Jüdische Gemeinde Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Am Synagogenweg 4 entstand die ehemalige jüdische Schule. Sie wurde 1871 als Anbau an das Haus [[Neuer Weg 110]] errichtet. Die Schule hatte einen kleinen Schulgarten, für den Sportunterricht wurde die [[Sporthalle Am Alten Siel|Turnhalle]] des [[Norder Turnverein|Norder Turnvereins]] genutzt. 1903 wurde der vordere, ursprüngliche Bau der Nummer 110 abgebrochen und mit einer Lehrerwohnung im Obergeschoss neu errichtet.<ref name=":0" /> Bereits um 1857 gab es einen Jugendverein innerhalb der jüdischen Gemeinde, der die Förderung talentierter Schüler zum Ziel hatte und sich aus freiwilligen Zuwendungen der Gemeindemitglieder finanzierte. | Am Synagogenweg 4 entstand die ehemalige jüdische Schule. Sie wurde 1871 als Anbau an das Haus [[Neuer Weg 110]] errichtet. Die Schule hatte einen kleinen Schulgarten, für den Sportunterricht wurde die [[Sporthalle Am Alten Siel|Turnhalle]] des [[Norder Turnverein|Norder Turnvereins]] genutzt. 1903 wurde der vordere, ursprüngliche Bau der Nummer 110 abgebrochen und mit einer Lehrerwohnung im Obergeschoss neu errichtet.<ref name=":0" /> Bereits um 1857 gab es einen Jugendverein innerhalb der jüdischen Gemeinde, der die Förderung talentierter Schüler zum Ziel hatte und sich aus freiwilligen Zuwendungen der Gemeindemitglieder finanzierte. | ||
[[Datei:Synagogenweg Judenlohne Synagoge 1926 01.jpg|mini|Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, aufgenommen am Eingang der [[Synagoge]] (1926).]] | [[Datei:Synagogenweg Judenlohne Synagoge 1926 01.jpg|mini|Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, aufgenommen am Eingang der [[Synagoge]] (1926).]] | ||
Der offene Antisemitismus in Norden dürfte dazu beigetragen haben, dass sich der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, die die Errichtung, Bewahrung und Rechtfertigung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina zum Ziel hat, von Norden aus über Ostfriesland und die Niederlande ausbreitete. Ab 1897 gab es zionistische Vorträge in Norden. In einem Artikel von ''Die Welt'' heißt es dazu:<blockquote>''Norden. Unsere ostfriesischen Juden, ein körperlich und geistig kerngesunder Stamm, welcher aus spagnolischer und aschkenasischer Mischung hervorgegangen ist, hatte vor einigen Tagen zum erstenmale Gelegenheit, vom Zionismus zu hören und sich für ihn zu begeistern. Herr Dr. Loewe aus Jaffa, der Palästina schon oft in allen seinen Teilen bereist hat, hielt hier einen ebenso glänzenden wie interessanten Vortrag über ‚Palästina, Land und Leute‘. Kein Mitglied der Gemeinde versäumte es, dem ‚Esra‘, in dessen Namen der Propagandavortrag stattfand, beizutreten, zum Theil mit sehr namhaften Beiträgen. Herr Dr. Loewe wird morgen in zwei anderen Städten Ostfrieslands jüdisch-nationale Beiträge Vorträge halten, um dann die zionistische Propaganda nach den Niederlanden zu tragen. Die Furcht vor dem bösen Zionismus, die geflissentlich von gewissen Rabbinern in's Volk getragen wurde, ist hier unbekannt. Gleichwohl darf man diese Erfolge umso weniger unterschätzen, als sie die Grundlage einer nach Westfriesland und Holland gerichteten Agitation sein werden. Wir wünschen dem Rufer im Streite weiteren guten Erfolg.''<ref>Die Welt. Jahrgang 1, Heft 28 vom 10. Dezember 1897</ref></blockquote>Das sich verschärfende Klima führte langsam, aber sicher zu einem Schwinden der Gemeinde. 1864 gab es in der Stadt 316 Juden bei 6.096 Einwohnern, 1895 waren es immerhin noch 253.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 13</ref> Zur solidarischen Teilung von Krankheits- und Beerdigungskosten wurde am 13. Oktober 1912 eine ''Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft'' gegründet. Am 8. Februar 1922 gründete sich ein jüdischer Frauenverband, die jedoch am 1. Juni 1939 wieder aufgelöst wurde. Die vorgenannte Brüderschaft wurde am 16. Oktober 1940, wahrscheinlich von den Behörden, aufgelöst.