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'''Süderneuland II''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 844 Einwohner (Stand: 31.12.2020), die sich auf einer Fläche von rund 4,55 km² verteilen.
'''Süderneuland II''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 864 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2022), die sich auf einer Fläche von rund 4,55 km² verteilen. Der Ort entstand vor allem im Umfeld des von 1425 bis 1430 erbauten [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und wuchs in den nächsten Jahren nur mäßig im Vergleich zu seinem wesentlichen größeren Schwesternort [[Süderneuland I]].


Im Norden und Westen grenzt Westermarsch II unmittelbar an die Nordsee, im Osten an Norddeich sowie im Süden an [[Westermarsch I]] und teilweise [[Norden (Stadtteil) | Norden]].
Bis heute ist der noch bis zum 30. Juni 1972 eigenständige und nachfolgend in die [[Stadt Norden]] eingemeindete Ort nur schwach besiedelt, was vor allem an den natürlichen Gegebenheiten und der vergleichsweise geringen Größe begründet liegt.


__TOC__
__TOC__


== Namensherkunft ==
== Namensherkunft ==
Der Name Westermarsch II kennzeichnet einerseits den Landschaftstyp des Ortes (Marsch) und bezeichnet andererseits seine Lage im Westen der historischen Region Norderland bzw. der Stadt Norden. Durch die römische 2 unterscheidet sich der Ort von Westermarsch I.
Der Name [[Süderneuland]] war ursprünglich der Name eines im 16. Jahrhundert eingedeichten [[Polder|Polders]], bei der Besiedlung wurde dieser Name übernommen. Es ist die Bezeichnung für das ''südlich'' der Stadt Norden gelegene ''Neuland'', das durch Eindeichungen der [[Leybucht]] entrissen werden konnte.


Erstmalige Erwähnung findet die Westermarsch in 1361. Spätere Bezeichnungen waren ebenfalls "Westermarsch" (1541/1542). In 1553 wird die "Westermersch" erwähnt. 1823 und 1826 folgen dann "Westermarsch 1. und 2. Bauernschaft" und schließlich die heutige Bezeichnung ab 1858.
Eine erste urkundliche Erwähnung findet sich 1602 als ''Suider Neuland''. Es folgen 1618 ''Suider Nyelander'' und 1634 ''Sueder Newlander [[Rott]]''. 1645 wird der Ort ''Suhder Newlandt'' bzw. ''Suhder Nijeland'' genannt. In einer amtlichen Statistik des Königreichs Hannovers finden sich die Bezeichnungen ''Erste Süderneulander Bauernschaft'' und ''Zweite Süderneulander Bauernschaft''.


==Wappen==
==Wappen==
Das Wappen des Ortes zeigt ein goldenes, dreiblättriges Kleeblatt umringt von drei sechszackigen Sporenrädern im Verhältnis von 2:1 auf blauem Grund. Das Kleeblatt spielt in der Landwirtschaft eine große Rolle als sogenannter Gründünger und verweist damit auf die besondere Rolle der Landwirtschaft in der Westermarsch. Die Sporenräder wurden aus dem Wappen von [[Norden]] übernommen, welches dieses wiederum aus dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert hinein vorherrschende Häuptlingsfamilie [[Idzinga]] übernommen hat. Der blaue Grund verweist auf die Lage des Ortes an der Wasserkante bzw. Deichlinie. Das Wappen hat in seiner Aufmachung deutliche Ähnlichkeiten zu dem von [[Ostermarsch]].
Das Wappen von Süderneuland II zeigt einen silberner Wellenpfahl auf blauem Grund, der im Schildhaupt von zwei goldenen, sechsstrahligen Sporenrädern begleitet und darunter von zwei goldenen Brücken gekreuzt wird.
 
Die Sporenräder wurden dem Wappen der einst vorherrschenden Häuptlingsfamilie [[Idzinga]] entnommen und sind auch im Wappen der Stadt zu finden. Die Brücken und der Fluss symbolisieren die Lage des Ortes am [[Berumerfehnkanal]], die Farben blau und gold sind die Stadtfarben von Norden. Sie sollen die Zugehörigkeit des Ortes zur Stadt verdeutlichen.


