Zichorien-, Kaffeemehl- und Senffabrik Koch: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Zichorien-, Kaffeemehl- und Senffabrik Martin Koch''' war eine 1849 von [[Martin Koch]] gegründete Fabrik. Sie befand sich auf dem großen, heute überwiegend zur Deutschen Post (ehem. [[Seekabelendstelle]] u.a.) befindlichen Gelände und somit im Winkel zwischen [[Kleine Mühlenstraße|Kleiner]] und [[Große Mühlenstraße|Großer Mühlenstraße]]. Die postalische Anschrift der Fabrik wäre nach heutiger [[Hausnummerierung]] die [[Große Mühlenstraße]] 1 (früher 841).<ref>Adressbuch der Stadt Norden von 1897/1898, S. 66</ref> | |||
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Die '''Zichorien-, Kaffeemehl- und Senffabrik Martin Koch''' war eine 1849 gegründete | ==Geschichte== | ||
Der aus Aurich stammende Kaufmann [[Enno Oldewurtel|Enno Ludwig Oldewurtel]] erhielt 1839 die Erlaubnis, eine Zichorienfabrik an der [[Westerstraße]] anzulegen und sich niederzulassen. Der Betrieb entwickelte sich gut. 1843 erwarb Oldewurtel ein Haus an der [[Große Mühlenstraße|Großen Mühlenstraße]], 1851 vier [[Diemat]] Land nördlich des [[Ekeler Weg|Ekeler Wegs]] und 1852 den Hof an der [[Große Mühlenstraße 25|Großen Mühlenstraße 25]].<ref name=":02">[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Oldewurtel.pdf Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Enno Ludwig Oldewutel], veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft</ref> | |||
Bereits 1846 beschäftigte Oldewurtel im Durchschnitt zehn Arbeiter, die jährlich 400.000 Pfund rohe Zichorienwurzeln zu Kaffeeersatz verarbeiteten.<ref name=":02" /><ref name=":1">Canzler, Gerhard (1998): Beilage ''Heim und Herd'' im Ostfriesischen Kurier vom 8. August 1998</ref> Angebaut wurden diese fast ausschließlich in der [[Ekeler Gaste]]. Auf dem ansonsten recht nährstoffarmen [[Geest|Sandboden]] gedeihten die Pflanzen gut. Als Antriebskraft für die Schneidevorrichtungen in seiner Fabrik diente eine pferdebetriebene Mühle, eine sogenannte Rossmühle.<ref name=":1" /> | |||
1849 gründete [[Martin Koch]] an der [[Kleine Mühlenstraße|Kleinen Mühlenstraße]] ebenfalls eine kleine Zichorienfabrik. Als Oldewurtel sein Haus an der Großen Mühlenstraße 25 sowie die Zichorienfabrik 1879 veräußerte, um [[Am Markt 2]] einen Getreide-, Land- und Jagdhandel zu eröffnen, wurde die Fabrik von Koch erworben.<ref name=":03">[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Oldewurtel.pdf Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Enno Ludwig Oldewutel], veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft</ref><ref>Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 99</ref> | |||
1885 beschäftigte die Zichorienfabrik, zu deren Inhaber sich später noch [[Otto Koch]] gesellte, sechs Arbeiter und sechs Arbeiterinnen das ganze Jahr über. Gearbeitet wurde an allen Werktagen, und zwar täglich elf Stunden, wie eine erhalten gebliebene Aufstellung aus der Zeit belegt. Die Arbeitszeiten waren wie folgt festgelegt: 06:00 Uhr bis 08:00 Uhr; 08:30 Uhr bis 12:00 Uhr; 13:00 Uhr bis 16:00 Uhr; 16:30 Uhr bis 19:00 Uhr. Die Arbeitspausen blieben für das gemeinsame Frühstück, für das Mittagessen bzw. für das Einnehmen des Vesperbrotes.<ref name=":1" /> | |||
Insbesondere in den Herbstmonaten herrschte Hochbetrieb. Die Darren wurden Tag und Nacht beheizt und man brauchte zusätzlich Arbeitskräfte - oft bis zu dreißig Leute. 1885 beantragten die Gebrüder Koch beim [[Magistrat|Norder Magistrat]] die Genehmigung zur Aufstellung eines Dampfkessels. Um 1900 statteten die Inhaber den Betrieb mit modernen Deutz-Gas-Motoren aus, die aus eigenen Generatoren gespeist wurden.<ref name=":1" /> | |||
