Süderneuland I: Unterschied zwischen den Versionen
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| colspan="2" |[[Datei:Karte_Suederneuland_I.png|zentriert|358x358px|alternativtext=]] | | colspan="2" |[[Datei:Karte_Suederneuland_I.png|zentriert|358x358px|alternativtext=]] | ||
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'''Süderneuland I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 2. | '''Süderneuland I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 2.824 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2021), die sich auf einer Fläche von rund 6,01 km² verteilen. Das Ortsgebiet ist erst seit dem 16. Jahrhundert wieder besiedelt und besteht, abgesehen vom [[Leegemoor]], vor allem aus [[Polder|Poldern]], die der [[Leybucht]] ab 1556 abgewonnen wurden. Die noch bis zum 30. Juni 1972 eigenständige Gemeinde wurde im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nachfolgend in die [[Stadt Norden]] zwangseingemeindet, nachdem sie sich zuvor weigerte, die erforderlichen Unterschriften zu leisten. | ||
Neben seiner Bedeutung als Wohngebiet hat insbesondere das [[Gewerbegebiet Leegemoor]] eine elementare Bedeutung für die Norder Wirtschaft. | |||
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<nowiki>*</nowiki> darunter 7 Juden<ref>Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 17</ref> | |||
== Geografie == | == Geografie == | ||
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===Mittelalter=== | ===Mittelalter=== | ||
Die bekannte Geschichte von Süderneuland I beginnt im Jahre 1556. Die [[Leybucht]] erreichte durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, insbesondere durch die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]], ihre größte Ausdehnung. Die Fluten richteten schwere Verwüstungen an und kosteten unzählige Menschenleben, doch bekam Norden erstmals einen Zugang zur offenen See und der [[Norder Hafen]] entstand. Dieser schon bald sehr stattliche Seehafen bescherte der Stadt über Jahrhunderte eine wirtschaftliche Blüte. Zu dieser Zeit war das gesamte Ortsgebiet von den Fluten eingenommen. In früheren Zeiten scheint es hier im Bereich der [[Addinggaste]] bereits erste Siedlungen gegeben haben. Das dominierende Geschlecht waren die [[Addinga]], die als treue Vasallen der [[Idzinga]] galten und ihren Sitz auf der [[Addingaburg]] hatten. An sie erinnern heute noch mehrere Straßennamen. | Die bekannte Geschichte von Süderneuland I beginnt im Jahre 1556. Die [[Leybucht]] erreichte durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, insbesondere durch die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]], ihre größte Ausdehnung. Die Fluten richteten schwere Verwüstungen an und kosteten unzählige Menschenleben, doch bekam Norden erstmals einen Zugang zur offenen See und der [[Norder Hafen]] entstand. Dieser schon bald sehr stattliche [[Norder Hafen|Seehafen]] bescherte der Stadt über Jahrhunderte eine wirtschaftliche Blüte. Zu dieser Zeit war das gesamte Ortsgebiet von den Fluten eingenommen. In früheren Zeiten scheint es hier im Bereich der [[Addinggaste]] bereits erste Siedlungen gegeben haben. Das dominierende Geschlecht waren die [[Addinga]], die als treue Vasallen der [[Idzinga]] galten und ihren Sitz auf der [[Addingaburg]] hatten. An sie erinnern heute noch mehrere Straßennamen und die vorgenannte Bezeichnung der [[Gaste]]. | ||
