Keine Bearbeitungszusammenfassung
 
(20 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt)
Zeile 12: Zeile 12:
|-
|-
|Einwohner
|Einwohner
|25.744 <small>(31.12.2021)</small>
|26.087 <small>(31.12.2022)</small>
|-
|-
|Gründung
|Gründung
Zeile 19: Zeile 19:
|-
|-
|Bevölkerungsdichte
|Bevölkerungsdichte
|241 Einwohner/km²
|238 Einwohner/km²
|}
|}
Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 25.744 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2021), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im [[Norder Vertrag]] aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das formelle [[Stadtrechtsverleihung|Stadtrecht]] wurde Norden allerdings erst 1277 verliehen.
Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 26.087 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2022), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im [[Norder Vertrag]] aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das formelle [[Stadtrechtsverleihung|Stadtrecht]] wurde Norden allerdings erst 1277 verliehen. Seit dem 1. Juli 1972 existiert die Stadt schließlich in ihrer heutigen Gliederung, nachdem die bis dahin überwiegend eigenständigen [[Norder Umlandgemeinden]] in die Stadt eingemeindet wurden.


In der absoluten Mehrzahl sind sich Heimatforscher und Wissenschaftler einig, dass die Entstehungsgeschichte der Stadt Norden untrennbar mit der [[Sandbauerschaft]] verbunden ist. Demnach wurden zunächst die Ränder der [[Geest]] besiedelt worden, von denen aus die umliegenden Marschgebiete besiedelt wurden. Um ihre wirtschaftlichen Interessen und Kräfte zu konzentrieren, schlossen sich die Bauern zu Bauerschaften (Gemeinsiedlungen mehrerer Höfe) wie [[Ekel]] und [[Westgaste]] und schließlich zu einer ''Gesamtbauerschaft'' zusammen: Die ''Bauerschaft auf dem [[Geest|Sand]];'' die ''Sandbauerschaft''. Die Edelleute unter ihnen siedelten sich später planmäßig in der Mitte der Bauerschaften - an der [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] - an, um hier als Ende des Heer-  und Handelswegs zu fungieren und zu handeln. Ihre bisherigen Siedlungen am Geestrand wurden zu Außenhöfe, die sie zum Schutz des Gemeinwesens und ihrer selbst befestigten und zu [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrhäusern]] ausbauen ließen. Durch den zunehmend blühenden Handel legten die Herrschenden den großflächigen [[Marktplatz]] an, um den dominierenden Viehhandel noch weiter zu stärken. Dadurch entstand aus sich heraus ein stadtähnliches Gebilde, das sich durch Macht- und Eigentumsverschiebungen immer weiter von der Sandbauerschaft löste und schließlich eigenständig wurde.
In der absoluten Mehrzahl sind sich Heimatforscher und Wissenschaftler einig, dass die Entstehungsgeschichte der Stadt Norden untrennbar mit der [[Sandbauerschaft]] verbunden ist. Demnach wurden zunächst die Ränder der [[Geest]] besiedelt, von denen aus die umliegenden Marschgebiete besiedelt wurden. Um ihre wirtschaftlichen Interessen und Kräfte zu konzentrieren, schlossen sich die Bauern zu Bauerschaften (Gemeinsiedlungen mehrerer Höfe) wie [[Ekel]] und [[Westgaste]] und schließlich zu einer ''Gesamtbauerschaft'' zusammen: Die ''Bauerschaft auf dem [[Geest|Sand]];'' die ''Sandbauerschaft''. Die Edelleute unter ihnen siedelten sich später planmäßig in der Mitte der Bauerschaften - an der [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] - an, um hier als Ende des Heer-  und Handelswegs zu fungieren und zu handeln. Ihre bisherigen Siedlungen am Geestrand wurden zu Außenhöfe, die sie zum Schutz des Gemeinwesens und ihrer selbst befestigten und zu [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrhäusern]] ausbauen ließen. Durch den zunehmend blühenden Handel legten die Herrschenden den großflächigen [[Marktplatz]] an, um den dominierenden Viehhandel noch weiter zu stärken. Dadurch entstand aus sich heraus ein stadtähnliches Gebilde, das sich durch Macht- und Eigentumsverschiebungen immer weiter von der Sandbauerschaft löste und schließlich eigenständig wurde.


Seit Anfang an waren Stadt und Umland aufgrund der geografisch günstigen Lage und der äußerst fruchtbaren Böden ein begehrtes Ziel verschiedener Mächte. Waren es zunächst Friesen, Chauken und Sachsen, die das Land dominierten, versuchten schon im frühen Mittelalter auch Stämme der Wikinger, die Kirche und die Franken unter Karl dem Großen ihren Einfluss auf das [[Norderland]] auszudehnen. Letztlich setzten sich die Friesen durch und lebten über Jahrhunderte in relativem Frieden sowie weitestgehender Autonomie (''Friesische Freiheit''), nach der sie, anders als der Großteil des feudalistischen Europas, keinen anderen Herrn als den Kaiser über sich zu dulden hatten. Mehrere Naturkatastrophen führten im 14. Jahrhundert jedoch zum Niedergang dieser relativen Gleichheit und dem Aufkommen eines faktischen Adels, den [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingen]], von denen sich letztlich die [[Cirksena]] durchsetzten und die das Land bis zur preußischen Annexion im Jahre 1744 unter Friedrich dem Großen beherrschten.
Seit Anfang an waren Stadt und Umland aufgrund der geografisch günstigen Lage und der äußerst fruchtbaren Böden ein begehrtes Ziel verschiedener Mächte. Waren es zunächst Friesen, Chauken und Sachsen, die das Land dominierten, versuchten schon im frühen Mittelalter auch Stämme der Wikinger, die Kirche und die Franken unter Karl dem Großen ihren Einfluss auf das [[Norderland]] auszudehnen. Letztlich setzten sich die Friesen durch und lebten über Jahrhunderte in relativem Frieden sowie weitestgehender Autonomie (''Friesische Freiheit''), nach der sie, anders als der Großteil des feudalistischen Europas, keinen anderen Herrn als den Kaiser über sich zu dulden hatten. Mehrere Naturkatastrophen führten im 14. Jahrhundert jedoch zum Niedergang dieser relativen Gleichheit und dem Aufkommen eines faktischen Adels, den [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingen]], von denen sich letztlich die [[Cirksena]] durchsetzen konnten und die das Land bis zur preußischen Annexion im Jahre 1744 unter Friedrich dem Großen beherrschten.


Die Region um Norden ist seit jeher vor allem durch die Landwirtschaft geprägt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich hier jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe, von denen die Firma [[Doornkaat]] die bedeutendste war und die die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch ein großes Stahlwerk, die [[Eisenhütte]] sowie die Tabakmanufaktur [[Steinbömer & Lubinus]] und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich der Fremdenverkehr zum bis heute bedeutendsten Wirtschaftszweig.
Die Region um Norden ist seit jeher vor allem durch die Landwirtschaft geprägt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich hier jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe, von denen die Firma [[Doornkaat]] die bedeutendste war und die die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch ein großes Stahlwerk, die [[Eisenhütte]] sowie die Tabakmanufaktur [[Steinbömer & Lubinus|''Steinbömer & Lubinus'']] und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich der Fremdenverkehr zum bis heute bedeutendsten Wirtschaftszweig.


