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'''Westermarsch I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 406 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 19,42 km² verteilen.
'''Westermarsch I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 402 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2022), die sich auf einer Fläche von rund 19,42 km² verteilen.
 
__TOC__
__TOC__
 
==Namensherkunft==
== Namensherkunft ==
Der Name Westermarsch I kennzeichnet einerseits den vorherrschenden Landschaftstyp des Ortes ([[Marsch]]) und bezeichnet andererseits seine Lage im Westen des [[Norderland|Norderlandes]] bzw. der [[Stadt Norden]]. Durch die römische Ziffer unterscheidet sich der Ort von [[Westermarsch II]].
Der Name Westermarsch I kennzeichnet einerseits den vorherrschenden Landschaftstyp des Ortes ([[Marsch]]) und bezeichnet andererseits seine Lage im Westen des [[Norderland|Norderlandes]] bzw. der [[Stadt Norden]]. Durch die römische Ziffer unterscheidet sich der Ort von [[Westermarsch II]].


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== Geografie ==
==Geografie==
Westermarsch I befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der [[Leybucht]] in einer Höhe von bis zu 2 Metern über Meeresniveau (NN). Durch [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] gewannen die Bewohner der Nordsee bzw. Leybucht, die heute noch die westliche Grenze bildet, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neues Land ab. An der alten Landseite, dem [[Langhauser Weg]], ist der Boden schwärzlich und schwer, besonders in der Gegend vom [[Großlanghaus|Groß Langhaus]], welches den schwärzesten Boden hat. Nach Süden hin wird der Boden sandiger und hellfarbiger.
Westermarsch I befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der [[Leybucht]] in einer Höhe von bis zu 2 Metern über Meeresniveau (NN). Durch [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] gewannen die Bewohner der Nordsee bzw. Leybucht, die heute noch die westliche Grenze bildet, im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neues Land ab. An der alten Landseite, dem [[Langhauser Weg]], ist der Boden schwärzlich und schwer, besonders in der Gegend vom [[Großlanghaus|Groß Langhaus]], welches den schwärzesten Boden hat. Nach Süden hin wird der Boden sandiger und hellfarbiger.


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Im Osten und im Norden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grund- bzw. [[Flurstück|Flurstücke]], die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse bzw. Zugehörigkeiten zu den [[Rott|Rotten]] entweder zu Westermarsch I oder II gehören. In etwa kann man jedoch sagen, dass die Stadtgrenze von Norden südöstlich am [[Norder Tief]] beginnt, entlang von [[Vierzig Diemat]] bzw. dem [[Bürgermeisterviertel]] hoch bis zum [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichsweg]] und von dort nach Westen hin bis zum [[Langhauser Tief]] verläuft. Von hier aus verläuft sie weiter in nördliche Richtung einige hundert Meter an der [[Ziegeleistraße]] entlang bis kurz vor den [[Warfertog |Warfertogschloot]]. Die von hier nach Westen hin verlaufende nördliche Grenze folgt nun keinem klaren Muster mehr, hier sind - wie vorher beschrieben - historische Besitztümer einzelner Marschbauern die Grenze, die sich nur schwer umschreiben lassen.
Im Osten und im Norden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grund- bzw. [[Flurstück|Flurstücke]], die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse bzw. Zugehörigkeiten zu den [[Rott|Rotten]] entweder zu Westermarsch I oder II gehören. In etwa kann man jedoch sagen, dass die Stadtgrenze von Norden südöstlich am [[Norder Tief]] beginnt, entlang von [[Vierzig Diemat]] bzw. dem [[Bürgermeisterviertel]] hoch bis zum [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichsweg]] und von dort nach Westen hin bis zum [[Langhauser Tief]] verläuft. Von hier aus verläuft sie weiter in nördliche Richtung einige hundert Meter an der [[Ziegeleistraße]] entlang bis kurz vor den [[Warfertog |Warfertogschloot]]. Die von hier nach Westen hin verlaufende nördliche Grenze folgt nun keinem klaren Muster mehr, hier sind - wie vorher beschrieben - historische Besitztümer einzelner Marschbauern die Grenze, die sich nur schwer umschreiben lassen.