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | Der offene Antisemitismus in Norden dürfte dazu beigetragen haben, dass sich der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung, die die Errichtung, Bewahrung und Rechtfertigung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina zum Ziel hat, von Norden aus über Ostfriesland und die Niederlande ausbreitete. Ab 1897 gab es zionistische Vorträge in Norden. In einem Artikel von ''Die Welt'' heißt es dazu:<blockquote>''Norden. Unsere ostfriesischen Juden, ein körperlich und geistig kerngesunder Stamm, welcher aus spagnolischer und aschkenasischer Mischung hervorgegangen ist, hatte vor einigen Tagen zum erstenmale Gelegenheit, vom Zionismus zu hören und sich für ihn zu begeistern. Herr Dr. Loewe aus Jaffa, der Palästina schon oft in allen seinen Teilen bereist hat, hielt hier einen ebenso glänzenden wie interessanten Vortrag über ‚Palästina, Land und Leute‘. Kein Mitglied der Gemeinde versäumte es, dem ‚Esra‘, in dessen Namen der Propagandavortrag stattfand, beizutreten, zum Theil mit sehr namhaften Beiträgen. Herr Dr. Loewe wird morgen in zwei anderen Städten Ostfrieslands jüdisch-nationale Beiträge Vorträge halten, um dann die zionistische Propaganda nach den Niederlanden zu tragen. Die Furcht vor dem bösen Zionismus, die geflissentlich von gewissen Rabbinern in's Volk getragen wurde, ist hier unbekannt. Gleichwohl darf man diese Erfolge umso weniger unterschätzen, als sie die Grundlage einer nach Westfriesland und Holland gerichteten Agitation sein werden. Wir wünschen dem Rufer im Streite weiteren guten Erfolg.''<ref>Die Welt. Jahrgang 1, Heft 28 vom 10. Dezember 1897</ref></blockquote>Das sich verschärfende Klima führte langsam, aber sicher zu einem Schwinden der Gemeinde. 1864 gab es in der Stadt 316 Juden bei 6.096 Einwohnern, 1895 waren es immerhin noch 253.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 13</ref> Zur solidarischen Teilung von Krankheits- und Beerdigungskosten wurde am 13. Oktober 1912 eine ''Kranken- und Beerdigungsbrüderschaft'' gegründet. Am 8. Februar 1922 gründete sich ein jüdischer Frauenverband, die jedoch am 1. Juni 1939 wieder aufgelöst wurde. Die vorgenannte Brüderschaft wurde am 16. Oktober 1940, wahrscheinlich von den Behörden, aufgelöst.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | ||
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Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, mit diesen durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]]. Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen. | Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der Rassegesetze, wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, mit diesen durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigenden Aufschriften. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]]. Später wird [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trägt, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen. | ||
Seit 1937 konnten Bankkonten jüdischer Kunden unter fadenscheinigen Vorwänden per Sicherungsanordnung gesperrt werden. Nach dem eingeschränkten Zugang zum Banksafe folgte 1939 die zwangsweise Übertragung des Kapitalvermögens von Juden auf nur noch eingeschränkt zugängliche Sicherungskonten. Die Aufsicht darüber übernahmen die Zollfahndungsstellen.<ref name=":5" /> Bis dahin hatten bereits rund 500 Juden den [[Landkreis Norden]] nach Südamerika, Großbritannien, Palästina oder in die Vereinigten Staaten verlassen.<ref name=":7">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 92</ref> | Seit 1937 konnten Bankkonten jüdischer Kunden unter fadenscheinigen Vorwänden per Sicherungsanordnung gesperrt werden. Nach dem eingeschränkten Zugang zum Banksafe folgte 1939 die zwangsweise Übertragung des Kapitalvermögens von Juden auf nur noch eingeschränkt zugängliche Sicherungskonten. Die Aufsicht darüber übernahmen die Zollfahndungsstellen.<ref name=":5" /> Bis dahin hatten bereits rund 500 Juden den [[Landkreis Norden]] nach Südamerika, Großbritannien, Palästina oder in die Vereinigten Staaten verlassen.<ref name=":7">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 92</ref> | ||
Im Juni 1938 kam es zur Deportierung der ersten 14 Norder Juden, die unter dem Vorwurf der Arbeitsverweigerung im KZ Buchenwald interniert worden. Vier von ihnen verstarben innerhalb von etwa sieben Monaten.<ref name=":02">Unbekannter Autor: Wir wohnten neben euch. Norden zur Zeit des Nationalsozialismus (Online-Publikation als .pdf-Dokument)</ref> | |||
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es auch in Norden zu den von Goebbels und Hitler befohlenen Ausschreitungen gegen die Juden, die später als ''Reichskristallnacht'' bzw. ''Reichspogromnacht'' bezeichnet wurden, die allerdings einen in dieser Nacht für die damaligen Verhältnisse zunächst ungewöhnlichen Verlauf hatten: Der Kreisleiter der NSDAP von Norden-Krummhörn, [[Lenhard Everwien]], wurde erst um Mitternacht von dem zufällig in Emden anwesenden Gauhauptstellenleiter Meyer erreicht. Dieser teilte ihm mit, dass der zuständige SA-Führer in Norden, Sturmbannführer Wiedekin, nicht erreichbar sei. Everwien solle, so im Ablauf, ''"dies nun persönlich in die Hand nehmen"''. Nachdem Everwien zunächst untätig blieb, wurde er dann gegen 01:00 Uhr in der Nacht direkt von Oldenburg aus aufgefordert, Wiedekin zu wecken. Everwien rief daraufhin die Partei- und die SA-Führung sowie die [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] in den frühen Morgenstunden des 10. November zusammen. Er informierte sie über die Weisung, dass die Synagoge anzuzünden und alle Juden zu verhaften seien. Von der Feuerwehr verlangte er Garantien zum Schutz der Nachbarhäuser. Der inzwischen geweckte Wiedekin gab nach der Alarmierung der SA den Befehl an die ihm unterstellte SA in Dornum weiter.<ref>Rheiderland Zeitung vom 4. April 1933</ref> | In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es auch in Norden zu den von Goebbels und Hitler befohlenen Ausschreitungen gegen die Juden, die später als ''Reichskristallnacht'' bzw. ''Reichspogromnacht'' bezeichnet wurden, die allerdings einen in dieser Nacht für die damaligen Verhältnisse zunächst ungewöhnlichen Verlauf hatten: Der Kreisleiter der NSDAP von Norden-Krummhörn, [[Lenhard Everwien]], wurde erst um Mitternacht von dem zufällig in Emden anwesenden Gauhauptstellenleiter Meyer erreicht. Dieser teilte ihm mit, dass der zuständige SA-Führer in Norden, Sturmbannführer Wiedekin, nicht erreichbar sei. Everwien solle, so im Ablauf, ''"dies nun persönlich in die Hand nehmen"''. Nachdem Everwien zunächst untätig blieb, wurde er dann gegen 01:00 Uhr in der Nacht direkt von Oldenburg aus aufgefordert, Wiedekin zu wecken. Everwien rief daraufhin die Partei- und die SA-Führung sowie die [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] in den frühen Morgenstunden des 10. November zusammen. Er informierte sie über die Weisung, dass die Synagoge anzuzünden und alle Juden zu verhaften seien. Von der Feuerwehr verlangte er Garantien zum Schutz der Nachbarhäuser. Der inzwischen geweckte Wiedekin gab nach der Alarmierung der SA den Befehl an die ihm unterstellte SA in Dornum weiter.<ref>Rheiderland Zeitung vom 4. April 1933</ref> | ||