__TOC__
__TOC__
Zeile 60: Zeile 60:
|1791
|1791
| align="right" |3.052
| align="right" |3.052
|-
|1798
| align="right" |3.663
|-
|-
|1793
|1793
| align="right" |3.140
| align="right" |3.140
|-
|1804
| align="right" |3.532
|}
|}
| valign="top" |
| valign="top" |
Zeile 71: Zeile 71:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1804
| align="right" |3.532
|-
|-
|1811
|1811
Zeile 83: Zeile 86:
|1822
|1822
| align="right" |5.369
| align="right" |5.369
|-
|1826
| align="right" |5.757
|-
|-
|}
|}
Zeile 92: Zeile 92:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1826
| align="right" |5.757
|-
|-
|1829
|1829
Zeile 104: Zeile 107:
|1864
|1864
| align="right" |6.096 <sup>*2</sup>
| align="right" |6.096 <sup>*2</sup>
|-
|1867
| align="right" |5.975
|}
|}
|
|
Zeile 112: Zeile 112:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1867
| align="right" |5.975
|-
|-
|1871
|1871
Zeile 124: Zeile 127:
|1885
|1885
| align="right" |6.879 <sup>*5</sup>
| align="right" |6.879 <sup>*5</sup>
|-
|1890
| align="right" |6.704 <sup>*6</sup>
|}
|}
|
|
Zeile 132: Zeile 132:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1890
| align="right" |6.704 <sup>*6</sup>
|-
|-
|1895
|1895
Zeile 144: Zeile 147:
|1919
|1919
| align="right" |10.245
| align="right" |10.245
|-
|1925
| align="right" |11.025 <sup>*10</sup>
|}
|}
|
|
Zeile 152: Zeile 152:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1925
| align="right" |11.025 <sup>*10</sup>
|-
|-
|1926
|1926
Zeile 164: Zeile 167:
|1945
|1945
| align="right" |12.226 <sup>*13</sup>
| align="right" |12.226 <sup>*13</sup>
|-
|1946
| align="right" |16.961
|}
|}
|
|
Zeile 172: Zeile 172:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1946
| align="right" |16.961
|-
|-
|1950
|1950
Zeile 184: Zeile 187:
|1956
|1956
| align="right" |16.474
| align="right" |16.474
|-
|1961
| align="right" |16.144
|}
|}
|
|
Zeile 192: Zeile 192:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1961
| align="right" |16.144
|-
|-
|1963
|1963
Zeile 204: Zeile 207:
|1970
|1970
| align="right" |24.037
| align="right" |24.037
|-
|1971
| align="right" |24.177
|}
|}
|
|
Zeile 212: Zeile 212:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1971
| align="right" |24.177
|-
|-
|1972
|1972
Zeile 224: Zeile 227:
|1975
|1975
| align="right" |24.202
| align="right" |24.202
|-
|1976
| align="right" |24.266
|}
|}
|-
|
|
{| class="wikitable"
{| class="wikitable"
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1976
| align="right" |24.266
|-
|-
|1977
|1977
Zeile 245: Zeile 247:
|1980
|1980
| align="right" |24.384
| align="right" |24.384
|}
|-
|-
|1981
| align="right" |24.336
|}
|
|
{| class="wikitable"
{| class="wikitable"
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1981
| align="right" |24.336
|-
|-
|1982
|1982
Zeile 265: Zeile 268:
|1985
|1985
| align="right" |23.772
| align="right" |23.772
|-
|1986
| align="right" |23.553
|}
|}
|
|
Zeile 273: Zeile 273:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1986
| align="right" |23.553
|-
|-
|1987
|1987
Zeile 285: Zeile 288:
|1990
|1990
| align="right" |23.815
| align="right" |23.815
|-
|1991
| align="right" |24.040
|}
|}
|
|
Zeile 293: Zeile 293:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1991
| align="right" |24.040
|-
|-
|1992
|1992
Zeile 305: Zeile 308:
|1995
|1995
| align="right" |24.328
| align="right" |24.328
|-
|1996
| align="right" |24.486
|}
|}
|
|
Zeile 313: Zeile 313:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|1996
| align="right" |24.486
|-
|-
|1997
|1997
Zeile 325: Zeile 328:
|2000
|2000
| align="right" |24.957
| align="right" |24.957
|-
|2001
| align="right" |24.845
|}
|}
|
|
Zeile 333: Zeile 333:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|2001
| align="right" |24.845
|-
|-
|2002
|2002
Zeile 345: Zeile 348:
|2005
|2005
| align="right" |25.122
| align="right" |25.122
|-
|2006
| align="right" |25.147
|}
|}
|
|
Zeile 353: Zeile 353:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|2006
| align="right" |25.147
|-
|-
|2007
|2007
Zeile 365: Zeile 368:
|2010
|2010
| align="right" |25.116
| align="right" |25.116
|-
|2011
| align="right" |25.010
|}
|}
|
|
Zeile 373: Zeile 373:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|2011
| align="right" |25.010
|-
|-
|2012
|2012
Zeile 385: Zeile 388:
|2015
|2015
| align="right" |25.117
| align="right" |25.117
|-
|2016
| align="right" |25.195
|}
|}
|
|
Zeile 393: Zeile 393:
!Jahr
!Jahr
!Einwohner
!Einwohner
|-
|2016
| align="right" |25.195
|-
|-
|2017
|2017
Zeile 405: Zeile 408:
|2020
|2020
| align="right" |25.614
| align="right" |25.614
|}
|
{| class="wikitable"
!Jahr
!Einwohner
|-
|-
|2021
|2021
| align="right" |25.744
| align="right" |25.744
|-
|2022
| align="right" |26.087
|-
|2023
| align="right" |
|-
|2024
| align="right" |
|-
|2025
| align="right" |
|}
|}
|
|}
|}
Bemerkenswert ist die langfristige, relative Homogenität der Bevölkerung. Nach den Adressbüchern von 1663 bis 1918 bestehen jedoch gut 4.800 Eintragungen zur Einwanderung. Die meisten Zugezogenen kamen aus deutschen Staaten, zumeist nördlich, jedoch auch vereinzelt aus südlicheren Gebieten, besonders Münster. Weitere Zuwanderung gab es insbesondere aus den Niederlanden, jedoch auch aus England, Frankreich, Skandinavien, der Schweiz und sogar Italien.
In früheren Jahren war es in Ostfriesland und Norden sowie allgemein auf dem Lande üblich, dass neben dem Wohnhaus auch Landwirtschaft in kleinerem Umfang zur Selbstversorgung auf dem eigenen Grundstück betrieben wurde. Dies erklärt die relative Größe vieler alter Norder Grundstücke. Wie umfangreich im (alten) Norder Stadtgebiet auch Viehhaltung betrieben wurde, geht aus Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren hervor, nach denen von den insgesamt 837 Wohnhäusern in der Stadt 60 über ein eigenes Ackerland verfügten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> 1811 betrug die Anzahl der Wohnhäuser noch 730. In diesen wurde 900 Haushalte geführt.<ref>Cremer, Ufke (1934): Die Einwohner der Stadt Norden im Jahre 1811, Norden, S. 14</ref> 1791 gab es 675 Häuser.<ref>Gilbert, Ludewig Wilhelm (1791): Handbuch für Reisende durch Deutschland, Leipzig, S. 385</ref>
In früheren Jahren war es in Ostfriesland und Norden sowie allgemein auf dem Lande üblich, dass neben dem Wohnhaus auch Landwirtschaft in kleinerem Umfang zur Selbstversorgung auf dem eigenen Grundstück betrieben wurde. Dies erklärt die relative Größe vieler alter Norder Grundstücke. Wie umfangreich im (alten) Norder Stadtgebiet auch Viehhaltung betrieben wurde, geht aus Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren hervor, nach denen von den insgesamt 837 Wohnhäusern in der Stadt 60 über ein eigenes Ackerland verfügten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> 1811 betrug die Anzahl der Wohnhäuser noch 730. In diesen wurde 900 Haushalte geführt.<ref>Cremer, Ufke (1934): Die Einwohner der Stadt Norden im Jahre 1811, Norden, S. 14</ref> 1791 gab es 675 Häuser.<ref>Gilbert, Ludewig Wilhelm (1791): Handbuch für Reisende durch Deutschland, Leipzig, S. 385</ref>


Zeile 446: Zeile 469:


Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel.
Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel.
[[Datei:Geest Marsch Moor.jpg|links|mini|243x243px|Die [[Norder Geestinsel]] auf einer Karte aus dem 14. Jahrhundert.]]
[[Datei:Geest Marsch Moor.jpg|mini|300x300px|Die [[Norder Geestinsel]] auf einer Karte aus dem 14. Jahrhundert.]]
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.


Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei, der sehr tonhaltig ist. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbareren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.
Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei, der sehr tonhaltig ist. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbareren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.
 
[[Datei:Amtliche Karte Stadtplan Stadtkarte 1935.jpg|mini|Amtliche Karte der Stadt Norden von 1935.]]
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert - allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde - seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wieder eingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] (wieder) eingedeicht und urbar gemacht. Es ist damit die jüngste Neusiedlung Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis in die 1930er Jahren dem Meer abgerungen und gegründet.
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert - allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde - seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wieder eingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] (wieder) eingedeicht und urbar gemacht. Es ist damit die jüngste Neusiedlung Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis in die 1930er Jahren dem Meer abgerungen und gegründet.


Zeile 465: Zeile 488:
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]]
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]]
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Westermarsch]]
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Westermarsch]]
 
[[Datei:Amtliche Karte Stadtplan Stadtkarte 1949.jpg|mini|Amtliche Karte der Stadt Norden von 1949.]]
Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die etwa 14 km² große Kernstadt umfasst neben der [[Altstadt]], die interessanterweise gerade einmal 0,9 (!) km² groß ist, noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeindete [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]], die heute zwar keine administrative Bedeutung mehr haben, wohl aber noch in der Alltagssprache als Richtungs- und Anhaltspunkte verwendet werden ([[Ekel]], [[Westgaste]], ...). Zu diesen kamen weitere Wortschöpfungen des Volksmunds, die ebenso nur im Alltagsgebrauch eine Rolle spielen. Hierzu zählen etwa das ''[[Bürgermeisterviertel]]'' oder das ''[[Millionenviertel]]''.
Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die etwa 14 km² große Kernstadt umfasst neben der [[Altstadt]], die interessanterweise gerade einmal 0,9 (!) km² groß ist, noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeindete [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]], die heute zwar keine administrative Bedeutung mehr haben, wohl aber noch in der Alltagssprache als Richtungs- und Anhaltspunkte verwendet werden ([[Ekel]], [[Westgaste]], ...). Zu diesen kamen weitere Wortschöpfungen des Volksmunds, die ebenso nur im Alltagsgebrauch eine Rolle spielen. Hierzu zählen etwa das ''[[Bürgermeisterviertel]]'' oder das ''[[Millionenviertel]]''.