== Geschichte ==
==Geschichte==
 
* siehe auch: [[Stadt Norden#Geschichte|Geschichte der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Stadt Norden#Geschichte|Geschichte der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Westermarsch II#Geschichte|Geschichte von Westermarsch II]]
* siehe auch: [[Westermarsch II#Geschichte|Geschichte von Westermarsch II]]
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Bei der [[Zweite Dionysiusflut|Zweiten Dionysiusflut]]  in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die [[Stadt Norden]] erstmals direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief |Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte: Den [[Alter Westermarscher Deich|Alten Westermarscher Deich]].
Bei der [[Zweite Dionysiusflut|Zweiten Dionysiusflut]]  in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die [[Stadt Norden]] erstmals direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief |Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte: Den [[Alter Westermarscher Deich|Alten Westermarscher Deich]].


Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte eine schwere [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der ''Kleinen Eiszeit'' im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt. Diese gesamtgesellschaftlichen Missstände führten nicht zuletzt zum Aufkommen des [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingswesens]].[[Datei:Westermarscher Landstrasse 1977.jpg|links|mini|Die [[Westermarscher Straße]] vor ihrer Verbreiterung (1977).]]
Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte eine schwere [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der ''Kleinen Eiszeit'' im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt. Diese gesamtgesellschaftlichen Missstände führten nicht zuletzt zum Aufkommen des [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingswesens]].
 
===Neuzeit===
===Neuzeit===
Im Laufe des 16. Jahrhunderts begann die Westermarsch langsam aber stetig, wieder zu einer wohlhabenden Region zu werden. Insbesondere [[Anna von Oldenburg]], die Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte wesentlichen Anteil an der Landgewinnung in der Westermarsch sowie bei der Sicherung der Ländereien durch den Bau von [[Deich|Deichen]]. Unter ihrer Herrschaft wurden weit über 1000 Hektar Land der Nordsee entrissen. Gräfin Anna polderte 1551 das Land nach Süden hin ein, es entstand der sogenannte [[Alter Süderdeich |Alte Süderdeich]]. Die Deichlinie verlief größtenteils entlang des heutigen [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichswegs]]. Das neu- bzw. wiedergewonnene Land wird auch [[Westermarscher Altes Neuland|''Altes Westermarscher Neuland'']] genannt.
Im Laufe des 16. Jahrhunderts begann die Westermarsch langsam aber stetig, wieder zu einer wohlhabenden Region zu werden. Insbesondere [[Anna von Oldenburg]], die Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte wesentlichen Anteil an der Landgewinnung in der Westermarsch sowie bei der Sicherung der Ländereien durch den Bau von [[Deich|Deichen]]. Unter ihrer Herrschaft wurden weit über 1000 Hektar Land der Nordsee entrissen. Gräfin Anna polderte 1551 das Land nach Süden hin ein, es entstand der sogenannte [[Alter Süderdeich |Alte Süderdeich]]. Die Deichlinie verlief größtenteils entlang des heutigen [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichswegs]]. Das neu- bzw. wiedergewonnene Land wird auch [[Westermarscher Altes Neuland|''Altes Westermarscher Neuland'']] genannt.


Ihr Sohn [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] setzte um 1583 einen weiteren Deich vor den Gräfin Annas. Hier liegt das [[Westermarscher Neuland]], geschützt vom [[Neuer Süderdeich|Neuen Süderdeich]]. Er begann in Norden beim [[Altes Zollhaus |Alten Zollhaus]] und endet an der [[Leybucht]] beim [[Buscherpolder]]. Unter Christine Charlotte von Württemberg, Regentin von Ostfriesland bis 1699, kamen 1678 weitere 281 Hektar fruchtbaren Landes hinzu. Ihr zu Ehren wurden die Gebiete [[Süder-Charlottenpolder]] und [[Wester-Charlottenpolder]] genannt.
Ihr Sohn [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] setzte um 1583 einen weiteren Deich vor den Gräfin Annas. Hier liegt das [[Westermarscher Neuland]], geschützt vom [[Neuer Süderdeich|Neuen Süderdeich]]. Er begann in Norden beim [[Altes Zollhaus |Alten Zollhaus]] und endet an der [[Leybucht]] beim [[Buscherpolder]]. Unter Christine Charlotte von Württemberg, Regentin von Ostfriesland bis 1699, kamen 1678 weitere 281 Hektar fruchtbaren Landes hinzu. Ihr zu Ehren wurden die Gebiete [[Süder-Charlottenpolder]] und [[Wester-Charlottenpolder]] genannt.
[[Datei:Westermarsch Blitzeinschlag Gemälde van Lengen unbekanntes Datum.jpg|mini|Blitzeinschlag in einem [[Warft|Warfthaus]] (1. Hälfte des 19. Jahrhunderts) nach einem Gemälde des [[Hinrich Adolf von Lengen]].]]
Zur Zeit der Bedeichung war die alte bäuerliche Sozialordnung noch in Kraft, sodass die Landnahme in [[Rott|Rotten]] erfolgte. So kolonisierten die aus dem Raume Norden angesetzten Siedler in der [[Ostermarsch]] in acht Rotten, in der [[Lintelermarsch]] in drei Rotten und in der Westermarsch in neun Rotten.<ref name=":0">Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 60</ref>
[[Datei:Westermarsch Blick zur Ziegeleistraße unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Mit Blick zur [[Ziegeleistraße]] (unbekanntes Datum).]]
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] (1618 bis 1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.


Zur Zeit der Bedeichung war die alte bäuerliche Sozialordnung noch in Kraft, sodass die Landnahme in [[Rott|Rotten]] erfolgte. So kolonisierten die aus dem Raume Norden angesetzten Siedler in der [[Ostermarsch]] in acht Rotten, in der [[Lintelermarsch]] in drei Rotten und in der Westermarsch in neun Rotten<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 60</ref>
Ab dem 16. bis 17. Jahrhundert begannen tiefgreifende sozialstrukturelle Veränderungen. Die Zahl der kleinen und mittleren Bauernhöfe ging zurück und einige wenige Großbauern dominierten fortan die Landwirtschaft. Während es um 1600 noch 37 Höfe in Westermarsch I gab, waren es 1719 nur noch 30. Die durchschnittliche Größe der Ländereien eines Hofs stieg von etwa 15 auf gut 30 bis 35 [[Diemat]]. Eines der größten Höfe der Westermarsch ist das noch heute erhaltene [[Großlanghaus|Groß Langhaus]], der gut 150 Diemat Land besaß (etwa 855.000 Quadratmeter). Als Ursachen sind neben Seuchen vor allem auch Missernten und die durch Sturmflutschäden entstandenen Belastungen zu nennen. Auch dürften Lohn-Preis-Differenzen zwischen den Erzeugnissen der Landwirtschaft und der städtischen Gewerbe diesen Vorgang unterstützt haben..<ref name=":0" />
 
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] (1618 bis 1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.


Ab dem 16. bis 17. Jahrhundert begannen tiefgreifende sozialstrukturelle Veränderungen. Die Zahl der kleinen und mittleren Bauernhöfe ging zurück und einige wenige Großbauern dominierten fortan die Landwirtschaft. Während es um 1600 noch 37 Höfe in Westermarsch I gab, waren es 1719 nur noch 30. Die durchschnittliche Größe der Ländereien eines Hofs stieg von etwa 15 auf gut 30 bis 35 [[Diemat]]. Eines der größten Höfe der Westermarsch ist das noch heute erhaltene [[Großlanghaus|Groß Langhaus]], der gut 150 Diemat Land besaß (etwa 855.000 Quadratmeter). Weitere Veränderungen ergaben sich, als Ostfriesland 1744 an das Königreich Preußen fiel sowie in der französischen Besatzungszeit, als die Franzosen ein [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus]] nahe des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] zur Verhinderung von Schmuggel infolge der über England verhängten Kontinentalsperre erbauten.
Weitere Veränderungen ergaben sich, als Ostfriesland 1744 an das Königreich Preußen fiel sowie in der französischen Besatzungszeit, als die Franzosen ein [[Zollhaus (Westermarsch I)|Zollhaus]] nahe des [[Norder Tief|Norder Tiefs]] zur Verhinderung von Schmuggel infolge der über England verhängten Kontinentalsperre erbauten.


Durch gute Erträge im fruchtbaren [[Marsch|Marschland]] und der dort zu vorzüglichen Fleischlieferanten heranwachsenden Rinder kamen die Großbauern zu ansehnlichem Wohlstand, während der Großteil der Westermarscher in ein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen gerieten und in Armut leben mussten. Die [[Westerstraße]] in Norden wurde zur Einkaufsstraße der betuchten Marschbauern. Ihren Wohlstand stellten sie gerne durch prunkvolle Kutschen und eigene Logen in der [[Ludgerikirche]] zur Schau. Insbesondere in der Zeit um 1900 erbauten sie zudem Stadtvillen (vor allem als Altersruhesitze) an den Hauptstraßen der Stadt, insbesondere der [[Bahnhofstraße]], der [[Norddeicher Straße]] und der [[Linteler Straße]].
Durch gute Erträge im fruchtbaren [[Marsch|Marschland]] und der dort zu vorzüglichen Fleischlieferanten heranwachsenden Rinder kamen die Großbauern zu ansehnlichem Wohlstand, während der Großteil der Westermarscher in ein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen gerieten und in Armut leben mussten. Die [[Westerstraße]] in Norden wurde zur Einkaufsstraße der betuchten Marschbauern. Ihren Wohlstand stellten sie gerne durch prunkvolle Kutschen und eigene Logen in der [[Ludgerikirche]] zur Schau. Insbesondere in der Zeit um 1900 erbauten sie zudem Stadtvillen (vor allem als Altersruhesitze) an den Hauptstraßen der Stadt, insbesondere der [[Bahnhofstraße]], der [[Norddeicher Straße]] und der [[Linteler Straße]].
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Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte. 1774 wurde die [[Ziegelei (Westermarsch I) |Ziegelei]] am [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichsweg]] eröffnet. Sie bestand bis etwa 1912 und wurde nachfolgend an der [[Ziegeleistraße]] neu errichtet. 1777 wurde eine [[Zuckerraffinerie]] im danach benannten [[Zuckerpolder]] errichtet. Bei der [[Februarflut 1825]] brach der Deich erneut und es kam zu großflächigen Verwüstungen.
Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte. 1774 wurde die [[Ziegelei (Westermarsch I) |Ziegelei]] am [[Altendeichsweg (Westermarsch) |Altendeichsweg]] eröffnet. Sie bestand bis etwa 1912 und wurde nachfolgend an der [[Ziegeleistraße]] neu errichtet. 1777 wurde eine [[Zuckerraffinerie]] im danach benannten [[Zuckerpolder]] errichtet. Bei der [[Februarflut 1825]] brach der Deich erneut und es kam zu großflächigen Verwüstungen.


1871 fiel ganz Ostfriesland von Hannover (erneut) an das Königreich Preußen. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in zwei Gemeinden (Westermarsch in I und II), die zuvor bereits spätestens seit 1823 bzw. 1826 als ''Bauerschaften'' (loser Verband von Bauernhöfen; vgl. [[Sandbauerschaft]]) zusammengeschlossen waren. 1873 bis 1875 wurde die [[Westermarscher Straße]] gebaut, bis dahin erfolgte ein Warentransport vor allem über die zahlreichen Flüsse und Kanäle.
Von 1821 bis 1823 kartografierte das Königreich Hannover einen Teil seines Landes. Wenngleich Ostfriesland nicht dazu zählte, taucht in dieser Zeit erstmals die amtliche Trennung von Westermarsch I und [[Westermarsch II]] wie auch [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] auf. Offenkundig stand die Trennung dieser bis dahin jeweils zusammengehörenden Gemeinden im Zusammenhang mit Bestrebungen zur Vereinheitlichung von Fläche und Größe der einzelnen Gliedgemeinden im Land. Die nun entstandenen Gemeinden hatten jeweils eine annähernd gleiche Größe und Bevölkerungszahl.
 
1867 bzw. 1871 fiel ganz Ostfriesland von Hannover (erneut) an das Königreich Preußen. Die preußischen Beamten begannen damit, nun auch Ostfriesland zu kartografieren. 1873 bis 1875 wurde die [[Westermarscher Straße]] gebaut, bis dahin erfolgte ein Warentransport vor allem über die zahlreichen Flüsse und Kanäle.[[Datei:Westermarscher Landstrasse 1977.jpg|mini|Die [[Westermarscher Straße]] vor ihrer Verbreiterung (1977).]]


In den Wirren der Zeit nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] formierte sich eine Bürgerwehr, der 73 Mann angehörten. Die Wehr hatte keine Waffen, die sie jedoch angefordert hatten. Zu einer Bewaffnung kam es durch die Gründung der Weimarer Republik mit der einhergehenden Verbesserung der Sicherheitslage jedoch nicht mehr. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] befand sich in einer Holzbaracke bei Landwirt J. Ahrends in [[Wester-Charlottenpolder]] ein Kriegsgefangenenlager (AK Nr. 1 164E), in dem 35 bis 40 (vorher auch 60) Personen untergebracht waren. Im Oktober 1940 gab es 40 Insassen von ausnahmslos französischer Herkunft. Im Juli 1941 registrierte man dann 39 Serben.
In den Wirren der Zeit nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] formierte sich eine Bürgerwehr, der 73 Mann angehörten. Die Wehr hatte keine Waffen, die sie jedoch angefordert hatten. Zu einer Bewaffnung kam es durch die Gründung der Weimarer Republik mit der einhergehenden Verbesserung der Sicherheitslage jedoch nicht mehr. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] befand sich in einer Holzbaracke bei Landwirt J. Ahrends in [[Wester-Charlottenpolder]] ein Kriegsgefangenenlager (AK Nr. 1 164E), in dem 35 bis 40 (vorher auch 60) Personen untergebracht waren. Im Oktober 1940 gab es 40 Insassen von ausnahmslos französischer Herkunft. Im Juli 1941 registrierte man dann 39 Serben.
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Erst zwischen 1873 und 1875 wurde von der Stadt Norden bis zum [[Kleiner Krug|Kleinen Krug]] in [[Utlandshörn]] eine [[Westermarscher Straße|Landstraße]] gelegt, von der aus später noch zwei kleine Nebenstraßen in nördlicher und südlicher Richtung angelegt wurden. So war es vorher zu Regenzeiten unmöglich, die Wege zu benutzen, da es ansonsten keine befestigte Straßen gab. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Korn, mussten oftmals auf Schiffen die Kanäle entlang nach Norden transportiert werden. In umgekehrter Richtung galt dies auch für Waren, die nach Westermarsch I importiert wurden.
Erst zwischen 1873 und 1875 wurde von der Stadt Norden bis zum [[Kleiner Krug|Kleinen Krug]] in [[Utlandshörn]] eine [[Westermarscher Straße|Landstraße]] gelegt, von der aus später noch zwei kleine Nebenstraßen in nördlicher und südlicher Richtung angelegt wurden. So war es vorher zu Regenzeiten unmöglich, die Wege zu benutzen, da es ansonsten keine befestigte Straßen gab. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Korn, mussten oftmals auf Schiffen die Kanäle entlang nach Norden transportiert werden. In umgekehrter Richtung galt dies auch für Waren, die nach Westermarsch I importiert wurden.


== Erwähnenswerte Gebäude ==
==Erwähnenswerte Gebäude==
 
* siehe auch: [[:Kategorie:Gebäude in Westermarsch I|Kategorie:Gebäude in Westermarsch I]]


===Erhaltene Gebäude===
===Erhaltene Gebäude===
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===Abgebrochene Gebäude===
===Abgebrochene Gebäude===
* [[Ziegelei (Westermarsch I) |Alte Ziegelei]]
* [[Ziegelei (Westermarsch I) |Alte Ziegelei]]
* [[Hof Westernplaats]] (auch ''Westernburgplatz'' genannt)


== Sehenswürdigkeiten ==
==Sehenswürdigkeiten==
* [[Kriegsdenkmal (Westermarsch) |Denkmal für die Gefallen und Vertriebenen beider Weltkriege]]
* [[Kriegsdenkmal (Westermarsch) |Denkmal für die Gefallen und Vertriebenen beider Weltkriege]]


== Einzelnachweise ==
==Einzelnachweise==
<references />
<references />


== Quellenverzeichnis ==
==Quellenverzeichnis==
* [https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Westermarsch_I.pdf Beschreibung von Westermarsch I] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
* [https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Westermarsch_I.pdf Beschreibung von Westermarsch I] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
* [https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]
* [https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]


== Siehe auch ==
==Siehe auch==
 
* [[Westermarsch II]]
* [[Sandbauerschaft]]


[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Westermarsch I]]
[[Kategorie:Westermarsch I]]