==Bevölkerungsentwicklung==
==Bevölkerungsentwicklung==
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== Geografie ==
== Geografie ==
Westermarsch I befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der Leybucht in einer Höhe von bis zu 1,3 m über Meeresniveau (NN). Die nördliche und westliche Grenze stellt die Leybucht bzw. die Nordsee dar. Die östliche Grenze zu [[Norddeich]] verläuft hauptsächlich mittig des ursprünglichen Verlaufs des [[Dörper Weg | Dörper Wegs]]. Im Süden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und ist historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grundstücke bzw. Flure, die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse entweder zu Westermarsch I oder II gehören. In etwa kann man jedoch sagen, dass die südliche Grenze von Westermarsch II beim [[Lehmweg]] beginnt und sich dann in westliche Richtung bis [[Utlandshörn]] erstreckt. Hier sind einstige örtliche Besitztümer die Grenze, die sich nur schwer umschreiben lassen. Westermarsch II entspricht der alten Rotteinteilung Rott 5 bis Rott 9, während Westermarsch II Rott 1 bis Rott 4 umfasst. Ein "Rott" ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Hieraus erklärt sich die diffus wirkende Grenze zu Westermarsch I, da sich mehrere Bauern mit ihren verteilten Ländereien zu einem Rott zusammenschlossen.
Süderneuland II befindet südlich und östlich des Stadtkerns. Die Bodenbeschaffenheit des Ortes ist divers. Im Westen und Süden herrscht der Typus Kleimarsch vor, im Norden und Osten größtenteils Gley-Podsol mit Plaggenauflage, im Südosten Plaggenesch (unterlagert von Podsol-Gley) bzw. Gley Podsol und im Zentrum Podsol-Gley zu finden.
 
Im Norden grenzt Süderneuland II an [[Norden (Stadtteil) |Norden]], im Westen an [[Süderneuland I]] und teilweise [[Norden (Stadtteil) |Norden]], im Osten an [[Bargebur]] und die Nachbargemeinde Lütetsburg und im Süden an die Nachbargemeinde Osteel.
 
==Gliederung==
Süderneuland II ist der Zusammenschluss der Ortschaften [[Altendeich]], [[Nadörst]] und [[Ölmühle]] sowie der [[Flurstück|Flurstücke]] [[Horst]], [[Altenbürgerlande]] und [[Leegeland]]. Die Grenzen bilden im Norden das [[Norder Tief]], im Osten Lütetsburg (einschließlich des bis 1972 zu Lütetsburg gehörendem [[Bargebur]]), dessen Grenze weitestgehend entlang des [[Berumerfehnkanal|Berumerfehnkanals]] verläuft, im Westen die alte Deichlinie des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und im Süden die Grenze des [[Leegeland|Leegelands]] nach Osteel, die weitestgehend in Höhe des [[Schwarzer Weg|Schwarzen Wegs]] verläuft.


== Geschichte ==
== Geschichte ==
* siehe auch: [[Stadt Norden#Geschichte|Geschichte der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Süderneuland I#Geschichte|Geschichte von Süderneuland I]]


===Mittelalter===
===Mittelalter===
Wann genau die Gegend erstmalig besiedelt wurde, ist nicht genau nachvollziehbar. Durch seine nähere Lage an der Nordsee und der damit stets einhergehenden großen Gefahr von Sturmfluten, vor denen auch nicht immer die Warften Schutz boten, war Westermarsch II bis in die Neuzeit deutlich dünner besiedelt als das südlichere Westermarsch I. Die Anzahl an Bewohner dürfte sehr überschaubar und im zweistelligen Bereich gelegen haben. Darum befinden sich auch heute noch kaum Warften in Westermarsch II, die sich dagegen wesentlich häufiger im weiter südlich gelegenen Westermarsch I und im östlich von Norden gelegenen [[Ostermarsch]] befinden.
[[Datei:Süderneuland II Bargebur Bargeburer Mühle Ölmühle Müllerhaus Berumerfehnkanal Fehnkanal um 1870.JPG|mini|Die [[Ölmühle]] mit Blickrichtung nach [[Tidofeld]]. Links die [[Bargeburer Kirche]], dahinter das Lütetsburger Schloss. Rechts die [[Westerroggenmühle]] und die [[Bargeburer Mühle]].]]
 
Die bekannte Geschichte von Süderneuland II beginnt im Jahre 1425. Die [[Leybucht]] erreichte durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, insbesondere durch die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]], ihre größte Ausdehnung. Die Fluten richteten schwere Verwüstungen an und kosteten unzählige Menschenleben, doch bekam Norden erstmals einen Zugang zur offenen See und der [[Norder Hafen]] entstand. Dieser schon bald sehr stattliche Seehafen bescherte der Stadt über Jahrhunderte eine wirtschaftliche Blüte. Zu dieser Zeit war das gesamte Ortsgebiet von den Fluten eingenommen. Die Fluten waren so gewaltig gewesen, dass sie bis nach Lütetsburg reichten, wovon heute noch mehrere [[Kolk|Kolke]] im Umfeld der heutigen [[Umgehungsstraße]] zeugen.
Seit Anbeginn der Besiedlung ist das Land den Launen der Nordsee ausgeliefert. Sturmfluten und damit einhergehende Überschwemmungen bestimmten seit jeher den Verlauf der Deichlinie und machten den Bewohnern das Leben schwer. Bis zum vollständigen Untergang der nordwestlich von Westermarsch gelegenenen Nordseeinsel [[Bant]] konnten sich die Menschen mit relativ geringen Deichen schützen und errichteten ihre Häuser auf Warften, die sie je nach Bedarf erhöhten. Warften sind künstlich geschaffene Erhöhungen der Landschaft. Man kann sie sich als Hügel vorstellen, auf denen die Erbauer ihre Gebäude errichteten. Noch heute sind viele Warften in der Landschaft unverändert gut erkennbar und viele Gebäude stehen weiterhin auf solchen.
 