Zeile 528: Zeile 551:
Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verließen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt waren. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Neubürgern. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren zudem niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Neben zahlreichen Gelehrten kam eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügten. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit dieser Zeit untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter, sodass die Region bis heute kulturell, sprachlich und architektonisch enger mit den westlichen Nachbarn als dem Rest der Bundesrepublik verwandt ist. Ein gutes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Ostfriesland und den Niederlanden ist die Versorgung des unter spanischer Blockade stehende Groningerlandes mit Nahrungsmitteln durch die Norder Seeflotte ab 1583. Dies führte dazu, dass die Stadt 1586 von Söldnern des Francisco Verdugo, dem spanischen Staathalter in Groningen, heimgesucht wurde.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 66</ref>
Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verließen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt waren. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Neubürgern. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren zudem niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Neben zahlreichen Gelehrten kam eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügten. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit dieser Zeit untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter, sodass die Region bis heute kulturell, sprachlich und architektonisch enger mit den westlichen Nachbarn als dem Rest der Bundesrepublik verwandt ist. Ein gutes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Ostfriesland und den Niederlanden ist die Versorgung des unter spanischer Blockade stehende Groningerlandes mit Nahrungsmitteln durch die Norder Seeflotte ab 1583. Dies führte dazu, dass die Stadt 1586 von Söldnern des Francisco Verdugo, dem spanischen Staathalter in Groningen, heimgesucht wurde.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 66</ref>


Spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert ließen sich erstmals Juden in der Stadt nieder. Bis zu ihrem Niedergang im Jahre 1940 lag der Schwerpunkt der zu ihrer besten Zeit (1861) 329 Mitglieder umfassenden [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen Gemeinde]] im Umfeld des [[Synagogenweg|Synagogenwegs]]. Der [[Jüdischer Friedhof|jüdische Friedhof]] ist der älteste in Ostfriesland. Heute gibt es nur noch einige, wenige Juden in Norden, die jedoch anderen Gemeinden angeschlossen sind.[[Datei:Bargebur Bargeburer Kirche Alter Postweg Kirchpfad Heerstraße 1905 01.jpg|links|mini|285x285px|Die [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] zu [[Bargebur]].]]Nach dem Ende der Regentschaft Annas kam es unter ihren Söhnen [[Edzard II. Cirksena|Edzard II.]]<nowiki/>und [[Johann II. Cirksena|Johann II.]] zu großen Streitigkeiten. Anna hatte zuvor die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) abgeschafft, sodass die Brüder gemeinsam regieren mussten. Aufgrund grundlegend unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der [[Ludgerigemeinde Norden|evangelisch-lutherischen]], Johann II. der calvinistischen ([[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|evangelisch-reformierten]]) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands kaum. Weil die kurze Zeit später erlassene Regelung ''Cuius regio, eius religio'' in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt wurde, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren, kam es zu weiteren ''Komplikationen''. In dieser Gemengelage der beiden Religionen stritt man erbittert über eine neue Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die Lutheraner durch und vertrieben die Reformierten aus der Stadt, welche zunächst Schutz beim Lütetsburger Grafen fanden.
Spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert ließen sich erstmals Juden in der Stadt nieder. Bis zu ihrem Niedergang im Jahre 1940 lag der Schwerpunkt der zu ihrer besten Zeit (1861) 329 Mitglieder umfassenden [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen Gemeinde]] im Umfeld des [[Synagogenweg|Synagogenwegs]]. Der [[Jüdischer Friedhof|jüdische Friedhof]] ist der älteste in Ostfriesland. Heute gibt es nur noch einige, wenige Juden in Norden, die jedoch anderen Gemeinden angeschlossen sind.[[Datei:Bargebur Bargeburer Kirche Alter Postweg Kirchpfad Heerstraße 1905 01.jpg|mini|285x285px|Die [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] zu [[Bargebur]].]]Nach dem Ende der Regentschaft Annas kam es unter ihren Söhnen [[Edzard II. Cirksena|Edzard II.]]<nowiki/>und [[Johann II. Cirksena|Johann II.]] zu großen Streitigkeiten. Anna hatte zuvor die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) abgeschafft, sodass die Brüder gemeinsam regieren mussten. Aufgrund grundlegend unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der [[Ludgerigemeinde Norden|evangelisch-lutherischen]], Johann II. der calvinistischen ([[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|evangelisch-reformierten]]) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands kaum. Weil die kurze Zeit später erlassene Regelung ''Cuius regio, eius religio'' in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt wurde, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren, kam es zu weiteren ''Komplikationen''. In dieser Gemengelage der beiden Religionen stritt man erbittert über eine neue Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die Lutheraner durch und vertrieben die Reformierten aus der Stadt, welche zunächst Schutz beim Lütetsburger Grafen fanden.
Die Gründung einer [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|reformierten Gemeinde]] erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg reformierte Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in [[Bargebur]], damals kurz vor den Toren der Stadt, eine [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] bauen wollten. Aufgebrachte Norder rissen den Bau nieder. Dieser konnte erst unter dem Schutz brandenburgischer Truppen im Jahre 1684 vollendet werden.
Die Gründung einer [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|reformierten Gemeinde]] erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg reformierte Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in [[Bargebur]], damals kurz vor den Toren der Stadt, eine [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] bauen wollten. Aufgebrachte Norder rissen den Bau nieder. Dieser konnte erst unter dem Schutz brandenburgischer Truppen im Jahre 1684 vollendet werden.


Zeile 538: Zeile 561:
Ein bedeutender Konfliktpunkt im 17. Jahrhundert war die Steuerpolitik des Grafen. Der Streit eskalierte 1602, als [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] die Stadt Norden eroberte, nachdem sie ihm bereits ein Jahr zuvor die Huldigung verweigert hatte. Zudem begehrten sie gegen eine ''Schornsteinsatzung'' auf, die Enno den Nordern auferlegen wollte. Der Graf erkannte der Stadt sämtliche Privilegien wie das wirtschaftlich elementare Marktrecht ab und erteilte diese erst nach erfolgter Huldigung wieder. Das Söldnerheer, das Enno III. nach Norden schickte, wurde von Oberst Joost von Landsbergen und Wilhelm zu Knyphausen angeführt, der die aufrührerischen Bürger auf den [[Marktplatz]] zitierte. Unter Androhung der Todesstrafe wurde ihnen ''nahegelegt'', Enno III. zu huldigen und eine Strafe von 33.000 Reichstalern zu zahlen. Die Soldaten besetzten die Häuser der Bürger, wobei es [[Am Markt 22]] zu einer blutigen Auseinandersetzung mit [[Hinrich von Lingen]] kam, der die Soldaten nicht bei sich einquartieren lassen wollte. Letztlich wurden elf Bürger verhaftet und nach Aurich überführt. Ansonsten endete die Besetzung unblutig und damit, dass 26 wohlhabende Bürger die auf 16.000 Reichstaler reduzierte Summe aufbrachten und die [[Bürgerrecht|Bürgerschaft]] dem Grafen am 2. Juni 1602 huldigte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 54</ref><ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 105</ref>
Ein bedeutender Konfliktpunkt im 17. Jahrhundert war die Steuerpolitik des Grafen. Der Streit eskalierte 1602, als [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] die Stadt Norden eroberte, nachdem sie ihm bereits ein Jahr zuvor die Huldigung verweigert hatte. Zudem begehrten sie gegen eine ''Schornsteinsatzung'' auf, die Enno den Nordern auferlegen wollte. Der Graf erkannte der Stadt sämtliche Privilegien wie das wirtschaftlich elementare Marktrecht ab und erteilte diese erst nach erfolgter Huldigung wieder. Das Söldnerheer, das Enno III. nach Norden schickte, wurde von Oberst Joost von Landsbergen und Wilhelm zu Knyphausen angeführt, der die aufrührerischen Bürger auf den [[Marktplatz]] zitierte. Unter Androhung der Todesstrafe wurde ihnen ''nahegelegt'', Enno III. zu huldigen und eine Strafe von 33.000 Reichstalern zu zahlen. Die Soldaten besetzten die Häuser der Bürger, wobei es [[Am Markt 22]] zu einer blutigen Auseinandersetzung mit [[Hinrich von Lingen]] kam, der die Soldaten nicht bei sich einquartieren lassen wollte. Letztlich wurden elf Bürger verhaftet und nach Aurich überführt. Ansonsten endete die Besetzung unblutig und damit, dass 26 wohlhabende Bürger die auf 16.000 Reichstaler reduzierte Summe aufbrachten und die [[Bürgerrecht|Bürgerschaft]] dem Grafen am 2. Juni 1602 huldigte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 54</ref><ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 105</ref>


