Aus dem so gewonnenen Material wurde eine weitere, die ''Christusglocke'' gegossen, die – wie auch die anderen Glocken im Turm – in den Weltkriegen abgegeben werden mussten (nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] wurden sie zurückgegeben, im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] eingeschmolzen, um daraus Rüstungsgüter zu fertigen). So ereilte die Glocke das gleiche Schicksal wie die östlichen Pforte des [[Alter Friedhof]], die [[Osterpoort]]. Erhalten blieb nur die Lutherglocke als kleinste des Geläuts. Sie war von 1917 bis 1919 und von 1942 bis 1951 auch die einzige Glocke im Turm. 1950 wurde ein Ersatz für die Christusglocke bei ''I. F. Weule'' in Bockenem gegossen. Sie befindet sich heute an der [[Große Mühlenstraße 21|Großen Mühlenstraße 21]]. | ||
Auf der Lutherglocke sind ein Relief Martin Luthers und ein Schriftzug eingearbeitet: Der Vers ''Ein feste Burg ist unser Gott ein gute Wehr und Waffen''. Auch die Namen der Prediger Thomsen, [[Wilhelm Schomerus|Schomerus]] und Buse sowie der Kirchenvorsteher Eiben, Schwandt, Straakholder, de Boer, Franzen, Janssen, Hinrichs, Hasbargen, Hibben, Hobbje, Siemons und Eilts sind abgebildet. | Auf der Lutherglocke sind ein Relief Martin Luthers und ein Schriftzug eingearbeitet: Der Vers ''Ein feste Burg ist unser Gott ein gute Wehr und Waffen''. Auch die Namen der Prediger Thomsen, [[Wilhelm Schomerus|Schomerus]] und Buse sowie der Kirchenvorsteher Eiben, Schwandt, Straakholder, de Boer, Franzen, Janssen, Hinrichs, Hasbargen, Hibben, Hobbje, Siemons und Eilts sind abgebildet. | ||
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Bereits 1936 gab es ein (erstes) Glockenspiel. Es wurde im März 1936 von der Firma Korfhage & Söhne, Buer/Osnabrück, geliefert und im nördlichen Schallloch des Glockenturms angebracht. Die zwölf Bronzeglocken waren auf die Töne g, a, h, c<sup>1</sup>, d<sup>1</sup>, e<sup>1</sup>, f<sup>1</sup>, fis<sup>1</sup>, g<sup>1</sup>, a<sup>1</sup>, h<sup>1</sup>, c<sup>2</sup> gestimmt. Die damaligen Planungen sahen eine Anlage von insgesamt 25 Glocken vor. 13 weitere Glocken sollten zu einem späteren Zeitpunkt eingebaut werden, was jedoch nicht geschah. Während des Zweiten Weltkrieges mussten im Jahre 1942 fast alle Glocken abgegeben werden. Lediglich vier überstanden den Krieg auf dem Boden des Turms. Ende der 80er Jahre initiierte der damalige Bürgermeister der Stadt, [[Fritz Fuchs]], eine Spendensammlung, mit der das heutige Glockenspiel finanziert wurde. Am Ostermontag 1992 erklang das Spiel zum ersten Mal.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 95</ref> | Bereits 1936 gab es ein (erstes) Glockenspiel. Es wurde im März 1936 von der Firma Korfhage & Söhne, Buer/Osnabrück, geliefert und im nördlichen Schallloch des Glockenturms angebracht. Die zwölf Bronzeglocken waren auf die Töne g, a, h, c<sup>1</sup>, d<sup>1</sup>, e<sup>1</sup>, f<sup>1</sup>, fis<sup>1</sup>, g<sup>1</sup>, a<sup>1</sup>, h<sup>1</sup>, c<sup>2</sup> gestimmt. Die damaligen Planungen sahen eine Anlage von insgesamt 25 Glocken vor. 13 weitere Glocken sollten zu einem späteren Zeitpunkt eingebaut werden, was jedoch nicht geschah. Während des Zweiten Weltkrieges mussten im Jahre 1942 fast alle Glocken abgegeben werden. Lediglich vier überstanden den Krieg auf dem Boden des Turms. Ende der 80er Jahre initiierte der damalige Bürgermeister der Stadt, [[Fritz Fuchs]], eine Spendensammlung, mit der das heutige Glockenspiel finanziert wurde. Am Ostermontag 1992 erklang das Spiel zum ersten Mal.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 95</ref> | ||
Im unteren Teil des Glockenturms befand sich früher die [[Stadtwaage]]. Heute befindet sich dort ein Denkmal für die Gefallenen des [[Erster Weltkrieg|Ersten]] und [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]]. | |||
==Trivia== | ==Trivia== | ||
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Datei:Am Markt Ludgerikirche um 1960 02.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1960. | Datei:Am Markt Ludgerikirche um 1960 02.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1960. | ||
Datei:Am Markt Ludgerikirche um 1960 03.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1960. | Datei:Am Markt Ludgerikirche um 1960 03.jpg|Aufnahme aus der Zeit um 1960. | ||
Datei:Am Markt Ludgerikirche 22 09 1965.JPG|Aufnahme vom 22. September 1965. | |||
Datei:Ludgerikirche mit Pavillon und Glockenturm 01 06 1978 (0268228) MZ.jpg|Aufnahme vom 1. Juni 1978. | Datei:Ludgerikirche mit Pavillon und Glockenturm 01 06 1978 (0268228) MZ.jpg|Aufnahme vom 1. Juni 1978. | ||
Datei:Blick aus der Kirchstraße in Richtung Glockenturm 20 02 1979 (0268230) MZ.jpg|Blick von der Kirchstraße - Aufnahme vom 22. Februar 1979. | Datei:Blick aus der Kirchstraße in Richtung Glockenturm 20 02 1979 (0268230) MZ.jpg|Blick von der Kirchstraße - Aufnahme vom 22. Februar 1979. | ||