1900 errichtete [[Carl Koch]], der Sohn des Gründers, eine Seilerbahn (Reeperbahn) im Garten der Fabrik. 1902 verlagerte er diese an die [[Westerstraße 13]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 201</ref> | |||
Hochkonjunktur verzeichneten alle Norder Zichorienfabriken im [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]], als die Zichorie auch für die finanziell besser gestellten Familien kriegsbedingt an die Stelle von Kaffee trat.<ref name=":1" /> | |||
Die Produktion von Zichorienkaffee wurde 1938 oder 1939 eingestellt und das Haus mitsamt der großen Scheune auf Abbruch verkauft.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 236</ref><ref name=":0">Zeitzeugenbefragung vom 26. Oktober 2021</ref> Neuer Besitzer wurde [[Werner Wahnbaeck|Dr. Wahnbaeck]], der es für 1.600 Reichsmark erwarb und abbrach.<ref name=":0" /> Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] wurden hier durch das Baugeschäft von [[Johann Wilken]] ein kleiner [[Liste der Bunker|Bunker]] sowie ein Lager für russische Kriegsgefangene errichtet.<ref>Zeitzeugenbefragung vom 29. Oktober 2021</ref> Die in der Zichorienfabrik Koch ebenfalls betriebene Senf-Fabrikation ist bis 1956 weitergeführt worden. Die Umstellung von Dampf- auf Elektrobetrieb war 1947 erfolgt. | |||
In früherer Zeit lieferte die Firma Senf in Holzeimern zu je zehn Kilogramm, später in fünf Kilogramm fassenden Emaille-Behältern. Wie verschiedene Norder berichteten, konnte man sich dort noch in den 1950er Jahren jeweils ein Quantum Senf in kleinen Mengen in einem mitgebrachten Gefäß abfüllen lassen. 1957 fielen die Reste der über hundert Jahre gut florierenden Zichorien- und Senffabrik Koch der Spitzhacke zum Opfer.<ref name=":1" /> | |||
Ein Jahr später, 1958, wurde das alte Fabrikgelände von der [[Cremer Haustechnik|Cremerschen Eisenwarenhandlung]] zu Lagerzwecken genutzt, da die eigenen Kapazitäten nicht mehr ausreichten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 186</ref> Hierfür wurde mindestens eine Lagerhalle errichtet, in der sich zuletzt das ''Tor-Team Arends'' und die ''Citipost'' befanden. Im Sommer 2019 wurde auch diese Halle abgebrochen. Heute befindet sich an der Stelle der früheren Fabrik teilweise der Parkplatz der [[Oldenburgische Landesbank|Oldenburgischen Landesbank]]. Den Großteil des ehemaligen Fabrikgeländes nimmt jedoch das Grundstück der Post mit der (ehemaligen) [[Seekabelendstelle]] ein. | |||
==Galerie== | |||
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Datei:Muehlenstrasse Senffabrik Zichorienfabrik Kaffeemehlfabrik Martin Koch Werbung Rechnung 1899.JPG|Zeichnung der ehemaligen Fabrik auf einer Rechnung aus dem Jahr 1899. | |||
Datei:Muehlenstrasse Senffabrik Zichorienfabrik Kaffeemehlfabrik Martin Koch Werbung Rechnung um 1930.jpg|Undatierte Aufnahme der Fabrik, wahrscheinlich um 1930 oder 1940 aufgenommen. | |||
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==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||
<references /> | <references/> | ||
==Siehe auch== | ==Siehe auch== | ||
*[[Zichorienfabrik|Zichorienfabrik (Erläuterung)]] | |||
*[[Zichorienfabrik Meints & Gerdes]] | |||
*[[Zichorienfabrik Huhn]] | |||
*[[Zichorienfabrik Otten]] | *[[Zichorienfabrik Otten]] | ||