1611 brach erneut die [[Pestepidemie 1611|Pest]] aus. Während des sieben Jahre später folgenden [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und [[Ulrich II. Cirksena|Graf Ulrich II.]] sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte [[Ulrichsgymnasium]] sowie das ''Ulricianum'' in Aurich.
1611 brach erneut die [[Pestepidemie 1611|Pest]] aus. Während des sieben Jahre später folgenden [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und [[Ulrich II. Cirksena|Graf Ulrich II.]] sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte [[Ulrichsgymnasium]] sowie das ''Ulricianum'' in Aurich. 1623 brach ein weiteres Mal die Pest aus.<ref>Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 13</ref>


Für die Landwirtschaft bedeutete die Zeit nach der Mansfelder Besatzung einen Strukturwandel. Wurden die [[Marsch|Marschgebiete]] vor allem zur Viehzucht genutzt, nutzte man nun einen Großteil der verfügbaren Flächen für den Ackerbau, da der Rinderhandel zum Erliegen gekommen war und sich durch die massiven Schäden im Reich auch keine schnelle Erholung abzuzeichnen wagte. Um weiteres Ackerland zu gewinnen, wurden der [[Süder-Charlottenpolder]] und der [[Wester-Charlottenpolder]] eingedeicht. Stadt und Land wurden dadurch von Getreideimportieren unabhängiger.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Auch das Bierbrauen wurden bedeutender, 1659 wurden ganze 30 Brauereien in Norden verzeichnet.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 57</ref> Oftmals brauten diese jedoch nur für die eigene Schankwirtschaft, zudem soll das Norder Bier keine besonders gute Qualität gehabt haben, sodass man lieber auf Bier aus Bremen oder Hamburg zurückgriff - sofern man es sich leisten konnte.
Für die Landwirtschaft bedeutete die Zeit nach der Mansfelder Besatzung einen Strukturwandel. Wurden die [[Marsch|Marschgebiete]] vor allem zur Viehzucht genutzt, nutzte man nun einen Großteil der verfügbaren Flächen für den Ackerbau, da der Rinderhandel zum Erliegen gekommen war und sich durch die massiven Schäden im Reich auch keine schnelle Erholung abzuzeichnen wagte. Um weiteres Ackerland zu gewinnen, wurden der [[Süder-Charlottenpolder]] und der [[Wester-Charlottenpolder]] eingedeicht. Stadt und Land wurden dadurch von Getreideimportieren unabhängiger.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Auch das Bierbrauen wurden bedeutender, 1659 wurden ganze 30 Brauereien in Norden verzeichnet.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 57</ref> Oftmals brauten diese jedoch nur für die eigene Schankwirtschaft, zudem soll das Norder Bier keine besonders gute Qualität gehabt haben, sodass man lieber auf Bier aus Bremen oder Hamburg zurückgriff - sofern man es sich leisten konnte.
Zeile 564: Zeile 587:


=== 19. Jahrhundert ===
=== 19. Jahrhundert ===
Im eingehenden 19. Jahrhundert konnte Norden auf ein reges Wirtschaftsleben zurückblicken. Unter anderem gab es 18 Branntweinbrennereien, etwa 100 Garn- und Leinenweber, zwei Hutmacher mit fünf Beschäftigten, sieben [[Kalkbrennerei|Kalkbrennereien]] mit 49 Arbeitern, drei Lohgerbereien mit 12 Arbeitern, eine [[Ölmühle]] mit drei Arbeitern, zwei [[Peldemühle|Peldemühlen]] (die [[Deichmühle]] und die [[Frisiamühle]]) mit je vier Arbeitern, eine Stärkefabrik mit fünf Arbeitern, fünf Tabakfabriken mit 42 Arbeitern, zwei Töpfereien mit drei Arbeitern, zehn Wollwebereien mit zehn Arbeitern sowie zehn Zwirnfabriken mit 77 Arbeitern.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79</ref>[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|links|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]]1806 fiel Ostfriesland unter die Herrschaft von Napoleon Bonaparte und wurde zunächst Teil des Königreichs Holland, einem französischen Vasallenstaat, der von Napoleons Bruder Louis regiert wurde. Später wurde es unmittelbarer Teil Frankreichs. Die Stadt wurde dabei ab dem 22. November 1806 vom 1. Bataillon des 9. Regiments der Königlich Holländischen Infanterie unter ''Capitain Hoffmann'' besetzt. Die Norder Bürger hatten nun die 228 Besatzungssoldaten zu versorgen und ihnen Unterkunft zu bieten.<ref>Canzler, Gerhard (1987): 200 Jahre Schwanenapotheke, Norden, S. 17</ref><ref name=":2" /> Der [[Magistrat]] ermahnte die Bürger dazu, sich nicht mit den Franzosen zu streiten oder gar zu prügeln, nachdem es anfänglich zu einigen ''Reibereien'' kam.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18</ref>
[[Datei:Straßenszene Gemälde van Lengen 1805.jpg|mini|Straßenszene aus der [[Französische Besatzungszeit|Französischen Besatzungszeit]] nach einem Gemälde des [[Hinrich Adolf von Lengen]].]]
 
Im eingehenden 19. Jahrhundert konnte Norden auf ein reges Wirtschaftsleben zurückblicken. Unter anderem gab es 18 Branntweinbrennereien, etwa 100 Garn- und Leinenweber, zwei Hutmacher mit fünf Beschäftigten, sieben [[Kalkbrennerei|Kalkbrennereien]] mit 49 Arbeitern, drei Lohgerbereien mit 12 Arbeitern, eine [[Ölmühle]] mit drei Arbeitern, zwei [[Peldemühle|Peldemühlen]] (die [[Deichmühle]] und die [[Frisiamühle]]) mit je vier Arbeitern, eine Stärkefabrik mit fünf Arbeitern, fünf Tabakfabriken mit 42 Arbeitern, zwei Töpfereien mit drei Arbeitern, zehn Wollwebereien mit zehn Arbeitern sowie zehn Zwirnfabriken mit 77 Arbeitern.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79</ref>


Ebenfalls im Jahr 1806 wurde die Firma [[Doornkaat]] vom niederländischen Kaufmann [[Jan ten Doornkaat Koolman (1773)|Jan ten Doornkaat Koolman]] gegründet, das über fast 200 Jahre zum bedeutendsten privaten Arbeitgeber der Stadt wurde. Ab 1810 wurde Norden dem ''Départements Ems-Oriental'' zugerechnet. Die französische Seeblockade (Kontinentalsperre) gegen England bescherte dem [[Norder Hafen|Norder Seehandel]] einen schweren Schlag.<ref name=":2" /> Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre errichteten die Franzosen mehrere Zoll- und Wachthäuser, so etwa das [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus am Norder Außentief in Westermarsch]] oder das [[Zollhaus (Westermarsch II)|Zollhaus in Utlandshörn]]. Beide Gebäude sind bis heute erhalten. Verlorene Zeitzeugen dieser Zeit sind das [[Wachthaus (Westermarsch II)|Wachthaus bei Itzendorf]] sowie das zum Westermarscher Zollhaus gehörende [[Zollwachthaus]], das nahe der heutigen [[Kurbelpünt]] lag.<ref>Preußische Grundkarte von ca. 1895 (Erste Landesaufnahme)</ref>
1806 fiel Ostfriesland unter die Herrschaft von Napoleon Bonaparte und wurde zunächst Teil des Königreichs Holland, einem französischen Vasallenstaat, der von Napoleons Bruder Louis regiert wurde. Später wurde es unmittelbarer Teil Frankreichs. Die Stadt wurde dabei ab dem 22. November 1806 vom 1. Bataillon des 9. Regiments der Königlich Holländischen Infanterie unter ''Capitain Hoffmann'' besetzt. Die Norder Bürger hatten nun die 228 Besatzungssoldaten zu versorgen und ihnen Unterkunft zu bieten.<ref>Canzler, Gerhard (1987): 200 Jahre Schwanenapotheke, Norden, S. 17</ref><ref name=":2" /> Der [[Magistrat]] ermahnte die Bürger dazu, sich nicht mit den Franzosen zu streiten oder gar zu prügeln, nachdem es anfänglich zu einigen ''Reibereien'' kam.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18</ref>