Der heute Süderneuland I genannte Ort südlich von Norden wurde die nächsten Jahre den Fluten überlassen, ehe sich die Bevölkerung und die Wirtschaft von den Entbehrungen so weit erholt hatten, dass eine Rückgewinnung beginnen konnte. [[Udo Focken]], Sohn des mächtigen [[Focko Ukena]], begann 1425, einen Deich an der westlichen Grenze zu Lütetsburg zu errichten. Er beabsichtigte damit, das Hinterland, das seinerzeit ebenso von den Fluten getroffen wurde, wie die Stadt, zu schützen und die Rückgewinnung der verlorenen Ländereien einzuleiten. Die | Der heute Süderneuland I genannte Ort südlich von Norden wurde die nächsten Jahre den Fluten überlassen, ehe sich die Bevölkerung und die Wirtschaft von den Entbehrungen so weit erholt hatten, dass eine Rückgewinnung beginnen konnte. [[Udo Focken]], Sohn des mächtigen [[Focko Ukena]], begann 1425, einen Deich an der westlichen Grenze zu Lütetsburg zu errichten. Er beabsichtigte damit, das Hinterland, das seinerzeit ebenso von den Fluten getroffen wurde, wie die Stadt, zu schützen und die Rückgewinnung der verlorenen Ländereien einzuleiten. Die Sturmflut war seinerzeit so gewaltig gewesen, dass sie bis nach Lütetsburg reichten, wovon heute noch mehrere [[Kolk|Kolke]] im Umfeld der heutigen [[Umgehungsstraße]] zeugen. | ||
Im Umfeld dieses Deiches, dessen einstiger Verlauf noch heute weitestgehend die Grenze zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] darstellt, entstanden kleine Siedlungen. Letztgenannte Ländereien sind also wesentlich älter, was man in Anbetracht der römischen Nummerierung zunächst nicht vermuten mag. Der wesentliche Unterschied zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] besteht folglich darin, dass sich Süderneuland I ausschließlich auf dem erst später gewonnen ''Süderneuland'' befindet, während Süderneuland II weitestgehend aus dem Land östlich des [[Udo-Focken-Deich]] befindet und sich als eine Bauerschaft (Zusammenschluss mehrerer Bauern) im Umfeld dieser Deichlinie bildete. | Im Umfeld dieses Deiches, dessen einstiger Verlauf noch heute weitestgehend die Grenze zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] darstellt, entstanden kleine Siedlungen. Letztgenannte Ländereien sind also wesentlich älter, was man in Anbetracht der römischen Nummerierung zunächst nicht vermuten mag. Der wesentliche Unterschied zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] besteht folglich darin, dass sich Süderneuland I ausschließlich auf dem erst später gewonnen ''Süderneuland'' befindet, während Süderneuland II weitestgehend aus dem Land östlich des [[Udo-Focken-Deich]] befindet und sich als eine Bauerschaft (Zusammenschluss mehrerer Bauern) im Umfeld dieser Deichlinie bildete. | ||
Ab 1556 begannen schließlich weitere Anstrengungen zur Landgewinnung. Die Ukenas waren seit der [[Schlacht von Bargebur]] im Jahre 1433 nicht mehr das dominierende Geschlecht, sondern wurden von den [[Cirksena|Cirksenas]] abgelöst. Besonders [[Anna von Oldenburg]], Ehefrau und spätere Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte maßgeblichen Einfluss an der weiteren Entwicklung in und um das - erst später so genannte - Süderneuland. Nach der Einpolderung der Addinggaste begannen in den Jahren 1558 bis 1559 die Arbeiten am [[Wurzeldeich]]. Dieser verläuft im Wesentlichen entlang der beiden hiernach benannten Straßenzüge und reichte vom [[Udo-Focken-Deich]] bis zum Osteeler Altendeich in der Nachbargemeinde Osteel. Durch die Fertigstellung dieses Deiches konnte erneut ein sehr großes Landstück hinzugewonnen werden. Südlich der Wurzeldeicher Straße, insbesondere an der [[Todeskreuzung]] sind heute noch Teile des alten Wurzeldeiches deutlich sichtbar als Erhöhungen in der Landschaft auszumachen | Ab 1556 begannen schließlich weitere Anstrengungen zur Landgewinnung. Die Ukenas und die mit ihnen versippten [[Idzinga|Idzingas]] waren seit der [[Schlacht von Bargebur]] im Jahre 1433 nicht mehr das dominierende Geschlecht, sondern wurden von den [[Cirksena|Cirksenas]] abgelöst. Besonders [[Anna von Oldenburg]], Ehefrau und spätere Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte maßgeblichen Einfluss an der weiteren Entwicklung in und um das - erst später so genannte - ''Süderneuland''. Nach der Einpolderung der Addinggaste begannen in den Jahren 1558 bis 1559 die Arbeiten am [[Wurzeldeich]]. Dieser verläuft im Wesentlichen entlang der beiden hiernach benannten Straßenzüge und reichte vom [[Udo-Focken-Deich]] bis zum Osteeler Altendeich in der Nachbargemeinde Osteel. Durch die Fertigstellung dieses Deiches konnte erneut ein sehr großes Landstück hinzugewonnen werden. Südlich der Wurzeldeicher Straße, insbesondere an der ''[[Todeskreuzung]]'' sind heute noch Teile des alten Wurzeldeiches deutlich sichtbar als Erhöhungen in der Landschaft auszumachen. | ||
In den nächsten Jahren wurde immer mehr Land eingepoldert und die [[Leybucht]] dadurch immer weiter zurückgedrängt. Die [[Liste der Eindeichungen]] gibt hierüber weiteren Aufschluss. Gesiedelt wurde zunächst nur im Bereich einiger Höfe, die auf den neuen Ländereien entstanden und als sogenannte ''Domänen'' im Besitz des Landesherren waren, welche die Bewirtschaftung in die Hände geeigneter Pächter gaben. Solche Höfe gibt es noch heute, nur befinden sie sich mittlerweile im Besitz des Landes Niedersachsen und werden von den sogenannten ''Domänenämtern'' verwaltet. Bevor es zur Gründung der [[Deichacht Norden|Deichachten]] kam, waren die Hofbesitzer zur [[Deichlast]] verpflichten, hatten also die ihnen übertragene Deichline zu schützen. | |||
===Neuzeit=== | ===Neuzeit=== | ||
[[Datei: | [[Datei:Norder Hafen Luftaufnahme um 1940 01.jpg|mini|Luftaufnahme aus der Zeit um 1940.]] | ||
Mit dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] von 1618 bis 1648 kommt der Deichbau mehrere Jahrzehnte zum Erliegen. Wie der Großteil Europas leidet auch Ostfriesland unter dem Krieg. Hinzu kommen mindestens drei verheerende Pestepidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Land weiter schwächen. Darüber hinaus werden Norden und Umgebung ab 1622 von Söldnern des berüchtigten Heerführers Peter Ernst von Mansfeld (auch ''Mansfelder'' genannt), drangsaliert und ausgebeutet. Die Mansfelder kamen auf faktische Einladung der Niederländer, die sich in der Region durch Schwächung der Macht von [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] immer größeren Einfluss sicherten. Die Mansfelder verließen die Region erst im Jahre 1624. | Mit dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] von 1618 bis 1648 kommt der Deichbau mehrere Jahrzehnte zum Erliegen. Wie der Großteil Europas leidet auch Ostfriesland unter dem Krieg. Hinzu kommen mindestens drei verheerende Pestepidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Land weiter schwächen. Darüber hinaus werden Norden und Umgebung ab 1622 von Söldnern des berüchtigten Heerführers Peter Ernst von Mansfeld (auch ''Mansfelder'' genannt), drangsaliert und ausgebeutet. Die Mansfelder kamen auf faktische Einladung der Niederländer, die sich in der Region durch Schwächung der Macht von [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] immer größeren Einfluss sicherten. Die Mansfelder verließen die Region erst im Jahre 1624. | ||
Erst 1677 folgt der Bau eines weiteren Deiches und die damit einhergehende Einpolderung neuen Landes: Der [[Klein-Süder-Charlottenpolder]]. Den Überlieferungen nach soll sich auf diesem wiedergewonnenen Land einst das reiche [[Westeel]] befunden haben. Ein Jahr darauf wird auch der [[Groß-Süder-Charlottenpolder]] eingedeicht. Heute gehören diese Gebiete zu [[Neuwesteel]]. | Erst 1677 folgt der Bau eines weiteren Deiches und die damit einhergehende Einpolderung neuen Landes: Der [[Klein-Süder-Charlottenpolder]]. Den Überlieferungen nach soll sich auf diesem wiedergewonnenen Land einst das reiche [[Westeel]] befunden haben. Ein Jahr darauf wird auch der [[Groß-Süder-Charlottenpolder]] eingedeicht. Heute gehören diese Gebiete zu [[Neuwesteel]]. | ||
1715 folgt der [[Addinggasterpolder]], der das Land erstmals wieder nach Westen und nicht nach Süden hin erweitert. Dieser Polder wurde von Regierungsrat (Amtsbezeichnung für hohe Beamte) und [[Amtsverwalter]] [[Engelbert Kettler]] und weiteren einflussreichen Bürgern eingedeicht. Kettler war ein reicher und einflussreicher Bürger Nordens, der auch das [[Haus Wirde]] und das [[Kettlerhaus|Kettler'sche Haus]] am [[Marktplatz]] (heute [[Mennonitenkirche]]) erbauen ließ. Er war auch der erste Eigentümer des eingedeichten Landes, das eine Größe von 110 Diemat (etwa 76 Hektar) hatte. Mit dem Bau des Addinggasterpolders ist die Geschichte der Landgewinnung in Süderneuland abgeschlossen. Zwar folgen noch [[Liste der Eindeichungen|zahlreiche weitere Eindeichungen]], doch befinden sich diese nicht auf dem Gebiet von Süderneuland I. | 1715 folgt der [[Addinggasterpolder]], der das Land erstmals wieder nach Westen und nicht nach Süden hin erweitert. Dieser Polder wurde von Regierungsrat (Amtsbezeichnung für hohe Beamte) und [[Amtsverwalter]] [[Engelbert Kettler]] und weiteren einflussreichen Bürgern eingedeicht. Kettler war ein reicher und einflussreicher Bürger Nordens, der auch das [[Haus Wirde]] und das [[Kettlerhaus|Kettler'sche Haus]] am [[Marktplatz]] (heute [[Mennonitenkirche]]) erbauen ließ. Er war auch der erste Eigentümer des eingedeichten Landes, das eine Größe von 110 Diemat (etwa 76 Hektar) hatte. Mit dem Bau des Addinggasterpolders ist die Geschichte der Landgewinnung in Süderneuland abgeschlossen. Zwar folgen noch [[Liste der Eindeichungen|zahlreiche weitere Eindeichungen]], doch befinden sich diese nicht auf dem Gebiet von Süderneuland I.[[Datei:Bahnhofstraße Burggraben Raiffeisenstraße Deichmühle Tankstelle Christian Carls Hof Carls Eilandje 1958 01.jpg|mini|Der nördliche Teil von Süderneuland I, zu sehen sind etwa mittig unter anderem der [[Hof Carls]] und die [[Deichmühle]] (1958).]] | ||
Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte. | |||
Von 1821 bis 1823 kartografierte das Königreich Hannover einen Teil seines Landes. Wenngleich Ostfriesland nicht dazu zählte, taucht in dieser Zeit erstmals die amtliche Trennung von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]] wie auch Süderneuland I und [[Süderneuland II]] auf. Offenkundig stand die Trennung dieser bis dahin jeweils zusammengehörenden Gemeinden im Zusammenhang mit Bestrebungen zur Vereinheitlichung von Fläche und Größe der einzelnen Gliedgemeinden im Land. Die nun entstandenen Gemeinden hatten jeweils eine annähernd gleiche Größe und Bevölkerungszahl. Während Süderneuland I alle ab 1556 gewonnenen [[Polder]] bis zur Grenze zum [[Süder-Charlottenpolder]] einschließlich des [[Leegemoor|Leegemoors]] umfasste, bestand Süderneuland II nun auch amtlich aus den Gebieten entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und dem [[Leegeland]]. | |||
[[Datei:Süderneuland Luftbild Luftaufnahme 1983 01.jpg|mini|Luftaufnahme aus dem Jahre 1983.]] | |||
Von 1883 bis 1885 wird die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke]] von Emden bis nach Süderneuland I erweitert. An der hiernach benannten [[Bahnhofstraße]] wird ein [[Alter Bahnhof Norden|großer Bahnhof]] errichtet. 1892 erfolgt der Ausbau der Strecke nach [[Norddeich]], bis dahin mussten die Inselgäste per Kutsche vom Bahnhof zum Fähranleger befördert werden. | Von 1883 bis 1885 wird die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke]] von Emden bis nach Süderneuland I erweitert. An der hiernach benannten [[Bahnhofstraße]] wird ein [[Alter Bahnhof Norden|großer Bahnhof]] errichtet. 1892 erfolgt der Ausbau der Strecke nach [[Norddeich]], bis dahin mussten die Inselgäste per Kutsche vom Bahnhof zum Fähranleger befördert werden. | ||
Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] begann allmählich die Besiedlung des nördlichen Süderneulands rund um die [[Addinggaste]]. Um die Jahrhundertwende siedelten sich mehrere wohlhabende Bauern im Umfeld des neu entstandenen [[Alter Bahnhof Norden|Bahnhofs]] an. Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] entstand die sogenannte ''Siedlung I'' im Umfeld des danach benannten [[Siedlungsweg|Siedlungswegs]]. Das Land wurde vom [[Landkreis Norden]] erworben und vorwiegend für Kriegsversehrte in 32 Siedlerstellen aufgeteilt. Die Käufer wurden zwar Eigentümer von Grund und Boden, mussten sich aber verpflichten, innerhalb von fünf Jahren auf dem erworbenen Grundstück ein Wohngebäude zu errichten. Darüber hinaus durften sie in den ersten 15 Jahren das Land nicht weiterverkaufen. Wie sich herausstellte, war diese Vereinbarung aus Kostengründen nicht immer einzuhalten und wurde deshalb später aufgehoben.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 136f.</ref> | Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] begann allmählich die Besiedlung des nördlichen Süderneulands rund um die [[Addinggaste]]. Um die Jahrhundertwende siedelten sich mehrere wohlhabende Bauern im Umfeld des neu entstandenen [[Alter Bahnhof Norden|Bahnhofs]] an. Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] entstand die sogenannte ''Siedlung I'' im Umfeld des danach benannten [[Siedlungsweg|Siedlungswegs]]. Das Land wurde vom [[Landkreis Norden]] erworben und vorwiegend für Kriegsversehrte in 32 Siedlerstellen aufgeteilt. Die Käufer wurden zwar Eigentümer von Grund und Boden, mussten sich aber verpflichten, innerhalb von fünf Jahren auf dem erworbenen Grundstück ein Wohngebäude zu errichten. Darüber hinaus durften sie in den ersten 15 Jahren das Land nicht weiterverkaufen. Wie sich herausstellte, war diese Vereinbarung aus Kostengründen nicht immer einzuhalten und wurde deshalb später aufgehoben.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 136f.</ref> Später entstand dann die ''Siedlung II'', die sich östlich des heutigen Siedlungswegs und westlich der [[Bahnhofstraße]] befand.<ref>Amtliche Karte der Stadt Norden von 1949</ref> Erst wesentlich später wurde das heutige System der [[Hausnummerierung]] eingeführt. | ||
[[Datei:Onno Behrends Luftaufnahme 1987 01.jpg|mini|Luftaufnahme von 1987. Mittig das Fabrikgebäude von ''[[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]]'' und die ''[[Bezugs- und Absatzgenossenschaft]].'']] | |||
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] gab es drei Kriegsgefangenenlager in Süderneuland I. Das größte von ihnen war das Lager AK Nr. 5254, das aus einer Holzbaracke bestand und in dem 25 bis 30 Gefangene, anfangs ausschließlich französischer Herkunft, untergebracht waren. Im Oktober 1940 waren es noch 20 Franzosen. Im Juli 1941 wurden hier 20 Serben und im Dezember 1942 noch 18 Serben interniert. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager befand sich im Bereich des [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhofs]]. Hier wurden in einer Holzbaracke 30 bis 40 Kriegsgefangene interniert, hauptsächlich lebten hier (teilweise sogar vollständig) Russen und Ukrainer. Zwischenzeitlich waren hier auch 18 Serben und Polen untergebracht. Ein drittes Lager gab es am [[Pekelheringer Weg]], in dem 13 französische Soldaten interniert waren. | [[Datei:Suederneuland I 30012021 01.jpg|mini|Luftbild von Süderneuland I. Aufgenommen aus Richtung [[Leegemoor]].]]Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] gab es drei Kriegsgefangenenlager in Süderneuland I. Das größte von ihnen war das Lager AK Nr. 5254, das aus einer Holzbaracke bestand und in dem 25 bis 30 Gefangene, anfangs ausschließlich französischer Herkunft, untergebracht waren. Im Oktober 1940 waren es noch 20 Franzosen. Im Juli 1941 wurden hier 20 Serben und im Dezember 1942 noch 18 Serben interniert. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager befand sich im Bereich des [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhofs]]. Hier wurden in einer Holzbaracke 30 bis 40 Kriegsgefangene interniert, hauptsächlich lebten hier (teilweise sogar vollständig) Russen und Ukrainer. Zwischenzeitlich waren hier auch 18 Serben und Polen untergebracht. Ein drittes Lager gab es am [[Pekelheringer Weg]], in dem 13 französische Soldaten interniert waren. | ||
In der Nachkriegszeit wuchs der Ort weiterhin beträchtlich und immer mehr mit der Kernstadt zusammen. Begonnen westlich der [[Bahnhofstraße]] dehnte sich der Ort immer weiter nach Westen bzw. Südwesten aus und verwuchs mit den dort bereits bestehenden Siedlungen. Auch in der jüngeren Zeit wurden weitere Neubaugebiete erschlossen. Seine Eigenständigkeit musste die Gemeinde Süderneuland I indes erst zum 1. April 1972 aufgeben, als es im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nach Norden eingemeindet wurde. Sowohl Süderneuland I als auch [[Leybuchtpolder]] weigerten sich zunächst beharrlich, die notwendige Unterschrift zu leisten, sodass sie letztlich per Gesetzeskraft zwangseingemeindet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> | In der Nachkriegszeit wuchs der Ort weiterhin beträchtlich und immer mehr mit der Kernstadt zusammen. Begonnen westlich der [[Bahnhofstraße]] dehnte sich der Ort immer weiter nach Westen bzw. Südwesten aus und verwuchs mit den dort bereits bestehenden Siedlungen. Auch in der jüngeren Zeit wurden weitere Neubaugebiete erschlossen. Seine Eigenständigkeit musste die Gemeinde Süderneuland I indes erst zum 1. April 1972 aufgeben, als es im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nach Norden eingemeindet wurde. Sowohl Süderneuland I als auch [[Leybuchtpolder]] weigerten sich zunächst beharrlich, die notwendige Unterschrift zu leisten, sodass sie letztlich per Gesetzeskraft zwangseingemeindet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> | ||
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* siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]] | * siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]] | ||
* siehe auch: [[Liste der | * siehe auch: [[Liste der Gemeindevorsteher von Süderneuland I]] | ||
Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die ''Friesische Freiheit'' bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (''Redjeven'') wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet. | Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die ''Friesische Freiheit'' bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (''Redjeven'') wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet. | ||
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Zur Verteidigung standen 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr, gewählt von den wahlberechtigten Einwohnern und bestätigt vom ostfriesischen Fürsten. | Zur Verteidigung standen 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr, gewählt von den wahlberechtigten Einwohnern und bestätigt vom ostfriesischen Fürsten. | ||
Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher | Im 19. Jahrhundert stand der [[Gemeindevorsteher]] an oberster Spitze in Süderneuland I. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Damit der Gemeindevorsteher das Amt nicht in seinem Privathaus erledigen musste, unterhielt die Gemeinde ein kleines Büro an der [[Wurzeldeicher Straße]].<ref>Adressbuch von 1950/1951, S. 189</ref> Infolge der niedersächsischen Gemeindereform fiel die Gemeinde am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher [[Ortsvorsteher]] vertritt seither den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik. | ||
==Bildung== | ==Bildung== | ||
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==Wirtschaft und Verkehr== | ==Wirtschaft und Verkehr== | ||
[[Datei:Süderneuland Kolonialwaren Eberhard van Ende unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Kolonialwarenhandlung von [[Eberhard van Ende]].]] | |||
Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe nahm kontinuierlich von 71 (1949), über 69 (1960) auf 30 (1971) ab. Die Anzahl der nicht-landwirtschaftlichen Arbeitsstätten stieg beständig von 36 (1950), über 54 (1961) auf 56 (1970) an. Der Anteil der Handwerksunternehmen lag 1950 bei 33 % und 1961 bei 15 %. Die Summe der Erwerbspersonen nahm stetig von 503 (1950), über 566 (1961) auf 622 (1970) zu. Auch die Quote der Auspendler erhöhte sich beständig von etwa 36 % auf über 61 % und letztlich 72 %. Bemerkenswert ist auch der Anteil der Einpendler, der 1961 47 % und 1970 49 % betrug. | Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe nahm kontinuierlich von 71 (1949), über 69 (1960) auf 30 (1971) ab. Die Anzahl der nicht-landwirtschaftlichen Arbeitsstätten stieg beständig von 36 (1950), über 54 (1961) auf 56 (1970) an. Der Anteil der Handwerksunternehmen lag 1950 bei 33 % und 1961 bei 15 %. Die Summe der Erwerbspersonen nahm stetig von 503 (1950), über 566 (1961) auf 622 (1970) zu. Auch die Quote der Auspendler erhöhte sich beständig von etwa 36 % auf über 61 % und letztlich 72 %. Bemerkenswert ist auch der Anteil der Einpendler, der 1961 47 % und 1970 49 % betrug. | ||
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==Erwähnenswerte Bauwerke== | ==Erwähnenswerte Bauwerke== | ||
* siehe auch: [[:Kategorie:Gebäude in Süderneuland I|Kategorie:Gebäude in Süderneuland I]] | |||
=== Erhaltene Bauwerke === | |||
*[[Addinggaster Grashaus]] | *[[Addinggaster Grashaus]] | ||
*[[Bahnhof Norden]] | |||
*[[Deichmühle]] | |||
*[[Frisiamühle]] | |||
*[[Fridericussiel]] | *[[Fridericussiel]] | ||
*[[Grundschule Süderneuland]] | *[[Grundschule Süderneuland]] | ||
*[[Hirtenhaus (Leegemoorgesellschaft)|Hirtenhaus der Leegemoorgesellschaft]] | |||
=== Abgebrochene Bauwerke === | |||
* [[Alter Bahnhof Norden|Alter Bahnhof]] | |||
* [[Altes Rathaus (Süderneuland I)|Altes Rathaus]] | |||
* [[Kalkmühle]] | |||
* [[Kiebitznest]] | |||
* [[Pekelheringer Siel]] | |||
* [[Sägemühle Betriebsamkeit]] | |||
* [[Stilkenboom]] | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||