Ihre Ländereien schützten sie, wenn überhaupt, mit kleinen Dämmen vor den Fluten der Nordsee. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts begann man, diese kleinen Ringdeiche seewärts miteinander zu verbinden, so dass in den ersten Jahrzehnten nach 1100 ein fast geschlossener Hauptdeich entstand. Die damaligen Deiche waren in ihrer Bauweise jedoch keinesfalls mit den heutigen zu vergleichen und boten nicht immer Schutz. Besonders verheerende Deichbrüche und dadurch folgende Überschwemmungen sind für die Jahre 1164, 1196, 1219 und 1334 überliefert. Überreste eines frühzeitlichen Deichs sind noch heute teils entlang der [[Westermarscher Straße]] erkennbar.


Die zweite Marcellusflut, die auch als "große Mandränke" (großes Ertrinken) in die Geschichte einherging, richtete 1362 große Verwüstungen in der gesamten Westermarsch an. Zahlreiche Menschen und Tiere kamen ums Leben, ein Großteil der Gebäude und Felder wurde zerstört. Auch gerieten weite Landesteile der Westermarsch unter Wasser, die erst Jahrhunderte später durch Eindeichungen wieder dem Wasser abgewonnen wurden. Die im 9. Jahrhundert entstandene Leybucht gelangte zu ihrer größten Ausdehnung, die Einbruchsrinne wurde nach der Leybucht auch "Leide" genannt. Aus ihr entsprang das [[Norder Tief]].
Während das heutige Gebiet von [[Süderneuland I]] noch bis 1556 dem Meer überlassen wurde, begann der mit dem in Norden damals dominierenden Geschlecht der [[Idzinga]] durch Heirat verbundene [[Udo Focken]], Sohn des [[Focko Ukena]], den nach ihm benannten [[Udo-Focken-Deich]] von 1425 bis 1430 einzudeichen, um das Land besser zu schützen. Er setzte damit einen wesentlichen Grundstein für die etwa 130 Jahre später unter [[Anna von Oldenburg]] fortgesetzte Rückgewinnung des [[Süderneuland|Süderneulands]]. Direkt östlich des Deichs lag Lütetsburg, einschließlich ds noch bis 1972 zu dieser Gemeinde gehörenden [[Bargebur]].


Gerade einmal 12 Jahre später kam es erneut zu einer verheerenden Sturmflut, die erste Dionysiusflut, die erneut weite Teil der Westermarsch überschwemmte. Das südlich von Westermarsch gelegene [[Neuwesteel | Westeel]] wurde sogar gänzlich zerstört und aufgegeben.
Im Umfeld dieses Deiches, dessen einstiger Verlauf noch heute weitestgehend die Grenze zwischen [[Süderneuland I]] und Süderneuland II darstellt, entstanden kleine Siedlungen. Süderneuland II ist also wesentlich älter, was man in Anbetracht der römischen Nummerierung zunächst nicht vermuten mag. Der wesentliche Unterschied zwischen Süderneuland I und Süderneuland II besteht folglich darin, dass sich Süderneuland I ausschließlich auf dem erst später gewonnen ''Süderneuland'' befindet, während Süderneuland II weitestgehend aus dem Land östlich des [[Udo-Focken-Deich]] befindet und sich als eine Bauerschaft (Zusammenschluss mehrerer Bauern) im Umfeld dieser Deichlinie bildete.
[[Datei:Süderneuland II Ansichtskarte Trinkhalle Schwitters Heerstraße unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Blick vom [[Ölmühlenweg]] in Richtung östliche [[Heerstraße]], rechts die [[Trinkhalle Schwitters]].]]
Ab 1556 begannen schließlich weitere Anstrengungen zur Landgewinnung. Die Ukenas und die mit ihnen versippten [[Idzinga|Idzingas]] waren seit der [[Schlacht von Bargebur]] im Jahre 1433 nicht mehr das dominierende Geschlecht, sondern wurden von den [[Cirksena|Cirksenas]] abgelöst. Besonders [[Anna von Oldenburg]], Ehefrau und spätere Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte maßgeblichen Einfluss an der weiteren Entwicklung in und um das - erst später so genannte - Süderneuland. Nach der Einpolderung der [[Addinggaste]] begannen in den Jahren 1558 bis 1559 die Arbeiten am [[Wurzeldeich]]. Dieser verläuft im Wesentlichen entlang der beiden hiernach benannten Straßenzüge und reichte vom [[Udo-Focken-Deich]] bis zum Osteeler Altendeich in der Nachbargemeinde Osteel. Durch die Fertigstellung dieses Deiches konnte erneut ein sehr großes Landstück hinzugewonnen werden. Südlich der Wurzeldeicher Straße, insbesondere an der [[Todeskreuzung]] sind heute noch Teile des alten Wurzeldeiches deutlich sichtbar als Erhöhungen in der Landschaft auszumachen.


Bei der zweiten Dionysiusflut in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die Stadt Norden direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief | Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte.
In den nächsten Jahren wurde immer mehr Land eingepoldert und die [[Leybucht]] dadurch immer weiter zurückgedrängt. Die [[Liste der Eindeichungen]] gibt hierüber weiteren Aufschluss. Gesiedelt wurde zunächst nur im Bereich einiger Höfe, die auf den neuen Ländereien entstanden und als sogenannte ''Domänen'' im Besitz des Landesherren waren, welche die Bewirtschaftung in die Hände geeigneter Pächter gaben. Solche Höfe gibt es noch heute, nur befinden sie sich mittlerweile im Besitz des Landes Niedersachsen und werden von den sogenannten ''Domänenämtern'' verwaltet. Für das Mahlen des Getreides wird bereits 1593 die [[Deichmühle]] erbaut, die [[Frisiamühle]] folgt 1700.
[[Datei:Süderneuland II Ansichtskarte Trinkhalle Schwitters Heerstraße Blick nach Norden unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Blick nach Westen (in die andere Richtung).]]
Hier trennen sich auch die Geschichten von [[Süderneuland I]] und II. Letztgenanntes bestand fortan und bis heute entlang von Siedlungen entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und dem [[Leegeland]] südlich des [[Leegemoor|Leegemoors]]. Der alte Deich diente noch hunderte Jahre als wichtiger Postweg, der [[Alter Postweg|Alte Postweg]] erinnert noch heute daran und verlief in etwa entlang seines heutigen Verlaufs in Richtung [[Verschönerungsweg]], entlang der [[Muskerei]] auf die andere Straßenseite der [[Bahnhofstraße]] bzw. [[Wurzeldeicher Straße]] in [[Zum Hirtenhaus]], von dort weiter über die [[Zinngießerstraße]] und den [[Leegemoorweg]] bis weiter nach Osteel, wo sich Verlauf auf dem dort auch heute noch so genannten Alten Postweg fortführte.


Das 14. Jahrhundert war das wohl verheerendste Flutjahr in der überlieferten Geschichte der Westermarsch. Um 1400 hatte die Leybucht dadurch ihre größte Ausdehnung erreicht. Die Folgen der Sturmfluten waren so verheerend und weitreichend, als dass man sie in absehbarer Zeit hätte reparieren können. Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte der Schwarze Tod (Beulenpest) zwischen 1350 und 1360 in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der "Kleinen Eiszeit" im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt.
Die Landwirtschaft war entsprechend der Beschaffenheit der dazugehörigen Ländereien in Süderneuland II wesentlich schwächer ausgeprägt und bestand überwiegend aus kleineren Höfen und nur sehr wenigen wie der [[Ketelburg]]. Das Land war einfach zu klein oder durch seine tiefe Lage ([[Leegeland]]) ungeeignet. Auch die 1773 erbaute [[Ölmühle]] sowie der [[Berumerfehnkanal]] 1796 brachten nur wenig wirtschaftlichen Aufschwung.


===Neuzeit===
===Neuzeit===
Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) wurde auch Westermarsch von Mansfeldern belagert. Die Söldner des berüchtigten Heerführers Peter Ernst II. von Mansfeld drangsalierten die Bevölkerung über viele Jahre und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu könnenn. Später kamen auch brandenburgische Soldaten hinzu, die noch schlimmer als die Mansfelder wüteten und für zahlreiche Verwüstungen sorgten.
Mit dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] von 1618 bis 1648 kommt der Deichbau mehrere Jahrzehnte zum Erliegen. Wie der Großteil Europas leidet auch Ostfriesland unter dem Krieg. Hinzu kommen mindestens drei verheerende Pestepidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Land weiter schwächen. Darüber hinaus werden Norden und Umgebung ab 1622 von Söldnern des berüchtigten Heerführers Peter Ernst von Mansfeld (auch ''Mansfelder'' genannt), drangsaliert und ausgebeutet. Die Mansfelder kamen auf faktische Einladung der Niederländer, die sich in der Region durch Schwächung der Macht von [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] immer größeren Einfluss sicherten. Die Mansfelder verließen die Region erst im Jahre 1624.
[[Datei:Süderneuland II Ansichtskarte Ölmühle unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Die flügellose [[Ölmühle]] auf einer undatierten Aufnahme, vermutlich um 1960.]]
Im Jahr 1773 wird die [[Ölmühle|Öl- und Peldemühle]] am [[Ölmühlenweg]] erbaut. Bis auf den fehlenden Mühlenkopf ist das Gebäude bis heute erhalten. In früheren Jahren wurde hier aus Rapssamen Öl gepresst. 1794 bis 1796 treibt die [[Norder Fehngesellschaft]] den Bau des [[Fehnkanal|Fehnkanals]] voran, auf dem Schiffe von [[Norderfehn]] (heute: Berumerfehn) nach Norden verschifft wurden. In [[Nadörst]] befand sich hierzu ein Umschlaghafen. Der Bau war notwendig um die in Norderfehn abgebauten Torfmengen befördern und die Moorkolonisten versorgen zu können. Erst 1938 wurde die Torfversorgung über den Fehnkanal eingestellt.


Bei der Weihnachtsflut 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im Seedeich. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die [[Itzendorfplate]], eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.
Von 1821 bis 1823 kartografierte das Königreich Hannover einen Teil seines Landes. Wenngleich Ostfriesland nicht dazu zählte, taucht in dieser Zeit erstmals die amtliche Trennung von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]] wie auch [[Süderneuland I]] und Süderneuland II auf. Offenkundig stand die Trennung dieser bis dahin jeweils zusammengehörenden Gemeinden im Zusammenhang mit Bestrebungen zur Vereinheitlichung von Fläche und Größe der einzelnen Gliedgemeinden im Land. Die nun entstandenen Gemeinden hatten jeweils eine annähernd gleiche Größe und Bevölkerungszahl. Während Süderneuland I alle ab 1556 gewonnenen [[Polder]] bis zur Grenze zum [[Süder-Charlottenpolder]] einschließlich des [[Leegemoor|Leegemoors]] umfasste, bestand Süderneuland II nun auch amtlich aus den Gebieten entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und dem [[Leegeland]].


Die Sturmflut 1825 hatte zwischen dem [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug | Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] ("Keen nich will dieken, de mutt wieken" - "Wer nicht will deichen, der muss weichen"), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich instandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.
Das Jahr 1846 gilt als das Gründungsjahr der ehemaligen Firma [[Wagenbau Stilkenboom|Stilkenboom]]. Sie entwickelte sich zu einem überregional bekannten Wagenbauunternehmen. Produziert wurden unter anderem Wattwagen, die Inselbesucher vom ankernden Schiff zur Insel brachten und Raketenwagen, die der Seenotrettung dienten.
[[Datei:Süderneuland II Ansichtskarte Berumerfehnkanal Fehnkanal Heerstraße unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Der [[Fehnkanal]] vor der [[Ölmühle]].]]
1883 wurde die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke]] von Emden nach Norden und später auch nach Esens ([[Ostfriesische Küstenbahn]]) und [[Norddeich]] erschlossen. Süderneuland II hatte damals in [[Nadörst]] einen [[Bahnhof Nadörst|eigenen Bahnhof]], auf den nur noch das erhaltene Schrankenwärterhaus und der [[Bahnhofsweg]] hinweisen.


1871 fiel ganz Ostfriesland an das Königreich Preußen und damit auch die Westermarsch. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in I und II.
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] gab es zwei Kriegsgefangenen- und Arbeitslager in Süderneuland II. Zum einen das als ''Holländerlager'' der Firma Eickhoff bezeichnete Lager für bis zu 20 niederländische Kriegsgefangene und zum anderen ein Lager in [[Nadörst]], in dem bis zu 44 französische und niederländische Kriegsgefangene interniert wurden. Es bestand aus einer Holzbaracke. Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Krieg deutlich an und erreichte 1946 bereits 1.139 Einwohner, von denen 231 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 95 auf insgesamt 1.234 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen lag bei 301 und machte damit ein gutes Viertel der Gesamtbevölkerung aus.


In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio | Funkstation Norddeich]] in Utlandshörn errichtet und zunächst dem Kaiserlichen [[Postamt Norden]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des Ersten Weltkriegs unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt.
Am 1. Juli 1972 erfolgte die Eingemeindung der Gemeinde Süderneuland II in die [[Stadt Norden]]. Anders als [[Süderneuland I]], das per Gesetz zwangseingemeindet werden musste, leistete Süderneuland II, wohlwissentlich der damit verbundenen Vorteile, freiwillig die Unterschrift. Bis heute ist der Ort eher dünn besiedelt und hat für die Wirtschaft keine allzu große Bedeutung.
[[Datei:Süderneuland Luftbild Luftaufnahme 1983 01.jpg|mini|Luftaufnahme von Süderneuland aus dem Jahre 1983.]]
Einen Anschluss an die [[Kanalisation]] bekam der Ort indes erst 2003 mit dem Bau des [[Südring|Südrings]]. Bis dahin nutzte jedes Haus eine eigene Kläranlage oder Sickergrube. Dieser altertümliche Umstand besteht heute nur noch in den abgelegenen Hofstellen und Siedlungen, insbesondere in [[Westermarsch]] und [[Ostermarsch]]. Im gleichen Zuge mit dem Straßenbau erhielten die Straßen und Häuser des Ortes ihre heutigen [[Hausnummerierung|Hausnummern]]. Bis dahin waren die Häuser noch gemäß der alten, chronologischen Nummerierung adressiert, wonach das erst gebaute Haus in Süderneuland II die Nummer 1 bekam, das zweite die 2 und so weiter. Dieses alte System findet sich heute - auf das Stadtgebiet bezogen - nur noch am [[Verschönerungsweg]], dem [[Leegelandweg]] und der [[Bundesstraße]].<ref>Zeitzeugenbefragung am 6. Oktober 2021</ref>


In den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand im September 1919 eine Einwohnerwehr, deren Stärke 57 Mann umfasste, die mit 50 Waffen ausgerüstet waren. Damit war sie zwar zahlenmäßiger kleiner als die von Westermarsch I, letztere hatte jedoch keine Waffen erlangen können.
==Verwaltung==
 
Auch im Zweiten Weltkrieg erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit Flak-Geschützstellungen gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein [[Kriegsgefangenenlager Itzendorf | Kriegsgefangenenlager in Itzendorf]], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.
 
Am 01.11.1941 fielen in der gesamten Westermarsch 40 bis 50 Brandbomben. Ein Bauerhaus wurde eingeäschert.
 
Kurz nach Kriegsende ermorderte eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom "High Court" der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.
 
Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 838 Einwohner, von denen 197 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 19 auf insgesamt 857 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 190.


==Verwaltung==
* siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]]
* siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]]


Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die "Friesische Freiheit" bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter ("Redjeven") wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.
* siehe auch: [[Liste der Gemeindevorsteher von Süderneuland II]]


Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Marcellusflut]] im Jahr 1362 und eine verheerende Pestepidemie um 1350 geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. In der Westermarsch gelangten zunächst die [[Idzinga]] an die Macht, deren Hauptsitz in [[Itzendorf]] in der östlichen Westermarsch war. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhebten, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.
Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die ''Friesische Freiheit'' bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (''Redjeven'') wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.


Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häutplingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling [[Ulrich Cirksena]] in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Ab 1464 bis 1744 stand Westermarsch II ein vom Grafen bzw. Fürsten bestellter Drost vor, der später auch den Titel "Amtsverwalter" trug, da ihm das [[Amt Norden]] unterstand. Dieser hatte neben der Oberaufsicht auch die gesamte Polizeigewalt inne. Dem Drosten bzw. Amtsverwalter war ein Vogt beigestellt, der vom Grafen bzw. Fürsten selbst eingesetzt wurde. Dieser Vogt war neben Westermarsch II auch für [[Westermarsch I]] sowie [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] zuständig. Ein sogenannter Auskündiger, der vom Drosten bzw. Amtsverwalter eingesetzt wurde, unterstützte den Vogten in seiner Arbeit und war diesem hierarchisch untergeordnet. Unter dem Auskündigen standen mehrere Rottmeister, die jeweils ein Rott verwalteten. Westermarsch II hatte damit fünf Rottmeister. Sie hatten vor allem die Aufgabe, die Steuern in ihren Rotten einzutreiben und den Rottbewohnern ihre Pflichten anzusagen. Die Amtszeit der Rottmeister dauerte zwei Jahre, das Amt wurde danach im Rott an geeignete, männliche Bewohner neu vergeben. Westermarsch II entspricht der alten Rotteinteilung Rott 5 bis Rott 9, während Westermarsch I Rott 1 bis Rott 4 umfasst. Ein "Rott" ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Die Namen der Rotts konnten wechseln, letztlich haben sich jedoch folgende Bezeichnungen durchgesetzt: [[Neulander Rott]], [[Redleff Folckers Rott]], [[Neudeicher Rott]] und [[Itzendorfer Rott]]. Das 9. Rott ist namentlich nicht mehr bekannt.
Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Prinzipien der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Zweite Marcellusflut]] 1362, die [[Erste Dionysiusflut]] 1374 und eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.


1735 standen ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze der Landwehr, gewählt von den qualifizierten Interessenten und bestätigt vom Landesherren Ostfrieslands.
Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling [[Ulrich Cirksena]] in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Damit war die Zeit der Friesischen Freiheit endgültig vorbei und Ostfriesland hatte das erste Mal in der Geschichte einen vom deutschen Kaiser bestätigten und von ihm belehnten Landesherren.


Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher (Bürgermeister) an oberster Spitze in Westermarsch II. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Während des Zweiten Weltkriegs hieß der Amtsinhaber [[Sjut Wübbens]], welcher nach dem Krieg von den Allierten seines Amtes enthoben wurde.
Zur Verteidigung standen 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr, gewählt von den wahlberechtigten Einwohnern und bestätigt vom ostfriesischen Fürsten.


Von 01.12.1965 bis 30.06.1972 die "kleine Gebietsreform" statt, Westermarsch I und II verloren ihre Eigenständigkeit und gingen in der [[Samtgemeinde Leybucht]] auf, der auch [[Neuwesteel]] und [[Leybuchtpolder]] angehörten. Infolge der niedersächischen Gemeindereform fiel die Samtgemeinde Leybucht am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher [[Ortsvorsteher]] vertritt nun den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik.
Im 19. Jahrhundert stand der [[Gemeindevorsteher]] an oberster Spitze in Süderneuland II. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Infolge der niedersächsischen Gemeindereform fiel die Gemeinde am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher [[Ortsvorsteher]] vertritt seither den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik.


==Bildung==
==Bildung==
* Hauptartikel: [[Itzendorfer Schule]] und [[Westerhörner Schule]]
* siehe auch: [[Alte Schule Süderneuland II]] | [[Alte Nadörster Schule]] | [[Nadörster Schule]]
Ein Schulsystem gab es schon, als der Ort Itzendorf noch bestand - also vor 1717. Von den beiden Schulgebäuden in Itzendorf und Westerhörn ist heute nur noch letzteres vorhanden. Ab 1970 wurden die Kinder der Westermarsch II in der [[Altendeichsschule]] unterrichtet.
 
Mindestens seit 1848 ist eine Schule in [[Nadörst]] belegt, die 1951 durch einen Neubau ersetzt wurde. Beide Gebäude sind bis heute in einem - mehr oder minder - originalgetreuen Zustand erhalten. Nach Erlass des sogenannten preußischen ''Volksschulunterhaltungsgesetzes'' von 1906 waren die Städte und Gemeinde per Gesetz verpflichtet worden, eine Volksschule zu unterhalten. Dies gab Anlass für den Bau des bis heute noch bestehenden [[Alte Schule Süderneuland II|Schulgebäudes]] an der damals noch Schulstraße genannten [[Waldstraße]]. Der Bau trug dem Umstand Rechnung, dass die Nadörster Schule zu weit außerhalb lag, um von den weiter nordwestlich wohnenden Schulkindern besucht werden zu können.


==Religion==
==Religion==
Es ist nicht belegt, dass es in der Westermarsch jemals einen Friedhof gegeben hat. Die Verstorbenen wurden in Norden beerdigt, die zuständige Kirche aller Norder Umlandgemeinden war die [[Ludgerikirche]] am Norder [[Marktplatz]].
Bis zur Fertigstellung der [[Friedenskirche]] im Jahre 1964 hatte Süderneuland keine eigene Kirche. Vielmehr war die [[Ludgerikirche]] die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]], sodass die Bewohner zum Gottesdienst dorthin pilgern mussten. Der Ort war damit unmittelbar dem [[Kirchspiel Norden]] angegliedert und besaß über keinen eigenen [[Friedhof]]. Süderneuland II selbst hat und hatte nie eine Kirche.
 
Die Bevölkerung ist überwiegend evangelisch-lutherisch und gehört mittlerweile zur [[Andreas-Kirchengemeinde]] Norden, welche ihren Sitz im [[Warfenweg]] hat. Vereinzelt gibt es evangelisch-reformierte Bewohner, die die Kirche in Bargebur besuchen, sowie Mennoniten, die einst Schutzgeld zahlten und die in Norden am Marktplatz auf der Südseite seit 1795 ihre eigene Kirche besitzen. Die wenigen katholischen Bewohner gehen in die Kirche St. Ludgerus in Norden. In der Begegnisstätte am Altendeichsweg finden regelmäßig Teenachmittage statt.


==Gesundheit und Soziales==
==Gesundheit und Soziales==
Westermarsch I war von jeher dem [[Armenverband Norden]] und dem [[Kirchspiel Norden]] angegliedert, so 1735 und 1870. Die Betreuung der Hilfsbedürftigen wurde früher von den Kirchengemeinden vorgenommen. Aus den umliegenden
1870 waren Süderneuland I und II dem [[Armenverband Norden]] angegliedert. Die soziale Wohlfahrt und Armenhilfe wurde über Jahrhunderte von der Kirche wahrgenommen und ging erst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert auf den Staat über.
Gemeinden Westermarsch, [[Lintelermarsch]] und [[Ostermarsch]], soweit sie nach Norden eingepfarrt waren, wurde ein Kirchenverwalter bestellt. Die dafür benötigten Gelder stammten aus eigenen Ländereien (Verpachtung und Erträge) und Kapitalvermögen. Später wurde das Armenwesen auf die Kommunen übertragen.


==Wirtschaft und Verkehr==
==Wirtschaft und Verkehr==
Haupterwerbszweig von Westermarsch II ist seit jeher die Landwirtschaft. Neben dem Ackerbau spielt auch die Viehzucht und -haltung sowie der Handel mit Kühen eine bedeutende Rolle. Kühe aus der Westermarsch haben einen international sehr guten Ruf und ihr Fleisch ist aufgrund des saftigen Marschlandes von besonderer Qualität. Seit den 1950er Jahren ist eine stetig wachsende Rolle des Tourismus zu beobachten. "Ferien auf dem Bauernhof" bieten mittlerweile viele Höfe neben ihrer landwirtschaftlichen Betätigung an.
Für Ostfriesland typisch war auch in Süderneuland II die Landwirtschaft lange Zeit der dominierende Wirtschaftsfaktor. Statisch gesehen umfasste hier 1867 jeder Haushalt im Schnitt 4,6 Personen, 1,2 Pferde, 3,7 Rindtiere und 2,2 Schafe. Diese Werte stellen jedoch lediglich den Durchschnitt dar. Die wenigen Großbauern hatten naturgemäß deutlich mehr Tiere zur Verfügung als die einzelnen Haushalte zur Eigenversorgung. Die meisten Familien konnten sich glücklich schätzen, überhaupt ein Tier zur Versorgung des eigenen Nahrungsbedarfs zu besitzen.
 
Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe stieg leicht von 31 (1949) auf 32 (1960) an, stürzte dann aber auf 20 (1971) ab. Die Anzahl der nicht-landwirtschaftlichen Arbeitsstätten nahm kontinuierlich von 40 (1950), über 37 (1961) auf 30 (1970) ab. Handwerksunternehmen waren 1950 zu fast 33- und 1961 zu 32 % vertreten. Die Zahl der Erwerbspersonen minderte sich stetig von 467 (1950), über 362 (1961) auf 324 (1970). Dagegen erhöhte sich die Quote der Auspendler beständig von fast 38 % über 57 % bis auf schließlich 63%. Einpendler waren mit 26 % (1961) bzw. 33% (1970) vertreten.
 
1719 wurden lediglich neun Arbeitsmänner verzeichnet. 1880 bzw. 1881 waren es dann jeweils ein Bäcker (bzw. Krämer), Gärtnereiverwalter, Hirte, Holzhändler, Schiffskapitän (bzw. Reeder), Schmied, Stellmacher, Wagenfabrikant und Zimmermann.
 
==Erwähnenswerte Gebäude==


Das Einwohnerverzeichnis von 1880/81 weist einen Krämer (auch Schenkwirt), einen Partikulier, einen Zimmermann und einen Zolleinnehmer, sowie jeweils zwei Gastwirte, Grenzaufseher und Schmiede aus.
* siehe auch: [[:Kategorie:Gebäude in Süderneuland II|Kategorie:Gebäude in Süderneuland II]]


Erst zwischen 1873 und 1875 wurde von der Stadt Norden bis zum [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] in [[Utlandshörn]] eine Landstraße gelegt, von der aus später noch zwei kleine Nebenstraßen in nördlicher und südlicher Richtung angelegt wurden. So war es vorher zu Regenzeiten unmöglich, die Wege zu benutzen, da es ansonsten keine befestigte Straßen gab. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Korn, mussten oftmals auf Schiffen die Kanäle entlang nach Norden transportiert werden. In umgekehrter Richtung galt dies auch für Waren, die nach Westermarsch II importiert wurden.
=== Erhaltene Gebäude ===
* [[Alte Schule Süderneuland II|Alte Schule]]
* [[Nadörster Schule]]
* [[Ölmühle|Öl- und Peldemühle]]
* [[Pomologie]]


An die im Mittelalter übliche Salzsiederei durch Verbrennen von Salztorf erinnern heute noch Flurnamen wie [[Uden-Soltjers Warf]] oder [[Meint Hibben Salzbude]] Spätestens seit 1564 wurde französisches und spanisches Seesalz und Lüneburger Salz eingeführt, so dass man die Salzsiederei in Westermarsch II zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufgeben musste. Eine 1922 gegründete Elektrizitätsgenossenschaft Westermarsch wurde bereits im September 1931 wieder aufgelöst.
=== Abgebrochene Gebäude ===


==Erwähnenswerte Gebäude==
* [[Alter Wasserturm]]
===Erhaltene Gebäude===
* [[Molkerei (Süderneuland II)|Alte Molkerei]]
* [[Zollhaus (Westermarsch II) | Altes Zollhaus]]
* [[Stilkenboom]]
* [[Groß Grashaus]]
* [[Norddeich Radio]]


===Abgebrochene Gebäude===
==Einzelnachweise==
* [[Großer Krug]]
<references />
* [[Hollande]]
* [[Kleiner Krug]]
* [[Klein Grashaus]]
* [[Kugelhaus]]
* [[Tromschlag]]
* [[Ülkebülte]]
* [[Wachthaus (Westermarsch II) | Wachthaus]]


== Quellenverzeichnis ==
== Quellenverzeichnis ==
* [https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Suederneuland_I_und_II.pdf Beschreibung von Süderneuland II] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
* [https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Suederneuland_I_und_II.pdf Beschreibung von Süderneuland II] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
* [https://flurnamen-ostfriesland.de/flurnamenkarte Historische Flurnamensammlung] der Ostfriesischen Landschaft
* [https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]
* [https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]
==Siehe auch==
*[[Süderneuland I]]


[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Westermarsch II]]
[[Kategorie:Süderneuland II]]