Nach dem Sieg des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher über Napoleon bei der Schlacht von Waterloo, an der auch Norder Landwehrsoldaten teilnahmen, fiel Ostfriesland aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815 an das Königreich Hannover. Die Norder taufen später den westlichen Teil des [[Marktplatz|Marktplatzes]] zu Ehren des siegreichen Generals auf den Namen [[Blücherplatz|''Blücherplatz'']]. Am 12. Februar 1820 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die am 1. März des Jahres in Kraft trat.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref>[[Datei:Norden Ansicht von Süden um 1850 01.jpg|mini|Blick von Süden auf die Stadt (um 1850).]]
Ebenfalls im Jahr 1806 wurde die Firma [[Doornkaat]] vom niederländischen Kaufmann [[Jan ten Doornkaat Koolman (1773)|Jan ten Doornkaat Koolman]] gegründet, das über fast 200 Jahre zum bedeutendsten privaten Arbeitgeber der Stadt wurde. Ab 1810 wurde Norden dem ''Départements Ems-Oriental'' zugerechnet. Die französische Seeblockade (Kontinentalsperre) gegen England bescherte dem [[Norder Hafen|Norder Seehandel]] einen schweren Schlag.<ref name=":2" /> Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre errichteten die Franzosen mehrere Zoll- und Wachthäuser, so etwa das [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus am Norder Außentief in Westermarsch]] oder das [[Zollhaus (Westermarsch II)|Zollhaus in Utlandshörn]]. Beide Gebäude sind bis heute erhalten. Verlorene Zeitzeugen dieser Zeit sind das [[Wachthaus (Westermarsch II)|Wachthaus bei Itzendorf]] sowie das zum Westermarscher Zollhaus gehörende [[Zollwachthaus]], das nahe der heutigen [[Kurbelpünt]] lag.<ref>Preußische Grundkarte von ca. 1895 (Erste Landesaufnahme)</ref>[[Datei:Norden Ansicht von Süden um 1850 01.jpg|mini|Blick von Süden auf die Stadt (um 1850).]]
[[Datei:Stadtplan1858 01.JPG|mini|Stadtplan von 1858.]]
[[Datei:Hafenstraße Bahnhof Norddeich um 1920 01.jpg|mini|Der [[Bahnhof Norddeich]] in den 1920er Jahren.]]Die [[Februarflut 1825]] richtet vom 3. bis 5. Februar schwere Verwüstungen an. Sie führte vor allem auch zu einer Übersalzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, wodurch zahlreiche Bauern ihre Höfe aufgeben und versteigern lassen mussten. In der Folge wurden die Seedeiche erheblich verstärkt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 15</ref> Als eine der Hauptursachen für das Brechen der Deiche wurde der mangelnde Unterhalt der Deiche zu Zeiten der französischen Besatzung herangeführt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 93</ref> 1838 bis 1839 bekam Norden erstmals eine [[Straßenbeleuchtung]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 293</ref>
In den 1840er Jahren wurden in Ostfriesland mehrere ''Chausseen'' als befestigte Straßen angelegt, die die hiesigen Städte miteinander verbinden. Dazu zählt die 1844 fertiggestellte Chaussee von Norden nach Emden, die zudem ab Georgsheil einen Anschluss nach Aurich sicherte. Heute ist dies die [[Bundesstraße]]. Von 1844 bis 1846 wurde im Süden des heutigen Stadtgebiets der [[Ernst-August-Polder]] (benannt nach dem Hannoverschen König) eingedeicht. Die Chaussee nach Hage kam 1856 hinzu, neun Jahre später wurde sie bis Arle verlängert (Vorläufer der heutigen [[Landesstraße]] 6). Die [[Heerstraße]] ist Teil dieser alten Chaussee und verläuft auf einem alten Heerweg, der Teil des sogenannten ''Friesischen Heerwegs'' war.


Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Norden zu politischen Umbrüchen und einem größer werdenden Interesse an politischer Teilhabe der aufstrebenden Bürgerschaft. So kam es beispielsweise zur Gründung eines [[Norder Bürgerverein|Bürgervereins]], dessen politisches Wirken jedoch nicht von langer Dauer war. Unter der Leitung des Tabakfabrikanten [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]] wurde eine [[Norder Bürgerwehr|Bürgerwehr]] gegründet, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten sollte. Die erste Zeitung, das [[Norder Stadtblatt]], erschien noch im selben Jahr. Weitere Verleger nutzten ebenfalls die neu gewonnene Pressefreiheit, ihnen allen war wirtschaftlich jedoch nur ein kurzes Leben beschieden. Erst 1867 wurde der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] gegründet, der bis zum heutigen Tag das Lokalblatt des [[Landkreis Norden|Altkreises Norden]] geblieben ist. Durch günstige Rahmenbedingungen gründeten sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung weitere bedeutende Unternehmen in Norden, so etwa - noch im Revolutionsjahr 1848 - die [[Eisenhütte]]. Ausschlaggebend hierfür waren besonders die gute [[Norder Hafen|Hafenanbindung]] der Stadt und Zoll-Privilegien.
Nach dem Sieg des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher über Napoleon bei der Schlacht von Waterloo, an der auch Norder Landwehrsoldaten teilnahmen, fiel Ostfriesland aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815 an das Königreich Hannover. Die Norder taufen später den westlichen Teil des [[Marktplatz|Marktplatzes]] zu Ehren des siegreichen Generals auf den Namen [[Blücherplatz|''Blücherplatz'']]. Am 12. Februar 1820 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die am 1. März des Jahres in Kraft trat.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref>[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]]Die [[Februarflut 1825]] richtet vom 3. bis 5. Februar schwere Verwüstungen an. Sie führte vor allem auch zu einer Übersalzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, wodurch zahlreiche Bauern ihre Höfe aufgeben und versteigern lassen mussten. In der Folge wurden die Seedeiche erheblich verstärkt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 15</ref> Als eine der Hauptursachen für das Brechen der Deiche wurde der mangelnde Unterhalt der Deiche zu Zeiten der französischen Besatzung herangeführt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 93</ref> 1838 bis 1839 bekam Norden erstmals eine [[Straßenbeleuchtung]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 293</ref>
In den 1840er Jahren wurden in Ostfriesland mehrere ''Chausseen'' als befestigte Straßen angelegt, die die hiesigen Städte miteinander verbinden. Dazu zählt die 1844 fertiggestellte Chaussee von Norden nach Emden, die zudem ab Georgsheil einen Anschluss nach Aurich sicherte. Heute ist dies die [[Bundesstraße]]. Von 1844 bis 1846 wurde im Süden des heutigen Stadtgebiets der [[Ernst-August-Polder]] (benannt nach dem Hannoverschen König) eingedeicht. Die Chaussee nach Hage kam 1856 hinzu, neun Jahre später wurde sie bis Arle verlängert (Vorläufer der heutigen [[Landesstraße]] 6). Die [[Heerstraße]] ist Teil dieser alten Chaussee und verläuft auf einem alten Heerweg, der Teil des sogenannten ''Friesischen Heerwegs'' war.[[Datei:Stadtplan1858 01.JPG|mini|Stadtplan von 1858.]]Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Norden zu politischen Umbrüchen und einem größer werdenden Interesse an politischer Teilhabe der aufstrebenden Bürgerschaft. So kam es beispielsweise zur Gründung eines [[Norder Bürgerverein|Bürgervereins]], dessen politisches Wirken jedoch nicht von langer Dauer war. Unter der Leitung des Tabakfabrikanten [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]] wurde eine [[Norder Bürgerwehr|Bürgerwehr]] gegründet, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten sollte. Die erste Zeitung, das [[Norder Stadtblatt]], erschien noch im selben Jahr. Weitere Verleger nutzten ebenfalls die neu gewonnene Pressefreiheit, ihnen allen war wirtschaftlich jedoch nur ein kurzes Leben beschieden. Erst 1867 wurde der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] gegründet, der bis zum heutigen Tag das Lokalblatt des [[Landkreis Norden|Altkreises Norden]] geblieben ist. Durch günstige Rahmenbedingungen gründeten sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung weitere bedeutende Unternehmen in Norden, so etwa - noch im Revolutionsjahr 1848 - die [[Eisenhütte]]. Ausschlaggebend hierfür waren besonders die gute [[Norder Hafen|Hafenanbindung]] der Stadt und Zoll-Privilegien.


