Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (46 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 12: | Zeile 12: | ||
|- | |- | ||
|Einwohner | |Einwohner | ||
| | |26.087 <small>(31.12.2022)</small> | ||
|- | |- | ||
|Gründung | |Gründung | ||
|1277 (formell) | |1277 (formell) | ||
9. Jhdt. (faktisch) | |||
|- | |- | ||
|Bevölkerungsdichte | |Bevölkerungsdichte | ||
| | |238 Einwohner/km² | ||
|} | |} | ||
Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat | Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 26.087 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2022), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im [[Norder Vertrag]] aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das formelle [[Stadtrechtsverleihung|Stadtrecht]] wurde Norden allerdings erst 1277 verliehen. Seit dem 1. Juli 1972 existiert die Stadt schließlich in ihrer heutigen Gliederung, nachdem die bis dahin überwiegend eigenständigen [[Norder Umlandgemeinden]] in die Stadt eingemeindet wurden. | ||
In der absoluten Mehrzahl sind sich Heimatforscher und Wissenschaftler einig, dass die Entstehungsgeschichte der Stadt Norden untrennbar mit der [[Sandbauerschaft]] verbunden ist. Demnach wurden zunächst die Ränder der [[Geest]] besiedelt | In der absoluten Mehrzahl sind sich Heimatforscher und Wissenschaftler einig, dass die Entstehungsgeschichte der Stadt Norden untrennbar mit der [[Sandbauerschaft]] verbunden ist. Demnach wurden zunächst die Ränder der [[Geest]] besiedelt, von denen aus die umliegenden Marschgebiete besiedelt wurden. Um ihre wirtschaftlichen Interessen und Kräfte zu konzentrieren, schlossen sich die Bauern zu Bauerschaften (Gemeinsiedlungen mehrerer Höfe) wie [[Ekel]] und [[Westgaste]] und schließlich zu einer ''Gesamtbauerschaft'' zusammen: Die ''Bauerschaft auf dem [[Geest|Sand]];'' die ''Sandbauerschaft''. Die Edelleute unter ihnen siedelten sich später planmäßig in der Mitte der Bauerschaften - an der [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] - an, um hier als Ende des Heer- und Handelswegs zu fungieren und zu handeln. Ihre bisherigen Siedlungen am Geestrand wurden zu Außenhöfe, die sie zum Schutz des Gemeinwesens und ihrer selbst befestigten und zu [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrhäusern]] ausbauen ließen. Durch den zunehmend blühenden Handel legten die Herrschenden den großflächigen [[Marktplatz]] an, um den dominierenden Viehhandel noch weiter zu stärken. Dadurch entstand aus sich heraus ein stadtähnliches Gebilde, das sich durch Macht- und Eigentumsverschiebungen immer weiter von der Sandbauerschaft löste und schließlich eigenständig wurde. | ||
Seit Anfang an waren Stadt und Umland aufgrund der geografisch günstigen Lage und der äußerst fruchtbaren Böden ein begehrtes Ziel verschiedener Mächte. Waren es zunächst Friesen, Chauken und Sachsen, die das Land dominierten, versuchten schon im frühen Mittelalter auch Stämme der Wikinger, die Kirche und die Franken unter Karl dem Großen ihren Einfluss auf das [[Norderland]] auszudehnen. Letztlich setzten sich die Friesen durch und lebten über Jahrhunderte in relativem Frieden sowie weitestgehender Autonomie (''Friesische Freiheit''), nach der sie, anders als der Großteil des feudalistischen Europas, keinen anderen Herrn als den Kaiser über sich zu dulden hatten. Mehrere Naturkatastrophen führten im 14. Jahrhundert jedoch zum Niedergang dieser relativen Gleichheit und dem Aufkommen eines faktischen Adels, den [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingen]], von denen sich letztlich die [[Cirksena]] | Seit Anfang an waren Stadt und Umland aufgrund der geografisch günstigen Lage und der äußerst fruchtbaren Böden ein begehrtes Ziel verschiedener Mächte. Waren es zunächst Friesen, Chauken und Sachsen, die das Land dominierten, versuchten schon im frühen Mittelalter auch Stämme der Wikinger, die Kirche und die Franken unter Karl dem Großen ihren Einfluss auf das [[Norderland]] auszudehnen. Letztlich setzten sich die Friesen durch und lebten über Jahrhunderte in relativem Frieden sowie weitestgehender Autonomie (''Friesische Freiheit''), nach der sie, anders als der Großteil des feudalistischen Europas, keinen anderen Herrn als den Kaiser über sich zu dulden hatten. Mehrere Naturkatastrophen führten im 14. Jahrhundert jedoch zum Niedergang dieser relativen Gleichheit und dem Aufkommen eines faktischen Adels, den [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingen]], von denen sich letztlich die [[Cirksena]] durchsetzen konnten und die das Land bis zur preußischen Annexion im Jahre 1744 unter Friedrich dem Großen beherrschten. | ||
Die Region um Norden ist seit jeher vor allem durch die Landwirtschaft geprägt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich hier jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe, von denen die Firma [[Doornkaat]] die bedeutendste war und die die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch ein großes Stahlwerk, die [[Eisenhütte]] sowie die Tabakmanufaktur [[Steinbömer & Lubinus]] und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich der Fremdenverkehr zum bis heute bedeutendsten Wirtschaftszweig. | Die Region um Norden ist seit jeher vor allem durch die Landwirtschaft geprägt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich hier jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe, von denen die Firma [[Doornkaat]] die bedeutendste war und die die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch ein großes Stahlwerk, die [[Eisenhütte]] sowie die Tabakmanufaktur [[Steinbömer & Lubinus|''Steinbömer & Lubinus'']] und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich der Fremdenverkehr zum bis heute bedeutendsten Wirtschaftszweig. | ||
__TOC__ | __TOC__ | ||
| Zeile 44: | Zeile 45: | ||
==Bevölkerungsentwicklung== | ==Bevölkerungsentwicklung== | ||
Anmerkung: Die hier vorliegenden Daten beziehen sich jeweils auf die heute geltenden Grenzen. Daher werden bereits beispielsweise vor der Kommunalreform 1972 die Einwohnerzahlen der ab dann zu Norden gehörenden Stadtteile in den nachfolgenden Tabellen mitgerechnet. | ''Anmerkung: Die hier vorliegenden Daten beziehen sich jeweils auf die heute geltenden Grenzen. Daher werden bereits beispielsweise vor der Kommunalreform 1972 die Einwohnerzahlen der ab dann zu Norden gehörenden Stadtteile in den nachfolgenden Tabellen mitgerechnet. Ab 1919 werden auch die Einwohner der im gleichen Jahr eingemeindeten Bewohner der [[Sandbauerschaft]] mit einberechnet.'' | ||
{| | {| | ||
| valign="top" | | | valign="top" | | ||
| Zeile 51: | Zeile 51: | ||
!Jahr | !Jahr | ||
!Einwohner | !Einwohner | ||
|- | |||
|1719 | |||
| align="right" |852 | |||
|- | |- | ||
|1780 | |1780 | ||
| Zeile 57: | Zeile 60: | ||
|1791 | |1791 | ||
| align="right" |3.052 | | align="right" |3.052 | ||
|- | |||
|1798 | |||
| align="right" |3.663 | |||
|- | |||
|1793 | |||
| align="right" |3.140 | |||
|} | |||
| valign="top" | | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1804 | |1804 | ||
| Zeile 62: | Zeile 76: | ||
|- | |- | ||
|1811 | |1811 | ||
| align="right" |4.760 * | | align="right" |4.760 <sup>*0</sup> | ||
|- | |- | ||
|1815 | |1815 | ||
| align="right" |5.065 | | align="right" |5.065 | ||
|- | |- | ||
|1821 | |1821 | ||
| Zeile 77: | Zeile 86: | ||
|1822 | |1822 | ||
| align="right" |5.369 | | align="right" |5.369 | ||
|- | |||
|} | |||
| valign="top" | | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1826 | |1826 | ||
| align="right" |5.757 | | align="right" |5.757 | ||
|- | |||
|1829 | |||
| align="right" |5.727 <sup>*1</sup> | |||
|- | |- | ||
|1848 | |1848 | ||
| Zeile 87: | Zeile 105: | ||
| align="right" |6.199 | | align="right" |6.199 | ||
|- | |- | ||
|1864 | |||
| align="right" |6.096 <sup>*2</sup> | |||
|} | |} | ||
| | |||
{| class="wikitable" | {| class="wikitable" | ||
!Jahr | !Jahr | ||
!Einwohner | !Einwohner | ||
|- | |- | ||
|1867 | |1867 | ||
| Zeile 100: | Zeile 117: | ||
|- | |- | ||
|1871 | |1871 | ||
| align="right" | | | align="right" |6.070 <sup>*3</sup> | ||
|- | |||
|1875 | |||
| align="right" |6.133 <sup>*4</sup> | |||
|- | |- | ||
|1880 | |1880 | ||
| Zeile 106: | Zeile 126: | ||
|- | |- | ||
|1885 | |1885 | ||
| align="right" |6. | | align="right" |6.879 <sup>*5</sup> | ||
|} | |} | ||
| | | | ||
| Zeile 112: | Zeile 132: | ||
!Jahr | !Jahr | ||
!Einwohner | !Einwohner | ||
|- | |||
|1890 | |||
| align="right" |6.704 <sup>*6</sup> | |||
|- | |- | ||
|1895 | |1895 | ||
| align="right" |6. | | align="right" |6.794 <sup>*7</sup> | ||
|- | |- | ||
|1905 | |1905 | ||
| align="right" |6.717 | | align="right" |6.717 <sup>*8</sup> | ||
|- | |- | ||
|1910 | |1910 | ||
| align="right" |6. | | align="right" |6.855 <sup>*9</sup> | ||
|- | |||
|1919 | |||
| align="right" |10.245 | |||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1925 | |1925 | ||
| align="right" |11.025 | | align="right" |11.025 <sup>*10</sup> | ||
|- | |||
|1926 | |||
| align="right" |12.045 <sup>*11</sup> | |||
|- | |- | ||
|1933 | |1933 | ||
| align="right" |12.150 | | align="right" |12.150 | ||
|- | |||
|1939 | |||
| align="right" |12.338 <sup>*12</sup> | |||
|- | |||
|1945 | |||
| align="right" |12.226 <sup>*13</sup> | |||
|} | |} | ||
| | | | ||
| Zeile 132: | Zeile 172: | ||
!Jahr | !Jahr | ||
!Einwohner | !Einwohner | ||
|- | |- | ||
|1946 | |1946 | ||
| Zeile 146: | Zeile 180: | ||
|- | |- | ||
|1954 | |1954 | ||
| align="right" |17.785 * | | align="right" |17.785 <sup>*14</sup> | ||
|- | |- | ||
|1955 | |1955 | ||
| Zeile 158: | Zeile 187: | ||
|1956 | |1956 | ||
| align="right" |16.474 | | align="right" |16.474 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1961 | |1961 | ||
| Zeile 167: | Zeile 201: | ||
|1968 | |1968 | ||
| align="right" |23.069 | | align="right" |23.069 | ||
|- | |- | ||
|1969 | |1969 | ||
| Zeile 178: | Zeile 207: | ||
|1970 | |1970 | ||
| align="right" |24.037 | | align="right" |24.037 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1971 | |1971 | ||
| Zeile 187: | Zeile 221: | ||
|1973 | |1973 | ||
| align="right" |24.132 | | align="right" |24.132 | ||
|- | |- | ||
|1974 | |1974 | ||
| Zeile 198: | Zeile 227: | ||
|1975 | |1975 | ||
| align="right" |24.202 | | align="right" |24.202 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1976 | |1976 | ||
| Zeile 207: | Zeile 241: | ||
|1978 | |1978 | ||
| align="right" |24.379 | | align="right" |24.379 | ||
|- | |- | ||
|1979 | |1979 | ||
| Zeile 218: | Zeile 247: | ||
|1980 | |1980 | ||
| align="right" |24.384 | | align="right" |24.384 | ||
|} | |||
|- | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1981 | |1981 | ||
| Zeile 227: | Zeile 262: | ||
|1983 | |1983 | ||
| align="right" |24.246 | | align="right" |24.246 | ||
|- | |- | ||
|1984 | |1984 | ||
| Zeile 239: | Zeile 268: | ||
|1985 | |1985 | ||
| align="right" |23.772 | | align="right" |23.772 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1986 | |1986 | ||
| Zeile 248: | Zeile 282: | ||
|1988 | |1988 | ||
| align="right" |23.655 | | align="right" |23.655 | ||
|- | |- | ||
|1989 | |1989 | ||
| Zeile 259: | Zeile 288: | ||
|1990 | |1990 | ||
| align="right" |23.815 | | align="right" |23.815 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1991 | |1991 | ||
| Zeile 268: | Zeile 302: | ||
|1993 | |1993 | ||
| align="right" |24.131 | | align="right" |24.131 | ||
|- | |- | ||
|1994 | |1994 | ||
| Zeile 279: | Zeile 308: | ||
|1995 | |1995 | ||
| align="right" |24.328 | | align="right" |24.328 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|1996 | |1996 | ||
| Zeile 288: | Zeile 322: | ||
|1998 | |1998 | ||
| align="right" |24.838 | | align="right" |24.838 | ||
|- | |- | ||
|1999 | |1999 | ||
| Zeile 299: | Zeile 328: | ||
|2000 | |2000 | ||
| align="right" |24.957 | | align="right" |24.957 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|2001 | |2001 | ||
| Zeile 308: | Zeile 342: | ||
|2003 | |2003 | ||
| align="right" |24.943 | | align="right" |24.943 | ||
|- | |- | ||
|2004 | |2004 | ||
| Zeile 319: | Zeile 348: | ||
|2005 | |2005 | ||
| align="right" |25.122 | | align="right" |25.122 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|2006 | |2006 | ||
| Zeile 328: | Zeile 362: | ||
|2008 | |2008 | ||
| align="right" |25.099 | | align="right" |25.099 | ||
|- | |- | ||
|2009 | |2009 | ||
| Zeile 339: | Zeile 368: | ||
|2010 | |2010 | ||
| align="right" |25.116 | | align="right" |25.116 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|2011 | |2011 | ||
| Zeile 348: | Zeile 382: | ||
|2013 | |2013 | ||
| align="right" |24.887 | | align="right" |24.887 | ||
|- | |- | ||
|2014 | |2014 | ||
| Zeile 359: | Zeile 388: | ||
|2015 | |2015 | ||
| align="right" |25.117 | | align="right" |25.117 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|2016 | |2016 | ||
| Zeile 368: | Zeile 402: | ||
|2018 | |2018 | ||
| align="right" |25.060 | | align="right" |25.060 | ||
|- | |- | ||
|2019 | |2019 | ||
| Zeile 379: | Zeile 408: | ||
|2020 | |2020 | ||
| align="right" |25.614 | | align="right" |25.614 | ||
|} | |||
| | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |- | ||
|2021 | |2021 | ||
| Zeile 384: | Zeile 418: | ||
|- | |- | ||
|2022 | |2022 | ||
| align="right" |26.087 | |||
|- | |||
|2023 | |||
| align="right" | | |||
|- | |||
|2024 | |||
| align="right" | | | align="right" | | ||
|- | |- | ||
| | |2025 | ||
| align="right" | | | align="right" | | ||
|} | |} | ||
| | | | ||
|} | |} | ||
Bemerkenswert ist die langfristige, relative Homogenität der Bevölkerung. Nach den Adressbüchern von 1663 bis 1918 bestehen jedoch gut 4.800 Eintragungen zur Einwanderung. Die meisten Zugezogenen kamen aus deutschen Staaten, zumeist nördlich, jedoch auch vereinzelt aus südlicheren Gebieten, besonders Münster. Weitere Zuwanderung gab es insbesondere aus den Niederlanden, jedoch auch aus England, Frankreich, Skandinavien, der Schweiz und sogar Italien. | |||
In früheren Jahren war es in Ostfriesland und Norden sowie allgemein auf dem Lande üblich, dass neben dem Wohnhaus auch Landwirtschaft in kleinerem Umfang zur Selbstversorgung auf dem eigenen Grundstück betrieben wurde. Dies erklärt die relative Größe vieler alter Norder Grundstücke. Wie umfangreich im (alten) Norder Stadtgebiet auch Viehhaltung betrieben wurde, geht aus Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren hervor, nach denen von den insgesamt 837 Wohnhäusern in der Stadt 60 über ein eigenes Ackerland verfügten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> 1811 betrug die Anzahl der Wohnhäuser noch 730. In diesen wurde 900 Haushalte geführt.<ref>Cremer, Ufke (1934): Die Einwohner der Stadt Norden im Jahre 1811, Norden, S. 14</ref> 1791 gab es 675 Häuser.<ref>Gilbert, Ludewig Wilhelm (1791): Handbuch für Reisende durch Deutschland, Leipzig, S. 385</ref> | In früheren Jahren war es in Ostfriesland und Norden sowie allgemein auf dem Lande üblich, dass neben dem Wohnhaus auch Landwirtschaft in kleinerem Umfang zur Selbstversorgung auf dem eigenen Grundstück betrieben wurde. Dies erklärt die relative Größe vieler alter Norder Grundstücke. Wie umfangreich im (alten) Norder Stadtgebiet auch Viehhaltung betrieben wurde, geht aus Aufzeichnungen aus den 1840er Jahren hervor, nach denen von den insgesamt 837 Wohnhäusern in der Stadt 60 über ein eigenes Ackerland verfügten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> 1811 betrug die Anzahl der Wohnhäuser noch 730. In diesen wurde 900 Haushalte geführt.<ref>Cremer, Ufke (1934): Die Einwohner der Stadt Norden im Jahre 1811, Norden, S. 14</ref> 1791 gab es 675 Häuser.<ref>Gilbert, Ludewig Wilhelm (1791): Handbuch für Reisende durch Deutschland, Leipzig, S. 385</ref> | ||
<nowiki>*</nowiki> 2.267 Männer und 2.493 Frauen (weitere Zahlen: 890 Ehepaare, 83 Witwer, 216 Witwen, 1.294 Jungen und 1.307 Mädchen; 4.054 [[Ludgerigemeinde Norden|Lutheraner]], 232 [[Jüdische Gemeinde Norden|Juden]], 206 [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|Reformierte]], 174 [[Mennonitengemeinde Norden|Mennoniten]], 55 [[Ludgerusgemeinde Norden|Katholiken]], 39 [[Herrnhuter Brüdergemeine|Herrnhuter]] | <nowiki>*</nowiki>0 2.267 Männer und 2.493 Frauen (weitere Zahlen: 890 Ehepaare, 83 Witwer, 216 Witwen, 1.294 Jungen und 1.307 Mädchen; 4.054 [[Ludgerigemeinde Norden|Lutheraner]], 232 [[Jüdische Gemeinde Norden|Juden]], 206 [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|Reformierte]], 174 [[Mennonitengemeinde Norden|Mennoniten]], 55 [[Ludgerusgemeinde Norden|Katholiken]], 39 [[Herrnhuter Brüdergemeine|Herrnhuter]] | ||
<nowiki>*</nowiki>1 darunter 219 Juden<ref>[https://www.alemannia-judaica.de/norden_synagoge.htm Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde] auf Alemannia Judaica, abgerufen am 30. April 2022</ref> | |||
<nowiki>*</nowiki>2 darunter 5.018 Lutheraner, 419 Reformierte, 151 Katholiken, 192 sonstige Christen und 316 Juden | |||
<nowiki> | <nowiki>*</nowiki>3 darunter 309 Juden<ref name=":21">Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 16</ref> | ||
<nowiki> | <nowiki>*</nowiki>4 darunter 291 Juden<ref name=":21" /> | ||
<nowiki> | <nowiki>*</nowiki>5 darunter 253 Juden<ref name=":21" /> | ||
<nowiki>*****</nowiki> darunter 4.071 Flüchtlinge und Vertriebene | <nowiki>*</nowiki>6 darunter 257 Juden<ref name=":21" /> | ||
<nowiki>*</nowiki>7 darunter 203 Katholiken und 252 Juden<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 13</ref><ref name=":21" /> | |||
<nowiki>*</nowiki>8 darunter 286 Juden | |||
<nowiki>*</nowiki>9 darunter 296 Juden<ref name=":21" /> | |||
<nowiki>*</nowiki>10 darunter 231 Juden<ref name=":21" /> | |||
<nowiki>*</nowiki>11 darunter 321 Juden<ref name=":21" /> | |||
<nowiki>*</nowiki>12 darunter 79 Juden<ref name=":21" /> | |||
<nowiki>*</nowiki>13 nicht eindeutig verifizierbar | |||
<nowiki>*</nowiki>14 darunter 4.071 Flüchtlinge und Vertriebene | |||
==Geografie== | ==Geografie== | ||
| Zeile 407: | Zeile 469: | ||
Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel. | Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel. | ||
[[Datei:Geest Marsch Moor.jpg | [[Datei:Geest Marsch Moor.jpg|mini|300x300px|Die [[Norder Geestinsel]] auf einer Karte aus dem 14. Jahrhundert.]] | ||
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden. | Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden. | ||
Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei, der sehr tonhaltig ist. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbareren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen. | Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei, der sehr tonhaltig ist. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbareren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen. | ||
[[Datei:Amtliche Karte Stadtplan Stadtkarte 1935.jpg|mini|Amtliche Karte der Stadt Norden von 1935.]] | |||
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert - allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde - seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wieder eingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] (wieder) eingedeicht und urbar gemacht. Es ist damit die jüngste Neusiedlung Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis in die 1930er Jahren dem Meer abgerungen und gegründet. | Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert - allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde - seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wieder eingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] (wieder) eingedeicht und urbar gemacht. Es ist damit die jüngste Neusiedlung Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis in die 1930er Jahren dem Meer abgerungen und gegründet. | ||
| Zeile 426: | Zeile 488: | ||
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]] | * siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]] | ||
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Westermarsch]] | * siehe auch: [[Rotteinteilung der Westermarsch]] | ||
[[Datei:Amtliche Karte Stadtplan Stadtkarte 1949.jpg|mini|Amtliche Karte der Stadt Norden von 1949.]] | |||
Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die etwa 14 km² große Kernstadt umfasst neben der [[Altstadt]], die interessanterweise gerade einmal 0,9 (!) km² groß ist, noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeindete [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]], die heute zwar keine administrative Bedeutung mehr haben, wohl aber noch in der Alltagssprache als Richtungs- und Anhaltspunkte verwendet werden ([[Ekel]], [[Westgaste]], ...). Zu diesen kamen weitere Wortschöpfungen des Volksmunds, die ebenso nur im Alltagsgebrauch eine Rolle spielen. Hierzu zählen etwa das ''[[Bürgermeisterviertel]]'' oder das ''[[Millionenviertel]]''. | Die Stadt besteht aus einer Kernstadt und zehn offiziellen Stadtteilen. Die etwa 14 km² große Kernstadt umfasst neben der [[Altstadt]], die interessanterweise gerade einmal 0,9 (!) km² groß ist, noch die ehemalige, im Jahr 1919 eingemeindete [[Sandbauerschaft]] mit ihren ehemaligen [[Sandbauerschaft#Gliederung|Ortsteilen]], die heute zwar keine administrative Bedeutung mehr haben, wohl aber noch in der Alltagssprache als Richtungs- und Anhaltspunkte verwendet werden ([[Ekel]], [[Westgaste]], ...). Zu diesen kamen weitere Wortschöpfungen des Volksmunds, die ebenso nur im Alltagsgebrauch eine Rolle spielen. Hierzu zählen etwa das ''[[Bürgermeisterviertel]]'' oder das ''[[Millionenviertel]]''. | ||
| Zeile 455: | Zeile 517: | ||
===Mittelalter=== | ===Mittelalter=== | ||
Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11" /> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch (Vorläufer des Nieder- bzw. Plattdeutschen) und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten ''Fremdherrschaft durch die Hintertür'' abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11" /> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch (Vorläufer des Nieder- bzw. Plattdeutschen) und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten ''Fremdherrschaft durch die Hintertür'' abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | ||
[[Datei:Norden Stadtbild um 1600 (1101632) MZ.jpg|mini|Ansicht der Stadt Norden von Osten mit der [[Ekeler Mühle]] im Vordergrund (um 1900).]] | |||
Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | ||
| Zeile 467: | Zeile 529: | ||
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und dort schließlich eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und dort schließlich eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | ||
Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings bereits 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings bereits 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | ||
Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus war dies ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen im mittelalterlichen Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, das auch als ''Jahrhundert der Sturmfluten'' in die Geschichte einging. Insbesondere die [[Erste Dionysiusflut]] führte dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf [[Westeel]] müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen [[Süderneuland|Süderneulands]] wurden an die Fluten verloren. Die [[Leybucht]] erreichte ihre größte Ausdehnung und reichte bis nach Lütetsburg, wie noch heute an den [[Kolk|Kolken]] im Umfeld der [[Umgehungsstraße]] erkennbar ist. Hinzu kamen Hungersnöte wie im Jahre 1315 und eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360]], die weitere Todesopfer forderte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326</ref><ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 33</ref> | Im 14. Jahrhundert begannen große gesellschaftliche Umbrüche in Ostfriesland. Die ''Friesische Freiheit'', die den Friesen nach ihrem Sieg über die Normannen im 9. Jahrhundert der Legende nach von Karl dem Großen verliehen bekommen haben, begann zu verfallen. Die Friesische Freiheit sicherte den Friesen über Jahrhunderte eine weitgehende Autonomie zu, nach der sie nur den Kaiser über sich, ansonsten jedoch keinen anderen Landesherren erdulden mussten. Insbesondere im Zeitalter des Feudalismus war dies ein ungeheures Privileg. Die meisten Menschen im mittelalterlichen Europa waren unfrei oder gar leibeigen und damit praktisch der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Die gesellschaftlichen Bedingungen änderten sich erst durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, das auch als ''Jahrhundert der Sturmfluten'' in die Geschichte einging. Insbesondere die [[Erste Dionysiusflut]] führte dazu, dass das Land schwerste Schäden erlitt und die Überlebenden vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Orte wie das einst überaus wohlhabende Dorf [[Westeel]] müssen aufgegeben und ausgedeicht werden. Auch die Gebiete des heutigen [[Süderneuland|Süderneulands]] wurden an die Fluten verloren. Die [[Leybucht]] erreichte ihre größte Ausdehnung und reichte bis nach Lütetsburg, wie noch heute an den [[Kolk|Kolken]] im Umfeld der [[Umgehungsstraße]] erkennbar ist. Hinzu kamen Hungersnöte wie im Jahre 1315 und eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie in den Jahren 1350 bis 1360]], die weitere Todesopfer forderte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 326</ref><ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 33</ref> | ||
[[Datei:Karte Ostfriesland Johannes Florianus um 1580 01.jpg|mini|Karte Ostfrieslands des [[Johannes Florianus]] in der Zeit um 1580. Gut erkennbar ist noch die große Ausdehnung der [[Leybucht]].]] | |||
Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]] über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit beschäftigt war, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. Das Machtbestreben der Häuptlinge ging soweit, dass [[Martin Cirksena]] und [[Hylo Attena]] sogar das [[Dominikanerkloster]] besetzten, um andere Würdenträger aus dem Amt zu drängen.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 33</ref><ref>Köller, André (2015): Agonalität und Kooperation: Führungsgruppen im Nordwesten des Reiches 1250-1550, Göttingen, S. 307</ref> | Aus dieser wirtschaftlichen Not heraus konnten sich einige wohlhabende Familien hervortun, die die Katastrophe vergleichsweise glimpflich überstehen konnten. Sie ergriffen die Macht in der Region und herrschten nun als [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlinge]] über bestimmte Gebiete. Widerstand hatten sie von der geschwächten Bevölkerung kaum zu erwarten, die mehr damit beschäftigt war, das eigene Überleben zu sichern, als sich gegen die Aushöhlung der Prinzipien der Friesischen Freiheit entgegenzustellen. Das Machtbestreben der Häuptlinge ging soweit, dass [[Martin Cirksena]] und [[Hylo Attena]] sogar das [[Dominikanerkloster]] besetzten, um andere Würdenträger aus dem Amt zu drängen.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 33</ref><ref>Köller, André (2015): Agonalität und Kooperation: Führungsgruppen im Nordwesten des Reiches 1250-1550, Göttingen, S. 307</ref> | ||
| Zeile 487: | Zeile 549: | ||
Nach dem Tode von Enno II. im Jahre 1540 regierte zunächst seine Ehefrau, [[Anna von Oldenburg]], vormundschaftlich für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erwies sich als überaus förderlich für die weitere Entwicklung, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte Ostfrieslands angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blühte Norden auf. Sie förderte das Schulwesen, die Armenwohlfahrt und begann die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen [[Süderneuland|Süderneulandes]] durch [[Liste der Eindeichungen|mehrere Eindeichungen]]. Hierdurch wurde auch der [[Norder Hafen]] an seiner bis heute bekannten Stelle erbaut, nachdem sich dieser zuvor in etwa in Höhe der Straße [[Am Alten Siel]] befand.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 43</ref> Auch in der [[Westermarsch]] förderte sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Hier ließ sie den [[Alter Süderdeich|Alten Süderdeich]], durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbar gemacht werden konnten, errichten. Das Gebiet wird bis heute als [[Westermarscher Altes Neuland|(Altes) Westermarscher Neuland]] bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]], der auf der damaligen Deichlinie verläuft. | Nach dem Tode von Enno II. im Jahre 1540 regierte zunächst seine Ehefrau, [[Anna von Oldenburg]], vormundschaftlich für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erwies sich als überaus förderlich für die weitere Entwicklung, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte Ostfrieslands angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blühte Norden auf. Sie förderte das Schulwesen, die Armenwohlfahrt und begann die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen [[Süderneuland|Süderneulandes]] durch [[Liste der Eindeichungen|mehrere Eindeichungen]]. Hierdurch wurde auch der [[Norder Hafen]] an seiner bis heute bekannten Stelle erbaut, nachdem sich dieser zuvor in etwa in Höhe der Straße [[Am Alten Siel]] befand.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 43</ref> Auch in der [[Westermarsch]] förderte sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Hier ließ sie den [[Alter Süderdeich|Alten Süderdeich]], durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbar gemacht werden konnten, errichten. Das Gebiet wird bis heute als [[Westermarscher Altes Neuland|(Altes) Westermarscher Neuland]] bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]], der auf der damaligen Deichlinie verläuft. | ||
Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verließen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt waren. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Neubürgern. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren zudem niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Neben zahlreichen Gelehrten kam eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügten. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit dieser Zeit untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter, sodass die Region bis heute kulturell, sprachlich und architektonisch enger mit den westlichen Nachbarn als dem Rest der Bundesrepublik verwandt ist. | Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verließen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt waren. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Neubürgern. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren zudem niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Neben zahlreichen Gelehrten kam eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügten. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit dieser Zeit untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter, sodass die Region bis heute kulturell, sprachlich und architektonisch enger mit den westlichen Nachbarn als dem Rest der Bundesrepublik verwandt ist. Ein gutes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Ostfriesland und den Niederlanden ist die Versorgung des unter spanischer Blockade stehende Groningerlandes mit Nahrungsmitteln durch die Norder Seeflotte ab 1583. Dies führte dazu, dass die Stadt 1586 von Söldnern des Francisco Verdugo, dem spanischen Staathalter in Groningen, heimgesucht wurde.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 66</ref> | ||
Spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert ließen sich erstmals Juden in der Stadt nieder. Bis zu ihrem Niedergang im Jahre 1940 lag der Schwerpunkt der zu ihrer besten Zeit (1861) 329 Mitglieder umfassenden [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen Gemeinde]] im Umfeld des [[Synagogenweg|Synagogenwegs]]. Der [[Jüdischer Friedhof|jüdische Friedhof]] ist der älteste in Ostfriesland. Heute gibt es nur noch einige, wenige Juden in Norden, die jedoch anderen Gemeinden angeschlossen sind.[[Datei:Bargebur Bargeburer Kirche Alter Postweg Kirchpfad Heerstraße 1905 01.jpg|mini|285x285px|Die [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] zu [[Bargebur]].]]Nach dem Ende der Regentschaft Annas kam es unter ihren Söhnen [[Edzard II. Cirksena|Edzard II.]]<nowiki/>und [[Johann II. Cirksena|Johann II.]] zu großen Streitigkeiten. Anna hatte zuvor die Primogenitur (Erstgeborener wird Thronfolger) abgeschafft, sodass die Brüder gemeinsam regieren mussten. Aufgrund grundlegend unterschiedlicher Ansichten und vermutlich auch der Kränkung des um seine Alleinherrschaft gebrachten Edzard II. kam es zum Streit und zur Trennung. Verschärft wurde diese durch ihre unterschiedliche Glaubensrichtungen. Edzard II. hing der [[Ludgerigemeinde Norden|evangelisch-lutherischen]], Johann II. der calvinistischen ([[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|evangelisch-reformierten]]) Konfession an. Sie regierten mehr gegen- als miteinander und förderten die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Ostfrieslands kaum. Weil die kurze Zeit später erlassene Regelung ''Cuius regio, eius religio'' in Ostfriesland nie in dem Sinne umgesetzt wurde, dass die Bürger zur Annahme des Bekenntnisses des Landesherrn verpflichtet waren, kam es zu weiteren ''Komplikationen''. In dieser Gemengelage der beiden Religionen stritt man erbittert über eine neue Kirchenordnung. Letztlich setzten sich die Lutheraner durch und vertrieben die Reformierten aus der Stadt, welche zunächst Schutz beim Lütetsburger Grafen fanden. | |||
Die Gründung einer [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|reformierten Gemeinde]] erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg reformierte Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in [[Bargebur]], damals kurz vor den Toren der Stadt, eine [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] bauen wollten. Aufgebrachte Norder rissen den Bau nieder. Dieser konnte erst unter dem Schutz brandenburgischer Truppen im Jahre 1684 vollendet werden. | Die Gründung einer [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|reformierten Gemeinde]] erbrachte zunächst eine Befriedung der geistlichen Verhältnisse. Die Familie zu Inn- und Knyphausen auf der Lütetsburg war calvinistisch orientiert und ließ auf der Lütetsburg reformierte Gottesdienste zu. Doch 1680 brach der Konflikt erneut aus, als die Reformierten in [[Bargebur]], damals kurz vor den Toren der Stadt, eine [[Bargeburer Kirche|reformierte Kirche]] bauen wollten. Aufgebrachte Norder rissen den Bau nieder. Dieser konnte erst unter dem Schutz brandenburgischer Truppen im Jahre 1684 vollendet werden. | ||
| Zeile 497: | Zeile 559: | ||
=== 17. Jahrhundert === | === 17. Jahrhundert === | ||
Ein bedeutender Konfliktpunkt im 17. Jahrhundert war die Steuerpolitik | Ein bedeutender Konfliktpunkt im 17. Jahrhundert war die Steuerpolitik des Grafen. Der Streit eskalierte 1602, als [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] die Stadt Norden eroberte, nachdem sie ihm bereits ein Jahr zuvor die Huldigung verweigert hatte. Zudem begehrten sie gegen eine ''Schornsteinsatzung'' auf, die Enno den Nordern auferlegen wollte. Der Graf erkannte der Stadt sämtliche Privilegien wie das wirtschaftlich elementare Marktrecht ab und erteilte diese erst nach erfolgter Huldigung wieder. Das Söldnerheer, das Enno III. nach Norden schickte, wurde von Oberst Joost von Landsbergen und Wilhelm zu Knyphausen angeführt, der die aufrührerischen Bürger auf den [[Marktplatz]] zitierte. Unter Androhung der Todesstrafe wurde ihnen ''nahegelegt'', Enno III. zu huldigen und eine Strafe von 33.000 Reichstalern zu zahlen. Die Soldaten besetzten die Häuser der Bürger, wobei es [[Am Markt 22]] zu einer blutigen Auseinandersetzung mit [[Hinrich von Lingen]] kam, der die Soldaten nicht bei sich einquartieren lassen wollte. Letztlich wurden elf Bürger verhaftet und nach Aurich überführt. Ansonsten endete die Besetzung unblutig und damit, dass 26 wohlhabende Bürger die auf 16.000 Reichstaler reduzierte Summe aufbrachten und die [[Bürgerrecht|Bürgerschaft]] dem Grafen am 2. Juni 1602 huldigte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 54</ref><ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 105</ref> | ||
1611 brach erneut die Pest aus. Während des sieben Jahre später folgenden [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und [[Ulrich II. Cirksena]] sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte [[Ulrichsgymnasium]] sowie das ''Ulricianum'' in Aurich. | 1611 brach erneut die [[Pestepidemie 1611|Pest]] aus. Während des sieben Jahre später folgenden [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] wurde der unbefestigte Ort von Mansfelder (1622 bis 1624), kaiserlichen (1627 bis 1631) und hessischen Truppen (1637 bis 1650) besetzt. Die geschwächten Cirksenas konnten dem nichts entgegensetzen und [[Ulrich II. Cirksena|Graf Ulrich II.]] sah dem Treiben praktisch untätig zu. Wenngleich die Geschichtsschreibung Ulrich II. ein eher schlechtes Zeugnis ausstellt, förderte er die Bildung in einem beachtlichen Umfang und stiftete das nach ihm benannte [[Ulrichsgymnasium]] sowie das ''Ulricianum'' in Aurich. 1623 brach ein weiteres Mal die Pest aus.<ref>Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 13</ref> | ||
Für die Landwirtschaft bedeutete die Zeit nach der Mansfelder Besatzung einen Strukturwandel. Wurden die [[Marsch|Marschgebiete]] vor allem zur Viehzucht genutzt, nutzte man nun einen Großteil der verfügbaren Flächen für den Ackerbau, da der Rinderhandel zum Erliegen gekommen war und sich durch die massiven Schäden im Reich auch keine schnelle Erholung abzuzeichnen wagte. Um weiteres Ackerland zu gewinnen, wurden der [[Süder-Charlottenpolder]] und der [[Wester-Charlottenpolder]] eingedeicht. Stadt und Land wurden dadurch von Getreideimportieren unabhängiger.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Auch das Bierbrauen wurden bedeutender, 1659 wurden ganze 30 Brauereien in Norden verzeichnet.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 57</ref> Oftmals brauten diese jedoch nur für die eigene Schankwirtschaft, zudem soll das Norder Bier keine besonders gute Qualität gehabt haben, sodass man lieber auf Bier aus Bremen oder Hamburg zurückgriff - sofern man es sich leisten konnte. | Für die Landwirtschaft bedeutete die Zeit nach der Mansfelder Besatzung einen Strukturwandel. Wurden die [[Marsch|Marschgebiete]] vor allem zur Viehzucht genutzt, nutzte man nun einen Großteil der verfügbaren Flächen für den Ackerbau, da der Rinderhandel zum Erliegen gekommen war und sich durch die massiven Schäden im Reich auch keine schnelle Erholung abzuzeichnen wagte. Um weiteres Ackerland zu gewinnen, wurden der [[Süder-Charlottenpolder]] und der [[Wester-Charlottenpolder]] eingedeicht. Stadt und Land wurden dadurch von Getreideimportieren unabhängiger.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 47</ref> Auch das Bierbrauen wurden bedeutender, 1659 wurden ganze 30 Brauereien in Norden verzeichnet.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 57</ref> Oftmals brauten diese jedoch nur für die eigene Schankwirtschaft, zudem soll das Norder Bier keine besonders gute Qualität gehabt haben, sodass man lieber auf Bier aus Bremen oder Hamburg zurückgriff - sofern man es sich leisten konnte. | ||
Für die Jahre [[Pestepidemie 1623|1623]] und [[Pestepidemie 1664|1664]] sind weitere verheerende Pestepidemien überliefert. Weiterhin verursachte die [[Petriflut]] im frühen Winter 1651 schwere Schäden in der Region. All die Ereignisse im 17. Jahrhunderten führten zu wirtschaftlicher Rezession und ließen vor allem den Handel am [[Norder Hafen]] zusammenbrechen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 107</ref> | |||
=== 18. Jahrhundert === | === 18. Jahrhundert === | ||
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte eine deutliche wirtschaftliche Verbesserung ein. Zu dieser Zeit war die Stadt sowohl bevölkerungsreicher als auch bedeutender als Aurich, stand jedoch nach wie vor Emden in vielen Belangen nach. Dennoch verzeichnete Norden seinerzeit eine selbstbewusste und wohlhabende Kaufmannschaft mit weiten Handelsnetzen. 1715 kam jedoch eine schwere Viehseuche über das Land. Sie dauerte bis 1782 und forderte ostfrieslandweit das Leben von schätzungsweisen 380.000 Rindern. Der wirtschaftliche Schaden für die Halter sowie die Folgen für die Versorgung und den Handel waren enorm.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 110</ref> Einen weiteren schweren Schlag erlitt die Landwirtschaft durch eine Mäuseplage, die 1716 zahlreiche Getreide- und Gemüsefelder zerstörte.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 111</ref> | |||
1724 begann der sogenannte [[Appell-Krieg]], ein Konflikt zwischen [[Georg Albrecht Cirksena]] und den ostfriesischen Ständen um die Steuerhoheit in der Region. 1727 holte sich der Fürst dänische Truppen zur Unterstützung ins Land, die eins ihrer Lager im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] aufschlugen. Nach heutiger Definition kann der Appell-Krieg als Bürgerkrieg angesehen werden. Einer der wichtigsten Auswirkungen war, dass sich das Königreich Preußen eine Anwartschaft auf Ostfriesland für den Fall fehlender männlicher Erben sichern konnte. Tatsächlich starb [[Carl Edzard Cirksena]] im Jahr 1744 als letzter seines Geschlechts | Bei der [[Weihnachtsflut]] im Jahre 1717 wurde das Norder Stadtgebiet erneut schwer getroffen. In der Folge wurde [[Itzendorf]] an das Meer verloren und später ausgedeicht. Die Fluten reichten bis in den Innenstadtbereich von Norden und sollen bis 8 Fuß hoch (etwa 2,50 Meter) gereicht haben.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 33</ref> Heute erinnert noch eine kleine Untiefe in der Nordsee, die ''Itzendorfplate,'' an den Ort. Außerdem bezeichnet man noch die Region um den [[Nordsee-Camp Norddeich|Campingplatz]] an der [[Deichstraße]] als (''Neu-)Itzendorf''. Die Folgen der Flut hielten noch viele Jahre an. So ist es nicht verwunderlich, dass von 852 Einwohnern im Jahre 1719 etwas weniger als die Hälfte (432) lediglich als Tagelöhner im Einwohnerverzeichnis geführt wurden. Immerhin 79 Personen wurden als ''wohlhabend'' bezeichnet.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 113</ref> | ||
1724 begann der sogenannte ''[[Appell-Krieg]]'', ein Konflikt zwischen [[Georg Albrecht Cirksena]] und den ostfriesischen Ständen um die Steuerhoheit in der Region. 1727 holte sich der Fürst dänische Truppen zur Unterstützung ins Land, die eins ihrer Lager im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] aufschlugen. Nach heutiger Definition kann der Appell-Krieg als Bürgerkrieg angesehen werden. Einer der wichtigsten Auswirkungen war, dass sich das Königreich Preußen eine Anwartschaft auf Ostfriesland für den Fall fehlender männlicher Erben sichern konnte. Tatsächlich starb [[Carl Edzard Cirksena]] im Jahr 1744 als letzter seines Geschlechts ohne Nachkommen in Aurich. Ostfriesland fiel dadurch an Preußen unter Friedrich dem Großen. Die mysteriösen Umstände seines Todes sowie die preußische Anwartschaft legen deshalb eine Vergiftung durch preußische Spione bzw. Attentäter nahe. | |||
Die neuen Herren brachten indes neuen Wind in das eher strukturschwache und eigenbrötlerische Ostfriesland. Die Preußen förderten den Landesausbau, besonders durch Moorkolonisierung, aber auch durch [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]], wodurch das südlich von Norden gelegene Land weiter wächst. Auch das preußische Verwaltungswesen erwies sich als überaus förderlich für die allgemeine Stadtentwicklung. Eine nicht unwesentliche, wenngleich auf den ersten Blick eher kleine Neuerung, war die Einführung einer festen [[Hausnummerierung]] durch die Einführung von Grund- und Hypothekenbüchern durch eine königliche Verordnung vom 26. April 1751. Das bisherige [[Rott|Rottwesen]] wurde jedoch noch bis 1904 beibehalten und auch die für heute typische Hausnummerierung nach Straßen und damit einhergehend einer straßeneigenen Nummerierung wurde erst 1904 eingeführt. Bis dahin nummerierte man alle Häuser der Reihe nach, unabhängig von Straßen, beginnend [[Am Markt]], Ecke [[Große Mühlenstraße|Mühlenstraße]], lief dann zur [[Osterstraße]], hier die Nordseite hinauf bis [[Doornkaat]], bog dann in den [[Neuer Weg|Neuen Weg]] ein und verfuhr so auch bei allen weiteren Straßen auf- und abwärts. Neubauten wurden mit Buchstaben hinterlegt, was die allgemeine Orientierung in der Stadt sicherlich zunächst insgesamt erleichterte, doch spätestens der wirtschaftliche Aufschwung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts brachte das Ordnungssystem an seine Grenzen. Beispielsweise hatten in der [[Rosenthallohne]] neun Häuser eine Hausnummer, die die Buchstaben mit den a bis h zugewiesen bekamen.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 94</ref> | Die neuen Herren brachten indes neuen Wind in das eher strukturschwache und eigenbrötlerische Ostfriesland. Die Preußen förderten den Landesausbau, besonders durch Moorkolonisierung, aber auch durch [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]], wodurch das südlich von Norden gelegene Land weiter wächst. Auch das preußische Verwaltungswesen erwies sich als überaus förderlich für die allgemeine Stadtentwicklung. Eine nicht unwesentliche, wenngleich auf den ersten Blick eher kleine Neuerung, war die Einführung einer festen [[Hausnummerierung]] durch die Einführung von Grund- und Hypothekenbüchern durch eine königliche Verordnung vom 26. April 1751. Das bisherige [[Rott|Rottwesen]] wurde jedoch noch bis 1904 beibehalten und auch die für heute typische Hausnummerierung nach Straßen und damit einhergehend einer straßeneigenen Nummerierung wurde erst 1904 eingeführt. Bis dahin nummerierte man alle Häuser der Reihe nach, unabhängig von Straßen, beginnend [[Am Markt]], Ecke [[Große Mühlenstraße|Mühlenstraße]], lief dann zur [[Osterstraße]], hier die Nordseite hinauf bis [[Doornkaat]], bog dann in den [[Neuer Weg|Neuen Weg]] ein und verfuhr so auch bei allen weiteren Straßen auf- und abwärts. Neubauten wurden mit Buchstaben hinterlegt, was die allgemeine Orientierung in der Stadt sicherlich zunächst insgesamt erleichterte, doch spätestens der wirtschaftliche Aufschwung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts brachte das Ordnungssystem an seine Grenzen. Beispielsweise hatten in der [[Rosenthallohne]] neun Häuser eine Hausnummer, die die Buchstaben mit den a bis h zugewiesen bekamen.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 94</ref> | ||
1754 wurde die Landschaftliche Brandkasse (''Feuer-Sozietät'') als Brandversicherung nach vierjährigen Verhandlungen der Städte und Gemeinden mit der preußischen Kriegs- und Domänenkammer (Vorläufer der [[Amt Norden|Ämter]] als geografisches Ordnungsglied) eingeführt. | |||
Reiche Ernten und stabile bzw. steigende Preise führten in den 1760er Jahren zu neuem Wohlstand bei den Großbauern. Von besonderer Bedeutung waren das Steigen der Weizen- und Haferpreise, sodass vor allem die den Ackerbau betreibenden Bauern der [[Marsch]] zu ansehnlichem Wohlstand kamen. So ist es nicht verwunderlich, dass einige der stattlichsten Höfe in dieser Zeit erbaut wurden. Wenige Jahre später, 1770, führte nicht nur die weiterhin grassierende Viehseuche zu schweren Problemen, sondern auch eine Missernte, sodass eine Hungersnot drohte. Die Behörden ließen daraufhin den Export sämtlicher Getreidesorten und veranlassten gleichzeitig den Import von 150 Lasten Roggen aus Amsterdam. Durch diese Maßnahmen und eine gute Ernte im Folgejahr blieb eine größere Hungersnot aus und die Versorgungslage verbesserte sich derart, dass auch der Export wieder gestattet wurde.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 131</ref> | |||
Nachdem bereits 1756 das [[Großes Norder Siel|Große Norder Siel]] erbaut wurde, folgte 1775 das [[Fridericussiel]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 328</ref> Im gleichen Jahr gründeten [[Justus Friedrich Steinbömer (1777)|Justus Friedrich Steinbömer]] und [[Johann Heinrich Lubinus]] die Rauchtabakfabrik [[Steinbömer & Lubinus]] am [[Neuer Weg|Neuen Weg]], die sich für die wirtschaftliche Entwicklung Nordens als sehr förderlich erweist und zum ersten, großen Unternehmen der Stadt wurde, dessen Mitarbeiterzahl mehr als die übliche, geringe Größe von einer Handvoll Mitarbeiter der vielen Familienbetriebe deutlich überstieg.<ref name=":1" /> | 1783 erhielt Norden erstmals eine [[Brandordnung]].<ref name=":0" /> Allgemein entwickelte sich die Stadt unter preußischer Herrschaft zu einer der wohlhabendsten Städte der Region. In einem Bericht des [[Magistrat|Magistrats]] vom 29. März 1776 wurde hierbei die hohe Zahl der [[Zunft- und Gildewesen|Gold- und Silberschmiede]] als Indikator für den beträchtlichen Wohlstand der Stadt herangezogen.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 14</ref> | ||
Da die ostfriesische Landeskasse schwer verschuldet war, ließen die Preußen viele [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|alte Adelssitze]] aus Kostengründen dem Erdboden gleichmachen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 142</ref> Die hieraus gewonnenen Steinen kamen dabei oftmals auch beim Bau von [[Siel|Sielen]], wie etwa dem [[Fridericussiel]] zum Einsatz, welche die Preußen nicht mehr aus Holz, sondern aus Stein errichten ließen. Nachdem bereits 1756 das [[Großes Norder Siel|Große Norder Siel]] aus Stein erbaut wurde, folgte 1775 das [[Fridericussiel]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 328</ref> Im gleichen Jahr gründeten [[Justus Friedrich Steinbömer (1777)|Justus Friedrich Steinbömer]] und [[Johann Heinrich Lubinus]] die Rauchtabakfabrik [[Steinbömer & Lubinus]] am [[Neuer Weg|Neuen Weg]], die sich für die wirtschaftliche Entwicklung Nordens als sehr förderlich erweist und zum ersten, großen Unternehmen der Stadt wurde, dessen Mitarbeiterzahl mehr als die übliche, geringe Größe von einer Handvoll Mitarbeiter der vielen Familienbetriebe deutlich überstieg.<ref name=":1" /> | |||
1794 gründen sieben Norder Kaufleute und Bürger aus Hage die Fehnsiedlung [[Norderfehn]] (heute ''Berumerfehn'') und die [[Norder Fehngesellschaft]]. Sie bauten dort Torf ab, das seinerzeit das gängigste und wichtigste Heizmittel in Ostfriesland war. Dazu gruben sie den heutigen [[Berumerfehnkanal]], der den [[Norder Hafen]] mit der neuen Fehnkolonie verband. Auf rund 1.500 Hektar wurde der Torf gestochen und - erstmals 1797 - mit kleinen Schiffen auf dem Kanal nach Norden transportiert. Die Stadt wurde damit unabhängig von den zuvor nötigen Importen des Brennmaterials, das bis dahin vor allem aus dem Groningerland und dem Saterland beschafft wurde. | 1794 gründen sieben Norder Kaufleute und Bürger aus Hage die Fehnsiedlung [[Norderfehn]] (heute ''Berumerfehn'') und die [[Norder Fehngesellschaft]]. Sie bauten dort Torf ab, das seinerzeit das gängigste und wichtigste Heizmittel in Ostfriesland war. Dazu gruben sie den heutigen [[Berumerfehnkanal]], der den [[Norder Hafen]] mit der neuen Fehnkolonie verband. Auf rund 1.500 Hektar wurde der Torf gestochen und - erstmals 1797 - mit kleinen Schiffen auf dem Kanal nach Norden transportiert. Die Stadt wurde damit unabhängig von den zuvor nötigen Importen des Brennmaterials, das bis dahin vor allem aus dem Groningerland und dem Saterland beschafft wurde. | ||
=== 19. Jahrhundert === | === 19. Jahrhundert === | ||
[[Datei:Straßenszene Gemälde van Lengen 1805.jpg|mini|Straßenszene aus der [[Französische Besatzungszeit|Französischen Besatzungszeit]] nach einem Gemälde des [[Hinrich Adolf von Lengen]].]] | |||
Im eingehenden 19. Jahrhundert konnte Norden auf ein reges Wirtschaftsleben zurückblicken. Unter anderem gab es 18 Branntweinbrennereien, etwa 100 Garn- und Leinenweber, zwei Hutmacher mit fünf Beschäftigten, sieben [[Kalkbrennerei|Kalkbrennereien]] mit 49 Arbeitern, drei Lohgerbereien mit 12 Arbeitern, eine [[Ölmühle]] mit drei Arbeitern, zwei [[Peldemühle|Peldemühlen]] (die [[Deichmühle]] und die [[Frisiamühle]]) mit je vier Arbeitern, eine Stärkefabrik mit fünf Arbeitern, fünf Tabakfabriken mit 42 Arbeitern, zwei Töpfereien mit drei Arbeitern, zehn Wollwebereien mit zehn Arbeitern sowie zehn Zwirnfabriken mit 77 Arbeitern.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79</ref> | |||
1806 fiel Ostfriesland unter die Herrschaft von Napoleon Bonaparte und wurde zunächst Teil des Königreichs Holland, einem französischen Vasallenstaat, der von Napoleons Bruder Louis regiert wurde. Später wurde es unmittelbarer Teil Frankreichs. Die Stadt wurde dabei ab dem 22. November 1806 vom 1. Bataillon des 9. Regiments der Königlich Holländischen Infanterie unter ''Capitain Hoffmann'' besetzt. Die Norder Bürger hatten nun die 228 Besatzungssoldaten zu versorgen und ihnen Unterkunft zu bieten.<ref>Canzler, Gerhard (1987): 200 Jahre Schwanenapotheke, Norden, S. 17</ref><ref name=":2" /> Der [[Magistrat]] ermahnte die Bürger dazu, sich nicht mit den Franzosen zu streiten oder gar zu prügeln, nachdem es anfänglich zu einigen ''Reibereien'' kam.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18</ref> | |||
Ebenfalls im Jahr 1806 wurde die Firma [[Doornkaat]] vom niederländischen Kaufmann [[Jan ten Doornkaat Koolman (1773)|Jan ten Doornkaat Koolman]] gegründet, das über fast 200 Jahre zum bedeutendsten privaten Arbeitgeber der Stadt wurde. Ab 1810 wurde Norden dem ''Départements Ems-Oriental'' zugerechnet. Die französische Seeblockade (Kontinentalsperre) gegen England bescherte dem [[Norder Hafen|Norder Seehandel]] einen schweren Schlag.<ref name=":2" /> Zur Durchsetzung der Kontinentalsperre errichteten die Franzosen mehrere Zoll- und Wachthäuser, so etwa das [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus am Norder Außentief in Westermarsch]] oder das [[Zollhaus (Westermarsch II)|Zollhaus in Utlandshörn]]. Beide Gebäude sind bis heute erhalten. Verlorene Zeitzeugen dieser Zeit sind das [[Wachthaus (Westermarsch II)|Wachthaus bei Itzendorf]] sowie das zum Westermarscher Zollhaus gehörende [[Zollwachthaus]], das nahe der heutigen [[Kurbelpünt]] lag.<ref>Preußische Grundkarte von ca. 1895 (Erste Landesaufnahme)</ref>[[Datei:Norden Ansicht von Süden um 1850 01.jpg|mini|Blick von Süden auf die Stadt (um 1850).]] | |||
Die [[Februarflut 1825]] richtet vom 3. bis 5. Februar schwere Verwüstungen an. Sie führte vor allem auch zu einer Übersalzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, wodurch zahlreiche Bauern ihre Höfe aufgeben und versteigern lassen mussten. In der Folge wurden die Seedeiche erheblich verstärkt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 15</ref> Als eine der Hauptursachen für das Brechen der Deiche wurde der mangelnde Unterhalt der Deiche zu Zeiten der französischen Besatzung herangeführt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 93</ref> 1838 bis 1839 bekam Norden erstmals eine [[Straßenbeleuchtung]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 293</ref> | Nach dem Sieg des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher über Napoleon bei der Schlacht von Waterloo, an der auch Norder Landwehrsoldaten teilnahmen, fiel Ostfriesland aufgrund der Vereinbarungen des Wiener Kongresses im Jahr 1815 an das Königreich Hannover. Die Norder taufen später den westlichen Teil des [[Marktplatz|Marktplatzes]] zu Ehren des siegreichen Generals auf den Namen [[Blücherplatz|''Blücherplatz'']]. Am 12. Februar 1820 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die am 1. März des Jahres in Kraft trat.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref>[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]]Die [[Februarflut 1825]] richtet vom 3. bis 5. Februar schwere Verwüstungen an. Sie führte vor allem auch zu einer Übersalzung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, wodurch zahlreiche Bauern ihre Höfe aufgeben und versteigern lassen mussten. In der Folge wurden die Seedeiche erheblich verstärkt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 15</ref> Als eine der Hauptursachen für das Brechen der Deiche wurde der mangelnde Unterhalt der Deiche zu Zeiten der französischen Besatzung herangeführt.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 93</ref> 1838 bis 1839 bekam Norden erstmals eine [[Straßenbeleuchtung]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 293</ref> | ||
In den 1840er Jahren wurden in Ostfriesland mehrere ''Chausseen'' als befestigte Straßen angelegt, die die hiesigen Städte miteinander verbinden. Dazu zählt die 1844 fertiggestellte Chaussee von Norden nach Emden, die zudem ab Georgsheil einen Anschluss nach Aurich sicherte. Heute ist dies die [[Bundesstraße]]. Von 1844 bis 1846 wurde im Süden des heutigen Stadtgebiets der [[Ernst-August-Polder]] (benannt nach dem Hannoverschen König) eingedeicht. Die Chaussee nach Hage kam 1856 hinzu, neun Jahre später wurde sie bis Arle verlängert (Vorläufer der heutigen [[Landesstraße]] 6). Die [[Heerstraße]] ist Teil dieser alten Chaussee und verläuft auf einem alten Heerweg, der Teil des sogenannten ''Friesischen Heerwegs'' war.[[Datei:Stadtplan1858 01.JPG|mini|Stadtplan von 1858.]]Im Revolutionsjahr 1848 kam es auch in Norden zu politischen Umbrüchen und einem größer werdenden Interesse an politischer Teilhabe der aufstrebenden Bürgerschaft. So kam es beispielsweise zur Gründung eines [[Norder Bürgerverein|Bürgervereins]], dessen politisches Wirken jedoch nicht von langer Dauer war. Unter der Leitung des Tabakfabrikanten [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]] wurde eine [[Norder Bürgerwehr|Bürgerwehr]] gegründet, die die öffentliche Ordnung aufrechterhalten sollte. Die erste Zeitung, das [[Norder Stadtblatt]], erschien noch im selben Jahr. Weitere Verleger nutzten ebenfalls die neu gewonnene Pressefreiheit, ihnen allen war wirtschaftlich jedoch nur ein kurzes Leben beschieden. Erst 1867 wurde der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] gegründet, der bis zum heutigen Tag das Lokalblatt des [[Landkreis Norden|Altkreises Norden]] geblieben ist. Durch günstige Rahmenbedingungen gründeten sich im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung weitere bedeutende Unternehmen in Norden, so etwa - noch im Revolutionsjahr 1848 - die [[Eisenhütte]]. Ausschlaggebend hierfür waren besonders die gute [[Norder Hafen|Hafenanbindung]] der Stadt und Zoll-Privilegien. | |||
Am 9. September 1857 besuchte König Georg V. von Hannover (''Der blinde König'') mit seiner Gemahlin die Stadt, sein Besuch wurde der Norder Bevölkerung von [[Johann Taaks|Bürgermeister Taaks]] drei Tage zuvor über die [[Rottmeister]] verkündet, sodass die Innenstadt ein bunt geschmücktes Fahnen- und Farbenmeer wurde. Insgesamt errichteten die Bürger zehn Ehrenbögen für den König, davon fünf im gotischen und fünf im byzantinischen Stil, die allesamt nach Art der römischen Triumphbögen gestaltet wurden. Der König und die Königin wurden durch die Stadt geführt und kehrten dabei auch [[Haus Gronewold|im Hause]] des [[Johann Taaks|Bürgermeisters Taaks]] ein, der es eigens für diesen Besuch erweitern ließ.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 118</ref> | |||
1858 erhielt die Stadt Zugang zum Telegrafennetz, was vor allem dem regelmäßigen Besuch des Königs geschuldet war.<ref>Bourdeaux, Jürgen (2020): Peter Bourdeaux. Kaufmann und Telegrafist in Norden, Bad Mergentheim, S. 35</ref> Zum Leiter wurde 1866 der angesehene Kaufmann [[Peter Bourdeaux]] ernannt, welcher seine Amtsgeschäfte zunächst von der heimischen Stube am [[Neuer Weg 63|Neuen Weg 63]] erledigte.<ref>Bourdeaux, Jürgen (2020): Peter Bourdeaux. Kaufmann und Telegrafist in Norden, Bad Mergentheim, S. 20</ref> Erst mit dem Neubau des [[Postamt|Postamtes]] erfolgte der Umzug dorthin. | |||
1866 fiel Ostfriesland mit dem Verlust der Eigenständigkeit des hannoverschen Königreichs wieder an Preußen zurück. Der Zugang zum offenen Meer war zu dieser Zeit bereits stark verlandet und die Bedeutung des [[Norder Hafen|Norder Hafens]] dadurch deutlich geringer als noch in den Jahren zuvor. Gleichzeitig begann die Bedeutung des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] zu stiegen. Die Stadt selbst war mittlerweile nur noch über das [[Norder Tief]] mit dem Meer verbunden, da die [[Leybucht]] durch [[Liste der Eindeichungen|stetige Eindeichungen]] immer weiter verkleinert wurde. Auch die Bedeutung der Stadt als Handelsort sank stetig, hatte jedoch weiterhin überregionale Bedeutung im Handel mit Vieh, Holz und Getreide. Durch weitere Eindeichungen wurde der Zugang der Stadt zum Meer in den Folgejahren fortwährend weiter eingeschränkt. Dies mag im ersten Moment widersinnig klingen, aber die massiven Verlandungen des Norder Tiefs machten eine weitere Nutzung als Wasserstraße sinnlos. | |||
Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt Norden mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Norder Umlandgemeinde [[Sandbauerschaft]] auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref name=":20">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref> | |||
Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis nach Norddeich weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln immens an Bedeutung. Im Herbst 1883 zog die Stadtverwaltung in das zugekaufte [[Rathaus|Neue Rathaus]]. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] entstand. | Ein bedeutendes Ereignis war der Anschluss an das nationale Eisenbahnnetz im Jahre 1883. Die Strecke wurde 1892 bis nach Norddeich weitergeführt. Dadurch gewann die Stadt für den Durchgangsverkehr von Touristen nach Norderney und anderen Ostfriesischen Inseln immens an Bedeutung. Im Herbst 1883 zog die Stadtverwaltung in das zugekaufte [[Rathaus|Neue Rathaus]]. Im Zuge der preußischen Gebietsreform des Jahres 1885 lösten in Ostfriesland die (größeren) Landkreise die vorherigen Ämter ab. Norden wurde zum Sitz des [[Landkreis Norden|gleichnamigen Landkreises]], der aus den früheren [[Amt Norden|Ämtern Norden]] und [[Amt Berum|Berum]] entstand. | ||
Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wurde, kam es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman III.]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]] | Bedingt durch den verheerenden Brand der [[Frisiamühle]], dessen Zeuge der damals amtierende Bürgermeister [[Johannes König]] wurde, kam es 1886 unter der Führung des [[Jan ten Doornkaat Koolman (1850)|Jan ten Doornkaat Koolman III.]] zur Gründung einer [[Feuerwehr Norden|Freiwilligen Feuerwehr]]. | ||
Im Jahr 1889 begann der Bau der ersten [[Mole Norddeich|Hafenmole]] in [[Norddeich]]. 1898 wurde erstmals das [[Fernsprechnetz]] (Telefon) nach Norden ausgebaut. | |||
Um 1890 unternahm die Stadt erste Bestrebungen, den Bereich um den [[Alter Bahnhof Norden|Norder Bahnhof]], der innerhalb der Gemeindegrenzen von [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] lag, einzugemeinden. Zwischenzeitlich waren dort entlang der [[Bahnhofstraße]] zahlreiche prächtige Villen entstanden, die überwiegend von wohlhabenden Marschbauern aus dem Umland errichtet wurden. Dadurch verschwammen die baulichen Grenzen und die drei Orte wuchsen immer weiter zusammen. Dennoch verweigerten sich die Süderneulander Gemeinden einer Eingemeindung oder einer käuflichen Überlassung von Gebieten.<ref name=":20" /> | |||
=== 1900 bis 1925 === | === 1900 bis 1925 === | ||
[[Datei:Norden Luftbild unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Ein Blick über die schöne Stadt Norden in der Zeit um die Jahrhundertwende.]] | |||
1905 wurde die nahezu legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, damals noch am hiernach benannten [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. Im selben Jahr hielt das Automobil in der Stadt Einzug.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 210</ref><ref name=":4">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Zu den regionalen Pionieren der Motorisierung zählte der Tüflter [[Carl Freese]]. der als einer der ersten Norder - oder womöglich sogar als der Erste - bereits 1903 ein Motorrad besaß.<ref name=":3" /> Auf helle Begeisterung, aber auch argwöhnische Betrachtung stieß eine weitere Neuerung. Ein reisender Schausteller veranstaltete erstmals eine öffentliche Kinoaufführung in der Stadt. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] titelte hierzu: ''Fey's Phono - Kinematograph - Die lebenden, singenden und sprechenden Photographen''. Gezeigt wurden Filme wie ''Carnevalsaufzug in Nizza'', ''Gretchens Liebesroman'' und ''Die berühmten Springbrunnen von Versailles''.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 42</ref> Ebenfalls 1905 wurde vom [[Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise]] nahe des [[Hexenkolk|Hexenkolks]] die erste öffentliche Badeanstalt der Stadt eröffnet.<ref>Ocken, Ihno (1996): Entstehung und Entwicklung des Sports in der Stadt Norden, Norden, S. 24</ref> Die Anlage ist heute als ''BloMo'' bekannt. | 1905 wurde die nahezu legendäre Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, damals noch am hiernach benannten [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. Im selben Jahr hielt das Automobil in der Stadt Einzug.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 210</ref><ref name=":4">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Zu den regionalen Pionieren der Motorisierung zählte der Tüflter [[Carl Freese]]. der als einer der ersten Norder - oder womöglich sogar als der Erste - bereits 1903 ein Motorrad besaß.<ref name=":3" /> Auf helle Begeisterung, aber auch argwöhnische Betrachtung stieß eine weitere Neuerung. Ein reisender Schausteller veranstaltete erstmals eine öffentliche Kinoaufführung in der Stadt. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] titelte hierzu: ''Fey's Phono - Kinematograph - Die lebenden, singenden und sprechenden Photographen''. Gezeigt wurden Filme wie ''Carnevalsaufzug in Nizza'', ''Gretchens Liebesroman'' und ''Die berühmten Springbrunnen von Versailles''.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 42</ref> Ebenfalls 1905 wurde vom [[Verein für naturgemäße Lebens- und Heilweise]] nahe des [[Hexenkolk|Hexenkolks]] die erste öffentliche Badeanstalt der Stadt eröffnet.<ref>Ocken, Ihno (1996): Entstehung und Entwicklung des Sports in der Stadt Norden, Norden, S. 24</ref> Die Anlage ist heute als ''BloMo'' bekannt. | ||
Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren, es dauerte aber noch bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden konnte. Zu einem ersten, hierdurch bedingten Streik kam es 1906, als die Arbeiter der [[Eisenhütte]] in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen [[Ostfriesischer Kurier|Zeitungsannoncen]] die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär blutig niedergeschlagen wurden. Seinerzeit erachtete man Streiks keineswegs als bürgerliches Recht, sondern als einen Aufruhr bzw. Revolte. | Die Sozialdemokratie fasste in der Kleinstadt in ländlicher Umgebung erst spät Fuß. Zwar gab es bereits 1875 erste Versuche, sich zu organisieren, es dauerte aber noch bis 1902, bis von der Organisation eines Ortsvereins gesprochen werden konnte. Zu einem ersten, hierdurch bedingten Streik kam es 1906, als die Arbeiter der [[Eisenhütte]] in den Ausstand traten. Die Geschäftsführer ließen daraufhin in ganzseitigen [[Ostfriesischer Kurier|Zeitungsannoncen]] die Namen der Streikenden abdrucken. Damit endete der Streik relativ glimpflich, denn zu dieser Zeit war es nicht ungewöhnlich, dass diese durch das Militär blutig niedergeschlagen wurden. Seinerzeit erachtete man Streiks keineswegs als bürgerliches Recht, sondern als einen Aufruhr bzw. Revolte. | ||
Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Viele von ihnen starben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlende Arbeitskraft zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömten ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu ''hamstern''. Diese kamen zum Teil ganz aus dem Rheinland und versuchten Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr war, beschloss der [[Magistrat]] in der Endphase des Krieges erstmals die Einführung von [[Notgeld]]. | 1907 wurde die städtische [[Gasanstalt]] erweitert, die am Anfang jedoch nur die Straßenlaternen mit Stadtgas (später Erdgas) [[Gasversorgung|belieferte]]. Am 10. März 1914 erfolgte der Anschluss der Stadt an die [[Elektrizitätsversorgung]].<ref name=":4" /> Der Strom wurde vor allem vom Torfkraftwerk in Wiesmoor zugeführt. | ||
Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder meldeten sich freiwillig. Viele von ihnen starben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlende Arbeitskraft zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt | |||
Im November wurden die Volksschulen in Norden und in der [[Gemeinde Sandbauerschaft]] wegen grassierender Diphterie vorübergehend geschlossen.<ref>Ostfriesischer Kurier vom 5. November 1915, S. 3</ref> | |||
Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömten ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu ''hamstern''. Diese kamen zum Teil ganz aus dem Rheinland und versuchten Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr war, beschloss der [[Magistrat]] in der Endphase des Krieges erstmals die Einführung von [[Notgeld]]. | |||
[[Datei:Postkarte Norden 1909 01.jpg|mini|Postkarte mit verschiedenen Motiven (1909).]] | [[Datei:Postkarte Norden 1909 01.jpg|mini|Postkarte mit verschiedenen Motiven (1909).]] | ||
Nach Kriegsende übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht in Norden, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1918 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen | Nach Kriegsende übernahm ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht in Norden, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1918 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiffhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es dabei glücklicherweise nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der [[Landkreis Norden]] mit seinen Kreisgebäuden am [[Fräuleinshof]] konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den [[Hermann Friedrich Bayer|Landrat Bayer]] erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu erhalten.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17</ref> Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, die Arbeitslosenquote stieg bis 1931 auf gut 25 %.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240</ref> Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin. | ||
Zum 1. April 1919 wurde die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 km² auf über 14 km² wuchs. | Zum 1. April 1919 wurde die [[Sandbauerschaft]] schließlich nach langen Verhandlungen nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 km² auf über 14 km² wuchs. In einem ''[[Eingemeindungsvertrag]]'' legten die Parteien auch fest, dass bestimmte Straßen befestigt werden und einen Anschluss an die [[Straßenbeleuchtung]] erhalten sollen.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 60f.</ref>[[Datei:NSDAP Marktplatz Engenahof Aufmarsch 1933.jpg|mini|Aufmarsch der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]] vor der [[Engenahof|Parteizentrale]] nach der Machtergreifung Hitlers.]] | ||
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge flohen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder wurden vertrieben. Einige von ihnen fanden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahre 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso 1923 erreichte die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese und weitere Missstände in der jungen Demokratie führten dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stieß.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> Ein Jahr später wurde eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später wies die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> In der Folgezeit wurde das Klima gegenüber Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten immer rauer. | 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge flohen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder wurden vertrieben. Einige von ihnen fanden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehrten jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahre 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso 1923 erreichte die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese und weitere Missstände in der jungen Demokratie führten dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stieß.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> Ein Jahr später wurde eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später wies die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> In der Folgezeit wurde das Klima gegenüber Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten immer rauer. | ||
Ein strenger Winter in den Jahren 1925 bis 1926 führte dazu, dass alle östlichen Niederungsgebiete unter Wasser standen. So hoch, dass man dort teilweise sogar auf dem Boot fahren konnte.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 82</ref> | |||
=== 1926 bis 1949 === | === 1926 bis 1949 === | ||
| Zeile 564: | Zeile 642: | ||
Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | Am 19. April 1933 erhielt die [[Osterstraße]] den Namen ''Adolf-Hitler-Straße''.<ref name=":5" /> Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die [[Feldstraße]] in ''Horst-Wessel-Straße'' und die [[Gartenstraße]] in ''[[Peter Heuer|Peter-Heuer]]-Straße'' umbenannt. Am 22. Juli 1935, kurz vor der Einführung der ''Nürnberger Rassengesetze'', wurden Juden, die mit ''arischen'' Norder Frauen Kontakt hatten, durch die Hauptstraßen des Ortes getrieben, um den Hals ein Schild mit herabwürdigender Aufschrift. Ein bekanntes Bild dieser Zeit zeigt die Demütigung des jüdischen Lehrers [[Julius Wolff]] mit seiner ''arischen'' Freundin [[Christine Neemann]].<ref name=":5" /> Später wurde [[Elise Extra]], deren Verlobten man nicht ''rechtzeitig'' fand, aus ähnlichen Gründen durch die Straßen getrieben. Sie trug, ebenso wie Neemann, ein Schild mit der Aufschrift ''"Ich bin ein deutsches Mädchen und habe mich vom Juden schänden lassen"'' um den Hals. Wolff trug ein Schild, auf dem ''"Ich bin ein Rasseschänder"'' stand. Alle drei wurden nach der Demütigung in ''Schutzhaft'' genommen und später der Gestapo überstellt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 13</ref> | ||
[[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg | [[Datei:Hafenstraße Bahnhof Norddeich um 1920 01.jpg|mini|Der [[Bahnhof Norddeich]] in den 1920er Jahren.]][[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|mini|Prangermarsch von [[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] an der [[Osterstraße]] (1935).]] | ||
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück. | Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte anti-jüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück. | ||
Schon vor dem Kriegsbeginn fanden auch in Norden unübersehbare Vorbereitungen für diesen statt. So mussten Lehrer und Schüler der [[Gräfin-Theda-Schule]] gleich am ersten Tag nach den Sommerferien 1939 eine Luftschutzübung abhalten. Zudem wurde in den Räumlichkeiten der Schule ein Lazarett eingerichtet.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 19</ref> Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss. | |||
Insgesamt überstand die Stadt den | Ebenfalls gegen Ende des Krieges wurden an den Zufahrtsstraßen mehrere Barrikaden durch Baumstämme und andere sperrige Gegenstände errichtet. Unter den wichtigsten Brücken brachte man Sprengsätze an, die beim Herannahen des Feindes gesprengt werden sollten, um dessen Vorankommen zu verlangsamen. Währenddessen schafften die Nationalsozialisten eifrig belastendes Material beiseite bzw. verbrannten es im Schornstein der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 302f.</ref>[[Datei:Norden Luftbild Luftaufnahme um 1930 01.jpg|mini|Luftbild der Innenstadt (um 1930).]][[Datei:Am Markt Marktplatz Ludgerikirche Wehrmacht Marine Heldengedenktag 15 03 1942 02.jpg|mini|Soldaten des [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelagers Tidofeld]] marschieren anlässlich des ''Heldengedenktags'' am 15. März 1942.]]Während des Krieges gab es zudem mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | ||
Insgesamt überstand die Stadt den Zweiten Weltkrieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Gut einen Monat später wurden mehrere Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen noch nicht zum Kriegsdienst eingezogen waren, als letztes militärisches Aufgebot im ''Volkssturm'' auf dem [[Marktplatz]] vereidigt.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 152</ref> | |||
Am | Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]] | ||
[[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|''Volkssturm''-Männer mit Panzerfäusten bei ihrer Vereidigung auf dem Marktplatz (Oktober 1944).]] | |||
Am 6. Mai 1945 trafen kanadische Truppen von Georgsheil kommend in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger bereits am 4. Mai energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]]. | |||
Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref> | Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref> | ||
Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> | Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen (u.a. bei der [[Galgentiefsbrücke]]<ref>Erinnerungen des Zeitzeugen Karl Lampe, kundgetan am 15. Februar 2024</ref>, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> | ||
Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino ([[Am Markt 57]])<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 135</ref>, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref> | |||
Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref> | Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref> | ||
Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nahm die Bevölkerung Nordens in einem nie dagewesenen Umfang zu. Auf dem ehemaligen [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager]] wurde ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten [[Landkreis Norden]] wurden Ende 1946 bereits rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt, 1949 waren es schon 27.000. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter vor allem aus Emden, das durch den alliierten Bombenterror am 6. September 1944 nahezu vollständig zerstört wurde. Diese rund 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld wurden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnten bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wurde alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand. Ebenso wurden die zahlreichen Wehrmachtsbaracken im Stadtgebiet zu Wohnlagern umfunktioniert, so etwa jene [[Barackenlager (Jahnplatz)|Baracken]] am [[Jahnplatz]], nachdem die kanadischen Besatzungssoldaten dort abgezogen worden waren. | Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nahm die Bevölkerung Nordens in einem nie dagewesenen Umfang zu. Auf dem ehemaligen [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager]] wurde ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten [[Landkreis Norden]] wurden Ende 1946 bereits rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt, 1949 waren es schon 27.000. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter vor allem aus Emden, das durch den alliierten Bombenterror am 6. September 1944 nahezu vollständig zerstört wurde. Diese rund 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld wurden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnten bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wurde alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand. Ebenso wurden die zahlreichen Wehrmachtsbaracken im Stadtgebiet zu Wohnlagern umfunktioniert, so etwa jene [[Barackenlager (Jahnplatz)|Baracken]] am [[Jahnplatz]], nachdem die kanadischen Besatzungssoldaten dort abgezogen worden waren. | ||
[[Datei:Ostfriesischer Kurier Kriegsende Militärregierung Besatzung 08 05 1945.jpg|mini|Im [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesischen Kurier]] abgedruckte Verordnungen der britischen Militärregierung am Tag der deutschen Kapitulation (8. Mai 1945).]] | |||
Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernannte die Militärregierung den bereits bis 1937 in diesem Amt tätigen [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Die Entnazifizierung schritt weiter zügig voran. Schnell erging beispielsweise die Anordnung, dass aus allen Amtsstempeln das Hakenkreuz entfernt werden musste. Viele Straßen, die unter den Nationalsozialisten einen neuen Namen bekamen, aber auch ältere, die nun ''belastet'' erschienen, wurden umbenannt. Dies traf nicht nur offensichtliche Straßennamen wie im Falle der ''Adolf-Hitler-Straße'' oder der ''Horst-Wessel-Straße,'' die sofort nach Kriegsende rückbenannt wurden, sondern auch eher unscheinbare Straßennamen wie '' | Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernannte die Militärregierung den bereits bis 1937 in diesem Amt tätigen [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Die Entnazifizierung schritt weiter zügig voran. Schnell erging beispielsweise die Anordnung, dass aus allen Amtsstempeln das Hakenkreuz entfernt werden musste. Viele Straßen, die unter den Nationalsozialisten einen neuen Namen bekamen, aber auch ältere, die nun ''belastet'' erschienen, wurden umbenannt. Dies traf nicht nur offensichtliche Straßennamen wie im Falle der ''Adolf-Hitler-Straße'' oder der ''Horst-Wessel-Straße,'' die sofort nach Kriegsende rückbenannt wurden, sondern auch eher unscheinbare Straßennamen wie ''Hindenburgstraße'' ([[Neuer Weg]]), ''Judenlohne'' ([[Synagogenweg]]), ''Blücherstraße'' ([[Otto-Leege-Straße]]), ''Graf-von-Spee-Straße'' ([[Norderneyer Straße]]) ''und Admiral-Scheer-Straße'' ([[Baltrumer Straße]]). Diese wurden allerdings erst 1946 mit ihrem heutigen Namen versehen.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 120</ref> Mit der Umbenennung der ''Scharnhorststraße'' in ''[[Ufke-Cremer-Straße]]'' verschwand der letzte ''militärisch klingende'' Name aus Norden. | ||
Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste [[Stadtrat|Nachkriegsstadtrat]]. Hauptaufgabe dessen, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen ''Deutschen Gemeindeordnung'', die damit verbundene ''Redemokratisierung'' der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das ''Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung''. | Anfang 1946 konstituierte sich auf Anweisung der Besatzungsbehörden der erste [[Stadtrat|Nachkriegsstadtrat]]. Hauptaufgabe dessen, der aus politisch nicht belasteten Mitgliedern bestand, war die Umsetzung der von der Militärregierung nach britischem Muster entwickelten neuen ''Deutschen Gemeindeordnung'', die damit verbundene ''Redemokratisierung'' der kommunalen Strukturen und die Vorbereitung der ersten Kommunalwahlen. Wichtigstes Ziel der neuen Kommunalordnung war die Abschaffung des nationalsozialistischen Führerprinzips und seine Ersetzung durch das ''Prinzip gemeinschaftlicher Verantwortung''. | ||
| Zeile 598: | Zeile 679: | ||
=== 1950 bis 1959 === | === 1950 bis 1959 === | ||
[[Datei: | [[Datei:Ekel Ekeler Weg Bunker Notunterkunft um 1946 01.jpg|mini|Ein zur Notunterkunft hergerichteter [[Bunker]] am [[Porghamerdrift]] in [[Ekel]] (um 1946).]] | ||
Von 1947 bis 1950 wurde der [[Leybuchtpolder (Polder)|Leybuchtpolder]] eingedeicht, auf dem später der [[Leybuchtpolder|gleichnamige Ort]] - zunächst als eigenständige Gemeinde - entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der [[Leybucht]] geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeiches]] vor der Küste Leybuchtpolders. Bei der Vergabe des neuen Landes wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. ''"Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist"'', hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich, dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar sowie mehrere kleinere Höfe und Häuser. | Von 1947 bis 1950 wurde der [[Leybuchtpolder (Polder)|Leybuchtpolder]] eingedeicht, auf dem später der [[Leybuchtpolder|gleichnamige Ort]] - zunächst als eigenständige Gemeinde - entstand. Die bislang letzte Eindeichung an der [[Leybucht]] geschah durch die Anlage des 4,75 Kilometer langen [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeiches]] vor der Küste Leybuchtpolders. Bei der Vergabe des neuen Landes wurden die Deicharbeiter bevorzugt, die durch ihre Mühen die Besiedlung dieses Landstriches überhaupt erst möglich gemacht haben. ''"Ich halte es für eine Selbstverständlichkeit, dass bei der Verteilung des Siedlungslandes in der Leybucht in erster Linie die Arbeiter berücksichtigt werden sollen, aus deren Arbeit dieses Land überhaupt erst entstanden ist"'', hatte Mimke Berghaus, der Regierungspräsident in Aurich, dem Leiter des Norder Domänen- und Bauamtes bereits vor Beginn der ersten Baumaßnahme mitgeteilt. Es entstanden 53 größere Betriebe zu 10 bis 16 Hektar sowie mehrere kleinere Höfe und Häuser. | ||
| Zeile 606: | Zeile 687: | ||
Dank der Währungsreform im Jahre 1948 linderte sich die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung zunehmend, sodass die Lebensmittelrationierung im März 1950 beendet werden konnte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 246</ref> Das aufkommende Wirtschaftswunder führte einerseits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlstands, andererseits drängten viele geburtenstarke Jahrgänge auf den Markt und nicht alle, die wollten, fanden sofort eine Arbeit. Auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. So wanderten viele junge Norder ab, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet, wo nicht wenige im Bergbau eine Beschäftigung fanden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 60</ref> Mit dem Wirtschaftswunder verließen auch viele ehemals Geflüchtete und Vertriebene die Stadt wieder auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen. | Dank der Währungsreform im Jahre 1948 linderte sich die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung zunehmend, sodass die Lebensmittelrationierung im März 1950 beendet werden konnte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 246</ref> Das aufkommende Wirtschaftswunder führte einerseits zu einer deutlichen Steigerung des Wohlstands, andererseits drängten viele geburtenstarke Jahrgänge auf den Markt und nicht alle, die wollten, fanden sofort eine Arbeit. Auch der Strukturwandel in der Landwirtschaft, in der mit modernen Maschinen bessere Erträge verzeichnet wurden, durch die Zuwanderung von Vertriebenen und wegen des Mangels an alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten jenseits der Landwirtschaft waren die 1950er Jahre ein Jahrzehnt, das von hoher Arbeitslosigkeit geprägt war. So wanderten viele junge Norder ab, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet, wo nicht wenige im Bergbau eine Beschäftigung fanden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 60</ref> Mit dem Wirtschaftswunder verließen auch viele ehemals Geflüchtete und Vertriebene die Stadt wieder auf der Suche nach (besseren) Arbeitsplätzen. | ||
[[Datei:Stadtjugendtag 1952 01.jpg | [[Datei:Stadtjugendtag 1952 01.jpg|mini|Stadtjugendtag 1952.]] | ||
[[Datei:Torfbeschaffung um 1956 01.jpg|mini|Torfbeschaffung mit dem LKW (um 1956).]] | |||
Am 1. Januar 1951 traf der schwedische Fußballverein ''Nybro Idrottsförening'' in Norden ein und spielte gegen den [[FC Norden]]. Es war das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund Nordens; es kam zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein weiteres großes Sportereignis folgte 1952 mit dem ''Stadtjugendtag''. | Am 1. Januar 1951 traf der schwedische Fußballverein ''Nybro Idrottsförening'' in Norden ein und spielte gegen den [[FC Norden]]. Es war das erste internationale Fußballturnier der Nachkriegszeit. Das schwedische Volk erwies sich bereits im Vorfeld als Freund Nordens; es kam zu zahlreichen Spenden für die notleidende Stadt und ihre Bewohner. Ein weiteres großes Sportereignis folgte 1952 mit dem ''Stadtjugendtag''. | ||
Zum 5. Oktober 1951 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die die Vorgaben der neuen deutschen Gemeindeordnung nun auch formal durchsetzte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref> In der neuen Verfassung wurde somit festgehalten, dass der Stadt ein [[Bürgermeister]] mit eher repräsentativen und ein [[Stadtdirektor]] für die eigentliche Verwaltungsleitung vorsteht. 1952 wurde [[Tidofeld]], damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]]. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt [[Vierzig Diemat]] der seinerzeit noch eigenständigen [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] ab, um hier weiteres Bauland erschließen zu können. Anders als Vierzig Diemat wurde Tidofeld im Jahre 1996 ein eigenständiger Stadtteil. | Zum 5. Oktober 1951 erhielt die Stadt eine neue Verfassung, die die Vorgaben der neuen deutschen Gemeindeordnung nun auch formal durchsetzte.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 84</ref> In der neuen Verfassung wurde somit festgehalten, dass der Stadt ein [[Bürgermeister]] mit eher repräsentativen und ein [[Stadtdirektor]] für die eigentliche Verwaltungsleitung vorsteht. 1952 wurde [[Tidofeld]], damals noch Teil der Gemeinde Lütetsburg, nach Norden eingemeindet und unmittelbarer Bestandteil der [[Norden (Stadtteil)|Kernstadt]]. Im gleichen Jahr kaufte die Stadt [[Vierzig Diemat]] der seinerzeit noch eigenständigen [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] ab, um hier weiteres Bauland erschließen zu können. Anders als Vierzig Diemat wurde Tidofeld im Jahre 1996 ein eigenständiger Stadtteil. | ||
[[Datei: | [[Datei:Leybuchtpolder Hof um 1950 01.jpg|mini|Typischer Siedlungshof in Leybuchtpolder.]] | ||
Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben. | Mitte der 1950er Jahre erfolgte ein großzügiger Ausbau der Infrastruktur in der Stadt, so etwa 1958 der Bau der [[Kanalisation]], begonnen im historischen Stadtkern. Zudem wurden neue Schulen gebaut, so beispielsweise die [[Nadörster Schule]]. Schon jetzt wurden Rufe nach einer [[Umgehungsstraße]] für die Innenstadt laut, die immer stärker durch den immer dichteren Straßenverkehr belastet wurde. Möglich wurden zahlreiche Investitionen, die bis in die 1960er Jahre getätigt werden, jedoch nur dank erheblicher Zuschüsse von Bund, Land und [[Landkreis Norden|Landkreis]].<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 66</ref> Mit dem Slogan ''Das Grüne Tor zum Meer'' wurde seinerzeit schon früh für Norden als Urlaubsort geworben. | ||
Vom 24. Juni bis 3. Juli 1955 feierte die Stadt die 700-Jahrfeier, die an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im [[Norder Vertrag]] von 1255 erinnern sollte.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 63f.</ref> Bis heute wird dieses Jahr fälschlicherweise als Gründungsdatum der Stadt angesehen. Tatsächlich erfolgte eine formelle Stadtgründung erst im Jahre 1277. | Vom 24. Juni bis 3. Juli 1955 feierte die Stadt die [[700-Jahrfeier]], die an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im [[Norder Vertrag]] von 1255 erinnern sollte.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 63f.</ref> Bis heute wird dieses Jahr fälschlicherweise als Gründungsdatum der Stadt angesehen. Tatsächlich erfolgte eine formelle Stadtgründung erst im Jahre 1277. | ||
=== 1960 bis 1969 === | === 1960 bis 1969 === | ||
| Zeile 619: | Zeile 701: | ||
Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon vorher abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]] erhalten, die als Außenstelle des städtischen Krankenhaus diente. Sie wird bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine genutzt. | Für die bessere medizinische Versorgung im [[Landkreis Norden|Landkreis]] wurde 1966 ein neues [[Kreiskrankenhaus Norden|Kreiskrankenhaus]] an der [[Osterstraße]] errichtet. Das [[Städtisches Krankenhaus|Städtische Krankenhaus]] an der [[Feldstraße]] wurde entwidmet und an die [[Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden|Stadtwerke Norden]] übergeben. Die zahlreichen Baracken, die ehemals als Lazarett dienten, wurden schon vorher abgerissen. Als einzige ist noch jene Baracke an der [[Kastanienallee]] erhalten, die als Außenstelle des städtischen Krankenhaus diente. Sie wird bis heute als [[Vereinsheim (Kastanienallee)|Vereinsheim]] für drei Norder Vereine genutzt. | ||
[[Datei:Postkarte Norden um 1970 01.jpg | [[Datei:Ausweis für Vertriebene 1955 01.jpg|mini|Ein ''Vertriebenenausweis'' von 1955.]] | ||
[[Datei:Postkarte Norden um 1970 01.jpg|mini|Norden auf einer Postkarte aus den späten 1960er Jahren.]] | |||
Obwohl Norden ironischerweise den Zweiten Weltkrieg mit nur sehr geringen Schäden überstand und seine historische und schützenswerte Altstadt, anders als Emden, praktisch gänzlich erhalten konnte, wurde ein Großteil dieser 1968 durch die sogenannte [[Altstadtsanierung]] dem Erdboden gleichgemacht. Den Baumaßnahmen fiel ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer. Die das Ortsbild maßgeblich prägenden Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei abgebrochen und gingen dadurch für immer verloren. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere, an Hochbunker erinnernde Mehrfamilienhäuser und dazu drei nicht minder unansehnliche Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen. | Obwohl Norden ironischerweise den Zweiten Weltkrieg mit nur sehr geringen Schäden überstand und seine historische und schützenswerte Altstadt, anders als Emden, praktisch gänzlich erhalten konnte, wurde ein Großteil dieser 1968 durch die sogenannte [[Altstadtsanierung]] dem Erdboden gleichgemacht. Den Baumaßnahmen fiel ein nicht unbeachtlicher Teil der historischen Grundstruktur der Stadt zum Opfer. Die das Ortsbild maßgeblich prägenden Gebäude an der nördlichen [[Kirchstraße]], der [[Sielstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] wurden hierbei abgebrochen und gingen dadurch für immer verloren. Die Wohnungsbaugesellschaft ''Neue Heimat'' errichtete auf dem nun freien Gelände mehrere, an Hochbunker erinnernde Mehrfamilienhäuser und dazu drei nicht minder unansehnliche Wohnhochhäuser auf dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]], der bis dahin noch ein Teil der [[Kirchstraße]] war. Unter dem Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz wurde unter dem Eindruck des sich verschärfenden Kalten Krieges ein Nuklearwaffensicherer [[Tiefbunker]] errichtet, der bis heute jedoch hauptsächlich als Tiefgarage verwendet wird. Als weitere Maßnahme wurden mehrere Straßen rund um den Marktplatz verbreitert, außerdem mussten die Alleebepflanzungen der [[Bahnhofstraße]] und der [[Norddeicher Straße]] weichen. | ||
| Zeile 628: | Zeile 711: | ||
=== 1970 bis 1979 === | === 1970 bis 1979 === | ||
Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, jedoch erst ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Ab 1978 wurde auch mit dem Bau der [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] begonnen, die sich bis dahin am [[Schwanenteich]] befand. | Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, jedoch erst ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Ab 1978 wurde auch mit dem Bau der [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] begonnen, die sich bis dahin am [[Schwanenteich]] befand. | ||
[[Datei:Blick vom Wasserturm bis zur Stadt 05 08 1979 (0267340) MZ.jpg | [[Datei:Blick vom Wasserturm bis zur Stadt 05 08 1979 (0267340) MZ.jpg|mini|Blick vom [[Wasserturm]] in Richtung Stadt. Die Gärten liegen noch heute [[An der Welle]] (1979).]] | ||
Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug|''Großer Krug'']] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref> | Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug|''Großer Krug'']] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref> | ||
| Zeile 654: | Zeile 737: | ||
Durch Ausweisung mehrerer Neubaugebiete wuchs der (erweiterte) Stadtkern vor allem Mitte der 2000er Jahre beträchtlich. Unter anderem wurden zahlreiche Neubauten in [[Vierzig Diemat]] (nördlich der Straße [[Am Norder Tief]]) sowie westlich des [[Warfenweg|Warfenwegs]] erschlossen. | Durch Ausweisung mehrerer Neubaugebiete wuchs der (erweiterte) Stadtkern vor allem Mitte der 2000er Jahre beträchtlich. Unter anderem wurden zahlreiche Neubauten in [[Vierzig Diemat]] (nördlich der Straße [[Am Norder Tief]]) sowie westlich des [[Warfenweg|Warfenwegs]] erschlossen. | ||
2005 feiert die Stadt die 750-Jahrfeier und gedachte dabei der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1255 im sogenannten [[Norder Vertrag]]. Wie schon bei der 700-Jahrfeier im Jahre 1955 wird die Ersterwähnung der Stadt fälschlicherweise mit dem Gründungsdatum verwechselt. Nichtsdestotrotz feierten die Norder ausgelassen mit Straßenfesten, Aufführungen und allerlei Programm. Eines der Highlights war die Nachstellung des Brandes der [[Andreaskirche]] im Jahre 1531 nach Brandschatzung durch [[Balthasar von Esens]]. Die Andreaskirche wurde hierbei zwar lediglich etwas spartanisch mittels Gerüst dargestellt, doch bot das Schauspiel drumherum einen interessanten Einblick in die Stadthistorie. | 2005 feiert die Stadt die [[750-Jahrfeier]] und gedachte dabei der ersten gesicherten urkundlichen Erwähnung im Jahre 1255 im sogenannten [[Norder Vertrag]]. Wie schon bei der [[700-Jahrfeier]] im Jahre 1955 wird die Ersterwähnung der Stadt fälschlicherweise mit dem Gründungsdatum verwechselt. Nichtsdestotrotz feierten die Norder ausgelassen mit Straßenfesten, Aufführungen und allerlei Programm. Eines der Highlights war die Nachstellung des Brandes der [[Andreaskirche]] im Jahre 1531 nach Brandschatzung durch [[Balthasar von Esens]]. Die Andreaskirche wurde hierbei zwar lediglich etwas spartanisch mittels Gerüst dargestellt, doch bot das Schauspiel drumherum einen interessanten Einblick in die Stadthistorie. | ||
Am Sonntag, den 2. Juli 2006 wurde die Norder Innenstadt im Rahmen des ''Ab.in.die.Mitte''-Projekts ''Norden-Nordsee: Natürlich mit Wasser'' zum Ort eines besonderen Schauspiels. [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] und [[Technisches Hilfswerk]] bauten gemeinsam einen ein Kilometer langen Wasserlauf quer durch die Stadt, der von der alten Pumpe auf dem [[Marktplatz]] gegenüber [[Rathaus]] bis hin zum [[Cage]] lief, wo das Wasser schließlich in das [[Norder Tief]] abgelassen wurde. Der etwa eineinhalb Meter breite Wasserlauf hatte eine Gefällstrecke von etwa drei Metern, an drei Stellen wurde das Brunnenwasser eingespeist. Schätzungsweise zwei Millionen Liter Wasser flossen so durch die Stadt. Der Hintergrund der Aktion ''Leben an und auf der Wasserstraße'' ging auf die bauliche Entwicklung Nordens im Stadtkernbereich zurück: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts existierte an der rückwärtigen Seite der Geschäftsgrundstücke am [[Neuer Weg]] in Nordsüdrichtung ein [[Helle|''Die Helle'']] genannter, offener Wasserlauf. Dieser begann im Garten der [[Behrendssche Villa|Behrendsschen Villa]] (heute ''WBZ-Garten'') und mündete in Höhe der [[Dammstraße]] in das Norder Tief.<ref>[https://www.oz-online.de/-printartikel/139459/Leben-an-und-auf-der-Wasserstrasse Online-Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 1. Juli 2006], abgerufen am 9. September 2021</ref> | Am Sonntag, den 2. Juli 2006 wurde die Norder Innenstadt im Rahmen des ''Ab.in.die.Mitte''-Projekts ''Norden-Nordsee: Natürlich mit Wasser'' zum Ort eines besonderen Schauspiels. [[Feuerwehr Norden|Feuerwehr]] und [[Technisches Hilfswerk]] bauten gemeinsam einen ein Kilometer langen Wasserlauf quer durch die Stadt, der von der alten Pumpe auf dem [[Marktplatz]] gegenüber [[Rathaus]] bis hin zum [[Cage]] lief, wo das Wasser schließlich in das [[Norder Tief]] abgelassen wurde. Der etwa eineinhalb Meter breite Wasserlauf hatte eine Gefällstrecke von etwa drei Metern, an drei Stellen wurde das Brunnenwasser eingespeist. Schätzungsweise zwei Millionen Liter Wasser flossen so durch die Stadt. Der Hintergrund der Aktion ''Leben an und auf der Wasserstraße'' ging auf die bauliche Entwicklung Nordens im Stadtkernbereich zurück: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts existierte an der rückwärtigen Seite der Geschäftsgrundstücke am [[Neuer Weg]] in Nordsüdrichtung ein [[Helle|''Die Helle'']] genannter, offener Wasserlauf. Dieser begann im Garten der [[Behrendssche Villa|Behrendsschen Villa]] (heute ''WBZ-Garten'') und mündete in Höhe der [[Dammstraße]] in das Norder Tief.<ref>[https://www.oz-online.de/-printartikel/139459/Leben-an-und-auf-der-Wasserstrasse Online-Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 1. Juli 2006], abgerufen am 9. September 2021</ref> | ||
Nach Jahrzehnten der Diskussion und des Bemühens um Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan erhielt Norden im Jahr 2009 endlich eine [[Umgehungsstraße]], die Teil der [[Bundesstraße]] 72 wurde. Durch den Bau wurde die innerstädtische Verkehrsbelastung erheblich reduziert. Zugleich verloren die [[Bahnhofstraße]], [[Burggraben]] die [[Norddeicher Straße]] ihren Status als [[Bundesstraße]] und wurden zu [[Landesstraße|Landesstraßen]]. | Nach Jahrzehnten der Diskussion und des Bemühens um Aufnahme in den Bundesverkehrswegeplan erhielt Norden im Jahr 2009 endlich eine [[Umgehungsstraße]], die Teil der [[Bundesstraße]] 72 wurde. Durch den Bau wurde die innerstädtische Verkehrsbelastung erheblich reduziert. Zugleich verloren die [[Bahnhofstraße]], [[Burggraben]] die [[Norddeicher Straße]] ihren Status als [[Bundesstraße]] und wurden zu [[Landesstraße|Landesstraßen]]. | ||
2009 wurde die Stadt in das mit ihren für die [[Altstadt]] geplanten Sanierungsmaßnahmen in das Städtebauförderungsprogramm des Landes und des Bundes aufgenommen. Zum Tragen kam dabei die Programmkomponente ''Städtebaulicher Denkmalschutz''. Im Rahmen des Programms wurden Fördermittel bereitgestellt, um die erkannten städtebaulichen Missstände zu beseitigen. Insgesamt umfasste das Sanierungsgebiet eine Fläche von 28,9 Hektar. | |||
===2010 bis 2019=== | ===2010 bis 2019=== | ||
| Zeile 665: | Zeile 750: | ||
Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist. | Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist. | ||
Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[ | Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[Südlich Wigboldstraße]]'' (projektiert, aber aufgegeben) nicht in Norden, sondern in dem seit jeher ländlich und landwirtschaftlich geprägten [[Westermarsch II]] erschlossen. Ein bereits 2011 für die Dorferneuerung in [[Leybuchtpolder]] und [[Neuwesteel]] fertiggestelltes Konzept zur städtebaulich verträglichen Umsetzung neuer Bauplätze bei gleichzeitigem Entgegenwirken des demografischen Wandels kam hingegen bislang nicht zur Umsetzung.<ref>NWP Planungsgesellschaft (2011): Dorferneuerungs-/Entwicklungsplanung für die Ortsteile Leybuchtpolder und Neuwesteel, S. 95ff.</ref> | ||
In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr. | In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr. | ||
| Zeile 677: | Zeile 762: | ||
Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde. | Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde. | ||
Im August 2024 wurde bekannt, dass das Baugebiet [[Südlich Wigboldstraße]] aufgegeben werde.<ref>Bericht im Ostfriesischen Kurier vom 31. August 2024</ref> Die Preissteigerungen durch die [[COVID 19-Pandemie]] sowie die grassierende Inflation seit 2022 infolge der russisch-ukrainischen Konflikts ließen die Erschließungskosten ebenso steigen, wie immer weitere, kostenintensive Auflagen seitens der Stadtverwaltung. Die Investorin gab das seit 2016 projektierte Baugebiet infolgedessen auf, wodurch die Stadtverwaltung abermals die Chance auf neues Bauland und neuen Wohnraum verspielte. Unabhängig dieser Entwicklungen gab es ohnehin kaum Interessenten für das Bauland, da die Konstellation von hohen Zinsen, hoher Baulandkosten und hoher Neubaukosten auf der einen Seite einer eher mäßigen Lage nördlich des [[Klärwerk|Klärwerks]] und am äußersten Stadtrand auf der anderen Seite von vielen als nicht angemessen gesehen wurde. | |||
==Verwaltung und Politik== | ==Verwaltung und Politik== | ||
| Zeile 692: | Zeile 779: | ||
Administrativ war die Stadt bis 1904 in sogenannte [[Kluft|Kluften]] unterteilt, die wiederum in [[Rott|Rotten]] zerfielen. Es gab die [[Norderkluft]], die [[Osterkluft]], die [[Süderkluft]] und die [[Westerkluft]]. Eine [[Hausnummerierung]] gab es bis dahin nur jeweils innerhalb diesen Kluften, Straßennamen spielten nur eine untergeordnete, eher alltagssprachliche Rolle bzw. waren größtenteils noch gar nicht vergeben. | Administrativ war die Stadt bis 1904 in sogenannte [[Kluft|Kluften]] unterteilt, die wiederum in [[Rott|Rotten]] zerfielen. Es gab die [[Norderkluft]], die [[Osterkluft]], die [[Süderkluft]] und die [[Westerkluft]]. Eine [[Hausnummerierung]] gab es bis dahin nur jeweils innerhalb diesen Kluften, Straßennamen spielten nur eine untergeordnete, eher alltagssprachliche Rolle bzw. waren größtenteils noch gar nicht vergeben. | ||
Bei den Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919, bei der erstmals auch Frauen wählen durften, konnten die Deutsche Demokratische Partei (DDP) sowie die Deutsche Volkspartei (DVP) 1.606 der Norder Stimmen auf sich vereinigen, die beiden sozialdemokratischen Parteien 1.261 Stimmen. Die übrigen, kleinen Parteien, die dem rechten Spektrum zuzuordnen waren, erhielten nur 639 Stimmen. | |||
===Gegenwart=== | ===Gegenwart=== | ||
| Zeile 698: | Zeile 787: | ||
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an. | Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an. | ||
Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg | Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. 1956 wurde Johann Fischer wieder ins Bürgermeisteramt berufen. Dessen Nachfolger wurde 1959 der SPD-Ratsherr [[Hinrich Donner]]. | ||
Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei. | Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei. | ||
| Zeile 756: | Zeile 845: | ||
===Landwirtschaft=== | ===Landwirtschaft=== | ||
Die Landwirtschaft spielt nicht nur in Bezug auf den Flächenanteil, sondern auch als Arbeitsmarktfaktor nach wie vor eine Rolle. War sie noch bis nach der Industrialisierung der bedeutendste Wirtschaftszweig, spielt sie heute für den Arbeitsmarkt eine eher geringe Rolle, wenngleich noch eine bedeutende Zahl in der Landwirtschaft beschäftigt. Es war naturgemäß auch der erste und lange Zeit einzige Erwerbszweig der Bewohner. Bodenschätze hat es in Ostfriesland nie gegeben und auch verarbeitendes Gewerbe gibt es hier erst seit dem Mittelalter.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 247</ref> | Die Landwirtschaft spielt nicht nur in Bezug auf den Flächenanteil, sondern auch als Arbeitsmarktfaktor nach wie vor eine Rolle. War sie noch bis nach der Industrialisierung der bedeutendste Wirtschaftszweig, spielt sie heute für den Arbeitsmarkt eine eher geringe Rolle, wenngleich noch eine bedeutende Zahl in der Landwirtschaft beschäftigt. Es war naturgemäß auch der erste und lange Zeit einzige Erwerbszweig der Bewohner. Bodenschätze hat es in Ostfriesland nie gegeben und auch verarbeitendes Gewerbe gibt es hier erst seit dem Mittelalter.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 247</ref> In den [[Marsch|Marschgebieten]] dominierte bis 1600 die Viehhaltung und Ochsenmast sowie die Zucht von Friesenpferden.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 277</ref> | ||
Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Stadt Norden im engeren Sinne ([[Altstadt]]) begann jedoch faktisch erst mit der Eingemeindung der [[Sandbauerschaft]] im Jahre 1919. Bis dahin hatte es im ursprünglichen Stadtgebiet keine reelle Landwirtschaft gegeben, was - bedingt durch den sandigen [[Geest|Geestboden]] und der recht geringen Fläche - auch nur sehr eingeschränkt möglich war.<ref name=":12" /> Den armen Geestbauern gegenüber standen die äußerst wohlhabenden Marschbauern, die ihre Höfe seit jeher in der sehr ertragreichen, fruchtbaren [[Marsch]] ([[Westermarsch]] und [[Ostermarsch]] sowie teilweise [[Lintelermarsch]]) rund um die Stadt und die Geest hatten. Naturgemäß war das eher tiefliegende Land stark von Sturmfluten gefährdet, weshalb die Bauern ihre Höfe schön früh auf sogenannten [[Warft|Warften]] errichteten; künstliche Erhöhungen, die zumindest den Hof, nicht aber die Felder und alles tiefliegendere schützten.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 52</ref> Aber auch sie begannen erst nach dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] mit dem Ackerbau, nachdem die Truppen des gefürchteten Söldnerführers Peter Ernst II. von Mansfeld das Land verwüsteten. Bis dahin wurden die landwirtschaftlichen Flächen vor allem für die Viehzucht genutzt und | Die Bedeutung der Landwirtschaft für die Stadt Norden im engeren Sinne ([[Altstadt]]) begann jedoch faktisch erst mit der Eingemeindung der [[Sandbauerschaft]] im Jahre 1919. Bis dahin hatte es im ursprünglichen Stadtgebiet keine reelle Landwirtschaft gegeben, was - bedingt durch den sandigen [[Geest|Geestboden]] und der recht geringen Fläche - auch nur sehr eingeschränkt möglich war.<ref name=":12" /> Den armen Geestbauern gegenüber standen die äußerst wohlhabenden Marschbauern, die ihre Höfe seit jeher in der sehr ertragreichen, fruchtbaren [[Marsch]] ([[Westermarsch]] und [[Ostermarsch]] sowie teilweise [[Lintelermarsch]]) rund um die Stadt und die Geest hatten. Naturgemäß war das eher tiefliegende Land stark von Sturmfluten gefährdet, weshalb die Bauern ihre Höfe schön früh auf sogenannten [[Warft|Warften]] errichteten; künstliche Erhöhungen, die zumindest den Hof, nicht aber die Felder und alles tiefliegendere schützten.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 52</ref> Aber auch sie begannen erst nach dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] mit dem Ackerbau, nachdem die Truppen des gefürchteten Söldnerführers Peter Ernst II. von Mansfeld das Land verwüsteten. Bis dahin wurden die landwirtschaftlichen Flächen vor allem für die Viehzucht genutzt und beispielsweise Getreide vorwiegend aus dem Ostseeraum importiert.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 20</ref> | ||
Neben den Höfen sind viele Dienstleister für die Landwirtschaft in Norden ansässig. Im [[Norddeicher Hafen]] liegen eine Vielzahl an Kuttern vor Anker. Die meisten Höfen, von denen ein Großteil von enormer historischer Bedeutung ist, befinden sich seit Generationen in Familienbesitz und werden neben ihrer klassischen Widmung auch für den Tourismus genutzt (Ferien auf dem Bauernhof). Eine geringe Zahl von Höfen wird ausschließlich zu Wohnzwecken genutzt. Eine Sonderrolle nimmt zudem [[Tomtes Hof|''Tomtes Hof'']] ein, welcher ein pädagogisches Konzept verfolgt. | Neben den Höfen sind viele Dienstleister für die Landwirtschaft in Norden ansässig. Im [[Norddeicher Hafen]] liegen eine Vielzahl an Kuttern vor Anker. Die meisten Höfen, von denen ein Großteil von enormer historischer Bedeutung ist, befinden sich seit Generationen in Familienbesitz und werden neben ihrer klassischen Widmung auch für den Tourismus genutzt (Ferien auf dem Bauernhof). Eine geringe Zahl von Höfen wird ausschließlich zu Wohnzwecken genutzt. Eine Sonderrolle nimmt zudem [[Tomtes Hof|''Tomtes Hof'']] ein, welcher ein pädagogisches Konzept verfolgt. | ||
| Zeile 764: | Zeile 853: | ||
Aufgrund der Küstenlage mit stetigen und kräftigen Winden eignen sich insbesondere die dünn besiedelten Außenbereiche der Stadt für die Nutzung von Windenergie. Das Panorama außerhalb der Kernstadt ist maßgeblich von Windenergieanlagen geprägt. Die absolute Mehrheit wurde von der in Aurich ansässigen Firma ''Enercon'' errichtet. | Aufgrund der Küstenlage mit stetigen und kräftigen Winden eignen sich insbesondere die dünn besiedelten Außenbereiche der Stadt für die Nutzung von Windenergie. Das Panorama außerhalb der Kernstadt ist maßgeblich von Windenergieanlagen geprägt. Die absolute Mehrheit wurde von der in Aurich ansässigen Firma ''Enercon'' errichtet. | ||
Die Bandbreite der Landwirtschaft ging seit den 1950er Jahren zurück. So werden seit den 1970er Jahren keine [[Zichorienfabrik|Zichorien]] mehr angebaut, die noch um 1950 in vier Fabriken, unter anderem zu Kaffee-Ersatzprodukten, verarbeitet wurden.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> Auch Zuckerrüben, die nach dem [[Zweiter Weltkrieg| | Die Bandbreite der Landwirtschaft ging seit den 1950er Jahren zurück. So werden seit den 1970er Jahren keine [[Zichorienfabrik|Zichorien]] mehr angebaut, die noch um 1950 in vier Fabriken, unter anderem zu Kaffee-Ersatzprodukten, verarbeitet wurden.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 89</ref> Auch Zuckerrüben, die nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] heimisch wurden und deren Produktion ab 1949 in großem Stil betrieben wurde, werden kaum noch angebaut.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 260</ref> Ebenfalls keine Bedeutung mehr hat die seit dem 11. Jahrhundert nachweisbare Salzgewinnung aus Seetorf, die im Mittelalter ein wichtigster Wirtschaftszweig war. Dabei wurden Seetorfstücke in Bronzekesseln mit Walzwasser ausgekocht und das beim Verdunsten niederschlagende Salz aufgefangen.<ref>Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich, S. 66f.</ref> Spätestens seit 1564 wurde französisches sowie spanisches Seesalz und Lüneburger Salz eingeführt, so dass man die Salzsiederei in Westermarsch II zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufgeben musste. | ||
Vor allem durch den Preisdruck auf dem Weltmarkt und der globalen Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse geriet auch die Norder Landwirtschaft seit den 1970er Jahren in eine tiefe Krise.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 278</ref> Durch die Begrenzung der Abnahmemengen konnte dieser gefährliche und existenzbedrohende Abwärtstrend jedoch weitestgehend gestoppt werden.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 279</ref> | |||
===Tourismus=== | ===Tourismus=== | ||