Am 9. September 1857 besuchte König Georg V. von Hannover (''Der blinde König'') mit seiner Gemahlin die Stadt, sein Besuch wurde der Norder Bevölkerung von [[Johann Taaks|Bürgermeister Taaks]] drei Tage zuvor über die [[Rottmeister]] verkündet, sodass die Innenstadt ein bunt geschmücktes Fahnen- und Farbenmeer wurde. Insgesamt errichteten die Bürger zehn Ehrenbögen für den König, davon fünf im gotischen und fünf im byzantinischen Stil, die allesamt nach Art der römischen Triumphbögen gestaltet wurden. Der König und die Königin wurden durch die Stadt geführt und kehrten dabei auch [[Haus Gronewold|im Hause]] des [[Johann Taaks|Bürgermeisters Taaks]] ein, der es eigens für diesen Besuch erweitern ließ.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 118</ref>
Am 9. September 1857 besuchte König Georg V. von Hannover (''Der blinde König'') mit seiner Gemahlin die Stadt, sein Besuch wurde der Norder Bevölkerung von [[Johann Taaks|Bürgermeister Taaks]] drei Tage zuvor über die [[Rottmeister]] verkündet, sodass die Innenstadt ein bunt geschmücktes Fahnen- und Farbenmeer wurde. Insgesamt errichteten die Bürger zehn Ehrenbögen für den König, davon fünf im gotischen und fünf im byzantinischen Stil, die allesamt nach Art der römischen Triumphbögen gestaltet wurden. Der König und die Königin wurden durch die Stadt geführt und kehrten dabei auch [[Haus Gronewold|im Hause]] des [[Johann Taaks|Bürgermeisters Taaks]] ein, der es eigens für diesen Besuch erweitern ließ.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 118</ref>
Zeile 592: Zeile 615:


=== 1900 bis 1925 ===
=== 1900 bis 1925 ===
[[Datei:Norden Luftbild unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Ein Blick über die schöne Stadt Norden in der Zeit um die Jahrhundertwende.]]
1905 wurde die nahezu legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, damals noch am hiernach benannten [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. Im selben Jahr hielt das Automobil in der Stadt Einzug.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 210</ref><ref name=":4">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Zu den regionalen Pionieren der Motorisierung zählte der Tüflter [[Carl Freese]]. der als einer der ersten Norder - oder womöglich sogar als der Erste - bereits 1903 ein Motorrad besaß.<ref name=":3" /> Auf helle Begeisterung, aber auch argwöhnische Betrachtung stieß eine weitere Neuerung. Ein reisender Schausteller veranstaltete erstmals eine öffentliche Kinoaufführung in der Stadt. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] titelte hierzu: ''Fey's Phono - Kinematograph - Die lebenden, singenden und sprechenden Photographen''. Gezeigt wurden Filme wie ''Carnevalsaufzug in Nizza'', ''Gretchens Liebesroman'' und ''Die berühmten Springbrunnen von Versailles''.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 42</ref> Ebenfalls 1905 wurde vom [[Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise]] nahe des [[Hexenkolk|Hexenkolks]] die erste öffentliche Badeanstalt der Stadt eröffnet.<ref>Ocken, Ihno (1996): Entstehung und Entwicklung des Sports in der Stadt Norden, Norden, S. 24</ref> Die Anlage ist heute als ''BloMo'' bekannt.
1905 wurde die nahezu legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, damals noch am hiernach benannten [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. Im selben Jahr hielt das Automobil in der Stadt Einzug.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 210</ref><ref name=":4">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Zu den regionalen Pionieren der Motorisierung zählte der Tüflter [[Carl Freese]]. der als einer der ersten Norder - oder womöglich sogar als der Erste - bereits 1903 ein Motorrad besaß.<ref name=":3" /> Auf helle Begeisterung, aber auch argwöhnische Betrachtung stieß eine weitere Neuerung. Ein reisender Schausteller veranstaltete erstmals eine öffentliche Kinoaufführung in der Stadt. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] titelte hierzu: ''Fey's Phono - Kinematograph - Die lebenden, singenden und sprechenden Photographen''. Gezeigt wurden Filme wie ''Carnevalsaufzug in Nizza'', ''Gretchens Liebesroman'' und ''Die berühmten Springbrunnen von Versailles''.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 42</ref> Ebenfalls 1905 wurde vom [[Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise]] nahe des [[Hexenkolk|Hexenkolks]] die erste öffentliche Badeanstalt der Stadt eröffnet.<ref>Ocken, Ihno (1996): Entstehung und Entwicklung des Sports in der Stadt Norden, Norden, S. 24</ref> Die Anlage ist heute als ''BloMo'' bekannt.
[[Datei:Norden Luftbild unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Ein Blick über die schöne Stadt Norden in der Zeit um die Jahrhundertwende.|links]]
 
Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren, es dauerte aber noch bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden konnte. Zu einem ersten, hierdurch bedingten Streik kam es 1906, als die Arbeiter der [[Eisenhütte]] in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen [[Ostfriesischer Kurier|Zeitungsannoncen]] die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär blutig niedergeschlagen wurden. Seinerzeit erachtete man Streiks keineswegs als bürgerliches Recht, sondern als einen Aufruhr bzw. Revolte.
Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren, es dauerte aber noch bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden konnte. Zu einem ersten, hierdurch bedingten Streik kam es 1906, als die Arbeiter der [[Eisenhütte]] in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen [[Ostfriesischer Kurier|Zeitungsannoncen]] die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär blutig niedergeschlagen wurden. Seinerzeit erachtete man Streiks keineswegs als bürgerliches Recht, sondern als einen Aufruhr bzw. Revolte.


1907 wurde die städtische [[Gasanstalt]] erweitert, die am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen mit Stadtgas (später Erdgas) [[Gasversorgung|belieferte]]. Am 10. März 1914 erfolgte der Anschluss der Stadt an die [[Elektrizitätsversorgung]].<ref name=":4" /> Der Strom wurde vor allem vom Torfkraftwerk in Wiesmoor zugeführt.
1907 wurde die städtische [[Gasanstalt]] erweitert, die am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen mit Stadtgas (später Erdgas) [[Gasversorgung|belieferte]]. Am 10. März 1914 erfolgte der Anschluss der Stadt an die [[Elektrizitätsversorgung]].<ref name=":4" /> Der Strom wurde vor allem vom Torfkraftwerk in Wiesmoor zugeführt.


Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Viele von ihnen starben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlende Arbeitskraft zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömten ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu ''hamstern''. Diese kamen zum Teil ganz aus dem Rheinland und versuchten Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr war, beschloss der [[Magistrat]] in der Endphase des Krieges erstmals die Einführung von [[Notgeld]].
Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Viele von ihnen starben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlende Arbeitskraft zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt
 
Im November wurden die Volksschulen in Norden und in der [[Gemeinde Sandbauerschaft]] wegen grassierender Diphterie vorübergehend geschlossen.<ref>Ostfriesischer Kurier vom 5. November 1915, S. 3</ref>
 
Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömten ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu ''hamstern''. Diese kamen zum Teil ganz aus dem Rheinland und versuchten Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr war, beschloss der [[Magistrat]] in der Endphase des Krieges erstmals die Einführung von [[Notgeld]].
[[Datei:Postkarte Norden 1909 01.jpg|mini|Postkarte mit verschiedenen Motiven (1909).]]
[[Datei:Postkarte Norden 1909 01.jpg|mini|Postkarte mit verschiedenen Motiven (1909).]]
Nach Kriegsende übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht in Norden, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1918 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es dabei glücklicherweise nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der [[Landkreis Norden]] mit seinen Kreisgebäuden am [[Fräuleinshof]] konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den [[Hermann Friedrich Bayer|Landrat Bayer]] erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu erhalten.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17</ref> Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, die Arbeitslosenquote stieg bis 1931 auf gut 25 %.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240</ref> Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin.
Nach Kriegsende übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht in Norden, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1918 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es dabei glücklicherweise nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der [[Landkreis Norden]] mit seinen Kreisgebäuden am [[Fräuleinshof]] konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den [[Hermann Friedrich Bayer|Landrat Bayer]] erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu erhalten.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17</ref> Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, die Arbeitslosenquote stieg bis 1931 auf gut 25 %.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240</ref> Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin.


Zum 1. April 1919 wurde die [[Sandbauerschaft]] schließlich nach langen Verhandlungen nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 km² auf über 14 km² wuchs. In einem ''[[Eingemeindungsvertrag]]'' legten die Parteien auch fest, dass bestimmte Straßen befestigt werden und einen Anschluss an die [[Straßenbeleuchtung]] erhalten sollen.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 60f.</ref>
Zum 1. April 1919 wurde die [[Sandbauerschaft]] schließlich nach langen Verhandlungen nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 km² auf über 14 km² wuchs. In einem ''[[Eingemeindungsvertrag]]'' legten die Parteien auch fest, dass bestimmte Straßen befestigt werden und einen Anschluss an die [[Straßenbeleuchtung]] erhalten sollen.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 60f.</ref>[[Datei:NSDAP Marktplatz Engenahof Aufmarsch 1933.jpg|mini|Aufmarsch der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]] vor der [[Engenahof|Parteizentrale]] nach der Machtergreifung Hitlers.]]


1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge flohen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder wurden vertrieben. Einige von ihnen fanden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahre 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso 1923 erreichte die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese und weitere Missstände in der jungen Demokratie führten dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stieß.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> Ein Jahr später wurde eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später wies die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> In der Folgezeit wurde das Klima gegenüber Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten immer rauer.
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge flohen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder wurden vertrieben. Einige von ihnen fanden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahre 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso 1923 erreichte die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese und weitere Missstände in der jungen Demokratie führten dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stieß.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> Ein Jahr später wurde eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später wies die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> In der Folgezeit wurde das Klima gegenüber Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten immer rauer.
Zeile 610: Zeile 638:
=== 1926 bis 1949 ===
=== 1926 bis 1949 ===
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entstand 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] (anfangs ''Süderpolder'' genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wurde der Bau eines neuen Siels, des [[Leybuchtsiel|Leybuchtsiels]], erforderlich. Norden verlor dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] damit für immer an Bedeutung. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] begann, wenngleich dieser langsam erfolgte, da er lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte.
Durch Eindeichung weiterer Ländereien entstand 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] (anfangs ''Süderpolder'' genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wurde der Bau eines neuen Siels, des [[Leybuchtsiel|Leybuchtsiels]], erforderlich. Norden verlor dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] damit für immer an Bedeutung. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] begann, wenngleich dieser langsam erfolgte, da er lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte.
[[Datei:NSDAP Marktplatz Engenahof Aufmarsch 1933.jpg|mini|Aufmarsch der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]] vor der [[Engenahof|Parteizentrale]] nach der Machtergreifung Hitlers.]]
 
Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Norden insgesamt 45,3 % der Stimmen, bei den den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten in der Stadt sogar 48,6 % auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft sowie die anhaltende wirtschaftliche Misere zurückzuführen war.<ref name=":13" /><ref name=":5">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Schon nach einigen Tagen setzten Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen später kam es zu weiteren Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der [[Gaststätte Zur Börse]] brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Schon am Abend des 30. Januars 1933, dem Tag der ''Machtergreifung'' Hitlers, marschierten die Nationalsozialisten mit einem Fackelzug singend durch die Straßen.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 27</ref>
Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erhielt die NSDAP in Norden insgesamt 45,3 % der Stimmen, bei den den Kommunalwahlen vom 12. März 1933 konnten die Nationalsozialisten in der Stadt sogar 48,6 % auf sich vereinigen, was sicherlich nicht zuletzt auf die konservative Gesinnung des Großteils der Norder Bürgerschaft sowie die anhaltende wirtschaftliche Misere zurückzuführen war.<ref name=":13" /><ref name=":5">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Schon nach einigen Tagen setzten Verhaftungswellen gegen Kommunisten und Sozialdemokraten ein. Wenige Wochen später kam es zu weiteren Übergriffen auf politische Gegner: 27 Sozialdemokraten und Kommunisten wurden in der [[Gaststätte Zur Börse]] brutal misshandelt. Am 28. März ließ die SA in der Stadt sämtliche jüdische Geschäfte schließen und rief zu deren Boykott auf. Diese Maßnahme wurde am 5. April wieder beendet. Schon am Abend des 30. Januars 1933, dem Tag der ''Machtergreifung'' Hitlers, marschierten die Nationalsozialisten mit einem Fackelzug singend durch die Straßen.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 27</ref>


Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref>
Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref>
[[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|mini|Prangermarsch von [[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] an der [[Osterstraße]].]]
[[Datei:Hafenstraße Bahnhof Norddeich um 1920 01.jpg|mini|Der [[Bahnhof Norddeich]] in den 1920er Jahren.]][[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|mini|Prangermarsch von [[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] an der [[Osterstraße]] (1935).]]
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.


Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss.
Schon vor dem Kriegsbeginn fanden auch in Norden unübersehbare Vorbereitungen für diesen statt. So mussten Lehrer und Schüler der [[Gräfin-Theda-Schule]] gleich am ersten Tag nach den Sommerferien 1939 eine Luftschutzübung abhalten. Zudem wurde in den Räumlichkeiten der Schule ein Lazarett eingerichtet.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 19</ref> Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss.


Ebenfalls gegen Ende des Krieges wurden an den Zufahrtsstraßen mehrere Barrikaden durch Baumstämme und andere sperrige Gegenstände errichtet. Unter den wichtigsten Brücken brachte man Sprengsätze an, die beim Herannahen des Feindes gesprengt werden sollten, um dessen Vorankommen zu verlangsamen. Währenddessen schafften die Nationalsozialisten eifrig belastendes Material beiseite bzw. verbrannten es im Schornstein der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 302f.</ref>
Ebenfalls gegen Ende des Krieges wurden an den Zufahrtsstraßen mehrere Barrikaden durch Baumstämme und andere sperrige Gegenstände errichtet. Unter den wichtigsten Brücken brachte man Sprengsätze an, die beim Herannahen des Feindes gesprengt werden sollten, um dessen Vorankommen zu verlangsamen. Währenddessen schafften die Nationalsozialisten eifrig belastendes Material beiseite bzw. verbrannten es im Schornstein der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 302f.</ref>[[Datei:Norden Luftbild Luftaufnahme um 1930 01.jpg|mini|Luftbild der Innenstadt (um 1930).]][[Datei:Am Markt Marktplatz Ludgerikirche Wehrmacht Marine Heldengedenktag 15 03 1942 02.jpg|mini|Soldaten des [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelagers Tidofeld]] marschieren anlässlich des ''Heldengedenktags'' am 15. März 1942.]]Während des Krieges gab es zudem mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref>
Insgesamt überstand die Stadt den Zweiten Weltkrieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Gut einen Monat später wurden mehrere Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen noch nicht zum Kriegsdienst eingezogen waren, als letztes militärisches Aufgebot im ''Volkssturm'' auf dem [[Marktplatz]] vereidigt.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 152</ref>


Während des Krieges gab es zudem mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref>
Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]]
[[Datei:Am Markt Marktplatz Ludgerikirche Wehrmacht Marine Heldengedenktag 15 03 1942 02.jpg|mini|Soldaten des [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelagers Tidofeld]] marschieren anlässlich des ''Heldengedenktags'' am 15. März 1942.]]
[[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|''Volkssturm''-Männer mit Panzerfäusten bei ihrer Vereidigung auf dem Marktplatz (Oktober 1944).]]
Insgesamt überstand die Stadt den Zweiten Weltkrieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]]
Am 6. Mai 1945 trafen kanadische Truppen von Georgsheil kommend in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger bereits am 4. Mai energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]].
[[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|Volkssturm-Männer mit Panzerfäusten beim Antreten auf dem Marktplatz (1944).]]
Am 4. Mai 1945 trafen kanadische Truppen in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]].


Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref>
Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref>


Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>
Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen (u.a. bei der [[Galgentiefsbrücke]]<ref>Erinnerungen des Zeitzeugen Karl Lampe, kundgetan am 15. Februar 2024</ref>, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>


Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref>
Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino ([[Am Markt 57]])<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 135</ref>, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref>


Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref>
Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref>
Zeile 652: Zeile 679:


=== 1950 bis 1959 ===
=== 1950 bis 1959 ===
[[Datei:Leybuchtpolder Hof um 1950 01.jpg|mini|Typischer Siedlungshof in Leybuchtpolder.]]
[[Datei:Ekel Ekeler Weg Bunker Notunterkunft um 1946 01.jpg|mini|Ein zur Notunterkunft hergerichteter [[Bunker]] am [[Porghamerdrift]] in [[Ekel]] (um 1946).]]
Von 1947 bis 1950 wurde der [[Leybuchtpolder (Polder)|Leybuchtpolder]] eingedeicht, auf dem später der [[Leybuchtpolder|gleichnamige Ort]] - zunächst als eigenständige Gemeinde - entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der [[Leybucht]] geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeiches]] vor der Küste Leybuchtpolders. Bei der Vergabe des neuen Landes wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. ''"Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist"'', hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich, dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar sowie mehrere kleinere Höfe und Häuser.
Von 1947 bis 1950 wurde der [[Leybuchtpolder (Polder)|Leybuchtpolder]] eingedeicht, auf dem später der [[Leybuchtpolder|gleichnamige Ort]] - zunächst als eigenständige Gemeinde - entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der [[Leybucht]] geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeiches]] vor der Küste Leybuchtpolders. Bei der Vergabe des neuen Landes wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. ''"Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist"'', hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich, dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar sowie mehrere kleinere Höfe und Häuser.


Zeile 660: Zeile 687:


Dank der Währungsreform im Jahre 1948 linderte sich die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung zunehmend, sodass die Lebensmittelrationierung im März 1950 beendet werden konnte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 246</ref> Das aufkommende Wirtschaftswunder führte einerseits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlstands, andererseits drängten viele geburtenstarke Jahrgänge auf den Markt und nicht alle, die wollten, fanden sofort eine Arbeit. Auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. So wanderten viele junge Norder ab, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet, wo nicht wenige im Bergbau eine Beschäftigung fanden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 60</ref> Mit dem Wirtschaftswunder verließen auch viele ehemals Geflüchtete und Vertriebene die Stadt wieder auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen.
Dank der Währungsreform im Jahre 1948 linderte sich die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung zunehmend, sodass die Lebensmittelrationierung im März 1950 beendet werden konnte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 246</ref> Das aufkommende Wirtschaftswunder führte einerseits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlstands, andererseits drängten viele geburtenstarke Jahrgänge auf den Markt und nicht alle, die wollten, fanden sofort eine Arbeit. Auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. So wanderten viele junge Norder ab, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet, wo nicht wenige im Bergbau eine Beschäftigung fanden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 60</ref> Mit dem Wirtschaftswunder verließen auch viele ehemals Geflüchtete und Vertriebene die Stadt wieder auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen.
[[Datei:Stadtjugendtag 1952 01.jpg|links|mini|Stadtjugendtag 1952.]]
[[Datei:Stadtjugendtag 1952 01.jpg|mini|Stadtjugendtag 1952.]]
[[Datei:Torfbeschaffung um 1956 01.jpg|mini|Torfbeschaffung mit dem LKW (um 1956).]]
Am 1. Januar 1951 traf der schwedische Fußballverein ''Nybro Idrottsförening'' in Norden ein und spielte gegen den [[FC Norden]]. Es war das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund Nordens; es kam zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein weiteres großes Sportereignis folgte 1952 mit dem ''Stadtjugendtag''.
Am 1. Januar 1951 traf der schwedische Fußballverein ''Nybro Idrottsförening'' in Norden ein und spielte gegen den [[FC Norden]]. Es war das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund Nordens; es kam zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein weiteres großes Sportereignis folgte 1952 mit dem ''Stadtjugendtag''.


Zum 5. Oktober 1951 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die die Vorgaben der neuen deutschen Gemeindeordnung nun auch formal durchsetzte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref> In der neuen Verfassung wurde somit festgehalten, dass der Stadt ein [[Bürgermeister]] mit eher repräsentativen und ein [[Stadtdirektor]] für die eigentliche Verwaltungsleitung vorsteht. 1952 wurde [[Tidofeld]], damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]]. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt [[Vierzig Diemat]] der seinerzeit noch eigenständigen [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] ab, um hier weiteres Bauland erschließen zu können. Anders als Vierzig Diemat wurde Tidofeld im Jahre 1996 ein eigenständiger Stadtteil.
Zum 5. Oktober 1951 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die die Vorgaben der neuen deutschen Gemeindeordnung nun auch formal durchsetzte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref> In der neuen Verfassung wurde somit festgehalten, dass der Stadt ein [[Bürgermeister]] mit eher repräsentativen und ein [[Stadtdirektor]] für die eigentliche Verwaltungsleitung vorsteht. 1952 wurde [[Tidofeld]], damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]]. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt [[Vierzig Diemat]] der seinerzeit noch eigenständigen [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] ab, um hier weiteres Bauland erschließen zu können. Anders als Vierzig Diemat wurde Tidofeld im Jahre 1996 ein eigenständiger Stadtteil.
[[Datei:Torfbeschaffung um 1956 01.jpg|mini|Torfbeschaffung mit dem LKW (um 1956).]]
[[Datei:Leybuchtpolder Hof um 1950 01.jpg|mini|Typischer Siedlungshof in Leybuchtpolder.]]
Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben.
Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben.


Zeile 673: Zeile 701:


Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon vorher abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]] erhalten, die als Außenstelle des städtischen Krankenhaus diente. Sie wird bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine genutzt.
Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon vorher abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]] erhalten, die als Außenstelle des städtischen Krankenhaus diente. Sie wird bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine genutzt.
[[Datei:Postkarte Norden um 1970 01.jpg|links|mini|Norden auf einer Postkarte aus den späten 1960er Jahren.]]
[[Datei:Ausweis für Vertriebene 1955 01.jpg|mini|Ein ''Vertriebenenausweis'' von 1955.]]
[[Datei:Postkarte Norden um 1970 01.jpg|mini|Norden auf einer Postkarte aus den späten 1960er Jahren.]]
Obwohl Norden ironischerweise den Zweiten Weltkrieg mit nur sehr geringen Schäden überstand und seine historische und schützenswerte Altstadt, anders als Emden, praktisch gänzlich erhalten konnte, wurde ein Großteil dieser 1968 durch die sogenannte [[Altstadtsanierung]] dem Erdboden gleichgemacht. Den Baumaßnahmen fiel ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer. Die das Ortsbild maßgeblich prägenden Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei abgebrochen und gingen dadurch für immer verloren. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere, an Hochbunker erinnernde Mehrfamilienhäuser und dazu drei nicht minder unansehnliche Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen.
Obwohl Norden ironischerweise den Zweiten Weltkrieg mit nur sehr geringen Schäden überstand und seine historische und schützenswerte Altstadt, anders als Emden, praktisch gänzlich erhalten konnte, wurde ein Großteil dieser 1968 durch die sogenannte [[Altstadtsanierung]] dem Erdboden gleichgemacht. Den Baumaßnahmen fiel ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer. Die das Ortsbild maßgeblich prägenden Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei abgebrochen und gingen dadurch für immer verloren. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere, an Hochbunker erinnernde Mehrfamilienhäuser und dazu drei nicht minder unansehnliche Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen.


Zeile 682: Zeile 711:
=== 1970 bis 1979 ===
=== 1970 bis 1979 ===
Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, jedoch erst ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Ab 1978 wurde auch mit dem Bau der [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] begonnen, die sich bis dahin am [[Schwanenteich]] befand.
Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, jedoch erst ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Ab 1978 wurde auch mit dem Bau der [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] begonnen, die sich bis dahin am [[Schwanenteich]] befand.
[[Datei:Blick vom Wasserturm bis zur Stadt 05 08 1979 (0267340) MZ.jpg|links|mini|Blick vom [[Wasserturm]] in Richtung Stadt. Die Gärten liegen noch heute [[An der Welle]] (1979).]]
[[Datei:Blick vom Wasserturm bis zur Stadt 05 08 1979 (0267340) MZ.jpg|mini|Blick vom [[Wasserturm]] in Richtung Stadt. Die Gärten liegen noch heute [[An der Welle]] (1979).]]
Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug|''Großer Krug'']] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref>
Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug|''Großer Krug'']] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref>


Zeile 721: Zeile 750:
Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist.
Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist.


Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[Wigboldstraße|Südlich Wigboldstraße]]'' nicht in Norden, sondern in dem seit jeher ländlich und landwirtschaftlich geprägten [[Westermarsch II]] erschlossen. Ein bereits 2011 für die Dorferneuerung in [[Leybuchtpolder]] und [[Neuwesteel]] fertiggestelltes Konzept zur städtebaulich verträglichen Umsetzung neuer Bauplätze bei gleichzeitigem Entgegenwirken des demografischen Wandels kam hingegen bislang nicht zur Umsetzung.<ref>NWP Planungsgesellschaft (2011): Dorferneuerungs-/Entwicklungsplanung für die Ortsteile Leybuchtpolder und Neuwesteel, S. 95ff.</ref>
Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[Südlich Wigboldstraße]]'' (projektiert, aber aufgegeben) nicht in Norden, sondern in dem seit jeher ländlich und landwirtschaftlich geprägten [[Westermarsch II]] erschlossen. Ein bereits 2011 für die Dorferneuerung in [[Leybuchtpolder]] und [[Neuwesteel]] fertiggestelltes Konzept zur städtebaulich verträglichen Umsetzung neuer Bauplätze bei gleichzeitigem Entgegenwirken des demografischen Wandels kam hingegen bislang nicht zur Umsetzung.<ref>NWP Planungsgesellschaft (2011): Dorferneuerungs-/Entwicklungsplanung für die Ortsteile Leybuchtpolder und Neuwesteel, S. 95ff.</ref>


In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr.
In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr.
Zeile 733: Zeile 762:


Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde.
Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde.
Im August 2024 wurde bekannt, dass das Baugebiet [[Südlich Wigboldstraße]] aufgegeben werde.<ref>Bericht im Ostfriesischen Kurier vom 31. August 2024</ref> Die Preissteigerungen durch die [[COVID 19-Pandemie]] sowie die grassierende Inflation seit 2022 infolge der russisch-ukrainischen Konflikts ließen die Erschließungskosten ebenso steigen, wie immer weitere, kostenintensive Auflagen seitens der Stadtverwaltung. Die Investorin gab das seit 2016 projektierte Baugebiet infolgedessen auf, wodurch die Stadtverwaltung abermals die Chance auf neues Bauland und neuen Wohnraum verspielte. Unabhängig dieser Entwicklungen gab es ohnehin kaum Interessenten für das Bauland, da die Konstellation von hohen Zinsen, hoher Baulandkosten und hoher Neubaukosten auf der einen Seite einer eher mäßigen Lage nördlich des [[Klärwerk|Klärwerks]] und am äußersten Stadtrand auf der anderen Seite von vielen als nicht angemessen gesehen wurde.


==Verwaltung und Politik==
==Verwaltung und Politik==
Zeile 756: Zeile 787:
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an.
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an.


Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Stellvertretender Bürgermeister wurde der RSF-Ratsherr [[Wieland Nordwall]]. 1956 wurde Johann Fischer wieder ins Bürgermeisteramt berufen. Dessen Nachfolger wurde 1959 der SPD-Ratsherr [[Hinrich Donner]].
Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. 1956 wurde Johann Fischer wieder ins Bürgermeisteramt berufen. Dessen Nachfolger wurde 1959 der SPD-Ratsherr [[Hinrich Donner]].


Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei.
Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei.